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Stadt und Gebirg

José Maria Eça de Queiroz: Stadt und Gebirg - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJosé Maria Eça de Queiroz
titleStadt und Gebirg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1903
firstpub1903
translatorLuise Ey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060901
projectidbdd58cdf
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II

Wieder war es Februar und ein kalter trüber Spätnachmittag, als ich die Champs-Elysées hinunter und der Nr. 202 zuschritt. Vor mir her ging, leicht vorgeneigt, ein Mann, der von den glänzenden Stiefeln bis zur Hutkrempe, unter der krause Haarringel hervorquollen, von Eleganz und der Vertrautheit mit seinen, vornehmen Sachen triefte. In den auf dem Rücken gekreuzten Händen, die mit weißen büffelledernen Handschuhen bekleidet waren, trug er einen dicken Stock mit Kristallgriff. Erst als er vor dem Portal von 202 Halt machte, erkannte ich die feine Nase, den glatten, seidigen Schnurrbart.

»Hallo, Jacintho!«

»Hallo, Zé Fernandes!«

Unsre Umarmung war so stürmisch, daß mein Hut in den Schmutz rollte. Und beide murmelten, wir bewegt, während wir durch das Gittertor traten »Sieben Jahre sind es her!...«

»Sieben Jahre!...«

Und doch war nach sieben Jahren im Garten von 202 alles unverändert! Noch rundete sich zwischen den beiden mit frischem Kies bestreuten Alleen ein Rasenplatz, glatter und gefegter als die Wollflocken eines Teppichs. Die korinthische Vase in der Mitte wartete auf den April, um in Tulpenschmuck zu erglänzen, und auf den Juni, um von Margueriten überzufließen.

Zu beiden Seiten der Türstufen, die ein Glasdach überdeckte, standen die beiden mageren Steingöttinnen aus der Zeit Dom Galiaons, die Trägerinnen der altertümlichen Lampen mit den mattgeschliffenen Kuppeln, in denen schon das Gas zischte.

Im Innern jedoch, gleich in der Vorhalle, überraschte mich ein Aufzug, den Jacintho hatte bauen lassen, trotzdem Nr. 202 nur zwei Stockwerke hatte, die noch dazu durch eine so bequeme Treppe verbunden waren, daß sie selbst dem Asthma der Frau Angelina niemals geschadet hatten! Geräumig, mit Teppichen belegt, bot der Aufzug für diese Siebensekundenreise zahlreiche Bequemlichkeiten: einen Diwan, ein Bärenfell, einen Straßenplan von Paris, Wandbretter mit Zigarren und Büchern.

Im Vorzimmer, wo wir landeten, fand ich eine Temperatur, so lau und weich wie ein Maitag in Guiaens. Ein Diener, der dem Thermometer größere Aufmerksamkeit widmete, als ein Seelotse dem Kompaß, regulierte geschickt den vergoldeten Hahn am Heizapparat. Duftzerstäuber unter Palmen, wie auf einer heiligen Terrasse von Benares, verbreiteten leichten Dunst, wobei sie die weiche, hyperfeine Luft durchdufteten und feucht erhielten.

Ich murmelte in meines Nichts durchbohrendem Gefühle:

»Das ist Kultur!«

Jacintho stieß eine Tür auf, und wir traten in eine Halle voll Majestät und Schatten, in der ich daran, daß ich über einen ungeheuren Stoß neuer Bücher stolperte, die Bibliothek erkannte. Mein Freund streifte leicht mit dem Finger die Wand, – und eine elektrische Lichtkrone, die unter dem Schnitzwerk der Decke aufflammte, erleuchtete die monumentalen Bücherregale aus Ebenholz. In ihnen standen mehr als 30 000 Bände, in Weiß, Scharlach, Schwarz gebunden, mit Goldverzierungen, steif in ihrer Pracht und Autorität, wie Doktoren in einem Konzil.

Ich konnte meine Bewunderung nicht zurückhalten.

»O Jacintho, welch ein Lager!«

Er murmelte mit blassem Lächeln:

»Zu lesen genug, zu lesen genug...«

Erst jetzt bemerkte ich, daß mein Freund abgemagert war und daß die Nase zwischen tiefen Furchen gebettet lag wie die eines müden Schauspielers. Die Ringel seines Kraushaares waren über der Stirn spärlich geworden, und diese selbst hatte die frühere Reinheit polierten Marmors verloren. Der Schnurrbart war nicht gebrannt, sondern fiel schlaff in nachdenklichen Fäden herab. Auch fiel mir auf, daß er etwas gekrümmt ging.

