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Stadt und Gebirg

José Maria Eça de Queiroz: Stadt und Gebirg - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJosé Maria Eça de Queiroz
titleStadt und Gebirg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1903
firstpub1903
translatorLuise Ey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060901
projectidbdd58cdf
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IV

In dieser ereignisreichen Woche kehrten wir eines Nachts aus dem Opernhause zurück, als mir Jacintho gähnend eine Festlichkeit ankündigte.

»Eine Festlichkeit? ...«

»Dem Großherzog zu Ehren, der mir einen köstlichen und seltenen Fisch schicken will, der in Dalmatien gefangen wird. Ich hätte lieber ein kurzes Frühstück gehabt. Der Großherzog aber stimmt für ein Abendessen. Er ist ein mit Literatur des 18. Jahrhunderts geölter Barbar, daß er in Paris noch an Abendessen glaubt! Also werde ich zum Sonntag hier drei oder vier Frauen und so etwa zehn Herren, originelle Typen, einladen, um ihn zu unterhalten. Du profitierst auch dabei. Du durchblätterst Paris in einem Excerpt ... Aber es ist eine furchtbar langweilige Geschichte!«

Bei dem mangelnden Interesse für sein Fest gab sich Jacintho auch keine besondere Mühe, ihm Glanz und Relief zu verleihen. Er bestellte nur eine Zigeunerkapelle (die Zigeuner und ihre scharlachnen Wämser, die herbe Melancholie der Csardas machten zu jener Zeit in Paris noch Eindruck) und ließ im Bibliothekzimmer das Theatrophon mit der Oper, mit der Comédie Française, mit dem Alcazar und mit den Buffi verbinden, um jedem Geschmack Rechnung zu tragen, von der Tragödie bis zur Posse. Am Sonntag besichtigten wir dann bei Anbruch des Abends beide die Abendtafel, die in dem antiken Silbergerät Don Galiaons erglänzte. Und die üppige Fülle der Orchideen, die das seidengestickte Tischtuch umrankten und sich an die Meißener Fruchtschalen klammerten, die in geschliffenem Kristall und Goldfiligran leuchteten, rief den Eindruck eines so feinen Luxus und Geschmacks hervor, daß ich murmelte: Caramba, gebenedeiet sei der Mammon!« Zum ersten Male auch bewunderte ich das Anrichtezimmer und seine bis ins kleinste vollendete Ausstattung – besonders die beiden Aufzüge, die aus den Tiefen der Küche heraufrollten, einer für Fische und Fleisch aller Art, das durch Rohre mit kochendem Wasser warm erhalten wurde; der andre, für Salate und Gefrorenes, war mit Kühlplatten versehen. O, diese 202!

Um neun Uhr indessen, als ich in das Kabinett Jacinthos herabkam, um meiner guten Tante Vicencia zu schreiben, während er mit dem Maniküren, der ihm die Nägel polierte, am Toilettentisch verblieb, erlitten wir in diesem blumengeschmückten, festgewandeten Wunderpalast einen höchst trivialen Alltagsschrecken! Alle elektrischen Lichter erloschen plötzlich. Bei meinem unendlichen Mißtrauen gegen jene Universalkräfte machte ich gleich einen Satz nach der Tür hin, stolperte im Dunkel umher und kläffte ein »Zu Hilfe!«, das bis nach Guiaens zu hören war. Oben schrie Jacintho aus Leibeskräften, während der Maniküre sich an seinen Frisiermantel aus japanischem Baumwollenstoff klammerte. Und dann glühte das Licht träge und langsam wieder auf, wie eine Sklavin, die schlurfenden Schrittes sich zur Ruhe begibt.

Mein Prinz aber, der aufgeregt und schreckensvoll herangekommen war, ließ einen Ingenieur von der Zentralgesellschaft der »Electricité Domestique« holen. Ein andrer Diener wurde der Vorsicht halber zum nächsten Krämer geschickt, um ein paar Dutzend Stearinlichter zu kaufen. Und Grillo ließ die in Schränken und Truhen eingesargt gewesenen Kandelaber und die schweren antiken Silberleuchter aus den so unwissenschaftlichen Zeiten Don Galiaons eine Auferstehung feiern: sie bildeten eine Reserve kräftiger Veteranen für den schrecklichen Fall, daß später beim Souper die nötigen Kulturkräfte schnöde versagen sollten. Der atemlos herbeigestürzte Elektrotechniker indes verschwor sich hoch und teuer, daß die Elektrizität sich treu und ohne weitere Launenhaftigkeit erweisen würde. Ich, als vorsichtiger Mann, steckte heimlicherweise ein paar Lichtstummel in die Tasche.

Und die Elektrizität erwies sich in der Tat treu und ohne Launen. Als ich aus meinem Zimmer herabkam, – spät, denn mir war die Ballweste abhanden gekommen, und erst nach wütendem Suchen und herzstärkendem Fluchen fand ich sie hinter dem Bett! – strahlte das ganze Haus in Lichterglanz, und die Zigeuner im Vorzimmer schüttelten ihren Haarschopf und entlockten ihren Geigen einen so schmachtenden und feurigen Walzer, daß die überlebensgroßen Figuren der Gobelins an den Wänden, Priamus, Nestor, der schlaue Odysseus, die ehrbaren Glieder reckten und die Füße hoben!

Schüchtern, lautlos und an den Manschetten zupfend drang ich bis zu Jacinthos Kabinett vor und wurde gleich vom Lächeln der Comtesse de Trèves empfangen, die in Begleitung des erlauchten Geschichtsschreibers Danjon (von der Akademie) voller Bewunderung die Apparate, die Instrumente, die ganze wunderbare Mechanik meines superzivilisierten Prinzen besichtigte. Nie war sie mir majestätischer erschienen als in dieser safranfarbenen Seidenrobe mit à la Marie Antoinette über der Brust gekreuzten Spitzen, das krause rote Haar in einer Rolle über der Herrscherstirn aufgebaut, während die gebogene Patriziernase das allzeit bereite, allzeit leuchtende Lächeln überdachte, wie ein Brückenbogen den gleißenden Lauf eines Baches überbrückt.

Gerade aufgerichtet, wie auf einem Thron, die langstielige Lorgnette aus Schildpatt vor den kleinen, graublauen Augen, lauschte sie erst vor dem Graphophon, dann vor dem Mikrophon wie einer Sphärenmusik den Kommentaren, die Jacintho mit peinlicher Liebenswürdigkeit hervorstammelte. Und vor jedem Rade, jeder Feder erneuerten sich Verwunderung und zierlich gedrechselte Lobpreisungen, in denen sie mit listiger Treuherzigkeit Jacintho alle diese Erfindungen der Wissenschaft zuschrieb. Die geheimnisvollen Gerätschaften, mit denen der Ebenholztisch angefüllt war, waren für sie eine Einrichtung, die sie völlig bezauberte. O, der Seitennumerierer! O, der Markenkleber! Das liebkosende Streicheln ihrer trockenen Finger erwärmte die Metalle. Und mit Inbrunst erbat sie sich die Adressen der Fabrikanten, um sich mit all diesen anbetungswürdigen Nützlichkeiten zu versehen. Wie doch das Leben mit diesen Ausrüstungen leicht dahin gleiten mußte! Aber man müsse notwendigerweise das Talent, den Geschmack Jacinthos haben, um auszuwählen, um zu »schaffen!« Und nicht allein meinem Freund (der ihn übrigens mit Ergebung hinnahm) wischte sie so Honig um den Mund. Indem sie mit dem Stiel ihrer Lorgnette den Telegraphen liebkoste, fand sie Gelegenheit, die Beredsamkeit des Geschichtschreibers ins beste Licht zu setzen. Selbst für mich (dessen Namen sie nicht wußte) bereitete sie neben dem Phonographen und betreffs der »Stimmen lieber Freunde, die festzuhalten ein süßer Trost ist,« eine fein abgerundete und glänzend schöne Schmeichelei, die mir einging wie ein himmlisches Bonbon. Wie eine gute Hühnermutter, die den hungrigen Kücken bei jedem Schritt mütterlich das Korn hinstreut, reichte sie der Eitelkeit andrer zarte Leckerbissen. Gierig auf ein weiteres Bonbon, folgte ich ihrer rauschenden safrangelben Schleppe. Vor der Zählmaschine, von der Jacintho ihr schon geduldig eine wissenschaftliche Erklärung gegeben hatte, blieb sie stehen. Und aufs neue ließ sie den Finger über die Löcher gleiten, aus denen die schwarzen Nummern hervorspähten, und flüsterte mit ihrem bezaubernden Lächeln: »Wunderbar, diese elektrische Druckpresse! ...«

»Nein, nein!« fiel Jacintho ein, – »das ist...«

Aber sie lächelte und schritt weiter ... Madame de Trèves hatte keiner einzigen Dissertation meines Prinzen Aufmerksamkeit geschenkt! In dem Prunksaal der Mechanik hatte sie sich ausschließlich, und zwar mit vollendetem Geschick und Erfolg, mit der Kunst zu gefallen beschäftigt. Ihr ganzes Wesen war eine einzige sublime Lüge. Ich verhehlte Danjon gegenüber nicht die Bewunderung, von der ich mich durchdrungen fühlte.

