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Stadt und Gebirg

José Maria Eça de Queiroz: Stadt und Gebirg - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJosé Maria Eça de Queiroz
titleStadt und Gebirg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1903
firstpub1903
translatorLuise Ey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060901
projectidbdd58cdf
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V

Jeden Nachmittag besuchte Jacintho, treu einer jener vertrauten Gewohnheiten, die unter allem Ermüdenden niemals ermüdet, mit andächtiger Regelmäßigkeit um vier Uhr Madame d'Oriol – denn diese Blüte des Parisianismus war in Paris geblieben, selbst nach dem Grand-Prix, um in der Hitze und dem Kohlenstaub der Großstadt zu verbleichen. An einem dieser Nachmittage jedoch teilte das hastig angeläutete Telephon Jacintho mit, daß seine geliebte Freundin in Enghien bei den Trèves speise. Diese Herrschaften genossen ihre Sommerfrische an der See, in einem schneeweißen, von weißen Röschen umsponnenen Landhaus, das Ephraim gehörte.

Es war ein stiller, nebliger und weicher Sonntag, der recht zu melancholischen Betrachtungen einlud. Und ich, um mein Seelenheil besorgt, überredete Jacintho, daß wir zur Basilika von Sacré-Coeur gingen, die auf dem Montmartre im Bau begriffen war.

»Schrecklich langweilig, Zé Fernandes ...«

»Zum Teufel! Ich habe noch nie die Basilika gesehen ...«

»Schön, schön! Gehen wir also zur Basilika, du unseliger Mensch Naronha e Sande!«

Und wie wir so anfingen, jenseit von St. Vincent de Paule in die engen steilen Viertel vorzudringen, wo ländliche Stille herrschte, wo bröcklige Mauern Küchengärten einschlossen, wo Frauen mit zerzausten Haaren nähend auf der Türschwelle saßen, wo ausgespannte Kaleschen vor den Wirtschaften hielten, wo frei umherlaufende Hühner im Kehricht scharrten, nasse Windeln auf Stöcken zum Trocknen hingen – lächelte mein gelangweilter Kamerad schließlich über diese Ungebundenheit und Schlichtheit der Dinge.

Die Viktoria hielt vor den breiten Steintreppen, die, ländliche Gassen durchschneidend, bis zu dem freien Platz führen, wo, in Gerüste gehüllt, sich die ungeheure Basilika erhebt. Auf jedem Treppenabsatz mit rotem Zeug ausstaffierte Verkaufsbuden, die von Heiligenbildern, Skapulieren, Kruzifixen, Jesusherzen, schön in Seide gestickt, und hellen Bündeln Rosenkränzen überflossen. In den Ecken kauerten alte Leute, die ihr Ave Maria murmelten. Zwei Patres kamen die Treppe herab und nahmen mit breitem Lächeln eine Prise. In langsamen Schlägen ertönte eine Glocke durch die verschleierte Weichheit des Abends. Und Jacintho murmelte, angenehm berührt:

»Recht nett hier!«

Aber die Basilika da oben interessierte uns nicht, erstickt wie sie war unter Gerüsten und Verschlägen, ganz weiß und frostig, noch seelenlos. Und Jacintho schritt in einem ganz jacinthischen Impuls begierig nach der abfallenden Böschung der Terrasse, um Paris zu betrachten. Unter dem grauen Himmel, in der grauen Ebene ruhte die Stadt, ganz grau, wie eine unendliche, dichte Schicht Kalk und Ziegelsteine. Und in ihrer stummen Unbeweglichkeit war ein leichtes Rauchgekräusel das einzig sichtbare Anzeichen ihres geräuschvollen Lebens.