Er schlug einen Türvorhang zurück, und wir traten in sein Arbeitszimmer, das mich der Fassung beraubte. Auf den dicken, dunkeln Teppichen verloren unsre Schritte jeden Widerhall und sozusagen die Wesenheit. Der Damast der Wände, der Diwans, die Holztäfelung waren grün, von dem tiefen Grün des Lorbeerlaubes. Grünseidene Schirme dämpften das elektrische Licht, das in so niedrig angebrachten Lampen verteilt war, daß es an Sterne erinnerte, die, von den Tischen herabgefallen, nun dort verglühten und erstarben. Nur eines leuchtete unverhüllt und hell oben auf einem vierseitigen Bücherregal, das sich schlank und einsam, wie ein Turm in einer Ebene erhob, und dessen Licht melancholisches Leuchtfeuer zu sein schien. Ein Kaminschirm aus grünem Lack, von dem frischen Grün jungen Rasens, verstellte den Kamin aus dunkelm, meergrünem Marmor, in dem ein paar Scheite aromatischen Holzes verkohlten. Und zwischen all dem Grün glänzte auf Sockeln und Piedestalen eine ganze pomphafte Mechanik: Apparate, Platten, Räderwerke, Tuben, Schäfte, kaltes, starres Metall.

Aber Jacintho klopfte auf die Polster des Diwans, in die er sich mit einer mir an ihm unbekannten Müdigkeit versenkt hatte.

»Hierher, Zé Fernandes, hierher! Wir müssen erst einmal unsre beiden seit sieben Jahren getrennten Lebensläufe zusammenknüpfen! ... Sieben Jahre in Guiaens! Was hast du eigentlich dort getan?«

»Und du, was hast du getan, Jacintho?«

Mein Freund zog müde die Schultern in die Höhe. Er hatte gelebt – er war gelassen allen Verrichtungen nachgekommen, denen, die zur Materie und denen, die zum Geist gehören.

»Und hast Kultur aufgehäuft, Jacintho! Heiliger Gott... Da kriegt man Respekt vor Nr. 202!«

Er ließ seinen Blick im Kreise schweifen, einen Blick, in dem nicht mehr die alte Lebhaftigkeit blitzte:

»O ja, allerlei Bequemlichkeiten ... Aber es fehlt doch noch viel! Die Menschheit ist noch recht schlecht ausgerüstet, Zé Fernandes ... Und das Leben bietet Hindernisse.«

Plötzlich klingelte in einer Ecke das Läutewerk des Telephons. Und während mein Freund, über den Apparat geneigt, ungeduldig murmelte: »Wer da? – Wer da?« – prüfte ich neugierig eine auf einen ungeheuren Arbeitstisch aufgestellte Legion seltsamer kleiner Instrumente aus Nickel, Stahl, Kupfer, Eisen, mit Scharnieren, mit Ringen, mit Zangen, mit Haken, mit Zähnen, alle sehr ausdrucksvoll in ihrer geheimnisvollen Anwendung. Ich nahm eines auf und versuchte es zu handhaben – gleich stach mich eine tückische Spitze in den Finger. Im selben Augenblick ging in einer andern Ecke ein eiliges »Tick-tick-tick« los, das etwas Beängstigendes hatte. Jacintho rief, das Gesicht über das Telephon geneigt:

»Sieh doch mal nach dem Telegraphen!... Dort neben dem Diwan. Ein Papierstreifen muß heraushängen.«

Und in der Tat, von einer Glasflasche auf einer Säule, die einen ingeniösen und empfindlichen Apparat enthielt, lief ein langer Papierstreifen mit gedruckten Buchstaben wie ein Bandwurm auf den Teppich herab, und ich, der Gebirgler, nahm ihn voll Bewunderung auf. Die blau gedruckte Zeile kündigte meinem Freund Jacintho an, daß die russische Fregatte »Azoff« mit Havarie in Marseille eingelaufen sei.

Er hatte schon am Telephon abgeklingelt. Beunruhigt erkundigte ich mich, ob er von der Havarie des »Azoff« direkt geschädigt würde.