Der wohlberedte Akademiker rollte die Augäpfel:

»O! entzückend, gescheit, verführerisch! ... Und Sie sollten sehen, wie gut man bei ihr speist! Ein Kaffee! ... Eine außerordentliche Frau, mein verehrter Herr! Eine im wahrsten Sinne außerordentliche Frau!« Ich schwenkte sacht nach der Bibliothek ab. Gleich am Eingang dieser Stätte der Gelehrsamkeit, nahe dem Regal der Kirchenväter, wo ein paar Herren plaudernd zusammenstanden, hielt ich an, um den Direktor des »Boulevard« und den Psychologen des Weibes, den Verfasser des »Dreifachen Herzens« zu begrüßen, mit dem ich mich tags zuvor beim Frühstück in Nr. 202 angefreundet hatte. Er nahm meinen Gruß mit väterlichem Wohlwollen entgegen: und als wenn er meine Gesellschaft benötigte, so hielt er in seiner erlauchten, von Ringen funkelnden Hand mit Gewalt und Gier meine große Gebirglertatze fest. Alle diese Herren priesen tatsächlich laut und einmütig seinen Roman, den »Küraß«, der in dieser Woche unter Ausrufungen des Entzückens und begehrlichem Rascheln aufgeregter Frauenröcke auf den Buchmarkt geworfen worden war. Einer unter ihnen, mit einer aufgetürmten Haarfrisur à la Van Dyck – augenscheinlich eine Perücke –, erklärte laut und auf seinen Stiefelspitzen in die Höhe gereckt, daß nie zuvor die Senknadel der Experimentalpsychologie so tief in die alte Menschenseele gedrungen sei! Alle stimmten beifällig zu, umdrängten den Psychologen, nannten ihn »Meister«. Ich selbst, der ich nicht einmal den gelben Einband des »Küraß« von weitem gesehen hatte, aber auf den er die hungrigen, um mehr Honig bettelnden Augen richtete, flüsterte wie in einem leisen Pfeifen: »Entzückend!«

Und strahlend, mit feuchter Lippe, eingeklemmt in einen hohen Halskragen, um den sich eine Krawatte à la 1830 ringelte, bekannte der Psycholog in edler Bescheidenheit, daß er alle jene Seelen des »Küraß« mit »einiger Sorgfalt« nach Dokumenten, nach Stücken noch warmen blutkreisenden Lebens zergliedert habe. Und bei dieser Gelegenheit bemerkte Marizac, der Herzog von Marizac, mit einem Lächeln, schneidender als ein blitzendes Rasiermesser, und ohne die Hände aus der Tasche zu ziehen:

»Dennoch, Verehrtester, hat sich dies so gründlich studierte Buch eines sehr eigentümlichen, sehr sonderbaren Irrtums schuldig gemacht! ...«

Der Psycholog warf lebhaft den Kopf zurück:

»Eines Irrtums?«

»Wie ich sagte! Eines bei einem so erfahrenen Meister doppelt unerwarteten Irrtums!« ... Nämlich der glänzenden Liebhaberin im »Küraß«, einer Herzogin mit raffiniertem Geschmack, ein – Korsett aus schwarzem Atlas beizumessen! Dies Korsett, schwarz, aus Atlas, trete auf der schönen Seite der Seelenanalyse und der Leidenschaft auf, wo sie sich im Gemach des Ruy d'Alize entkleide. Und Marizac, die Hände beständig in den Taschen vergraben, appellierte todernst an die Umstehenden. Ob es glaubhaft sei, daß eine Frau, wie die Herzogin, ästhetisch, präraffaelitisch, die ihre Toiletten von Doucet, von Paquin, von den Schneidern von höchstem geistigen Verständnis beziehe, ein schwarzes Atlaskorsett trage?

Der Psycholog war verstummt, geschlagen, vernichtet! Marizac galt als hohe Autorität in Bezug auf die intimere Bekleidung von Herzoginnen, die sich nachmittags in Gemächern junger Leute aus idealistischen Instinkten und ungestillter Sehnsucht einer wunden Seele ... in Leibchen und weißen Unterkleidern ergehen! ... Uebrigens verurteilte der Direktor des »Boulevard« sogleich mitleidslos, mit erfahrungsgemäßer Entschlossenheit jenes Korsett, das nur noch in einem rückständigen Kramladen möglich sei, wo man noch danach hasche, die Wirkungen üppigen Fleisches durch schwarzen Atlas hervorzuheben. Und damit man mich nicht für unerfahren in herzoglichen Liebeshändeln und herzoglichem Luxus halte, stimmte auch ich, mir mit den Fingern durch die Haare fahrend, lebhaft bei:

»Allerdings, schwarz ... nur wenn sie etwa in tiefer Trauer gewesen wäre, vielleicht um den Vater!«

Der arme Meister des »Küraß« war unterlegen. Sein Ruhm eines Wissenden in weiblicher Eleganz war zerpflückt, und Paris würde den Verdacht hegen, daß er niemals in seinem Psychologenalkoven Gelegenheit gehabt habe zu beobachten, wie eine Herzogin ihr Korsett löste! In dieser Not strich er mit seinem Tuch über die von Herzensangst gedörrten Lippen und bekannte sich des Frevels schuldig, den er zerknirscht einer überstürzten Improvisation zuschrieb:

»Es war ein falscher Ton, ein absolut falscher Ton, der mir da entschlüpft ist! ... In der Tat! Es ist ja absurd, ein schwarzes Korsett! ... Schon wegen der Harmonie mit dem Seelenzustand der Herzogin hätte es lila sein müssen, oder vielleicht ein mattes Resedagrün mit einem Geriesel antiker Maliner Spitzen... Wunderbar, wie mir das hat passieren können! Um so mehr, als ich ein besonderes Merkbuch führe über dergleichen Zusammenkünfte!...«

In seiner bußfertigen Zerknirschtheit flehte er Marizac an, er möge doch überall, im Klub, in den Gesellschaftssälen, sein Bekenntnis verbreiten. Es wäre ein Fehler des fieberhaft arbeitenden Künstlers, der die Seelen zerwühlte und sich in den schwarzen Tiefen verirrt hatte. Er hätte dem Korsett nicht die gebührende Aufmerksamkeit zugewandt, hätte die Farben des Drinnen und Draußen vertauscht ... Und mit erhobenen, dem Direktor des »Boulevard« zugestreckten Armen rief er aus:

»Ich bin bereit zu rektifizieren, mein teurer Meister! In einem Interview zu rektifizieren! Schicken Sie mir einen Ihrer Redakteure ... morgen, um zehn Uhr! Wir machen eine Rektifikation, wir stellen die Farbe fest. Es liegt ja auf der Hand, es muß lila sein ... Schicken Sie mir einen Ihrer Leute, mein teurer Meister! Es bietet sich mir dadurch zugleich eine Gelegenheit, laut zu betonen, welche Dienste der ›Boulevard‹ den psychologischen und feministischen Wissenschaften geleistet hat!«

So flehte er, an das Bücherregal gelehnt, an die schweinsledernen Rücken der Kirchenväter! Und ich machte mich davon, da ich im Hintergrund der Bibliothek Jacintho bemerkte, der zwischen zwei Herren zappelte und sich sträubte.

Die beiden Männer gehörten Madame de Trèves an – der Gemahl, Graf de Trèves, ein Abkömmling der Könige von Candia, und der Liebhaber, der gefürchtete jüdische Banquier David Ephraim. Und mit so heißer Dringlichkeit bedrängten sie meinen Prinzen, daß sie mich nicht einmal erkannten, sondern mich beide mit einem schlaffen, flüchtigen Händedruck als »lieber Graf« begrüßten! In einem Augenblick, während ich dem Zitronenholztisch Zigarren entnahm, hörte ich, daß es sich um die »Aktiengesellschaft Birmanischer Smaragden« handelte, einer unheimlichen Gründung, die Millionen über Millionen verschluckte, und für die die beiden in gemeinsamen Börsen- und Alkoveninteressen Verbündeten seit Jahresbeginn den Namen, den Einfluß und das Geld Jacinthos umwarben. Spekulationssatt und mißtrauisch gegen jene in einem Tale Hinterindiens auszugrabenden Smaragden, hatte er bisher widerstanden. Und nun versicherte der Graf de Trèves, ein hagerer Mann mit ausgemergeltem Gesicht und struppigem, spärlichem Bart unter einer Stirn, so rund und gelb wie eine Melone, – daß der Prospekt, der die Größe des Unternehmens schilderte, einen Juwelenglanz aus »Tausend und eine Nacht« ahnen lasse. In erster Linie aber fordere diese Smaragdengräberei jeden gebildeten Menschengeist zur Teilnahme auf, wegen ihrer hohen kulturellen Bedeutung. Ein Strom occidentaler Ideen würde Birma überschwemmen, erziehen. Er selbst hätte die Leitung aus Patriotismus übernommen.

»Zudem ist es ein Geschäft in Juwelen, Kunst, Fortschritt, das in höheren Kreisen unter Freunden abgemacht werden muß ...«

Und von der andern Seite garantierte der gefürchtete Ephraim den Triumph des Unternehmens vermöge der mächtigen Teilnehmer, der Nagayers, der Bolsans, der Saccarts ... und strich dabei mit seiner kurzen fleischigen Hand über den schönen Bart, der krauser und schwarzer war als der eines assyrischen Königs.

Jacintho zog ermattet die Nase kraus:

»Aber sind wenigstens die nötigen Vorstudien gemacht? Ist das Vorhandensein der Smaragden erwiesen?«

Solche Naivität brachte Ephraim außer sich:

»Smaragden! Natürlich sind Smaragden vorhanden! ... Es sind stets Smaragden vorhanden, sobald Aktionäre vorhanden sind.«

Während ich noch die Größe dieses Axioms bewunderte, erschien atemlos und ein stark parfümiertes Taschentuch haltend einer der Intimen des Hauses, Antoine de Todelle, ein glatzköpfiger junger Mann von vielseitiger Begabung, der Kotillons anführte, Sänger aus dem Kaffeekonzert nachahmte, seltene Salate würzte, die Intriguen von ganz Paris kannte.

»Ist er schon angekommen? ... Ist der Großherzog schon da?«

Nein, Seine Hoheit war noch nicht erschienen. Und Madame de Todelle?

»Sie konnte nicht ... liegt auf dem Sofa ... hat sich ein Bein geschrammt.« »O!«

»Nichts von Bedeutung... Ist vom Fahrrad gefallen!«

Jacintho, sogleich interessiert:

»Ah, Madame de Todelle huldigt dem Radsport?«

»Sie lernt. Sie besitzt kein Rad ... Jetzt, zur Fastenzeit, hat sie mehr geübt, auf dem Rad des Paters Erneste, des Pfarrers von St. Joseph! Aber gestern, im Bois ... Kladderadatsch! Bein geschrammt. Hier.«

Und lebhaft zeichnete er mit dem Daumennagel an seinem eignen Schenkel die Schramme. Ephraim murmelte brutal und ernsthaft:

»Teufel! Gerade im besten Fleisch!« Aber Todelle hatte gar nicht auf ihn gehört, sondern war zum Direktor des »Boulevard« geeilt, der ihm entgegenging, langsam und fettwanstig, mit seinem schwarzen Monocle, das aussah wie ein aufgeklebtes Pflaster. Beide drückten sich gegen ein Bücherregal und flüsterten geheimnisvoll.