Da fing ich an, meinen Prinzen heiter scherzend aufzuziehen. Da lag also die Stadt, die erhabene Schöpfung der Menschheit! Da unten, mein lieber Jacintho! Auf der grauen Erdkruste, – eine Kalkschicht, kaum grauer! Und doch hatten wir sie vor Augenblicken erst in lebhaftem Treiben verlassen, voll kraftvoller Bevölkerung, all ihre mächtigen Organe in Tätigkeit, von Reichtum strotzend, von Wissenschaft triefend, in der sieghaften Fülle ihres Stolzes, als die anmutgekrönte Königin der Welt. Und nun hatten wir eine Anhöhe erklettert, spähten, lauschten – und nahmen von der ganzen rauschenden und glänzenden Zivilisation der Stadt nicht einen Laut, nicht einen Funken wahr! Und Nr. 202 der Champs-Elysées, das herrliche 202 mit seinen Drähten, seinen Apparaten, der Pracht seiner Mechanik, seinen dreißigtausend Bänden? Untergegangen, ausgelöscht in dem Durcheinander von Dachziegeln und Kohlenstaub! Und für dies Zergehen alles Menschenwerkes, sobald man es nur aus einer Höhe von hundert Metern betrachtet, da arbeitet sich nun der Mensch den Bast von den Händen in qualvoller Anstrengung? Was, Jacintho? Wo sind nun deine Magasins du Louvre mit ihren dreitausend Verkäufern? Und die Banken, in denen das Gold des Weltalls klingt? Und die Bibliotheken, die mit der Wissenschaft der Jahrhunderte vollgepfropft sind? Alles zusammengeflossen in einen grauen Fleck, der die Erde beschmutzt. Wenn schon in den blinzelnden Augen eines Zé Fernandes, sobald er, seine Zigarre rauchend, auf den nächsten besten Hügel steigt, dieser sublime Bau der Zeiten nichts weiter ist als ein schweigender Dreckhaufen, von der Dichtigkeit und der Farbe des Erdenstaubes – was wird er dann in Gottes Augen sein!

Und angesichts dieses Zeterns, mit dem ich voll liebevoller Malicen über Paris aburteilte, um meinen Prinzen zu reizen, murmelte er nachdenklich:

»Ja, vielleicht ist alles nur Illusion ... Und die Stadt die größte Illusion!«

Bei so leichtem Siege verdoppelte ich meine Beredsamkeit. Natürlich, mein Prinz, eine Illusion! Und zwar die allerbitterste, weil der Mensch vermeint, in der Stadt die Grundlage seiner ganzen Größe zu besitzen und in ihr nur die Quelle all seines Elends findet! Sieh, Jacintho! In der Stadt verlor er die Kraft und die harmonische Schönheit des Körpers und wurde zu diesem dürren Klappergestell oder jenem feisten, in Fett stickenden Dickwanst mit Knochen, so schlotterig wie ein Lappen, mit Nerven, so zitternd und bebend wie schwingende Drähte, mit Nasenkneifern, mit Chignons, mit Gebissen aus Porzellan, ohne Blut, ohne Fiber, ohne Saft, gebückt, verkrüppelt – ein Wesen, in dem Gott voll Entsetzen kaum im stande ist, seinen wohlgebauten, kraftvollen, edlen Adam wieder zu erkennen! In der Stadt hörte seine moralische Freiheit auf: Jeder neue Morgen erlegt ihm eine Notwendigkeit auf, und jede Notwendigkeit stößt ihn in eine Abhängigkeit. Ist er arm und untergeordnet, so ist sein Leben eine ununterbrochene Kette von Bitten, Lobhudeln, Sich-bücken, Kriechen, Sich-treten-lassen; reich und unabhängig, wie ein Jacintho, wird er von der Gesellschaft alsbald mit Brauch und Herkommen umsponnen, mit Vorschriften, Etiketten, Zeremonien, Formen, Riten, Diensten, disciplinarischer als die eines Kerkers oder einer Kaserne ... Wohin ist seine Ruhe, mein Jacintho! Für immer verschlungen von dieser verzweifelten Jagd nach Brot, nach Ruhm, nach Macht, nach Genuß, nach dem flüchtig zerrinnenden Gold! Wie kann es in der Stadt Freude geben für diese Millionen von Wesen, die in der wühlenden Drangsal des Wunsches nach Besitz, nach Genuß keuchen – und die, weil sie niemals ihre Gier sättigen, unaufhörlich Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit, Unterliegen erfahren? Die echtesten Menschengefühle gehen in der Stadt gleich verloren. Sieh, Jacintho! Sie sind wie Lichter, die der rauhe Wind des sozialen Treibens nicht ruhig und klar brennen läßt; hier bringt er sie zu zitterndem, schwankendem Aufflackern; dort verlöscht er sie brutal, weiterhin nötigt er sie zu unnatürlich heftigem Aufflammen. Die Freundschaften gehen nie über Verbindungen hinaus, welche das Interesse in angstvoller Stunde der Wehr oder in dem gierigen Moment des Angriffs mit schnellem Knoten knüpft, der bei dem geringsten Anprall der Nebenbuhlerschaft oder des Stolzes zerreißt. Und die Liebe, in der Stadt, mein artiger Jacintho? Sieh dir doch nur diese weitläufigen Magazine mit ihren Spiegeln an, wo das edle Evafleisch tarifmäßig, nach Gewicht verkauft wird wie Kalbfleisch. Und betrachte doch diesen alten Gott Hymen, der da einherschreitet und statt der flammenden Fackel der Liebe den straff gefüllten Beutel der Mitgift hält! Beobachte diese Menge, die die breiten, sonnigen Wege flieht, wo die Faune die Nymphen lieben, nach gutem, natürlichem Gesetz, und die heimlich die dunkeln und schlüpfrigen Sodom- oder Lesbos-Höhlen aufsucht!... Aber was die Stadt im Menschen am meisten entarten läßt, das ist die Vernunft, weil die ihm entweder in der Alltäglichkeit seinen Platz anweist oder ihn zu Ausschweifungen drängt. In dieser dichten und drohenden Schicht von Ideen und Formeln, die die geistige Atmosphäre der Städte bildet, denkt der von ihr eingehüllte, sie atmende Mensch nur all jene bereits gedachten Gedanken, bringt nur bereits Ausgedrücktes zum Ausdruck: – oder aber, um sich über die graue und glatte Alltäglichkeit zu erheben und das zerbrechliche Gerüst eines Sonderplatzes zu erklimmen, erfindet er in keuchender Anstrengung und das Hirn aufblasend eine mißgestalte Neuheit, die verblüfft und die Menge in ihrer Hast aufhält wie ein Ungetüm auf einem Jahrmarkt. Alle sind in intellektueller Hinsicht Hammel, die denselben ausgetretenen Weg treten, dasselbe Geblök ausstoßen und mit der Schnauze in dem Staub hängen, in dem sie im Gänsemarsch und in die vorgetretenen Fußstapfen tretend dahinzotteln; – und einige sind Affen, die unter Grimassen und Kapriolen auf die Spitzen ausfälliger Masten springen. Also, mein Jacintho, in der Stadt, dieser widernatürlichen Schöpfung, wo der Boden von Holz und Filz und Teer ist und der Steinkohlenrauch den Himmel bedeckt, und die Leute in ihren Etagen verstaut wohnen wie Stoffe in den Manufakturläden, und wo das Licht durch Rohre fließt, und wo die Lügen durch Drähte geflüstert werden, – da erscheint mir der Mensch wie ein antimenschliches Geschöpf, ohne Schönheit, ohne Kraft, ohne Freiheit, ohne Lachen, ohne Gefühl, als trüge er einen Geist in sich, passiv wie ein Sklave oder frech wie ein Possenreißer ... Und da hast du, mein geliebter Jacintho, das, was deine geliebte Stadt ist.

Und vor diesen altehrwürdigen Schmähungen, die seit Hesiod Jahrhunderte hindurch von allen bukolischen Moralisten mit nie versagender Pünktlichkeit volltönend wiederholt wurden, beugte mein Prinz den willigen Nacken, als entsprössen sie, überraschend und neu, einer höheren Offenbarung in jenen hohen Regionen des Montmartre:

»Allerdings, ja, die Stadt ... Vielleicht ist sie eine gottlose Täuschung!«

Ich beharrte sogleich und mit ungeschwächten Kräften auf meinem Standpunkt, indem ich an den Manschetten zupfte und mit Genuß mein leichtes Philosophieren schlürfte.