»Des ›Azoff‹ ... Havarie? ... Ich? ... Nein! Es ist eine Mitteilung.«

Dann blickte er auf eine monumentale Uhr, die im Hintergrund der Bibliothek die Normalzeit sämtlicher Weltstädte und den Lauf aller Planeten anzeigte.

»Ich habe einen Brief zu schreiben, sechs Zeilen nur... Du wartest, nicht wahr, Zé Fernandes? Da hast du die Pariser Abendzeitungen und die Londoner Morgenzeitungen. Dort die illustrierten Journale in der Ledermappe mit Beschlag.«

Doch ich zog vor, das Zimmer einer weiteren Inspektion zu unterwerfen, die meinem von Kultur noch freien Kanadiertum alle Genüsse einer Einweihung versprach. Zu beiden Seiten von Jacinthos Armstuhl hingen dicke Sprachrohre herab, durch die er ohne Zweifel seine Befehle durch 202 hauchte. Von den Tischbeinen liefen geschwollene weiche Schnüre über den Teppich nach den dunkeln Winkeln, wie aufgeschreckte Vipern. Auf einem Pult, in dessen Lackierung sie sich wie in einem Brunnen widerspiegelte, stand eine Schreibmaschine; und weiterhin eine enorme Rechenmaschine mit Löcherreihen, aus denen erwartungsvoll starre, eiserne Zahlen spähten. Darauf machte ich Halt vor dem Bücherregal, das mich intrigierte, weil es so abgesondert wie ein Turm in einer Ebene mit seinem hohen Leuchtfeuer dastand. Die eine Seite war ganz mit Wörterbüchern angefüllt; die andre mit Handbüchern; die dritte mit Atlassen; die letzte mit Reisehandbüchern, von denen ich eins öffnete: der Straßenplan von Samarkand. Welch solider Informationsturm!

Auf Wandbrettern bewunderte ich mir unverständliche Apparate: – einen aus Gelatinetafeln zusammengesetzt, wo die halb aufgesogenen Zeilen eines Briefes, eines Liebesbriefes vielleicht, verblaßten; ein andrer erhob ein unheimliches Messer über einem armen Broschürenband, wie um ihn zu guillotinieren; ein dritter streckte die Mündung eines Rohrs hervor, die für die Stimmen des Unsichtbaren geöffnet war. Hier die Türschwellen umgürtend, dort den Karnies umlaufend, glänzten Drähte, die durch die Decke in den Weltenraum entflohen. Sie alle verkörperten Naturkräfte und

3 übertrugen Naturkräfte. Die unterjochte Natur vereinigte hier ihre Kräfte für meinen Freund und war in seine Dienstbarkeit getreten! ...

Jacintho ließ einen Ausruf der Ungeduld hören:

»O, diese elektrischen Federn! ... Zum Teufel mit ihnen!«

Zornig ballte er den angefangenen Brief zusammen – ich entschlüpfte aufatmend in das Bibliothekzimmer. Welch majestätische Niederlage der Produkte des Geistes und der Phantasie! Da ruhten mehr als dreißigtausend Bände und alle sicherlich wesentlich für eine menschliche Kultur. Gleich am Eingang bemerkte ich in Golddruck auf grünem Rücken den Namen Adam Smith. Das war also die Region der Nationalökonomen. Ich ging weiter und durchlief verblüfft acht Meter Volkswirtschaftslehre. Dann erblickte ich die Philosophen und ihre Kommentatoren, die eine ganze Wand einnahmen, von der präsokratischen Schule an bis zu denen der Neupessimisten. Auf diesen Brettern bauten sich mehr als zweitausend Systeme auf, die sich alle widersprachen. Von den Einbänden konnte man gleich auf die Doktrin schließen: Hobbes, ganz unten, war schwerfällig in schwarzes Leder gebunden; Plato, oben, erglänzte in reinem weißen Leder. Weiterhin fingen die Weltgeschichtsbücher an. Aber dort türmte sich ein ungeheurer Haufen broschierter Bücher, die nach frischer Druckerschwärze und neuen Dokumenten rochen, gegen das Bücherregal auf, wie frischangeschwemmte Erde ein jahrhundertealtes Gestade bedeckt.

