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Stadt und Gebirg

José Maria Eça de Queiroz: Stadt und Gebirg - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJosé Maria Eça de Queiroz
titleStadt und Gebirg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1903
firstpub1903
translatorLuise Ey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060901
projectidbdd58cdf
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VI

Der Juli war mit erfrischendem und erfreuendem Regen zu Ende gegangen, und ich dachte daran, endlich meine Pilgerfahrt durch die europäischen Städte auszuführen, die mir bis dahin immer durch die Tücken der Welt und des Fleisches verzögert worden war. Aber auf einmal fing Jacintho an, zu bitten und zu fordern, daß sein Zé Fernandes ihn allnachmittäglich zu Madame d'Oriol begleite. Und ich begriff, daß mein Prinz (nach dem Vorbild des göttlichen Achilleus, der unter dem Zelt und neben der weißen, schalen und willigen Briseis niemals seinen Patroklos missen wollte) in seinem Zufluchtsort der Liebe den Trost und Beistand der Freundschaft zu haben wünschte. Armer Jacintho! Gleich morgens verabredete er durch das Telephon mit Madame d'Oriol diese Stunde der Ruhe und Süße. Und so trafen wir immer die Dame vorbereitet und allein in jenem Salon der Rue de Lisbonne, wo Jacintho und ich kaum Platz fanden, wo wir erstickten in dem Wirrwarr von Blumenkörben und den Grotten bildenden Goldgeräten und den japanischen Mißgeburten und den Raubtierfellen, die vor den Ruhebetten ausgebreitet lagen, und den Wandschirmen von Aubusson, die trauliche und reizvolle Kosewinkel bildeten. In einen weißlackierten Bambussessel gekauert, zwischen Kissen, die mit indischer Verbene aromatisiert waren, einen Roman im Schoß, erwartete sie ihren Freund, mit einer gewissen passiven, zahmen Indolenz, die mich an Orient und Harem erinnerte. Aber die frischen Pompadour-Seidenroben ließen sie anderseits wieder wie eine junge Marquise von Versailles erscheinen, die des großen Jahrhunderts müde war. Oder auch wieder erschien sie in düsterem Brokat mit strahlendem breitem Gürtel wie eine Venetianerin, die sich für einen Dogen geschmückt hat. Mein Eindringen in die Intimität dieser Nachmittagsstunden verstimmte sie keineswegs, im Gegenteil, es führte ihr einen neuen Vasallen zu, mit zwei neuen Augen, sie zu betrachten. Ich war ihr »cher Fernandez«!

Und kaum daß sie die mit Rot lebhafter gefärbten, einer frischen Wunde gleichenden Lippen öffnete und anfing zu zwitschern, – gleich umlullte uns das Summen und Murmeln von Paris. Sie wußte lediglich über ihre Person zu schwatzen, die eine kurze Uebersicht ihrer Klasse war, und über ihr Dasein, das das Resumé ihres Paris war. Und ihr Dasein, seitdem sie verheiratet war, bestand darin: mit höchster Raffinerie ihren schönen Körper zu schmücken; mit vollendetem Anstand in einen Salon zu treten und darin zu glänzen; in Stoffen zu wühlen und überlegsam mit dem großen Schneider zu konferieren; wie ein Wachsbild in ihrer Viktoria sitzend, durch das Bois zu rollen: die entblößten Schultern zu pudern; ein Schnepfenbein an Galatafeln abzunagen; dichte Mengen auf Bällen zu durchdringen; mit erschöpfter Eitelkeit einzuschlafen; morgens bei der Schokolade die »Echos« und die »Festlichkeiten« des »Figaro« zu durchlesen und von Zeit zu Zeit nach dem Gatten hin zu murmeln: »Ah, bist du es?...« Im übrigen in der Dämmerung, auf einem Sofa, ein paar kurze Seufzer in den Armen jemands, dem sie treu war. In diesem Jahre gehörte meinem Prinzen das Sofa. Und all diesen vielseitigen Ansprüchen der Stadt und der Kaste kam sie lächelnd nach. – 121 –