Und wenn noch diese Täuschung der Stadt die Gesamtheit der Wesen, die sie umschließt, beglückte! Aber nein! Nur eine beschränkte und glänzende Kaste genießt in der Stadt die von ihr geschaffenen besonderen Genüsse, der Rest, der obskure, ungeheure Volkshaufe, leidet in ihr nur, und zwar jene besonderen, spezifischen Leiden, die nur in ihr vorkommen! Von diesem Hochplateau aus, neben dieser kostbaren Basilika, die dem Heizen dessen geweiht ist, der den Armen liebte und für ihn blutete, erblicken wir den düsteren Häuserhaufen, wo das Volk sich bückt unter diesem uralten Schimpf, von dem weder Religionen, noch Philosophien, noch Sittenlehren, noch seine eigne, rohe Kraft es jemals befreien können. Da liegt es, über die Stadt ausgebreitet, wie gemeiner Unrat, der die Stadt befruchtet. Die Jahrhunderte rollen dahin, und immer bedecken ihm unwandelbare Lumpen den Körper, und darunter werden ewig Männer sich mühen und Frauen weinen. Und aus dieser harten Arbeit, mein Prinz, und den Tränen der Armen, stellt man den Ueberfluß in der Stadt her! Sieh, wie sie daliegt, voller Wohnungen, die ihnen keine Zuflucht geben; mit Stoffen angehäuft, die sie nicht umhüllen; von Eßwaren vollgepfropft, die nicht ihren Hunger stillen! Für sie nur der Schnee, wenn der Schnee fällt und die auf den Bänken der öffentlichen Plätze und unter den Brückenbogen von Paris kauernden Kinder erstarren läßt ... Der Schnee fällt lautlos und weiß im Dunkel hernieder; die Kinder frieren in ihren Lumpen zu Eis; und ringsum die Polizei, die aufmerksam darüber wacht, daß nicht der laue Schlaf derer gestört werde, die Schnee und Eis lieben, um im Bois de Boulogne, in Pelzen von dreitausend Franken, Schlitten zu fahren und auf seinen Seen Schlittschuh zu laufen. Aber was denn, mein Jacintho! Deine Zivilisation beansprucht unersättlich Genüsse und Pracht, die sie allein in dieser herben, sozialen Disharmonie erlangen kann, wenn das Kapital der Arbeit für jede schwerkeuchende Mühsal eine knauserige Brotrinde reicht. Es ist deshalb unabänderlich, daß der Plebs sich schinden und plagen muß! Sein ausgemergeltes Elend ist die Grundbedingung für den heiteren Glanz der Stadt. Wenn in seinen Tiegeln die ihm rechtlich zustehende Ration Suppe dampfte – so könnte nicht in Silbergeräten die üppige Portion foie-gras und Trüffeln erscheinen, die der Stolz der Zivilisation sind. Es muß zerschlissene und zerfetzte Kleider geben, damit die schönen Mesdames d'Oriol, strahlend in Seide und Spitzen, in sanftem Wogen das Stiegenhaus der Großen Oper ersteigen können. Es muß erstarrte Hände geben, die sich ausstrecken, und schmale Lippen, die für die hochherzige Gabe eines Sou danken, – damit die Ephraims ihre zehn Millionen auf der Bank von Frankreich haben, sich an der kostbaren Flamme aromatischen Holzes erlaben und ihre Konkubinen, Enkelinnen der Herzoge von Athen, mit Saphircolliers ausstatten können. Und ein Volk muß vor Hunger weinen und den Hunger seiner Kinder bejammern, damit die Jacinthos im Januar gähnend von Meißener Porzellan in Champagner geeiste und mit einem Tropfen Aether lebhaft gefärbte Erdbeeren picken können!