Ich umschiffte dieses Vorgebirge und tauchte in die Abteilung der Naturwissenschaften unter, wobei ich unter stets wachsendem Staunen aus der Orographie in die Paläontologie und aus der Morphologie in die Krystallographie wanderte. Dieses Regal schloß die Reihe neben einem Fenster nach der Seite der Champs-Elysées. Ich schlug die Sammetvorhänge auseinander – und entdeckte dahinter weitere mächtige Bücherreihen, alle über Religionsgeschichte und Religionsexegese, die bergartig bis zu den letzten Fensterscheiben in die Höhe kletterten und in den reinsten Morgenstunden Gottes Luft und Licht den Eingang verwehrten.

Hiernach erglänzte in hellen Maroquinbänden die liebenswerte Abteilung der Dichter. Wie eine Ruhestatt für den von all dem positiven Wissenskram erschöpften Geist hatte Jacintho hier ein lauschiges Plätzchen eingerichtet, mit einem Diwan und einem Tisch aus Zitronenholz, der glänzender als der feinste Schmelz und mit Zigarren und orientalischen Zigaretten aus den Tabakhäusern des achtzehnten Jahrhunderts bedeckt war.

Auf einer glatten Holztruhe stand noch vergessen ein Teller mit getrockneten japanischen Aprikosen. Ich gab der Verführung der Polster nach, kaute eine Aprikose, schlug ein Buch auf und hörte befremdet neben mir ein Summen wie von einem Insekt mit melodischen Flügeln. Ich lächelte bei dem Gedanken, es könnten Bienen sein, die da aus diesem blühenden Dichterwald ihren Honig saugten. Sodann bemerkte ich, daß das ferne einschläfernde Summen aus der so unscheinbar aussehenden Mahagonitruhe kam. Ich räumte eine »Gazette de France« aus dem Wege, hakte eine Schnur los, die aus einem in die Truhe gebohrten Loche herauskam und in einem Elfenbeintrichter endigte. Neugierig hielt ich den Trichter an mein vertrauensseliges Ohr, das an das Summen und Brausen in den Bergen gewöhnt war. Und gleich vernahm ich eine sehr zahme, aber sehr entschiedene Stimme, die sich meine Neugier zu nutze machte, um mir ins Ohr zu dringen und sich meines Verständnisses zu bemächtigen, indem sie arglistig säuselte: »Und so gelingt es mir durch die Anordnung diabolischer Würfel, die hypermagischen Räume zu ergründen!...«

Ich machte einen Satz in die Luft und schrie:

»O Jacintho, da steckt ein Kerl, ein Kerl im Kasten und spricht!«

Mein an allerhand Wunder gewöhnter Kamerad regte sich nicht aus.

»Das ist das Konferenzophon... Ganz dasselbe wie das Theatrophon, nur daß es in Schulen und bei öffentlichen Vorträgen angewandt wird. Sehr bequem! ... Was sagt der Mann, Zé Fernandes?«

Ich stierte noch entsetzt den Kasten an:

»Was weiß ich? Diabolische Würfel, magische Räume, alles mögliche Schauderhafte!«

Ich hörte im Nebenzimmer das überlegene Lachen Jacinthos:

»Ach, das ist der Oberst Dorchas ... Vorlesungen über die positive Metaphysik der vierten Dimension... Konjekturen, langweiliger Kram! Hör du, du ißt doch heut bei mir mit ein paar Freunden, Zé Fernandes?«

»Nein, Jacintho, ich stecke noch in meiner Dorfschneiderverpackung!«

Und damit ging ich in das Kabinett, um meinem Kameraden das Jackett aus grobem Flanell zu zeigen, sowie die Krawatte mit roten Pünktchen, in deren Schmuck ich in Guiaens an Sonntagen zur Kirche gegangen war. Aber Jacintho versicherte, die gebirgliche Einfachheit würde seine Gäste interessieren, es seien zwei Künstler ... Wer? Der Verfasser des »Cocur Triple«, ein Frauenpsychologe von überlegener Scharfe, ein sehr erfahrener und sehr konsultierter Meister in Gefühlswissenschaften; und Vorcan, ein Mythenmaler, der vor einem Jahre die rhapsodische Symbolik der Belagerung von Troja in seiner weitläufigen Komposition »Hélène Dévastatrice« ätherisch verdolmetscht hatte.