Jacintho und ich gingen darauf in das mit antikem Korduanleder bekleidete Billardzimmer, wo geraucht wurde. In der Ecke eines Diwans saß der große Dornan, der neuplatonische, mystische Poet, der spitzfindige Meister aller Rhythmen, in die Polster versenkt, einen der Füße auf den wohlgenährten Schenkel gelegt, wie eine indische Gottheit, zwei Westenknöpfe gelöst, das Doppelkinn auf dem weiten Kragenausschnitt, und sog an einer ungeheuren Zigarre. Neben ihm ein alter Herr, den ich noch nie in Nr. 202 angetroffen hatte, schlank, die weißen Locken hinter die Ohren zurückgestrichen, das Gesicht voll Reispuder, mit einem tiefschwarzen aufgezwirbelten Schnurrbart. Augenscheinlich hatte er soeben eine stark gewürzte Anekdote zum besten gegeben, denn Joban, der erste Theaterkritiker, lachte, vor dem Diwan stehend, daß die Glatze vor Vergnügen scharlachrot wurde; und ein sehr rothaariger Jüngling mit einem Papageiengesicht, ein Nachkomme von Coligny, schüttelte die kurzen Arme wie Flügel und krächzte: »Deliziös! Divin!« Der idealistische Poet allein verharrte unbewegt in finsterer Majestät. Bei unsrer Annäherung indessen ließ dieser Meister des vollendeten Rhythmus, nachdem er eine dichte Rauchwolke von sich geblasen und mich mit einem gewichtigen Heben und Senken der Augenlider begrüßt hatte, mit einer Stimme reichen, volltönenden Metalls sich also vernehmen:

»Es gibt noch Besseres, noch unendlich Besseres: Sie alle kennen Madame Noredal. Madame Noredal verfügt über ein Paar ungeheurer... Hüften ...«

Zum Unglück für die erbauliche Rede drang Todelle ins Billardzimmer und rief mit lautem Geschrei nach Jacintho. Die Damen wünschten mittels des Phonographen eine Arie der Patti zu hören. Mein Freund zuckte die Achseln in verhaltenem Mißmut:

»Arie der Patti... Was weiß ich! Alle diese Rollen sind durcheinander. Zudem funktioniert der Phonograph schlecht, oder gar nicht! Drei hab' ich, funktionieren tut keiner!«

»Schön!« rief Todelle heiter. »Dann sing' ich die »Pauvre fille« ... Das ist auch angemessener für das Abendessen! Oh, la pauv', pauv', pauv'...«

Er bemächtigte sich meines Armes und zerrte meine hochländische Schüchternheit nach dem welkrosenfarbenen Salon, allwo wie Göttinnen in einem auserwählten Kreise des Olymps Madame d'Oriol, Madame Verghane, die Prinzessin von Carman erstrahlten und eine andre blondhaarige, mit großen Brillanten in den dicken Haarsträhnen und mit so nackten Armen und so tief entblößten Schultern, daß ihr weißes Kleid mit Stickerei und Mattgold ein herabfallendes Hemd zu sein schien. Betroffen hielt ich Todelle zurück und fragte so leis ich konnte: »..Wer ist das?« Aber der Pläsiermacher war schon zu Madame d'Oriol gelaufen, mit der ein paar Herren in leichter Vertraulichkeit scherzten und lachten: der Herzog von Marizac und ein Jüngling mit maisfarbenem, flaumdünnem Bärtchen, der sich zierlich auf den Füßen schaukelte, wie ein Kornhalm im Winde. Und ich rieb, am Klavier gestrandet, mir langsam die Hände und knetete an meiner Verlegenheit, als Madame Verghane sich vom Sofa erhob, wo sie mit einem alten Herrn, der das St. Andreas-Großkreuz trug, geplaudert, und klein und dick, von ihrer schweren, schwarzgrünen Sammetschleppe gefolgt, über den Teppich glitt. So fein war die Linie, die unter dem vollen, perlmutterglänzenden Busen die Taille markierte, daß ich fürchtete, sie mochte bei ihrem langsam wogenden Gehen in der Mitte auseinanderbrechen. Ihre schönen tiefschwarzen Haarsträhne bedeckten vollständig die Ohren; und in der großen Goldspange, die sie umschloß, funkelte ein Stern von Brillanten, wie auf der Stirn der Engel von Botticelli.

Ohne Zweifel auf Grund meiner Autorität in Nr. 202 ergoß sie im Vorbeigehen über mich ein Lächeln, das ihre feuchten Augen noch schmachtender machte, und flüsterte:

»Der Großherzog kommt doch ganz sicher?«

»O ganz sicher, meine Gnädigste, zum Fisch!«

»Zum Fisch?«

Da erbrauste gerade im Vorzimmer in triumphierenden Trommelwirbeln und Bogenstrichen der Rakoczymarsch. Er war's! Im Bibliothekzimmer meldete unser Majordomus mit weitschallender Stimme: »Seine Hoheit der Großherzog Kasimir!«

Unter dem Vorantritt Jacinthos trat der Großherzog auf. Ein breitschultriger Mann mit schon ergrautem Spitzbart, ein wenig kahlköpfig. Einen Augenblick lang blieb er zögernd stehen, mit langsamem Schwanken auf seinen kleinen, mit flachen Schuhen bekleideten Füßen, die fast unter den weiten Beinkleidern verschwanden. Dann trat er schwerfällig und lächelnd näher, um den Damen die Hand zu drücken, die in Sammet und Seide zu tiefen Hofknicksen untertauchten. Und dann klopfte er mit liebenswürdiger Leutseligkeit Jacintho auf die Schulter:

»Wie ist's mit dem Fisch? Nach dem Rezept zubereitet, das ich Ihnen geschickt habe, he?«

Ein Gemurmel Jacinthus beruhigte Seine Hoheit.

»Ein Glück, ein Glück!« rief er mit seiner Kommandostimme. »Ich habe nämlich nicht zu Mittag gegessen, absolut nicht zu Mittag gegessen! Man speist ja jetzt ganz jämmerlich bei Joseph. Aber warum geht man eigentlich überhaupt noch zu Joseph zum Speisen? Jedesmal, wenn ich nach Paris zurückkomme, frage ich: ›Wo speist man jetzt?‹ Bei Joseph! ... Dummes Zeug! Da speist man gar nicht! Heut zum Beispiel, Schnepfen ... Eine wahre Pest! Er hat keinen blauen Dunst von Schnepfe.«

Seine bläulichen Augen, von jenem ungewissen Graublau, funkelten, weitaufgerissen vor Empörung.

»Paris verliert mehr und mehr seine Ueberlegenheit. Man kann schon nicht mehr anständig speisen!«

Die Herren in der Runde stimmten trostlos zu. Der Graf de Trèves verteidigte Bignon, wo man noch an edlen Ueberlieferungen festhalte. Und der Direktor des »Boulevard«, der sich völlig an Seine Hoheit herangeschlängelt hatte, schrieb die Dekadenz der französischen Küche der Republik zu, dem demokratischen gemeinen Geschmack an der Wohlfeilheit.

»Bei Paillard, trotz alledem ...« begann Ephraim.

»Bei Paillard!« schrie der Großherzog dazwischen. »Aber seine Burgunder sind miserabel! Miserabel! Miserabel!«

Er ließ rat- und mutlos Arme, Schultern und Nase hängen. Dann schritt er in seinem langsamen, schaukelnden Gang, der an den eines alten Lotsen erinnerte, und indem er die Knopflochseite seines Fracks ein wenig zurückwarf, auf Madame d'Oriol zu, die völlig Blitze strahlte, aus dem Lächeln, den Augen, den Juwelen, aus jeder Falte ihrer lachsfarbenen Seidentoilette. Aber kaum fing das blendende, geschmeidige Geschöpf an zu zwitschern, wobei sie ihren Fächer wie in fröhlichem Flügelschlag auf und nieder bewegte, als Seine Hoheit den Theatrophon-Apparat gewahrte, der inmitten eines Blumenarrangements auf einem Tische stand.

»In Verbindung mit dem Alcazar? ... Das Theatrophon?« rief er, zu Jacintho gewandt.

»Gewiß, Monseigneur!«

Famos! Sehr chic! Es hatte ihm leid getan, die Guilbert nicht in der neuen Chansonette, die »Casquettes«, hören zu können. Halb zwölf! Gerade die Stunde, wo sie im letzten Akt der »Revue Electrique« sang... Er hob die beiden Hörrohre des Theatrophons an die Ohrmuscheln und verharrte regungslos mit einer strengen Falte auf der harten Stirn. Plötzlich, in starkem Kommandoton:

»Da ist sie! Scht! hört! ... Das ist sie! Kommt alle! Prinzeß Carman, hierher! Alle! Das ist sie! Scht...«

Da Jacintho verschwenderischerweise zwei Theatrophone aufgestellt hatte, jedes mit zwölf Drähten, so drängten sich alle jene Damen, alle Herren herzu, um gehorsam ein Hörrohr dem Ohr zu nähern und unbeweglich sich in den Genuß der »Casquettes« zu versenken. Und in dem ganzen welk-rosenfarbenen Salon, im Schiff der Bibliothek, wo sich ein hehres Schweigen verbreitete, war ich der einzige, der, müßig die Hände in den Taschen, vom Theatrophon ausgeschlossen war.

An der Monumentaluhr, die die Zeit aller großen Städte und die Bewegung aller Wandelsterne angab, schlief der Zeiger inmitten seines schmiedeeisernen Spitzenzierats ein. Ueber die regungslos lauschende Nacktheit jener Schultern und Nacken schimmerte das elektrische Licht mit der Trostlosigkeit Eis gewordenen Sonnenscheins. Und aus jedem lauschenden Ohr hing ein schwarzer Draht, wie ein Darm, hervor. Dornan, über den Tisch hingegossen, hatte, wie ein feister Mönch in Meditation, die Lider geschlossen. Der Historiker der Herzoge von Anjou, mit dem Hörrohr in den zarten Fingerspitzen, die spitze und trübselige Nase erhoben, erfüllte eine Höflingspflicht. Madame d'Oriol lächelte schmachtend, als flüstere ihr der Draht Liebesworte ins Ohr. Um das Blut in meinen eingeschlafenen Gliedern wieder in Kreislauf zu bringen, wagte ich einen schüchternen Schritt. Aber ein strenges »Scht!« des Großherzogs strafte mein Wagnis alsobald. Ich wich hinter die Fenstervorhänge zurück, um meine Müßigkeit in Sicherheit zu bringen. In einiger Entfernung vom Tisch biß der Psychologe des »Küraß« an seinem langen straffgespannten Draht in der Anstrengung des Lauschens sich die Lippe wund. Das Wohlbehagen Seiner in die Polster eines bequemen Lehnstuhls versenkten Hoheit ließ nichts zu wünschen übrig. Neben ihm wogte, wie eine weißschaumige Welle, Madame Berghanes voller Busen. Und mein armer Jacintho neigte sich in gewissenhafter Anwendung so traurig über das Theatrophon, als wäre es ein offenes Grab.