»Und ich selbst habe von deinen Erdbeeren gegessen, Jacintho! Elende, die wir sind!«

Er murmelte trostlos:

»Schrecklicher Gedanke: wir haben von diesen Erdbeeren gegessen ... Und vielleicht war es nur eine Illusion!«

Nachdenklich trat er von dem Rand der Terrasse zurück, wie wenn ihm der Anblick der in der Ebene ausgestreckten Stadt skandalös wäre. Und langsam spazierten wir unter der grauen Milde des Nachmittags, philosophierend – erwägend, daß für solch schreiende Ungerechtigkeit es keine menschliche Heilung gäbe, die durch menschliche Mühe gebracht würde. Ah, die Ephraims, die Trèves, die gefräßigen düsteren Haie des Menschenmeers, werden nicht eher von der Ausbeutung der niederen Volksklasse ablassen oder sie mindern, als bis ein himmlischer Eingriff, vielleicht ein neues Wunder, größer als die alten Wunder, ihnen die Seele belehrt! Der Bürger triumphiert, stark, verhärtet in seiner Sündhaftigkeit – und gegen ihn sind die Tränen der Menschlichgesinnten, die Beweisführungen der Logiker, die Bomben der Anarchisten ohnmächtig. Um so harten Stein zu erweichen, nur eine göttliche Sanftmut! Da ist also die Hoffnung der Erde aufs neue auf einen Messias gesetzt!... Einer stieg zweifelsohne einst vom hohen Himmel zu uns hernieder; und um gleich zu zeigen, welcher Art sein Mandat war, drang er sacht in die Welt ein durch die Tür eines Stalles. Aber sein Verweilen unter den Menschen war von so kurzer Dauer! Eine linde Predigt auf einem Berge, als ein linder Tag zu Rüste ging; eine maßvolle Zurechtweisung den Pharisäern, die damals den »Boulevard« redigierten; ein paar Geißelhiebe den wucherischen Ephraims; und dann gleich durch die Tür des Todes der glänzende Rückzug nach dem Paradies! Dieser anbetungswürdige Sohn Gottes hatte es gar zu eilig, wieder zum Hause seines Vaters zu gelangen! Und die Männer, die er mit der Fortführung seines Werkes betraut hatte, und die gleich von den Einflüssen der Ephraims, der Trèves, der Leute vom »Boulevard« umsponnen wurden, vergaßen schleunigst die Lektion vom Berge und vom See Tiberias – und kleiden sich ihrerseits in Purpur, und sind Bischöfe, und sind Päpste, und beteiligen sich an der Bedrückung, und regieren durch sie, und errichten die Tyrannei ihres Reiches auf der Misere der Brotlosen und der Unterstandslosen. So muß also das Werk der Erlösung von neuem begonnen werden. Jesus, oder Gautama, oder Krischna, oder ein andrer jener Söhne, von denen Gott zuzeiten einen im Schoß einer Jungfrau wählt, in den stillen Lustgärten Asiens, wird aufs neue zu dieser Erde der Dienstbarkeit herabsteigen müssen. Wird er kommen, der Ersehnte? Vielleicht ist schon ein tiefsinniger König des Orients erwacht und hat den Stern gesehen und in seine königliche Rechte die Myrrhen genommen, und ist nachdenklich auf sein Dromedar gestiegen? Vielleicht ist, während Kaiphas und Magdalena bei Paillard Hummer soupieren, ein Engel lauschend in langsamem Flug nachts um die entartete Stadt gestrichen und hat Umschau gehalten nach einem Stall? Kommt schon von weitem, ohne Treiber, der es anstachelte, in der freudigen Erwartung einer göttlichen Begegnung, das Oechselein, das Eselein, dahergetrabt?

»Weißt du was davon, Jacintho?«

Nein, Jacintho wußte es nicht und wollte seine Zigarre anzünden. Ich reichte meinem Prinzen ein Zündholz. Noch gingen wir auf der Terrasse auf und nieder und streuten andre solide Ideen in die Luft, die in der Luft zergingen. Dann wollten wir gerade in die Basilika eintreten, als ein feister Küster im Sammetbarett kräftig die Tür zuschlug, und ein Pater vorbeiging, der mit müder, endgültiger Bewegung, als wär's für immer, sein altes Brevier in die Tasche versenkte.