Ich kratzte mir den Bart:

»Nein, Jacintho, nein. Ich komme von Guiaens aus den Bergen; ich muß in diese Kultur langsam und vorsichtig eintreten, sonst platz' ich. An ein und demselben Abend die Elektrizität und das Konferenzophon und die hypermagischen Räume und der Frauenpsycholog und das Aetherische und die Symbolik dévastatrice, – das geht mir über die Hutschnur! Ich komme morgen wieder.«

Jacintho faltete langsam seinen Brief zusammen, in den er ohne Ziererei, wie das unsrer Brüderlichkeit entsprach, zwei weiße Veilchen gelegt, die er aus dem Strauß in seinem Knopfloch gezogen hatte.

»Morgen, Zé Fernandes, kommst du vor dem Frühstück in einem Fiaker mit deinen Koffern, um dich in Nr. 202 häuslich einzurichten, in deinem alten Quartier. Hier hast du Telephon, Theatrophon, Bücher...«

Ich sagte ohne weiteres zu. Und Jacintho führte eins der Sprachrohre an den Mund und flüsterte:

»Grillo!«

Aus der mit Damast bekleideten Wand, die sich plötzlich und lautlos teilte, tauchte sein alter Diener auf (jener Schwarze, der mit Dom Galiaon gekommen war), den ich zu meiner Freude ebenso kräftig und nur noch schwarzer, glänzender und ehrwürdiger in seiner steifen Halsbinde und seiner weißen Weste mit den goldenen Knüpfen wiedersah. Auch er freute sich, den »Siô Fernandes« wieder zu sehen. Und als er hörte, ich sollte das Zimmer des Großvaters Jacintho bewohnen, strahlte ein helles Negergrinsen über sein Gesicht, mit dem er seinen Herrn anlachte, glücklich darüber, daß er endlich wieder Familie um sich haben sollte.

»Grillo,« sagte Jacintho, »diesen Brief an Madame de Oriol... Hör! Telephoniere nach dem Hause der Trèves, daß die Spiritisten nur am Sonntag frei sind ... Hör doch! Ich nehme ein Brausebad vor Tisch, lau, siebzehn Grad. Abreibung mit Eibisch.«

Und er ließ sich mit einem langsamen, faulen Gähnen schwer auf den Diwan fallen:

»Also, mein guter Zé Fernandes, da wären wir wie vor sieben Jahren wieder in diesem alten Paris.«

Aber ich trennte mich nicht von dem Tisch, in dem Wunsch, meine Einführung in die Zivilisation gleich zu vervollständigen:

»O Jacintho, wozu dienen denn alle diese Instrumentchen? Eins von diesen niederträchtigen Dingern hat mich schon gestochen. Es scheinen Tückebolde, was? Wozu sind sie nütz?«

Jacintho skizzierte eine matte Armbewegung, die sie verherrlichte.

»Erhaben, Junge, einfach erhaben, der Vereinfachung wegen, die sie einer Arbeit verleihen! Sieh, so ...« und er deutete darauf. Dieses zog abgenutzte Schreibfedern aus; jenes andre numerierte mit großer Geschwindigkeit die Seiten eines Manuskripts; ein drittes machte Rasuren. Noch andre klebten Marken auf, druckten das Datum ab, schmolzen Siegellack, versahen Dokumente mit Kreuzband ...

»Aber genau genommen öden sie einen an,« fügte er hinzu. »Mit ihren Federn, Spitzen, Zähnen verletzen sie manchmal... Es ist mir schon passiert, daß ich Briefe habe wegwerfen müssen, weil ich sie mit blutigen Fingerabdrucken besudelt hatte. Langweiliger Kram!«

Als hierauf mein Freund abermals einen Blick auf die Monumentaluhr warf, wollte ich ihn nicht länger des Trostes einer Dusche und einer Eibischfriktion berauben.

»Na, Jacintho, nun hab' ich dich ja wiedergesehen und hab' mich gefreut. Also denn bis morgen mit dem Gepäck.«

»Donnerwetter, wart mal einen Augenblick. Zé Fernandes ... Laß uns durch das Eßzimmer gehen. Vielleicht läßt du dich verlocken!«

Wir traten aus der Bibliothek in das Eßzimmer, das mich durch seinen unaufdringlichen, vornehmen Luxus entzückte. Weißlackierte Holztäfelung, glänzender und glatter als Atlas, bedeckte die Wände und rahmte Medaillons von erdbeerfarbenem Damast ein. Die mit geschnitztem Blumenwerk und Glaskorallen verzierten Serviertische erglänzten in demselben schneeigen Lack. Und erdbeerfarbener Damast bedeckte auch die Polster der weißen, breiten Stühle, die extra dafür gemacht zu sein schienen, die feine kulinarische und intellektuelle Kost in höchster Gemächlichkeit genießen zu lassen.