Wie ich so diese Wesen einer hohen Kultur betrachtete, wie sie in andächtigem Schweigen die schlüpfrigen Couplets schlürften, die ihnen die Guilbert vorquäkte, unter dem Boden von Paris hin, durch die in Abzugkanäle versenkten, an die Sielleitung angeklammerten Drähte hindurch, da kam mir mein im Schlaf ruhendes Heimatsdorf in den Sinn. Die Mondsichel, die, einen Stern im Gefolge, da zwischen Gewölk über die Dächer und die schwarzen Schornsteine der Champs-Elysées dahin floh, schwebte auch, leuchtender und sanfter, über den Kiefernwaldungen. In der Ferne quakten die Frösche im Pego da Dona. Die St. Joaquims-Klause schimmerte in lichter Weiße auf dem Berggipfel...

Eine der Damen flüsterte:

»Aber das ist doch nicht die Guilbert!«

Und einer der Herren:

»Es scheint ein Kornett zu sein...«

»Jetzt wird geklatscht...«

»Bewahre, das ist Paulin!«

Der Großherzog stieß ein zorniges »Scht!« hervor... Im Hofe unsers Hauses bellten die Hunde. Von jenseit des Baches antworteten die Hunde des Joan Saranda. Wie fand ich mich nur auf einmal beim Abstieg einer Waldschlucht, unter Gezweig, das sich über mir zum Dach wölbte, mit meinem Bergstock auf der Achsel?... Und durch die Seide der Vorhänge fühlte ich eine feine, weiche Luft streichen, ich atmete den Duft der am Herdfeuer knisternden und knackenden Tannenzapfen, ich empfand die wohlige Wärme der hinter hohen Hecken liegenden Stallungen und hörte das einlullende Murmeln des Mühlbachs...

Ich wurde aus meinen Träumen aufgeschreckt durch einen Lärm, der weder aus dem Hofe, noch aus dem Dunkel kam. Der Großherzog hatte sich erhoben, er zuckte wütend die Achseln:

»Nichts ist zu hören!... Nur Gekreisch! Und ein Gesumme! Wie ärgerlich!... Denn so was Schönes hört man nicht leicht, wie die Chansonnette:

Oh les casquettes,
Oh les casque-e-et-tes!...

Alle ließen die Drähte sinken erklärten einmütig die Guilbert entzückend. Da schlug der gebenedeite Majordomus weit die Flügeltüren zurück und meldete:

»Monseigneur est servi«

Bei Tisch, der wegen seines Orchideenschmucks der lärmenden Lobpreisungen Seiner Hoheit für wert befunden wurde, erhielt ich meinen Platz zwischen dem ätherischen Poeten Dornan und jenem blondflaumigen Jüngling, der wie ein Kornhalm im Winde schwankte. Nachdem Dornan seine Serviette entfaltet und mit behaglichem Schmunzeln über die Kniee gebreitet hatte, entfesselte er von seiner Uhrkette einen ungeheuren Kneifer, um das Menü zu studieren,– das er billigte. Dann neigte er sein feistes Apostelgesicht zu mir:

»Dieser 1834er Portwein hier bei Jacintho ist vermutlich authentisch... was?«

Ich versicherte dem Meister der Rhythmen, daß der Portwein in den klassischen Kellern des Großvaters Galiaon alt geworden wäre. Er strich in methodischer Vorbereitung die langen, dichten Fäden des Schnurrbarts zurück, die ihm die wulstigen Lippen bedeckten. Die Aufwärter servierten eine kalte Kraftbrühe mit Trüffeln. Und der maisfarbene Jüngling, der seinen blauen, sanften Blick hatte über den Tisch schweifen lassen, flüsterte, wie in lachender Trostlosigkeit:

»Wie schade!... Es fehlt hier nur noch ein General und ein Bischof!« In der Tat! Alle herrschenden Klassen verspeisten in diesem Augenblick meines Jacinthos Trüffeln... Aber gegenüber ließ Madame d'Oriol ihr silbernes Lachen ertönen, in dem mehr Gesang war als im Zwitschern eines Vogels. Der Großherzog hatte in einer Orchideenranke, die sein Gedeck umsäumte, eine Blüte wahrgenommen, die in ihrer düsteren Garstigkeit einem grünlichen Skorpion glich, mit blanken Flügeln, wulstig und giftgeschwollen; und mit verbindlicher Courtoisie hatte er das Ungetüm Madame d'Oriol dargeboten, die es unter zwitscherndem Lachen feierlich an den Busen steckte. So an dieser glatten, rahmweißen Haut liegend, blähte sich der Skorpion mit erzitternden Flügeln noch grüner auf. Aller Augen entbrannten und hefteten sich auf den schönen Hintergrund, dem die mißgestalte, giftfarbene Blume noch mehr Reiz und Würze verlieh. Sie strahlte, feierte Triumphe. Mit gerunzelter Stirn neigte sich Jacintho über seinen leeren Teller.

Unterdessen kam der semmelblonde Jüngling auf seine sonderbare Kümmernis zurück. Keinen General mit seinem Degen und keinen Bischof mit seinem Krummstab zur Hand zu haben!...

»Aber warum denn, Verehrtester?«

Er machte eine weiche Handbewegung, bei der alle seine Ringe blitzten:

»Für eine Dynamitbombe... Wir haben hier einen solch wundervollen Blütenstrauß der Zivilisation, mit einem Großherzog in der Mitte. Stellen Sie sich vor, es würde eine Dynamitbombe zur Tür hereingeworfen!... Welch schönes Ende eines Abendessens an der Jahrhundertwende!«

Und da ich ihn verdutzt anstarrte, erklärte er, während er Château d'Yquem schlürfte, die einzige Erregung, die noch einen Kitzel verursachen könne, sei:

die Zivilisation zu vernichten. Weder die Wissenschaft, noch die Kunst, noch das Geld, noch die Liebe wäre mehr im stande, unfein übersättigten Seelen einen vollen und wirklichen Genuß zu gewähren. Alles Vergnügen, das man aus dem Schaffen gezogen, sei erschöpft. Es bliebe demnach heute nichts mehr übrig, als der göttliche Genuß, zu zerstören!

Er entrollte noch andre Ungeheuerlichkeiten mit hellem Lachen in den hellen Augen. Aber ich gab nicht länger acht auf den niedlichen Superklugen, da mich eine andre Sorge in Anspruch nahm: ich hatte bemerkt, daß ringsum plötzlich die ganze Bedienung gestockt hatte, wie im Märchen vom Dornröschen. Und das nun fällige Gericht war der famose Fisch aus Dalmatien, der Fisch Seiner Hoheit, der Fisch, um dessentwillen das Fest gegeben wurde. Jacintho zerdrückte nervös eine Blume zwischen den Fingern. Und alle Aufwärter verschwunden!

Glücklicherweise erzählte der Großherzog eine Jagdgeschichte aus dem Gehege Sarvan, wo eine Dame, die Frau eines Banquiers, Plötzlich ganz blaß vom Pferde gesprungen sei, um ... doch wir sollten nie erfahren, warum und wozu die Banquiersfrau abgesessen war; denn eben erschien der Haushofmeister. schweißrieselnd, und stammelte Jacintho eine Mitteilung ins Ohr, worauf dieser sich zornig auf die Lippe biß. Der Großherzog war verstummt. Alle sahen sich in heiterer Verblüffung an. Da erzwang mein Prinz mit Heldenmut ein blasses Lächeln:

»Meine werten Freunde, es ist ein Malheur passiert...«

Dornan fuhr auf seinem Stuhl in die Höhe:

»Feuer?«

Nein, Feuer war nicht ausgebrochen. Der Speisenaufzug war unerwartet, als der Fisch Seiner Hoheit aufsteigen sollte, in Unordnung geraten und saß nun unbeweglich eingekeilt.

Der Großherzog schleuderte die Serviette von sich. Seine ganze Höflichkeit sprang ab, wie schlecht aufgelegter Glasschmelz:

»Na, das gesteh' ich!... Ein Fisch, der mir so viel Mühe gekostet hat! Warum zum Teufel sitzen wir hier beim Abendessen? Welche Narrheit! Und warum hat man ihn nicht einfach auf der Hand herausgetragen? Gestrandet! Das will ich sehen! Wo ist das Anrichtezimmer?«

Und wütend drang er in das Anrichtezimmer, von dem stolpernden Haushofmeister geführt, der vor diesem zermalmenden großherzoglichen Zorne den Kopf in die Schultern duckte. Jacintho folgte wie ein Schatten, von dem Kielwasser Seiner Hoheit getragen. Auch ich konnte mich nicht zurückhalten, ich stürzte ebenfalls in das Anrichtezimmer, um den Schaden zu betrachten, während Dornan sich klatschend auf den Schenkel schlug und verlangte, man solle ohne den Fisch speisen.

Da stand der Großherzog über den finsteren Schacht des Speisenaufzugs gebeugt, in den er eine Kerze versenkte, die sein schon stark gerötetes Gesicht noch mehr erglühen ließ. Ich spähte über seine durchlauchtigste Schulter hinab. Da unten leuchtete aus dem Dunkel, auf einer breiten Planke, der großherzogliche Fisch, der noch dampfend zwischen Zitronenscheiben auf einer Schüssel lag. Jacintho mißhandelte, weiß wie seine Krawatte, verzweifelt die komplizierte Federvorrichtung des Aufzugs. Jetzt gab der Großherzog selbst mit seinen behaarten Fäusten den Tauen, in denen er lief, einen furchtbaren Ruck. Vergebens! Der Apparat verharrte in der Regungslosigkeit ewigen Erzes.