Seit sie verheiratet war, hatte sie schon so viel gelächelt, daß sich den Mundwinkeln zwei unauslöschliche Falten eingeprägt hatten. Aber weder in der Seele noch in der Haut zeigte sie andre Symptome der Ermüdung. Ihre Besuchsagenda wies tausenddreihundert Namen auf, alle aus dem Adelstand. Durch diese blendende Geselligkeit hindurch hatte sie trotzdem in ihrem Hirn (wohin sicherlich auch der Reispuder gedrungen war, den sie seit der Schule auslegte) einige allgemeine Ideen untergebracht. In der Politik war sie auf seiten der Fürsten; und alle die andern »Horreurs«, die Republik, der Sozialismus, die Demokratie, die sich nicht wäscht, die schüttelte sie lachend mit einem Fächerwedeln ab. In der Osterwoche fügte sie den Spitzen des Hutes die bittere Dornenkrone hinzu – weil das für Leute von Geburt Tage der Kasteiung und der Trauer waren. Und vor jedem Buche und vor jedem Gemälde fühlte sie diejenige Erregung und formulierte sie dasjenige Urteil, das in ihrer Welt und in dieser Woche zu formulieren und zu fühlen elegant war. Niemals hatte sie sich in den Qualen einer Leidenschaft verwickelt. Alle ihre Ausgaben notierte sie mit strenger Regelmäßigkeit in ein Ausgabenbuch, das in meergrünen Plüsch gebunden war. Ihre innerste Religion (und zwar echter, als die andre, die sie allsonntäglich zur Messe von St. Philippe du Roule führte) war die heilige Ordnung, die segensreiche Himmelstochter. Im Winter, gleich wenn in der liebenswürdigen Stadt unter den Brückenbogen unterstandslose kleine Kinder zu erfrieren anfingen, brachte sie mit rührender Sorgfalt ihre Eislauftoiletten in stand. Auch die für wohltätige Veranstaltungen bereitete sie vor – denn sie war eine gute Seele und nahm an allen Wohltätigkeitsbazaren, Konzerten und Lotterien teil, wenn sie von Herzoginnen ihres »Kreises« protegiert wurden. Im Frühjahr verkaufte sie dann methodisch und feilschend ihre Winterkleider und Mäntel an eine Trödlerin. Paris bewunderte in ihr eine vollendete Blume des Paristanismus.

Also im Duftkreise dieser glatten, feinen Blume verbrachten wir die Julinachmittage, während die andern Blumen in Hitze und Staub welkend die Köpfe hängen ließen. Aber in diesem Duft schien Jacintho nicht die Befriedigung der Seele zu finden, die unter allem Ermüdenden niemals ermüdet. Mit der duldsamen Langsamkeit, mit der man alle Kalvarien erklimmt, auch wenn sie mit den besten Teppichen belegt sind, stieg er die Treppen Madame d'Oriols hinauf, die doch so bequem und mit frischen Palmen eingefaßt waren.

Wenn das appetitliche Geschöpf, um ihn zu unterhalten, mit aller Hingebung ihre Lebhaftigkeit entfaltete, wie ein Pfau seinen Schweif ausbreitet, so zerrte mein armer Prinz an seinem schlaffen Schnurrbart, in der schlaffen Haltung eines Menschen, der an einem Maimorgen, während die Amseln in den Hecken schlagen, in einer schwarz verhängten Kirche der Leichenfeier eines Fürsten beiwohnt. Und in dem Kuß, den er auf die Hand seiner reizenden Freundin hauchte, wenn er sich verabschiedete, lag immer Erleichterung.

Aber andern Tages, wenn der Nachmittag hereinbrach, und er durch Bibliothek und Kabinett gewandert war, interesselos den Depeschenstreifen vorgezogen und irgend eine gleichgültige Mitteilung durch das Telephon gemacht hatte, wenn sein hoffnungsloser Blick über die ungeheure Wissenschaft der dreißigtausend Bände geglitten und der Berg von Zeitungen und Zeitschriften durchwühlt war, so schloß er allemal damit, daß er mich rief, schon mit dem traurigen Widerstreben gegen die Anstrengung, die er sich auferlegte: »Wollen wir zu Madame d'Oriol gehen, Zé Fernandes? Ich hatte für heute sechs oder sieben Dinge vorgemerkt, aber ich kann nicht, es ist zu langweilig! Gehen wir also zu Madame d'Oriol... Dort trifft man wenigstens zuweilen ein wenig Frische und Frieden an.«

Und an einem dieser Nachmittage, wo mein Prinz so verzweifelt »ein wenig Frische und Frieden« suchte, geschah es, daß wir mitten auf der sanft ansteigenden Treppe, unter Palmen, den Gemahl Madame d'Oriols antrafen. Ich kannte ihn schon – denn Jacintho hatte ihn mir eines Nachts gezeigt, wie er im Grand Café mit Tänzerinnen vom Moulin Rouge soupierte. Er war ein wohlgenährter, indolenter Bursche, von der abstoßenden Weiße einer Speckseite, mit einer schon ausgesprochenen, glänzenden Glatze, die er mit seinen ringbedeckten, fetten Fingern fortwährend streichelte.

An diesem Nachmittag war er jedoch hochrot im Gesicht, sehr erregt, und streifte zornig seine Handschuhe an. Er blieb vor Jacintho stehen, und ohne ihm nur die Hand zu drücken, machte er eine wegwerfende Handbewegung nach dem Treppenflur:

»Sie wollen oben einen Besuch machen? Sie werden Jeanne in sehr übler Verfassung finden. Wir haben eine Scene gehabt, und zwar eine furchtbare.«

Er riß von neuem wütend an dem strohgelben Handschuh, der schon geborsten war:

»Wir leben getrennt, jeder, wie es ihm beliebt, – ausgezeichnet! Aber bei allem muß Maß und Ziel sein. Sie trägt meinen Namen, ich kann nicht zugeben, daß sie in Paris, mit Wissen von ganz Paris, die Geliebte meines ... Lakaien ist. Liebhaber aus unsern Kreisen, meinetwegen! Ein Lakai, nein! ... Will sie sich mit Bedienten einlassen, so soll sie sich in der Provinz vergraben, in ihrem Hause von Carbelle. Da kann sie tun und lassen, was sie will! ... Das habe ich ihr gesagt! Sie gebärdete sich wie eine Tigerin.«

Dann schüttelte er Jacintho, der »aus seinen Kreisen« war, die Hand und schritt die blumengeschmückte Freitreppe hinab. Mein Prinz stand unbeweglich auf den Stufen und strich sich langsam den herunterhängenden Schnurrbart. Dann sah er mich an wie ein Wesen, das so von Ekel durchtränkt ist, daß nichts Ekles weiter an ihm haften kann:

»Nun laß uns hinaufgehen, nicht wahr?«

Ich trat dann sehr vergnügt meine Rundreise durch die Städte Europas an.