»Ich habe einen Durst, Jacintho ... Das kommt von dieser furchtbaren Philosophie!«

Wir stiegen die Steintreppen hinab, wo die frommen Verkaufsbuden standen. Mein in Betrachtungen versunkener Kamerad kaufte ein Bild der Basilika. Und wir wollten gerade in die Viktoria springen, als jemand in lauter Ueberraschung ausrief:

»He, Jacintho!«

Mein Prinz öffnete ebenso überrascht die Arme:

»He, Maurice!«

Und in freudiger Erregtheit überschritt er die Straße nach einem Café zu, wo unter einem gestreiften Sonnenzelt ein starkknochiger Mann mit Spitzbart seinen Absinth rührte, – den Strohhut im Genick, die Joppe lose über dem Seidenhemd, ohne Krawatte, wie wenn er auf einer Bank im Schatten seines Gartens ausruhe.

Und beide wunderten sich unter Händedrücken über diese Begegnung an einem Sommersonntage auf der Höhe des Montmartre.

»O, ich bin hier in meinem Viertel!« rief Maurice heiter. »In Familie, in Pantoffeln... seit drei Monaten bin ich zu diesen Höhen der Wahrheit aufgestiegen... Aber du auf dem heiligen Hügel, profaner Mensch der Ebene und der Straßen Israels!«

Mein Prinz wies auf seinen Zé Fernandes:

»Mit diesem Freund auf einer Wallfahrt nach der Basilika... Mein Freund Fernandes Lorena... Maurice de Mayolle, ein alter Kamerad.«

Mr. de Mayolle, der in seinen Zügen und der aristokratischen stark entwickelten Nase an Franz von Valois, König von Frankreich, erinnerte, lüftete den Strohhut. Dann schob er einen Stuhl heran und bestand darauf, wir sollten uns setzen und einen Absinth oder ein »bock« trinken.

»Trink ein bock, Zé Fernandes!« mahnte Jacintho. »Du stöhntest schon vor Durst.«

Langsam ließ ich die Zungenspitze über die Lippen gleiten, die trockener waren als Pergament:

»Ich werde mir diesen schönen Durst für nachher aufheben, für das Diner und geeisten Wein.«

Maurice grüßte mit stummer Bewunderung diese meine vorbeugende Malice. Dann wandte er sich unmittelbar an meinen Prinzen:

»Seit drei Jahren habe ich dich nicht gesehen,

Jacintho ... Wie ist das möglich in diesem Paris, das ein Dorf ist und das du absperrst?«

»Das Leben, Maurice, das vielverzweigte Leben... In der Tat! Es sind drei Jahre her, seit wir uns im Hause der Lamotte-Orcel trafen. Verkehrst du noch in diesem Sanktuarium?«

Maurice machte eine wegwerfende Handbewegung, die eine Welt abgeschüttelt hätte:

»O! Seit länger als einem Jahr habe ich mich von diesem ketzerischen Gewürm losgesagt... Ein indisciplinierter Haufen, mein lieber Jacintho! Keinerlei Standhaftigkeit, ein verblüffender Dilettantismus, ein wahrhaft komischer und vollkommener Mangel jeglicher Erfahrungsbasis ... Als du noch zu Lamotte-Orcels gingst und zur Parola von 37 und zum ,Idealen Bier', was herrschte damals?...« Jacintho forschte nachdenklich nach seinen Erinnerungen unter den Haaren seines Schnurrbarts: »Was weiß ich! ... Da herrschte Wagner und die Eddaische Mythologie, und das Ragnarök und die Nornen... Auch viel Präraffaelismus, und Montagna und Fra Angelico ... In der Moral der Renanismus.«

Maurice zuckte die Achseln. O, das alles gehörte einer uralten, sozusagen der Zeit der Pfahlbauten an! Als Madame de Lamotte-Orcel ihren Salon mit Morris-Sammet neu möblierte, große Artischocken auf Safrantönen, war ja der Renanismus längst vorüber, ebenso vergessen wie der Cartesianismus...