Seidenkleider rauschten am Eingang des Anrichtezimmers. Es war Madame d'Oriol, und hinter ihr Madame Berghane, mit blitzenden Augen und der ganzen Neugier für dies unvermutete Ereignis, das den Fürsten so in Harnisch versetzt hatte. Marizac, unser Intimus, erschien auch auf dem Plan und schlug lachend eine Talfahrt in den Schacht mittels Grubenleitern vor. Dann bückte sich der Psychologe über den gähnenden Schlund, psychologierte und legte dem Fisch, der sich uns so böswillig versagte, allerlei ränkevolle Absichtlichkeiten unter. Und einem jeden zeigte der Großherzog, scharlachrot im Gesicht, mit tragischem Finger in der Tiefe der Höhle seinen Fisch! Alle senkten den Kopf hinein und seufzten: »Da ist er!« Todelle wäre in seiner Hast um ein Haar abgestürzt. Der Papageien-Nachkomme Colignys schlug mit den Flügeln und kreischte: »O, welchen Duft er ausströmt, welche Wonne!«

In dem vollgepfropften Anrichtezimmer streiften die nackten Schultern der Damen die Livreen der Lakaien. Der reisgepuderte alte Herr geriet mit dem Fuß in einen Eimer mit Eis und schrie, als stecke er am Spieß. Und über allen schwebte die betrübte Hakennase des Historikers der Herzoge von Anjou.

Plötzlich hatte Todelle eine Eingebung:

»Aber das ist doch ganz einfach. Wir müssen den Fisch angeln!«

Der Großherzog gab seinem Schenkel einen triumphierenden Klaps. Natürlich! Den Fisch angeln! Und im Vorgeschmack dieser seltenen und neuen Kurzweil verflog sein Zorn, er wurde wieder der liebenswürdige Fürst von bezaubernder Artigkeit, der die Damen einlud, sich zu setzen, um dem wunderbaren Fischzug beizuwohnen. Er selbst würde der Angler sein. Man hätte zu dieser unterhaltenden Heldentat nichts weiter nötig, als einen Spazierstock, eine Leine und einen Haken. Augenblicklich offerierte Madame d'Oriol bereitwilligst eine ihrer Haarnadeln. Während wir sie dicht umdrängten, ihren Duft einsogen, die Wärme ihrer Haut fühlten, priesen wir laut diese liebenswerte Opferbereitschaft. Und der Psycholog proklamierte, daß niemals mit göttlicherer Angel gefischt worden sei!

Als zwei bestürzte Lakaien mit einem Stock und einem Bindfaden zurückkamen, hatte schon der Großherzog strahlend die Haarnadel zur Angel gebogen. Jacintho hob mit leichenblasser Ruhe eine Lampe über das gähnende Dunkel des Schachtes. Und die ernsteren Männer, der Historiker, der Direktor des »Boulevard«, der Graf Trèves, der Mann mit dem Van-Dyck-Kopf, lächelten, an der Tür zusammengedrängt, in huldigender Teilnahme der Phantasie Seiner Hoheit Beifall. Madame de Trèves ihrerseits unterwarf die Einrichtung des Anrichtezimmers einer gelassenen und eingehenden Musterung. Nur Dornan hatte sich nicht von der Tafel erhoben, sondern saß, die geballten Fäuste auf dem Tischtuch, den fetten Hals eingezogen, in der verhaltenen Wut eines wilden Tieres, dem man die Fleischration entrissen hat.

Unterdessen angelte Seine Hoheit mit Inbrunst. Aber vergeblich! Der stumpfe, beutelose Haken baumelte am Ende der schlaffen Schnur und faßte den Fisch nicht.

»O Jacintho, heben Sie das Licht hoch!« schrie er, aufgeblasen und schweißrieselnd. »Höher! ... Jetzt! Jetzt! Nun ist er am Kiemen! Nur am Kiemen kann der Haken fassen! Jetzt... ja Kuchen! Donnerwetter! Er faßt nicht!«

Er zog den Kopf aus dem Schacht, um ärgerlich sich zu verschnaufen. Es war nicht möglich! Nur Zimmerleute mit Hebeln! ... Und alle riefen wir dann eifrig, man solle doch den Fisch Fisch sein lassen!

Der Fürst schlenkerte lachend die Hände und stimmte zu, daß es schließlich »unterhaltender gewesen sei, ihn zu angeln, als ihn zu essen«. Und die elegante Schar, die das Anrichtezimmer überflutet hatte, ebbte eifrig in den Speisesaal zurück, unter den Klängen eines Straußschen Walzers, den die Zigeuner in Bogenstrichen von schmachtender Inbrunst geigten. Nur Madame de Trèves verweilte noch und hielt meinen armen Jacintho zurück, um ihm zu versichern, wie sehr sie die Einrichtung seines Anrichtezimmers bewundere... O, vollendet! Welche Lebensauffassung! Welch seines Verständnis für Komfort!

Seine Hoheit stürzte, erhitzt von der Anstrengung, zwei große Gläser Château-Lagrange hinunter. Alle huldigten ihm als genialem Angler. Und die Aufwärter servierten den »Baron de Pauillac«, ein in der Seemarsch gemästetes Lamm, das, unter nahezu geheiligten Riten zubereitet, diesen großen volltönenden Namen annimmt und damit in den französischen Adelsstand tritt.

Ich aß mit dem Appetit eines homerischen Helden. In meinem und Dornans Glase schäumte und glitzerte ohne Unterlaß der Champagner wie ein Wildwasser bei der Schneeschmelze. Als man Ortolane in Gelee reichte, die im Munde zergingen, flüsterte mir der göttliche Poet als besonderen Leckerbissen sein erhabenes Sonett »An die heil. Klara« zu. Und wie von der andern Seite der semmelflaumige Jüngling auf der Vernichtung des Erdballs bestand, so stimmte ich auch hier zu. So schlürften wir den zu Eis verdickten Champagner und verdammten dabei das Jahrhundert der Zivilisation, alle stolzen Errungenschaften der Wissenschaft!

Das Fest endete. Ich entsinne mich noch dunkel, daß wir, Jacintho und ich, dem Großherzog, der sehr rot und sehr unsicher auf seinen kleinen Füßen war, um drei Uhr morgens im Vorzimmer in den Pelz halfen, wobei er ständig die Aermel verfehlte, und daß er meinen Freund mit zärtlicher Dringlichkeit einlud, ihn zur Jagd auf seinen Gütern in Dalmatien zu besuchen.

»Ich danke meinem lieben Jacintho eine prächtige Angelpartie; ich möchte, daß er mir eine schöne Jagdpartie zu danken habe!«

Und während wir ihn durch die spalierbildenden Aufwärter hindurch die Treppe hinunter geleiteten, wo der Haushofmeister ihm mit hocherhobenem dreiarmigem Leuchter voranschritt, wiederholte Seine Hoheit mit zäher Beharrlichkeit:

»Eine schöne Jagdpartie... Und auch Fernandes muß dabei sein! Guter Fernandes, Zé Fernandes! Famoses Souper, mein Jacintho! Der ›Baron de Pauillac‹ einfach göttlich!... Ich glaube, den müssen wir zum Herzog ernennen ... der Herr Herzog von Pauillac! Noch einen Happen von der Keule des Herrn Großherzog von Pauillac! Hahaha! ... Kommen Sie nicht mit heraus! Erkälten Sie sich nicht!«

Und aus der Tiefe seines Coupés rief er noch im Fortrollen:

»Den Fisch, Jacintho, machen Sie den Fisch wieder flott! Vorzüglich zum Frühstück, kalt, mit Petersiliensauce!«

Wie wir müde wieder die Stufen hinaufkletterten, in einer von Champagner und Schlaf herrührenden Schlaffheit, die mir die Augen zudrückte, bemerkte ich zu meinem Prinzen:

»War recht amüsant, Jacintho! Ein Prachtweib, diese Berghane! Nur schade, daß der Aufzug...«

Und Jacintho, mit hohlem Ton, der zugleich Gähnen und Stöhnen war:

»Was für ein mopsiger Abend! Und alles schlägt fehl!«

Drei Tage nach diesem Fest in Nr. 202 erhielt mein Prinz unvermutet eine Nachricht von Bedeutung aus Portugal. Ueber sein Landgut und den Herrensitz von Tormes sowie über die ganze Serra war ein zerstörender Sturm mit Hagel und Regengüssen hingegangen. Infolge des starken Regenfalles »oder aus andern Ursachen, die die Sachverständigen ermitteln werden« (wie der Sachwalter Silverio in seinem kummervollen Briefe sagte), hatte sich ein Felsstück, das terrassenförmig über dem Valle da Carrica hing, gelöst und die alte Kirche mit weggerissen, ein ländliches Kirchlein aus dem sechzehnten Jahrhundert, wo Jacinthos Vorfahren seit den Zeiten des Königs Emanuel eingesargt lagen. Die ehrwürdigen Gebeine dieser verflossenen Jacinthos ruhten nun verschüttet unter einem formlosen Haufen Erde und Gestein. Silverio hatte schon mit den Gutsarbeitern angefangen, die »kostbaren Ueberreste« aus dem Schutt auszugraben. Aber nun wartete er sehnsüchtig auf die Befehle Seiner Gnaden ...

Jacintho war voll Bestürzung erblaßt. Dieser alte Berglandsboden, so hart und fest seit der Gotenzeit, wich plötzlich, stürzte ein! Jene Grabstätten voll frommen Friedens waren mit Gekrach in Sturm und Finsternis in schwarze Tiefen hinabgestürzt, jene Gebeine, die alle einen Namen, ein Datum, eine Geschichte aufwiesen, waren nun zu einem Schutthaufen vermengt!

»Sonderbar, sonderbar!«

Und die ganze Nacht hindurch fragte er mich aus über die Serra und über Tormes, das ich von klein auf kannte, da der alte Herrensitz mit seiner vornehmen Allee hundertjähriger Buchen sich kaum zwei Meilen weit von unserm Hause erhob, an dem alten Wege von Guiaens zur Bahnstation und zum Flusse. Der Häusler von Tormes, der gute Melchior, war ein Schwager unsers Verwalters der Roqueirinha – und oftmals, seitdem ich mit Jacintho vertraut geworden, war ich in das stattliche Granithaus getreten und hatte das in den widerhallenden Sälen aufgeschüttete Korn abgeschätzt und den Wein der letzten Ernte in den ungeheuren Kellern gekostet.

»Und die Kirche, Zé Fernandes? Bist du in der Kirche gewesen?«

»Niemals ... Aber sie war malerisch, mit einem viereckigen Türmchen, ganz schwarz, wo seit vielen Jahren eine Storchenfamilie nistete... Welch ein Ungemach für die Störche!«

»Seltsam!« murmelte mein Prinz abermals voll böser Vorahnung.