Ich sollte ein Stück Welt sehen! ... Ich reiste. Vierunddreißigmal packte ich keuchend und schwitzend meinen Koffer ein und aus. Elfmal verbrachte ich den Tag im Eisenbahnwagen, in Staub und Rauch gehüllt, erstickt, keuchend, schweißrieselnd, auf jeder Station abspringend, um verzweifelt lauwarme Limonade zu schlürfen, die mir die Eingeweide ausrenkte. Vierzehnmal stieg ich kreuzlahm hinter einem Diener die unbekannte Treppe eines Hotels empor und warf einen unsicheren Blick in ein unbekanntes Zimmer; und verbrachte schlaflose Nächte in unbekannten Betten, von denen ich aufgeschreckt aufsprang, um in unbekannten Sprachen Milchkaffee zu verlangen, der mir nach Quassta schmeckte, und ein Wannenbad, das mir nach Schlamm roch. Achtmal geriet ich in schrecklichen Streit mit Kutschern, die mich plündern wollten. Ich verlor eine Hutschachtel, fünfzehn Taschentücher, drei Unterhosen und zwei Stiefel, einen weißen und einen Lackstiefel, alle beide vom rechten Fuß. An mehr als dreißig Hoteltischen wartete ich niedergeschlagen, daß das boeuf à la mode an mich käme, kalt schon und mit erstarrter Sauce – und daß der Weinkellner mir die Flasche Bordeaux brächte, die ich, nachdem ich gekostet, mit unglücklichem Gesicht zurückwies. Ich durchschritt in dem kühlen Dämmerlicht der Granit- und Marmorwände mit ehrerbietigem, gedämpftem Schritt neunundzwanzig Kathedralkirchen. Ich drosch kraftlos, mit dumpfem Schmerz im Genick, vierzehn Museen mit hundertundvier Sälen ab, die bis zum Dach hinauf mit Christussen, Helden, Heiligen, Nymphen, Prinzessinnen, Schlachten, Architekturen, grünen Wiesen, nackten Gestalten, düsteren Tongebilden, traurig unbeweglichen Formen vollgestopft waren!... Ich verausgabte sechstausend Franken. Ich war gereist.

Endlich, an einem gesegneten Oktobermorgen, im ersten Oktoberreif sichtete ich mit gerührter Freude die noch geschlossenen Vorhänge meines 202! Ich tätschelte dem Portier die Schulter. Auf dem Treppenflur, wo ich die weiche, laue Luft wiederfand, die ich in Florenz zurückgelassen, drückte ich des vortrefflichen Grillo alte Knochen in meine Arme: »Und Jacintho?« Der würdige Neger flüsterte aus den hohen, weißleuchtenden Vatermördern heraus:

»Seine Gnaden zirkulieren ... schwerfällig, überdrüssig. Sie sind spät von einem Balle bei der Duchesse de Loches zurückgekehrt. Es wurde die Verlobung von Madmoiselle de Loches gefeiert. Vor dem Schlafengehen haben sie noch einen Eistee genommen. Und dann sagten Seine Gnaden und krauten sich den Kopf: »O diese Langeweile, diese Langeweile!«

Nach dem Bad und der Schokolade, um zehn Uhr, gemütlich und warm im sammetnen Schlafrock, brach ich in das Zimmer meines Prinzen, mit offenen, durstigen Armen:

»'n Tag, Jacintho!«

»'n Tag, Zugvogel!«

Wie wir uns wieder und wieder umarmten, hielt ich ihn von mir ab, um seine Züge zu betrachten und in ihnen die Seele. In ein malvenfarbenes Wams gehüllt, das mit Marderpelz verbrämt war, die Schnurrbartenden schlaff herabhängend, seine beiden Falten noch tiefer eingegraben, Haltlosigkeit in den breiten Schultern, schien mein Freund schon gebückt unter dem Gewicht und den Schrecken seines Tages. Ich lächelte, damit auch er lächelte:

»Wackerer Jacintho ... wie ist´s dir denn ergangen? Wie hast du gelebt?«

Er antwortete ganz ruhig:

»Wie ein Toter.«

Ich stieß ein leichtes, gezwungenes Lachen aus, als wäre sein Uebel leicht:

»Gelangweilt, was?«

Mein Prinz blies mit so niedergeschlagener Gebärde ein so müdes »huh!« heraus, daß ich ihn voll Mitgefühls aufs neue umarmte, ihn an mich preßte, wie um ihm etwas von der soliden und reinen Heiterkeit mitzuteilen, die ich von meinem Gott erhalten habe!