»Es lebe mein Prinz! Das glaub' ich ... Das ist eine sehr einleuchtende und gemächliche Futtertraufe, Jacintho!«

»Also bleib doch zu Tisch, Mensch!«

Aber ich fing schon an, mich zu beunruhigen, als ich sah, daß zu jedem Gedeck sechs Gabeln gehörten, alle von einem ganz hinterlistigen Aussehen. Und noch mehr erregte es mich, als mich nun Jacintho darüber aufklärte, daß eine für die Austern sei, eine andre für den Fisch, noch eine andre für das Fleisch, eine vierte für das Gemüse, eine fünfte für die Früchte und die letzte für den Käse!

Gleichzeitig andrerseits eine Mäßigkeit, die Salomonis Lob verdient hätte: nur zwei Gläser für zwei Weinarten, – ein roter Bordeaux in Kristallflaschen und Champagner, der in silbernen Kübeln kühlte. Und dabei bog sich ein Büfett unter einem reichen, beinahe schreckenerregenden Ueberfluß von Wassern, – salzsaure, kohlensaure, phosphorsaure, sterilisierte Wasser, Salzwasser, andre noch in dickbauchigen Flaschen, mit therapeutischen Abhandlungen als Etikette.

»Heiliger Herrgott, Jacintho! Bist du noch immer der entsetzliche Wassertrinker, was?«

Er ließ über die ganze metallverkapselte Flaschenbatterie einen trostlosen Blick gleiten:

»Nein ... Es ist nur wegen der städtischen Wasserleitung. Das Leitungswasser wimmelt ja von Ansteckungsmikroben ... Bis jetzt aber habe ich noch kein Wasser ausfindig gemacht, das mir zugesagt hätte. Ich leide sogar Durst.«

Nun war ich auch neugierig, das Diner des Psychologen und Symbolisten kennen zu lernen, dessen Menü in roter Tinte auf Elfenbeintäfelchen geschrieben neben jedem Gedeck lag. Es fing ganz rechtschaffen mit klassischen Austern von Marennes an. Darauf folgte eine Suppe aus Artischocken und Karpfeneiern.

»Ist das gut?«

Jacintho zuckte gleichgültig die Achseln:

»Ja ... Ich habe niemals Appetit, schon lange nicht ... seit Jahren nicht.«

Von einer andern Schüssel begriff ich nur so viel, daß sie junge Hühner mit Trüffeln enthielt. Darauf sollen die Herren in Hirschfilet schwelgen, das in Jerez eingeweicht war und mit Nußgelee serviert wurde. Und als Nachtisch schlichtweg in Aether geeiste Orangen.

»In Aether, Jacintho?«

Mein Freund war einen Augenblick unsicher, dann beschrieb er mit den Fingern die Wellenbewegung eines sich verflüchtigenden Aromas.

»Was Neues. Es scheint, der Aether bringt die Seele der Früchte zur Entwicklung und Blüte.«

Ich senkte den Kopf in meines Nichts durchbohrendem Gefühle und murmelte in meinem tiefsten Innern:

»Das heißt Kultur!«

Und während ich dann die Champs-Elysées hinabschritt und, in meinen Paletot gehüllt, über dieses symbolische Gericht nachsann, stellte ich zugleich Betrachtungen an über die Roheit und die verdummte Rückständigkeit meines alten Guiaens, wo Jahrhunderte hindurch die Seele der Orangen ungekannt und unbenutzt innerhalb des saftigen Fleisches bleibt, und zwar so weit die Obstgärten reichen, die das Thal zwischen Rogueirinha und Sandofim beschatten und durchduften. Von jetzt ab aber würde ich, Gott sei Dank, im Zusammenleben mit einem so großen Eingeweihten, wie Jacintho, alle Feinheiten und alle Kräfte der Kultur kennen lernen.

Und (was für meine Zärtlichkeit noch befriedigender war!) ich würde das seltene Glück haben, einen Menschen betrachten zu können, der, nachdem er eine Anschauung vom Leben gefaßt, sie verwirklichte und durch sie und in ihr vollkommene Glückseligkeit fand.

Dieser Jacintho war doch wahrhaftig ein Prinz Glückspilz!

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