Dann telegraphierte er an Silverio, er solle das Tal vom Schutt freilegen, die Gebeine sammeln, die Kirche wieder aufbauen; und für dies fromme Werk könne er Geldsummen verwenden, ungemessen, wie die Wasser eines breiten Stromes.

Unterdessen entschloß sich Jacintho, in Verzweiflung über so viel niederdrückendes Mißgeschick – Wasserrohre, die sich ablöteten; Aufzüge, die eigensinnig stecken blieben; elektrisches Licht, das zur Unzeit verlosch – mit mutigem Entschluß, den letzten Widerstand der Materie und der Naturkraft durch neue und mächtigere Anhäufung von Mechanismen zu besiegen. Und so schütterte in jenen Apriltagen, während in Guiaens die Rosen knospeten, unser erregtes Haus in der Reihe der still in der Sonne faulenzenden Paläste der Champs-Elysées, unaufhörlich von rohem Steinklopfen, von schallendem Hämmern, wobei eine Wolke von Kaltstaub und Accordarbeit es erfüllte. In den schweigenden Korridoren, wo es mir sonst eine süße Gewohnheit gewesen war, vor dem Frühstück eine nachdenkliche Zigarre zu rauchen, kreisten jetzt seit Tagesanbruch Gruppen von Arbeitern in weißen Blusen, die den »Petit-Bleu« pfiffen und meine zögernden Schritte verschüchterten, wenn ich in Schlafrock und Pantoffeln mich zum Badezimmer oder andern zurückgezogenen Gemächern zu einsamer Betrachtung und stiller Sammlung begab. Kaum hatte man mit sachverständigem Geschick ein die Türen verbarrikadierendes Gerüst überklettert, – gleich stolperte man über einen Haufen Planken, einen Korb mit Handwerksgerät oder einen ungeheuren Kübel voll Maurerkalk. Und die Stücke aufgerissenen Fußbodens zeigten trübselig wie in einem geöffneten Leichnam das ganze Innere von Nr. 202, das Skelett, die empfindlichen Drahtnerven, die schwarzen gußeisernen Eingeweide. Jeden Tag hielt vor der Einfahrt irgend ein schwerfälliger Blockwagen, von dem die Diener in Hemdärmeln große Holzkisten und Ballen in Segeltuch abluden, die in einer asphaltierten Halle hinten im Garten, hinter der Fliederhecke geöffnet wurden. Und ich ging, von meinem Prinzen aufgefordert, hinunter, um eine neue Maschine zu bewundern, die uns das Leben erleichtern würde, indem sie auf sicherere Weise unsre Herrschaft über die Substanz festlegte. Während der heißen Tage, die sich nach Himmelfahrt fühlbar machten, erprobten wir hoffnungsvoll drei zur Kühlung der Mineralwasser, des Sodawassers und der leichten Medocweine bestimmte Eisbehälter nacheinander, die voll zerstörter Illusionen im Anrichtezimmer successive aufgestapelt wurden. Mit den ersten Erdbeeren erschien ein kleines, pfiffiges Instrumentchen auf dem Plan, um ihnen zart die Stiele auszureißen. Darauf erhielten wir ein andres, sehr interessantes, aus Silber und Kristall, zum frenetischen Umrühren von Salaten aller Art; und das erste Mal, wo ich es probierte, spritzte der ganze Essig meinem Prinzen in die Augen, so daß er mit wildem Geheul davonstob! Aber durch solche Kleinigkeiten ließ er sich nicht abschrecken ... Bei mehr elementaren Vorrichtungen, um eine Kraftäußerung zu erleichtern oder zu verschnellern, griff Jacintho auf die Dynamik zurück. Und so knöpfte er sich jetzt zum Beispiel mittels einer Maschine die Unterhosen zu.

Bei alledem, sei es nun in Uebereinstimmung mit seiner Idee oder unter dem Despotismus der Gewohnheit, hörte er nicht auf, neben der aufgehäuften Mechanik auch Gelehrsamkeit aufzuhäufen. O, die Bücherüberschwemmung in 202! Einzeln, paarweis, in Paketen, in Kisten, dünn- und dickleibig, mit Autorität vollgepfropft, in plebejische gelbe Pappdeckel gehüllt oder in Maroquin und Gold gebunden, überfluteten sie in ununterbrochenem Strom durch all die breiten Türen die Bibliothek, wo sie sich auf dem Teppich ausdehnten, sich auf den weichen Stühlen breit machten, sich auf den schweren Tischen auftürmten und besonders an den Fenstern in gierigen Haufen emporkletterten, als wenn sie, erstickt durch die eigne Menge, beklommen nach Raum und Luft strebten. In dem gelehrten Schiff, wo kaum ein paar höher gelegene Fensterscheiben frei geblieben waren, lagerte allezeit ein gedankenvolles Oktoberdämmern, während draußen der Junitag leuchtete. Die Bibliothek floß über durch das ganze Haus! Man konnte keinen Schrank öffnen, ohne daß einem haltlos ein Bücherhaufen daraus entgegenstürzte. Zog man einen Vorhang zurück, so stieg dahinter ein starrer Haufen Bücher empor. Maßlos aber war meine gerechte Empörung, als ich eines Morgens, wo ich ungewöhnlich eilig und die Hände statt der Hosenträger benutzend, die Tür zum ... Sitzungszimmer öffnen wollte, sie durch eine über alle Maßen umfangreiche Kollektion »Soziale Studien« versperrt fand.

Mit noch größerer Erbitterung aber erinnere ich mich an jene historische Nacht, wo ich, von einem Spaziergang nach Versailles gerädert und schlapp, mit verstaubten und halb eingeschlafenen Lidern zurückkehrend, von meinem Bett fluchend ein schreckliches technisches Wörterbuch in siebenunddreißig Bänden herunterschmeißen mußte! Damals empfand ich in allerhöchstem Grade den Ueberdruß am Buche! Während ich mit Püffen und Stößen die Kissen wieder lockerte, verwünschte ich den Buchdruck, die menschliche Beredsamkeit ... Und schon hatte ich mich ausgestreckt und war im Begriff, einzuschlafen, als ich – fast hätte es mich die kostbare Kniescheibe gekostet! – gegen den Rücken eines Bandes stieß, der spitzbübisch sich zwischen Wand und Matratze eingebettet hatte. Wütend und mit wildem Fluch packte ich den unverschämten Band, schleuderte ihn fort..., dabei fiel eine Wasserkanne zu Boden und überschwemmte den kostbaren Daghestanteppich. Und ich weiß nicht einmal, ob ich nachher eingeschlafen bin – weil meine Füße, ohne daß ich meinen eignen Schritt gehört oder gefühlt hätte, als hätte mich ein linder Wind getragen, fortfuhren, über Bücher zu stolpern, in dem dunkeln Korridor, nachher im Kies des Gartens, der im Mondschein weiß schimmerte, dann in der Avenue des Champs-Elysées, die voll lärmender Menschen war, wie bei einem Bürgerfest. Und o, wie wunderbar! Alle Häuser waren aus Büchern erbaut. An den Zweigen der Kastanienbäume flatterten Buchblätter. Und die Männer und die vornehmen Damen waren in Druckpapier gekleidet, hatten Buchtitel auf dem Rücken und zeigten statt des Gesichts ein aufgeschlagenes Buch, in dem die leichte Brise sacht die Blätter umschlug. Im Hintergrund gewahrte ich auf der Place de la Concorde einen steil aufsteigenden Berg von Büchern, den ich keuchend zu erklettern strebte, wobei ich bald knietief in einer weichlichen Schicht aufgehäufter Lyrik stecken blieb, bald gegen den kieselharten Rücken von Bänden mit Exegese und Kritik stieß. Und ich kletterte und kletterte bis zu so weiten Höhen jenseit des Erdballs, jenseit der Wolken empor, daß ich mich ganz bestürzt auf einmal mitten unter den Gestirnen befand. Groß, still und stumm zogen sie ihre Kreise, bedeckt von einer dicken Kruste von Büchern, aus der hier und da, aus einer Spalte zwischen zwei weniger zusammengepreßten Bänden heraus, ein kleiner Strahl erstickten und erwürgten Lichts hervorbrach. Und so stieg ich bis zum Paradies empor. Es war sicherlich das Paradies, denn mit meinen staubgeborenen Augen unterschied ich den Urewigen, den, der nicht Abend noch Morgen hat. In dem Licht, das von ihm ausstrahlte, und das leuchtender war als alles übrige Licht, saß der Allerhöchste zwischen tiefen, goldenen, mit Gesetzesbüchern vollgepfropften Bücherregalen, auf ururalten Folianten, die Flocken seines unendlichen Bartes über Stößen von Broschüren, Flugschriften, Zeitungen und Katalogen ausgebreitet, und – las. Die supergöttliche Stirn, die die Welt konzipiert hatte, ruhte in der superstarken Hand, die die Welt geschaffen hatte – und der Schöpfer las und lächelte. Ich wagte unter heiligem Schauer über seine strahlende Schulter hinweg zu spähen. Es war ein broschierter Dreifrankenband. Der Ewige las Voltaire in einer billigen Ausgabe und lächelte.

Eine Tür blitzte und knarrte, wie wenn jemand ins Paradies eingetreten wäre. Ich vermeinte, einen neuen Heiligen von der Erde ankommen zu sehen. Es war aber Jacintho mit brennender Zigarre, einen Nelkenstrauß im Knopfloch und drei Bücher in gelben Umschlägen unter dem Arm, die ihm die Prinzessin de Carman zum Lesen geliehen hatte!

In einer dieser tatenreichen Wochen indessen ließ meine Aufmerksamkeit plötzlich von diesem interessanten Jacintho ab. Als Gast von Nr. 202 verwahrte ich dort meinen Koffer und meine Habe; auch aß ich, treu der Fahne meines Prinzen, gelegentlich von seinem reichen Tische. Aber meine Seele, meine vertierte Seele, und mein Leib, mein vertierter Leib, hausten damals in der Rue de Helder, Nr. 16, vier Treppen hoch, Eingang links.