* * *

Seit diesem Morgen fing Jacintho an, seinem Zé Fernandes offenkundig, sperrangelweit den Widerwillen zu zeigen, mit dem ihn sein Dasein sättigte. Tatsächlich widmete er dem Bestreben, diesen Widerwillen zu sondieren und zu formulieren, seine ganze Sorgfalt und Mühe – in der Hoffnung, ihn zu besiegen, sobald er seinen Ursprung und seine Stärke kennen würde. Und mein bedauernswerter Freund wiederholte so die ewig erheiternde Komödie eines Melancholikers, der seine Melancholie einer fortwährenden Untersuchung unterwirft. Bei dieser Forschung ging er stets von dem unbestrittenen und felsenfest stehenden Gesichtspunkt aus, daß sein Leben, sein spezielles Jacintho-Leben, alle Interessen und alle Erleichterungen in sich schließe, die in dem Leben eines Mannes, der weder ein Genie noch ein Heiliger ist, nur möglich sind. In der Tat! Trotz seines durch zwölf Jahre des Champagners und der fetten Bratensaucen abgestumpften Appetits bewahrte er noch die Straffheit einer Rotfichte; in dem Licht seiner Vernunft hatte sich weder ein Flackern noch eine Schnuppe bemerklich gemacht; der liebe portugiesische Boden und ein paar einträgliche Gesellschaften lieferten ihm pünktlich seine sanft eingehenden hundert Contos Rente; allzeit werktätig und allzeit getreu umgaben ihn die Sympathien einer unbeständigen und spottlüsternen Stadt; Nr. 202 platzte vor bequemen Einrichtungen; keinerlei Bitterkeit des Herzens plagte ihn; und trotz alledem war er ein Melancholikus. Warum?... Und mit blitzartiger Gewißheit sprang er hieraus zu dem Schluß über, daß seine Kopfhängerei, dies aschgraue Büßerhemd, in dem seine Seele eingesargt lag, nicht seiner Individualität entspringe, sondern dem Leben, der beklagenswerten, unheilvollen Tatsache des Lebens! Und so verfiel der gesunde, kluge, steinreiche, gerngesehene Jacintho in Pessimismus.

Es war ein ärgerlicher Pessimismus! Denn nach seiner Versicherung war er zum natürlichen Optimisten geboren, wie ein Spatz oder eine Katze. Und bis zu seinem zwölften Jahre, wo er ein äußerst verwöhntes Wurm gewesen war, mit stets sorgfältig eingehüllter Haut und wohlgefülltem Teller, hatte er nie Ermüdung oder Melancholie oder Gereiztheit oder Bedauern empfunden – und Tränen waren für ihn so unbegreiflich gewesen, daß sie ihm wie ein Laster erschienen. Nun erst, als er heranwuchs und aus seinem Homunculusdasein der vollen Menschwerdung zustrebte, fing dieser Gärungsstoff der Traurigkeit an, in ihm zu keimen, nachdem er erst lange in dem Aufruhr der erwachenden Neugier unentwickelt gelegen hatte, durchsetzte bald sein ganzes Wesen, wurde zu einem Teil seines Wesens und sozusagen das Blut seiner Adern. Leiden sei demnach untrennbar vom Leben. Leiden, die je nach den verschieden gestalteten Schicksalen verschiedenartig seien. In der großen Menge der Menschen der atemlose Kampf ums Brot, ums Dach, um den Herd; in einer von höheren Bedürfnissen bewegten Kaste die Bitterkeit der Enttäuschungen, das Uebel der unbefriedigten Laune, der an Hindernisse prallende Stolz; bei ihm, der im Besitz aller Güter und ohne Wunsch sei, sei es der Widerwille, Not des Körpers, Pein des Begehrens, Ueberdruß des geistigen Wesens – das sei das Leben! Und nun mit dreiunddreißig Jahren sei seine Beschäftigung Gähnen und mit mutlosen Fingern über das hängende Gesicht streichen, um darin den Totenkopf zu fühlen und sich mit ihm zu befreunden.

Hier angekommen, fing mein Prinz an, leidenschaftlich zu lesen, vom Prediger Salomonis an bis Schopenhauer, alle Lyriker und alle Theoretiker des Pessimismus. In dieser Lektüre stieß er auf den herzstärkenden Beweis, daß sein Uebel nicht so ein armselig »jacinthisches« Uebel sei, sondern vielmehr das erhabene Resultat einer Weltordnung. Schon vor viertausend Jahren, im grauen Jerusalem, resümierte sich das Leben, selbst in seinen sieghaftesten Wonnen, in ... Täuschung. Schon der unvergleichliche König voll göttlicher Weisheit, der ruhmreichste Sieger, der erhabenste Erbauer, litt an Ueberdruß, gähnte inmitten der Beutestücke seiner Eroberungen, der neuen Marmorblöcke seiner Tempel und seiner dreitausend Kebsweiber und der Königinnen, die tief aus dem Aethiopierlande herauskamen, damit er sie zu Ahnfrauen eines Gottes mache! Es gibt nichts Neues unter der Sonne, und der ewige Kreislauf der Dinge ist der ewige Kreislauf der Uebel. Je mehr man weiß, desto mehr man leidet. Und der Gerechte wie der Ungerechte, staubgeboren beide, müssen wieder zu Erde werden. Alles neigt zu vergänglichem Staub, so in Jerusalem – so in Paris! Und er, obskur in seinen Champs-Elysées 202, litt, weil er Mensch war und weil er lebte – wie auf seinem goldenen Throne, seine vier goldenen Löwen zur Seite, Davids herrlicher Sohn gelitten hatte.