»Bist du noch aus der Zeit des Ich-Kultus?« Mein Prinz seufzte heiter: »Das habe ich noch mit kultiviert.« »Nun also! Gleich darauf kam der Hartmannismus, das Unbewußte. Dann der Nietzschismus, der geistige Feudalismus ... Danach grassierte der Tolstoismus, eine ungeheure Hirnwut für neo-cönobitische Entsagung. Ich erinnere mich noch eines Diners, wo eine Mißgeburt von einem Slaven erschien, mit filzigem Haarschopf, der fürchterliche Augen nach dem Halsausschnitt der armen Comtesse d'Arche rollte und mit spießartig erhobenem Finger knurrte: ,Laßt uns das Licht suchen, tief unten im Staub der Erde!- Und zum Nachtisch stießen wir auf die Wonne der Niedrigkeit und der knechtischen Arbeit an, mit jenem Champagne Marceaux, den Mathilde an großen Tagen in Pokalen von der Form des heiligen Gral zum besten gab! Darauf kam der Emersonismus aufs Tapet... Aber die grausamste Plage war der Ibsenismus! Kurz und gut, mein alter Junge, ein Babel von Ethiken und Aesthetiken! Paris schien verrückt geworden. Ein paar Liederjahne neigten sogar schon zum Luciferismus. Und ein Paar kleine Freundinnen von uns, – arme Dinger! – verfielen sogar auf den Phallismus, ein Gemisch von zotenhaftem Mysticismus, der von der unglücklichen La Carte gepredigt wurde, die nachher als weißer Mönch in der Wüste predigte... Ein Horror! Und eines Tages stürzte sich diese ganze Masse wie wild plötzlich auf den Ruskinismus!«

An meinen fest in den Boden gerammten Stock angeklammert, hatte ich das Gefühl, als wenn mir ein Wirbelwind das Hirn um und um drehte! Und selbst Jacintho stammelte mit irren Augen: »Den Ruskinismus?»»Ja, der alte Ruskin ... John Ruskin!« »Ah, Ruskin! ... ›Die sieben Leuchter der Architektur,‹ ›Der Kranz von Olivenzweigen‹ ... Das ist der Schönheitskultus!«

»Ja, der Schönheitskultus,« bestätigte Maurice. »Aber zu jener Zeit war ich schon von diesen gehaltlosen Wolken herabgestiegen; mir war übel geworden ... Ich trat einen sichereren, fruchtbareren Boden.«

Er nippte an seinem Absinth und schloß die Lider. Jacintho wartete, seine feinen Nüstern gebläht, wie um die Blüte der Neuheit, die sich um ihn entfalten sollte, einzuatmen:

»Nun? Nun?...«

Aber der andre murmelte, zerstreut, zwischen Gedankenstrichen, in die er sich verschleierte:

»Ich kam nach dem Montmartre ... Ich habe hier einen Freund, einen genialen Menschen, der ganz Indien durchreist hat... Hat unter Todas gelebt, ist in den Klöstern von Garma-Khian und Dashi-Lumbo gewesen und hat mit Gegen-Chutu in der heiligen Klause von Urga studiert... Gegen- Chutu war die sechzehnte Inkarnation Gautamas, und folglich war er ein Boddi-sattva ... Wir arbeiten, forschen... Keine Visionen. Sondern Fakten, uralte Erfahrungen, die vielleicht schon aus den Zeiten Krischnas herrühren...«

Bei diesen Namen, die einen melancholischen Duft altehrwürdiger Riten ausströmten, hatte er den Stuhl zurückgestoßen. Und aufrecht stehend murmelte er, die müden Augen auf Jacintho geheftet, aber in einer andern Vision verloren, – während er zerstreut ein paar Silber- und Kupfermünzen als Zahlung für den Absinth auf den Tisch fallen ließ:

»Schließlich läuft alles auf die Höchstentwicklung des Willens innerhalb der höchsten Lebensreinheit hinaus. Das ist die ganze Wissenschaft und Kraft der großen Hindu-Meister... Aber die absolute Reinheit des Lebens, da liegt der Kampf, da liegt das Hindernis! Dazu genügt nicht einmal die Wüste, noch der Hain des ältesten Tempels im hohen Tibet ... Trotz alledem, Jacintho, haben wir schon überraschende Resultate erzielt. Du kennst die Tyndallschen Experimente mit den empfindlichen Flammen... Der arme Chemiker rührte, um die Tonschwingungen zu zeigen, beinahe an die Tore der esoterischen Wahrheit. Aber leider! Als Mann der Wissenschaft, folglich der Dummheit, blieb er diesseits, zwischen seinen Scheiben und Retorten! Wir haben es weiter gebracht. Wir haben die ›Willensschwingungen‹ bewiesen! Vor unsern sichtlichen Augen und infolge der Wirkung von meines Gefährten Willenskraft und im Rhythmus mit seinem Gebot, wallte eine dreimeterhohe Flamme auf, kroch am Boden, züngelte in feurigen Zungen empor, leckte an einer hohen Wand hinauf, zischte wütend in schwarzen Rauchwolken, strahlte still und aufrecht, erstarb, plötzlich zusammengesunken, in Asche!«

Und, den Hut im Genick, blieb der seltsame Mensch unbeweglich mit ausgebreiteten Armen und stieren Blicken stehen, wie in erneutem Staunen und Erstarren über jenes Wunder. Dann plötzlich in seine leichte und heitere Weise zurückfallend, zündete er sich gelassen eine Zigarre an:

»An einem dieser Tage komme ich nach Nr. 202, Jacintho, um mit dir zu frühstücken, und bringe meinen Freund mit. Er ißt nichts weiter als Reis, ein bißchen Salat und Obst. Und dann können wir plaudern ... Du hattest ein Exemplar vom »Sepher-Zerijah« und eins vom ›Targum d'Onkelus‹. Ich muß diese Bücher mal durchstöbern.«

Er drückte meinem Prinzen die Hand, grüßte meine verdutzte Wenigkeit und schritt in Seelenruhe die ruhige Straße hinunter, mit dem Hut im Genick, die Hände in die Taschen versenkt, wie ein natürlicher Mensch unter natürlichen Dingen.

»O Jacintho! Wer ist dieser Zauberer? Erzähle! ... Wer in des Himmels Namen ist das?«

In die Viktoria zurückgelehnt und an der Renommierfalte seiner Beinkleider zupfend, erzählte mein Prinz in gedrängter Kürze. Es war ein edelgesinnter, loyaler junger Mann, sehr reich, sehr gescheit, aus dem alten, souveränen Haus Mayolle, Nachkommen der Herzoge von Septimania... Und mit dem gewohnten Gähnen murmelte er:

»Die Höchstentwicklung des Willens! ... Theosophie, esoterischer Buddhismus... Bestrebungen, Enttäuschungen... Habe ich auch schon erfahren... langweilig!«

Schweigsam rollten wir durch den Lärm von Paris, unter der gedämpften Schwüle der Sommerdämmerung, um im Bois zu speisen, im Pavillon d'Armenonville, wo die Zigeuner, sobald sie Jacinthos ansichtig wurden, die portugiesische Nationalhymne spielten, mit Leidenschaft, schmachtend, in herber, schmerzlicher Czarda-Kadenz.

Ich entfaltete tief befriedigt meine Serviette:

»Nun also mal her mit dem geeisten Wein für meinen famosen Durst! Den hab' ich mir ehrlich verdient, Caramba! Denn ich habe was geleistet im Philosophieren!... Und ich vermeine schier, ich hätte dem Geist des Senhor Dom Jacintho einen gesunden Abscheu vor der Stadt eingeflößt!«

Mein Prinz durchlief, sich den Bart krauend, die Weinliste, während der Weinkellner in lauschender Ehrerbietung verharrte:

»Lassen Sie zwei Flaschen Champagner St. Marceaux auf Eis stellen... Vorher aber einen Barsac vieux, nur eben gekühlt... Evianwasser... Nein, Bussang! ... Schön, Evian und Bussang! Und für den Anfang ein bock

Dann knüpfte er langsam seinen grauen Ueberrock auf und gähnte:

»Ich habe Lust, da oben auf dem Montmartre ein Haus zu bauen, mit einem Aussichtsturm ganz aus Eisen und Glas, um da nachmittags auszuruhen und die Stadt übersehen zu können ...«

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