Ich ging eines Nachmittags in heiterem Frieden der Gedanken und Empfindungen den Boulevard de la Madeleine hinab, als ich vor der Omnibusstation eines Frauenzimmers ansichtig wurde, hager, sehr brünett, fast schwarzbraun, mit ein Paar tiefliegenden, schweigsamen und traurigen Augen und einem Wald krauser, eigenwilliger gelber Haare unter einem alten Hut mit schwarzen Federn. In langsamem, katzenartigem Schritt strich sie über den Asphalt. Ich blieb stehen, als hätte ich im Innern einen Ruck gefühlt. Die Person schritt vorüber – mit dem hageren Lungern einer schwarzen Katze, die im Mondschein einer Januarnacht über das Regengerinne eines Daches schleicht. Zwei tiefe Brunnen funkeln nicht schwärzer und schweigsamer als ihre schweigsamen schwarzen Augen funkelten. Ich entsinne mich nicht (Gott sei Dank!), wie ich ihr in den Falten speckig glänzendes Seidenkleid streifte; auch nicht, wie ich ihr zwischen den knirschenden Zähnen ein Ansuchen zuknurrte; noch wie wir beide langsam und schweigsamer als arme Sünder auf dem Henkerkarren zu einer Chambre séparée im Café Durand emporstiegen, das abgenutzt und kühl war. Vor dem Spiegel legte sie mit der Langsamkeit eines Trauerritus den Hut und die mit Schmelzperlen benähte Pelerine ab. Die verstaubte Seide ihrer Taille brach schon an den Ellbogen. Unendlich war ihre Haarflut, von der Sprödigkeit und Dichte einer Raubtiermähne, in zwei gelben Tönen, einer mehr goldig, der andre mehr gebräunt, wie die Kruste einer heiß aus dem Ofen gezogenen Torte.

Mit einem nervösen Lachen ergriff ich ihre langen, kalten Finger:

»Und der liebe Name, hm?«

Sie, ernst, fast schwermütig:

»Madame Colombe, 16 Rue de Helder, vier Treppen hoch, links.«

Und auch ich (elender Zé Fernandes!) fühlte mich tiefernst, von feierlicher Erregung benommen, als umhüllte uns in jener Chambre séparée des Kaffeehauses die Majestät eines Sakraments. An der leise aufgestoßenen Tür erschien das feiste Gesicht des Kellners. Ich bestellte Hummer, Entenbraten mit spanischem Pfeffer und Burgunder. Und wir hatten bereits die Ente verspeist, ehe ich mich erhob und, krampfhaft die Serviette ballend, sie küßte, zitternd an allen Gliedern, mit einem Kuß, tief und furchtbar, in dem ich meine Seele ließ ... Darauf fuhren wir in einer offenen Droschke unter einem weichen, gewitterschwülen Lufthauch die Champs-Elysées hinauf. Als wir das Gitter von Nr. 202 passierten, bemerkte ich, um sie mit meinem Luxus zu blenden: »Da wohne ich, das ganze Jahr hindurch!...« Und wie sie sich in Bewunderung des Palais vorneigte, streifte ihre rotblonde Mähne meinen Bart – da schrie ich aus vollen Lungen dem Kutscher zu, er solle, was die Pferde laufen könnten, nach Rue de Helder Nr. 16, vierten Stock, links, galoppieren!

Ich liebte diese Kreatur. Ich liebte diese Kreatur mit Liebe, mit allen Abarten und Varianten, die es in der Liebe gibt, mit himmlischer Liebe, mit menschlicher Liebe, mit tierischer Liebe; wie der heilige Antonius die Jungfrau, wie Romeo seine Julia liebte, wie ein Hund sein Weibchen liebt. Sie war dumm, sie war melancholisch. Ich löschte mit Wonne meine strahlende Heiterkeit in der Asche ihrer Melancholie; und mit unaussprechlichem Vergnügen ließ ich meine Vernunft in dem dichten Nebel ihrer Dummheit stranden. Sieben Wochen lang hatte ich das Bewußtsein meiner Zé Fernandes-Persönlichkeit verloren – Fernandes de Noronha e Sande, aus Guiaens! Bald kam es mir vor, als wäre ich ein Stück Wachs, das mit grauenvoller Wonne in einem brüllenden Hochofen zerschmolz; bald schien es mir, als wäre ich ein hungriger Scheiterhaufen, der wie ein Bündel trockener Reiser flammte, knackte und sich verzehrte ... Von dem soliden, anständigen, wohlausgestatteten Zé Fernandes blieb nur ein Gerippe, das knickebeinig und zähnefletschend in Träumen umging.

Dann kam ein Tag, an dem ich in gewohnter Ungeduld die Treppe der Rue de Helder 16 hinaufklomm und die Tür verschlossen fand – auch die Karte mit »Madame Colombe«, die ich immer so andächtig gelesen hatte, und die ihr Aushängeschild war, war abgerissen ... Alles an mir zitierte, wie wenn der Boden von Paris erschüttert wäre! Dies war die Tür meiner Welt, die sich mir verschlossen hatte! Jenseit, weitab, waren die Völker, die Städte, das Leben ... Sie! Und ich war allein geblieben auf diesem Treppenabsatz des Nichtseins, ausgesperrt vor verschlossener Tür, das einzige Wesen außerhalb der Welt! Ich polterte die Treppe hinab mit dem Gekrach und dem Unverstand eines Steines, bis zu der Zelle der Pförtnerin und ihres Mannes, die in glückseliger Seelenruhe Sechsundsechzig spielten, als wenn kein schreckensvoller Zusammenbruch das Weltall zu zersplittern drohte.

»Madame Colombe?...«

Die bärtige Klatschbase nahm gelassen den Stich auf:

»Ausgezogen ... Ist diesen Morgen fort, wo anders hin, mit noch einem Weibsbild!«

Wo anders hin! mit noch einem Weibsbild!... Leer, gähnend, leer jeglichen Gedankens, jeglichen Fühlens, jeglichen Wollens, trieb ich wie ein leeres Faß, von der hastenden Menge hin und her gestoßen, auf dem Boulevard, bis ich an einer Bank der Place de la Madeleine strandete, wo ich mit den Händen, deren Fieber ich nicht fühlte, die Augen bedeckte, deren Weinen ich nicht spürte! Spät, sehr spät, als schon polternd die eisernen Vorhänge der Schaufenster herabgelassen wurden, stieg aus den wirren Trümmern meines Seins das einzige alle Ruinen Ueberdauernde: – das Bedürfnis zu essen. Ich trat bei Durand ein, mit den noch steifen Schritten eines aus dem Grabe Erstandenen. Und infolge einer Erinnerung, die mir die Seele verbrannte, bestellte ich Hummer, Entenbraten und Burgunder. Wie ich mir aber den von der Julihitze auf der staubigen Madeleine schlaff gewordenen Halskragen lockerte, dachte ich mit Unbehagen: ›Heiliger Herrgott, was für einen Durst mir dies Mißgeschick gemacht hat!...‹ Sacht winkte ich dem Kellner: »Vor dem Burgunder eine Flasche Champagner, mit viel Eis, und ein großes Glas!...«

Ich glaube, daß jener Champagner im Himmel auf Flaschen gezogen war, wo beständig die frische Quelle des Trostes quillt, und daß in die gebenedeite Flasche, die mir zufiel, ein guter Schuß aus dieser nie hoch genug zu preisenden Quelle eingelaufen war, bevor sie verkorkt wurde. Heiliger Nepomuk! welch erhabener Genuß, dieser Trunk, eisig, schäumend, goldig, prickelnd! Und dann, eine Flasche Burgunder! Und dann eine Flasche Cognac! Und dann Pfefferminz in Eis gekörnt! Und dann eine zähneknirschende Begierde, mit meinem derben Quittenstock von Guiaens das »Weibsbild« zu verhauen, das »mit einem andern Weibsbild« durchgebrannt war! In der geschlossenen Droschke, die mich im Galopp nach Nr. 202 trug, brachte ich diesen heiligen Impuls nicht zum Ersticken, sondern prügelte vielmehr in blinder Wut mit meinen Gebirglerfäusten auf die Kissen ein, wo ich den ungeheuren Wall gelben Haares sah, positiv sah, – dies gelbe Haar, in der sich eines Tages meine Seele gefangen, in dem sie drei Monate gezappelt und sich für allezeit besudelt hatte! Als der Wagen hielt, hieb ich noch so verzweifelt drauf los, daß auf das Gebrüll des Kutschers zwei Burschen herzueilten und mich hielten, wobei sie noch auf die servilen Nacken die müden Reste meines Zornes zu fühlen bekamen.

Oben stieß ich den sorgend beflissenen Grillo zurück, der dem »Siô« Zé Fernandes, dem Zé Fernandes de Guiaens, die beschämende Zumutung machte, ihm Kamillentee zu bringen! Und auf dem Bette Dom Galiaons ausgestreckt, mit den Stiefeln auf dem Kissen, den Cylinder über den Augen, lachte ich in schneidendem Hohngelächter über diese verrückte, gemeine Welt der Jacinthos und der Colombes! Und plötzlich fühlte ich eine entsetzliche Todesangst. Das war sie ... Madame Colombe, die da aus der Flamme der Kerze hervorgezischt kam und auf mein Bett sprang, mir die Weste aufriß, die Rippen zerbrach, in meine Brust tauchte und in langsamen Zügen mein Herzblut aussog! Da schrie ich in der Erwartung sicheren Todes nach der Tante Vicencia, appellierte an die ewige Gerechtigkeit, neigte mich über den Bettrand, um mich in mein Grab zu stürzen ... Und unter der von lautem Stöhnen begleiteten übermenschlichen Anstrengung fühlte ich Leib und Seele frei werden. Ich fiel auf das Bett Dom Galiaons zurück ... stülpte wieder den Hut über die Augen, um nicht die Sonnenstrahlen zu spüren. Es war eine neue Sonne, eine Geistessonne, die über meinem Leben aufging. Und nun schlief ich ein, süß wie ein Kind, das sein Schutzengel in Schlaf gewiegt.

Am Morgen wusch ich den Leib rein in einem Vollbad, das mit allen Aromas von Nr. 202 parfümiert war, von den indischen Zitronenblättern bis zur französischen Jasminessenz, und wusch die Seele rein in einem herrlichen Briefe der Tante Vicencia, der mir in großen Buchstaben von der Heimat berichtete und von der voraussichtlich guten Weinernte und von dem Kirschenkompott, das ihr besser denn je geraten war, und von dem lustigen Johannisfeuer im Hofe, und von dem kleinen dicken, flaumhaarigen Mädelchen, das vom Himmel zu meinem Patenkind Joanninha gekommen war.