Von da ab trennte er sich nicht mehr vom Prediger Salomonis. Und er durchreiste Paris in seinem Coupé mit Salomo als Leidensgefährten, mit dem er in den Schmerzensschrei einstimmte, der die Summe menschlicher Wahrheit enthält: Vanitas Vanitatum! Alles ist eitel! Dann wieder traf ich ihn wohl in seiner ganzen Länge auf dem Sofa, in seidenem Schlafrock Schopenhauer schlürfend, während der Pedikur, auf dem Teppich knieend, ihm mit Respekt und Sachkenntnis die Nägel polierte. Zur Seite stand die Meißener Tasse mit dem von Emiren der Wüste gesandten Mokka, der ihn sowohl in Stärke wie in Aroma ewig unbefriedigt ließ. Von Zeit zu Zeit legte er das Buch auf die Brust, überlies mit mitleidig forschendem Blick den Pedikuren, wie um zu ergründen, welcher Schmerz ihn wohl peinigen möchte – da doch allem Leben ein Leiden entspricht. Sicherlich, so ewig an fremden Füßen herumhantieren... Und wenn der Pedikür sich erhob, lächelte ihn Jacintho mit einem Verbrüderungslächeln an und sein »Adieu, mein Freund!« war ein »Adieu, mein Schmerzensbruder!«

Dies war die glänzende und prachtvoll unterhaltende Periode seiner Langeweile. Jacintho hatte endlich im Leben eine dankbare Beschäftigung gefunden – das Leben zu verwünschen! Und damit er es in all seinen Formen verwünschen könnte, in den reichsten, den geistigsten, den reinsten, belud er sein eignes Leben mit neuem Luxus, mit neuen geistigen Interessen, und sogar mit humanitären Aufwallungen, ja mit übernatürlicher Wißbegierde.

In diesem Winter erstrahlte 202 in blendendem Glanze. Er führte, Heliogabalus wiederholend, in Paris die Farbenfeste ein, von denen die Historia Augusta, erzählt. Und er offerierte seinen Freundinnen jenes sublime Diner in Rosa, wo alles rosenfarben war, die Wände, die Möbel, die elektrischen Birnen, das Speisegerät, die Kristalle, das Eis, die Champagner, ja selbst, infolge einer Erfindung der hohen Küche, die Fische, die Braten, die Gemüse, die von rosagepuderten Lakaien in rosa Livrée serviert wurden, während von der Decke aus einem rosaseidenen Belarium frische Rosenblätter herabfielen... Geblendet klatschte die Stadt Beifall: »Bravo, Jacintho!« Und mein Prinz, um seinem strahlenden Fest die Krone aufzusetzen, stemmte vor mir die Hände in die Seiten und rief triumphierend: »Was? Ist das nicht zum Sterben langweilig?!«

Dann folgte der Humanitarismus: er gründete ein Hospiz auf dem Lande, zwischen Gärten, für hilflose Greise; ein andres für schwächliche Kinder am Mittelmeer. Sodann drang er in den Theosophismus ein und setzte furchtbare Experimente in Scene, um die mysteriöse »Aeußerlichkeitsbeurteilung der Bewegkraft« zu ergründen. Endlich verband er in heller Verzweiflung sein 202 mit den Telegraphendrähten der Times, damit in seinem Kabinett, wie in einem Herzen, das ganze soziale Leben Europas pulsiere.

Und bei jeder dieser Kraftäußerungen der Eleganz, des Humanitarismus, der Geselligkeit, des forschenden Verstandes wandte er sich mit fröhlich ausgebreiteten Armen und dem Triumphgeschrei zu mir: »Siehst du, Zé Fernandes! Sterbenslangweilig!« Und dann raffte er seinen Prediger Salomonis und seinen Schopenhauer auf und schlürfte, auf dem Sofa ausgestreckt, wollüstig die Uebereinstimmung der Doktrin und der Erfahrung. Er besaß einen Glauben – den Pessimismus; er war ein reicher und kraftvoller Apostel, und alles versuchte er, mit Prachtaufwand, um die Wahrheit seines Glaubens zu beweisen. In diesem Jahre genoß mein unseliger Prinz in vollen Zügen!

Bei Beginn des Winters indessen machte ich die Beobachtung, daß Jacintho schon nicht mehr im Prediger Salomonis blätterte und daß er Schopenhauer vernachlässigte. Weder Feste, noch Theosophismen, noch seine Hospize, noch die Telegraphendrähte der Times schienen jetzt meinen Freund zu interessieren, nicht einmal als glorreiche Beweise seines Glaubens. Und seine verabscheuungswürdige Tätigkeit beschränkte sich aufs neue auf Gähnen und mit lässigen Fingern über das hängende Gesicht streichen, um den Totenschädel zu betasten. Unaufhörlich deutete er auf den Tod wie auf eine Befreiung. Eines Nachmittags erschreckte er mich sogar in der melancholischen Dämmerung der Bibliothek, ehe noch die Lichter erstrahlten, ganz beträchtlich damit, daß er mir in eisigem Ton von plötzlichen Todesfällen sprach, die schmerzlos durch eine reichliche Elektrizitätsladung oder durch die mitleidige Plötzlichkeit der Blausäure verursacht würden, Teufel! Der Pessimismus, der in dem Verstand meines Prinzen wie ein eleganter Einfall erschienen war, hatte plötzlich den Willen angegriffen.

Von da ab glich all seine Bewegung der eines stumpfsinnigen Ochsen, der unter dem Joch und dem Stachel geht. Er erwartete schon vom Leben keinerlei Befriedigung mehr – beklagte sich auch nicht einmal, daß es ihm Langeweile oder Qual brächte.

»Es ist alles gleichgültig, Zé Fernandes!« Und ebenso gleichgültig wäre er auf seinen Balkon getreten, um eine ihm vom Volke dargebotene Kaiserkrone in Empfang zu nehmen, wie er sich in einen schäbigen Lehnstuhl gesetzt hätte, um zu verstummen und zu ruhen. Da alles unnütz war und nur zur größten Illusion führte, was konnte an der loderndsten Tätigkeit oder der widerwilligsten Untätigkeit gelegen sein? Seine mich beständig irritierende Gebärde war ein Achselzucken. Vor der Wahl zwischen zwei Ideen, zwei Wegen, zwei Schüsseln zuckte er die Achseln! Was war daran gelegen?... Und in die belangloseste Handlung, wie das Anstreichen eines Zündholzes oder das Entfalten einer Zeitung legte er ein so hoffnungsloses Zaudern, daß er ganz und gar, von den Fingerspitzen bis in die Seele hinein, von einem Tau umwickelt schien, das man nicht sah und das alle seine Bewegungen fesselte.

* * *

Eine sehr unangenehme Erinnerung bildet für mich der 10. Januar, sein Geburtstag. Am frühen Morgen hatte er mit einem Billet von Madame de Trèves einen großen Korb mit Kamelien, Azaleen, Orchideen und Maiglöckchen erhalten. Und diese Aufmerksamkeit hatte ihm das bedeutungsvolle Datum ins Gedächtnis gerufen. Er blies den Rauch seiner Zigarre über die Blumenblätter und grollte mit leisem Hohngelächter:

»Also schon seit vierunddreißig Jahren bin ich in diesem Narrenhause?!«

Und da ich vorschlug, den Freunden zu telephonieren, sie möchten in 202 den Geburtstagschampagner trinken, lehnte er das mit Nasenrümpfen ab. »O nein! Wie entsetzlich langweilig!« Und dann schrie er sogar Grillo zu:

»Heute bin ich für niemand in Paris zu Hause. Ich bin aufs Land gefahren – nach Marseille abgereist... tot!«

Seine Ironie hörte auch nicht auf, als die Karten, die Depeschen, die Briefe sich noch vor dem Frühstück auf dem Ebenholztisch zu einem Berge erhoben, wie eine Huldigung der Stadt. Andre Blumen, die ankamen, in prachtvollen Körben, mit prachtvollen Schleifen, verglich er mit solchen, die man auf ein Grab legt. Und kaum, daß er sich einen Moment für das Geschenk Ephraims interessierte, einen ingeniösen Tisch, der sich niedrig stellen ließ wie der Teppich, oder bis unter die Decke erhöht werden konnte – wozu das, Himmelherrgott?

Nach dem Frühstück verließen wir, da es in Strömen regnete, das Haus nicht, sondern streckten in trägem Schweigen die Füße gegen den Kamin. Ich schlief darüber schließlich selig ein. Ich erwachte bei den hastigen Schritten Grillos ... Jacintho, in einen Lehnstuhl vergraben, zerschnitt mit einer Schere ein Papier! Und niemals fühlte ich mich so von Erbarmen durchdrungen für diesen Freund, der seine Jugend damit verbracht hatte, alle Begriffe aufzuhäufen, die jemals seit Aristoteles Zeiten formuliert worden waren, und alle Erfindungen zu vereinen, die seit Theramenes gemacht worden waren, – wie an diesem festlichen Tage, da er, von Zivilisation im größten Maßstabe umgeben, um im größten Maßstabe die »Wonne, zu leben« zu genießen, sich darauf beschränkt fand, an seinem Herde mit einer Schere Papiere zu zerschneiden!