Dann saß ich am Fenster, rein an Seele und Leib, in einem Hausrock von weißer Seide und trank Naïpò-Tee, wobei ich den Duft der vom Morgenregen neu belebten Rosen des Gartens einsog und in heiterem Staunen feststellte, daß ich mich sieben Wochen lang in der Rue de Helder besudelt hatte ... Und schloß daraus, daß ich an einem bösen Fieber gelitten hätte, Fieber des Fleisches, Fieber der Einbildung, von dem ich in einer Pariser Pfütze angesteckt worden – in einer dieser Pfützen, die sich durch die ganze Stadt aus den toten Gewässern bilden, aus dem Schlamm, dem Kehricht, den Pilzen und dem Gewürm einer faulenden Zivilisation.

Geheilt wandte sich meine ganze Seele, wie die Magnetnadel nach Norden, meinem komplizierten Prinzen wieder zu, den ich in den letzten Wochen meiner Gemütsinfektion immer nur auf Sofas hingesunken oder zwischen den dreißigtausend Bänden seiner Bibliothek umherirrend und energielos gähnend gesehen hatte. In meiner unwürdigen Eile warf ich gewöhnlich nur ein zerstreutes: »Was hast du?« hin. Er, in seiner trüben Mutlosigkeit, murmelte ein kurzes: »Hitze!«

An jenem Morgen meiner Befreiung, als ich vor dem Frühstück in sein Ankleidezimmer trat, fand ich ihn in den Sofakissen begraben, mit dem offenen »Figaro« auf dem Bauch, die Agenda auf den Teppich gerutscht, sein Gesicht in Schatten gehüllt und die Füße in souveräner Melancholie dem Pedikuren überlassen, der ihm die Nägel polierte. Mein wieder heiter und ruhig gewordener Blick, die Weiße meiner flanellenen Morgentoilette, die mit der wiedergewonnenen Ruhe meines Wesens im Einklang stand, fielen meinem Prinzen sichtlich auf, dem die Melancholie niemals den Scharfsinn hatte abstumpfen können. Schlaff erhob er einen schlaffen Arm:

»Nun, diese Caprice ...«

Ich strahlte ihn mit einem Siegerlachen an:

»Tot! Und, wie der Herr von Malbrouck, mausetot und begraben!...«

Jacintho gähnte und murmelte:

»Dieser Zé Fernandes de Noronha e Sande!...«

Und in diesem meinem Namen, meinem werten Namen, so mit unverkennbarer Ironie in ein Gähnen gehüllt, resümierte sich das ganze Interesse dieses Prinzen für den sturmgepeitschten Schlamm, in dem mein Herz gezappelt hatte. Aber dieser vollendete Egoismus konnte mich nicht beleidigen ... Ich bemerkte deutlich, daß mein Jacintho in einen dichten Nebel von Langeweile gehüllt war, – so dicht und er selbst so von seiner entnervenden Dichtigkeit verschluckt, daß Ruhm oder Qualen eines Kameraden ihm keinen Eindruck machten, als wären sie weit entfernt, von seiner Empfindlichkeit durch ungeheure Watteschichten getrennt, und als gingen sie ihn nicht an. Armer Prinz Glückspilz, der du auf das Faulbett der Willenlosigkeit gefallen warst, die Füße im Schoß des Pedikuren! In welch schlammige Uebersättigung warst du gesunken, seitdem du so mutig die ganze, aus Mechanik und Gelehrsamkeit zusammengemischte Füllung der Rippen von 202 erneuert, in deinem Kampfe gegen Naturgewalten und Materie obgesiegt hattest! Und diese Uebersättigung verhehlte er nicht länger vor seinem alten Zé Fernandes, als zwischen uns der gegenseitige Austausch des Lebens und der Seele wieder begann, dem ich mich eines Tages vor der Omnibusstation in der Pfütze der Madeleine so schändlich entzogen hatte.

Es folgten natürlich nicht etwa ausgesprochene Bekenntnisse. Der elegante, zurückhaltende Jacintho rang nicht die Hände und stöhnte: »O, verfluchtes Leben!« Kaum Ausdrücke der Uebersättigung; eine grollend abweisende Gebärde gegen die Aufdringlichkeit der Dinge; zeitweilig eine entschlossene Unbeweglichkeit, mit der er aus der Tiefe eines Diwans heraus, wo er sich wie zur ewigen Ruhe vergraben hatte, seinen Protest ausdrückte; sodann das Gähnen, das hohle Gähnen, mit dem er jeden Schritt, den er aus Nachgiebigkeit oder aus nicht zu umgehender Pflicht tat, gleichsam unterstrich; und vor allem jenes geflüsterte, fast ständig und natürlich gewordene: »Wozu?« – »Nicht die Mühe wert!« – »Wie entsetzlich langweilig!«

Eines Abends, als ich in meinem Zimmer mir die Stiefel auszog, befragte ich Grillo:

»Jacintho ist so schlapp, geht so gebückt ... Was ist los, Grillo?«

Der ehrwürdige Schwarze erklärte mit unendlicher Bestimmtheit:

»Seine Gnaden leiden an Uebersättigung.«

Uebersättigung! Mein Prinz empfand im stillen die Uebersättigung von Paris! – Und in der Stadt, in der symbolischen Stadt, fern von dem kultivierten und kraftvollen Leben (wie er früher begeistert ausgerufen), wo der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts nie und nimmer in vollen Zügen die »Wonne, zu leben« schlürfen konnte, – da fand er jetzt weder geistiges, noch soziales Leben, das ihn interessiert hätte, ihm die Anstrengung einer kurzen Fahrt im leichten Wagen wert gewesen wäre. Armer Jacintho! Ein altes Zeitungsblatt, siebzigmal von der Tagesübersicht bis zu den Anzeigen und Wetterberichten hinab durchlesen, mit verlöschter Druckerschwärze und zerschabten Brüchen, wäre dem Einsiedler, der in seiner Klause einzig diese geistige Speise besitzt, nicht so langweilig, wie der Parisianismus meinem armen Kameraden geworden war!

Wenn ich ihn in jenem Sommer mit Gewalt und Tücke in ein Café-Concert geschleppt hatte oder nach dem festlichen Pavillon d'Armenonville, saß mein guter Jacintho wie festgeklebt in seinem Stuhl, mit einem wunderbaren Orchideensträußchen im Knopfloch des Ueberrocks, die schlanken Hände auf dem Stockknauf, und beobachtete den ganzen Abend hindurch eine so peinvolle Schwermut, daß ich schließlich voll Erbarmens aufstand, ihn befreite und mich der Eile freute, mit der er hinausstrebte, wie ein dem Käfig entronnener Vogel ... Selten nur (und dann mit einem heftigen Anlauf, wie einer, der einen Graben nehmen will) besuchte er einen seiner Klubs unten in den Champs-Elysées. Nie mehr bekümmerte er sich um seine Aktiengesellschaften und Teilhaberschaften, noch um die »Vereinigten Telephone von Konstantinopel«, noch um die »Esoterischen Religionen«, noch um den »Spiritualistischen Bazar« deren Briefe uneröffnet blieben und sich auf dem Ebenholztisch anhäuften, von wo sie Grillo traurig herabfegte, wie den Kehricht eines zu Ende gelebten Lebens.

Langsam löste er sich auch von seinem Verkehr los. Die Seiten der Agenda mit dem welkrosenfarbenen Einband blieben leer und weiß. Und wenn er sich noch einmal zu einer Fahrt in der Mail-coach herabließ oder der Einladung auf den Landsitz eines Freundes in der Umgebung von Paris folgte, so geschah es so schleppend, mit einer so schweren Anstrengung, den leichten Paletot überzuziehen, daß er mich immer an einen Menschen gemahnte, der nach einem überreichlichen Mahle in der Provinz dem Bersten nahe ist und der aus Höflichkeit oder einem Dogma gehorchend, noch eine Lamprete mit Eiern essen sollte!

Im Hause sich begraben, mit der Gewißheit, daß alle Türen wohl versperrt und verwahrt waren gegen alle Aufdringlichkeit der Welt, wäre eine Wonne für meinen Prinzen gewesen, wenn nicht sein eignes Haus mit seinem ganzen haarsträubenden Füllsel von Kultur ihm eine schmerzhafte Empfindung des Verschüttetseins, des Erstickens gegeben hätte! Die Julihitze brütete: und die Brokatvorhänge, die Teppiche, all diese rollenden und gepolsterten Möbel, all dies viele Metall und all seine Bücher lagen so schwer auf ihm, daß er unablässig die Fenster sperrangelweit öffnete, um Raum, Helle, Frische zu vermehren. Aber dann reizte ihn wieder der Staub, der schmutzige, beißende Staub, der in heißen Wolken sich hereinwälzte, zur Wut:

»O, dieser verwünschte Stadtstaub!«

»Aber, bester Jacintho, warum gehen wir nicht nach Fontainebleau oder nach Montmorency oder ...«

»Aufs Land?! Was! Aufs Land?!«

Und in seinem finsterbewölkten Gesicht blitzte es bei diesem Ausruf immer von solcher Entrüstung, daß ich ganz zerknirscht den Kopf einzog, reuig, Prinz Glückspilz, den ich so lieb hatte, so tief gekränkt zu haben. Unglücklicher Prinz Glückspilz! Seine vergoldete Yaka-Zigarre rauchend, irrte er dann langsam und müde durch die Säle, wie einer, der auf fremder Erde teilnahme- und ziellos umherirrt. Diese ziel- und teilnahmlosen Schritte trugen ihn in steter Einförmigkeit zu seinem Zentrum, dem grünen Zimmer und der Ebenholz-Bibliothek, wo er Zivilisation im größten Maßstabe verstaut hatte, um im größten Maßstabe die »Wonne, zu leben«, zu genießen. Er warf dann einen Blick der Uebersättigung ringsum. Keinerlei Neugier oder Interesse zog ihm die in mutloser Untätigkeit in die Taschen seiner seidenen Pantalons versenkten Hände hervor. Stumpfsinnig gähnte er in hoffnungsloser Schlaffheit. Und nichts lehrreicher und schmerzlicher, als dieser raffinierte Kulturmensch des neunzehnten Jahrhunderts, wie er inmitten aller seine Organe verstärkenden Apparate, inmitten aller Drähte, die die Kräfte des Weltalls ihm untertan machten, inmitten seiner dreißigtausend Bände voll der Wissenschaft der Jahrhunderte, dastand, die müden Hände tief in den Taschen, und in seinen Zügen und der trägen Unschlüssigkeit eines Gähnens die Schwierigkeit zu leben illustrierte!

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