Grillo überbrachte ein Geschenk des Großherzogs – einen silbernen, mit Zedernholz ausgeschlagenen Kasten voll kostbaren Tees, der, Blüte für Blüte, in den Gefilden von Kiang-Sou von reinen, jungfräulichen Händen gepflückt und in Karawanen, mit der einer Reliquie zukommenden Ehrerbietung, durch Asien geführt worden war. Um unsre Schläfrigkeit zu beleben, schlug ich vor, den göttlichen Tee zu kosten – eine Beschäftigung, die ganz im Einklang stand mit dem grauen Nachmittag, dem gegen die Scheiben klatschenden Regen und der hellflackernden Flamme im Kamin. Das wurde von Jacintho genehmigt, und ein Lakai trug sogleich den Tisch von Ephraim herbei, damit wir seine geschickten Dienste erprobten. Aber nachdem ihn mein Prinz zu meinem Entsetzen bis an die Kristalle der elektrischen Krone in die Höhe geschraubt hatte, gelang es ihm nicht, trotz eines heißen und verzweifelten Kampfes mit den Federn, den Tisch zu bewegen, wieder zu einer menschlichen und einigermaßen gemütlichen Höhe zurückzukehren. Und der Lakai trug ihn wieder fort wie ein Baugerüst, chimärisch, einzig annehmbar für den Riesen Adamastor. Dann kam der Teekasten inmitten von Teeschalen, Lampen, Teesieben, Filtern, einer ganzen Prunkausstellung von Silbergerät, das dieser im Hause meiner Tante Vicencia so einfachen und freundlichen Handlung des Teeaufbrühens die Majestät eines Ritus verlieh. Von meinem Freunde an die Erhabenheit dieses Tees von Kiang-Sou gemahnt, hob ich die Tasse mit Ehrfurcht an die Lippen. Es war ein farbloser Aufguß, der nach Malven und Ameisen schmeckte. Jacintho kostete, spie aus, fluchte ... Tee wurde nicht weiter getrunken. Nach einer Weile nachdenklichen Schweigens murmelte ich, den verlorenen Blick auf die Flamme gerichtet:

»Und die Bauarbeiten in Tormes? Die Kirche ... Sollte die Kirche schon fertig sein?«

Jacintho hatte wieder zu Papier und Schere gegriffen:

»Weiß nicht ... Ich habe keine weitere Nachricht von Silverio erhalten ... Ich habe keine Idee, wo die Gebeine hingekommen sind ... Unheimliche Geschichte das!«

Dann nahte die Stunde der angezündeten Lichter und des Mahles. Ich hatte durch Grillo bei unserm Küchenmeister eine große Schüssel süßen Reis bestellen lassen, mit den Anfangsbuchstaben Jacinthos und dem beglückenden Datum in Zimmet daraufgestreut, nach dem liebenswürdigen Brauch unsrer milden Heimat. Und bei Tisch, als mein Prinz das Elfenbeintäfelchen durchlas, worauf die Gerichte mit Rotstift verzeichnet wurden, lobte er feurig die patriarchalische Idee:

»Arroz dôce! Süßer Reis! Ist mit ß geschrieben, aber das tut nichts ... Famoser Einfall! Seit Ewigkeiten habe ich keinen süßen Reis mehr gegessen! ... Seitdem der Großvater tot ist.«

Als dann aber der süße Reis triumphierend erschien, welch eine Enttäuschung! Ein Monumentalbau der hohen Kunst! Der Reis stieg massiv, in der Form einer ägyptischen Pyramide aus einer Kirschsauce auf und verschwand unter eingezuckerten Früchten, die ihn bis zum Gipfel bekleideten, wo eine aus Schokolade und Mandarinenscheiben gebildete Grafenkrone balancierte! Und die Initialen, das Datum, sonst so hübsch und ernsthaft in dem schlichten Zimmet, waren auf den Rand der Schüssel gezeichnet mit ... kandierten Veilchen! Mit stummem Entsetzen wiesen wir die verhunzte Schüssel von uns. Und Jacintho erhob das Champagnerglas und murmelte, wie bei einem heidnischen Leichenbegängnis:

»Ad Manes, unsern Toten!«

Wir zogen uns darauf in die Bibliothek zurück, um am gemütlichen Kaminfeuer den Kaffee zu nehmen. Draußen heulte der Wind wie in einer Gebirgsschlucht, und die Fensterscheiben klirrten und rieselten unter wütendem Regengeprassel. Welch traurige Nacht für die zehntausend Armen, die in Paris brot- und unterstandslos umherirren! In meinem Dorfe zwischen Tal und Hügel brüllte vielleicht der Sturmwind ebenso. Dort aber, unter dem Schutz seines Ziegeldaches, wo der mit Kohl gefüllte Kessel über dem Feuer hängt, wickelt sich jeder Arme in seinen langen Mantel und rückt dichter an die Herdglut heran. Und für die, die etwa kein Brennholz oder keinen Kohl haben, ist der Joaon das Quintas da oder die Tante Vicencia oder der Pfarrer, die alle die Armen bei Namen kennen und schon mit auf sie rechnen, als gehörten sie zu ihnen, wenn der Wagen zu Holz fährt und der Backofen geheizt wird. O, du kleines Portugal, wie bist du den Kleinen so freundlich!

Ich seufzte, Jacintho faulenzte. Und schließlich wühlten wir träge in den Zeitungen, die der Hausmeister in beredsamem Haufen auf einer silbernen Platte gebracht hatte – Zeitungen von Paris, Zeitungen von London, Wochenschriften, Rundschauen, illustrierte Zeitschriften ... Jacintho entfaltete, warf beiseite; von den Rundschauen las er das Inhaltsverzeichnis und hatte genug; die illustrierten Blätter riß er gleichgültig mit dem Finger auf, gähnte über den Holzschnitten und streckte sich dann noch mehr nach dem Feuer hin:

»Oede ... nichts zu lesen darin.« Und plötzlich, wie empört über diese drückende Langweile, die ihn knechtete, sprang er mit einem Ruck wie einer, der Handschellen zerreißt, aus seinem Sessel auf und stand aufrecht, einen gebietenden, strengen Blick ringsum werfend, wie wenn er dies sein 202 mit seiner aufgestapelten Zivilisation drohend aufforderte, seiner Seele, und wäre es nur für einen Moment, ein lebhaftes Interesse, seinem Leben einen flüchtigen Genuß zu geben! Aber 202 blieb unempfindlich: kein Lichtstrahl belebte seinen stummen Glanz, nur die Fensterscheiben zitterten unter dem stärkeren Klopfen des Regens und Windes.

Dann schleppte mein Prinz niedergeschlagen die Schritte bis zu seinem Kabinett, fing an, all die das Leben vervollständigenden und erleichternden Apparate durchzugehen – seinen Telegraphen, sein Telephon, den Phonographen, den Radiometer, das Graphophon, das Mikrophon, die Schreibmaschine, die Zählmaschine, die elektrische Druckpresse, die andre, die magnetische, alle seine Utensilien, alle seine Tuben, alle seine Drähte ... So geht ein Büßer, Hilfe heischend, von einem Altar zum andern. Und seine ganze prachtvolle Mechanik verharrte steif, kalt leuchtend, ohne daß ein Rad sich gedreht oder eine Scheibe vibriert hätte, um den Gebieter zu unterhalten.

Nur die Monumentaluhr, die die Zeit aller Hauptstädte und den Lauf aller Planeten anzeigte, erbarmte sich und schlug Mitternacht, wodurch sie meinem Freunde ankündigte, daß wiederum ein Tag mit seiner Plage dahingegangen sei – und somit dieser dumpfe Druck des Lebens, unter dem gebeugt er seufzte, so viel leichter geworden sei. Prinz Glückspilz entschloß sich alsdann, zu Bett zu gehen – mit einem Buch ... Und einen Moment lang blieb er mitten in der Bibliothek stehen und betrachtete seine mit Pomp und Majestät, wie Doktoren bei einem Konzil aufgestellten siebzigtausend Bände – dann die durcheinandergeworfenen Stöße neuer Bücher, die in den Ecken auf dem Teppich die Ruhe und die Weihe der Ebenholzregale erwarteten. Lässig den Schnurrbart drehend, schritt er schließlich der Region der Historiker zu: spähte Jahrhunderte aus, beschnupperte Rassen; er schien von dem Glanz des byzantinischen Kaiserreichs angezogen; er drang vor zur französischen Revolution, von der er sich ernüchtert abwandte; und mit unentschlossener Hand betastete er das weitläufige Griechenland von der Erbauung Athens an bis zur Zerstörung von Korinth.

Aber plötzlich wandte er sich dem Fach der Dichter zu, die in hellen Maroquins leuchteten und auf dem Rücken in Goldschrift in kräftigen oder schmachtenden Titeln das Innere ihrer Seelen zeigten. Aber keine dieser sechstausend Seelen vermochte ihn anzuziehen – und er wich hoffnungslos zurück bis zu den Biologen ... So massiv und geschlossen war das Fach der Lebenslehre, daß mein armer Jacintho vor Schrecken erstarrte, wie vor einer unzugänglichen Citadelle. Er rollte die Treppe herzu und kletterte in voller Flucht bis in die luftigen Höhen der Sternkunde. Er nahm Gestirne von ihrem Platz, verrückte Welten: ein ganzes Sonnensystem prasselte hernieder. Betroffen stieg er herunter, fing an, unter den neuen Werken zu suchen, die da broschiert, noch in ihren leichten Streitgewändern lagen. Er raffte auf, durchblätterte, warf weg, um einen Band hervorzugraben, zerstörte einen Turm von Doktrinen, sprang über Probleme hinweg, trat Religionen mit Füßen. Und während er hier eine Zeile überblickte, dort einen Index durchscharrte, und alles ihn abstieß, wurde er fast fortgewälzt von den großen Wogen rollender Bände, ohne sich halten zu können, in dem Verlangen, ein Buch zu finden! Da blieb er mitten in dem ungeheuren Schiff der Bibliothek kauernd sitzen und sah scheu an den bis zur Decke mit Büchern bekleideten Wänden empor, schielte nach dem Fußboden, den die Bücherleichen wie ein Schlachtfeld bedeckten, und übersättigt, überladen, übel von dem Druck seines Ueberflusses wandte er sich schließlich dem Stoß zerknitterter Zeitungen zu, nahm trübsinnig ein altes Lissaboner Tageblatt, eine Nummer des »Diario de Noticias« auf, und mit der unter dem Arm stieg er zu seinem Zimmer hinauf, um zu schlafen, um zu vergessen.

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