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Stadt und Gebirg

José Maria Eça de Queiroz: Stadt und Gebirg - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorJosé Maria Eça de Queiroz
titleStadt und Gebirg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1903
firstpub1903
translatorLuise Ey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060901
projectidbdd58cdf
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XVI

Wiederholt hatte Jacintho in diesen Jahren mit Vergnügen von einem zwei-, dreimonatlichen Aufenthalt in Paris gesprochen, um Base Joanninha die Metropole zu zeigen. Und ich sollte der treue Begleiter sein, um das Staunen meiner Gebirglerin über die Stadt zu Protokoll zu nehmen! Dann wurde verabredet, man wolle warten, bis der kleine Jacintho volle zwei Jahre alt wäre, damit er ohne Ungemach mitreisen und mit seinem kleinen Finger auf die Schöpfungen der Kultur weisen könne.

Als er indes im Oktober diese so ersehnten zwei Jahre vervollständigte, fühlte Base Joanninha eine unendliche, fast erschrockene Unlust gegenüber der Bahnfahrt, dem Stadtlärm, der Wohnung in den Champs-Elysées und ihrem Glanze.

»Wir fühlen uns hier so wohl! Das Wetter ist so schön!« flüsterte sie, noch immer betörend, und schlang die weißen Arme um den kraftvollen Nacken ihres Eheliebsten. Mit Entzücken gab er sofort Paris auf. »Reisen wir lieber im April, wenn die Kastanienbäume auf den Champs-Elysées in Blüte stehen!«

Im April aber machte sich jenes Ruheverlangen geltend, das Base Joanninha an den Diwan bannte, selig lächelnd, mit leichten Frieseln auf der Haut und in lockerem Hausgewand.

Das heitere Abenteuer war wiederum für ein ganzes langes Jahr hinausgeschoben.

Ich litt damals an Unbeschäftigtsein. Die märzlichen Regengüsse versprachen eine reiche Ernte. Seit dem Winter fühlte ich in den Gliedern etwas wie Rostansatz, der sie steif machte, und sicherlich hatte sich irgendwo in meiner Seele eine kleine Schimmelanlage gebildet. Dann krepierte auch meine Stute ... Ich reiste nach Paris ab.

Gleich in Hendaye, kaum daß ich den lieblichen Boden Frankreichs betrat, flogen meine Gedanken, wie eine Taube zum heimischen Schlage, nach 202 – vielleicht weil ich ein enormes Plakat gewahrte, auf dem ein Weib im Evakostüm mit bacchantischen Blumen im Haar sich verrenkte, wobei sie in der einen Hand eine schäumende Flasche hochhielt und mit der andern das neueste Modell eines Korkziehers schwenkte.

Und ah, welche Ueberraschung! Gleich ein wenig weiter, auf der hellen und stillen Station Saint-Jean de Luz, springt ein schlanker, junger Mann von vollendeter Eleganz in mein Abteil, und ruft, nachdem er mich flüchtig angesehen:

»Hallo, Fernandes!«

Marizac! Der Herzog von Marizac! Das war ja schon 202 ... Mit welcher Dankbarkeit ich ihm die Hand schüttelte, weil er mich erkannt hatte! Und in die Wagenecke einen Ueberrock und ein Paket Zeitungen schleudernd, das der Diener ihm hereinreichte, rief der gute Marizac mit der gleichen freudigen Ueberraschung

»Und Jacintho?«

Ich erzählte von Tormes, dem Gebirge, seiner ersten Liebe für die Natur, seiner andern großen Liebe für mein Bäschen, von den beiden Kindern, die er Huckepack trüge.

»O der Racker!« rief Marizac und spießte mich mit den Augen. »Er ist im stande und ist glücklich?«

»Aber ganz riesig, ganz närrisch glücklich ... Was sage ich! Es gibt gar keine Adverbien dafür ...«

»Unpassend!« murrte Marizac ganz ernsthaft. »Solch ein Racker!«

Dann wünschte ich von unserm Bekanntenkreis von 202 zu hören. Er zuckte die Achseln und zündete sich eine Zigarette an:

»Alles im selben Kreislauf ...«

»Madame d'Oriol?«

»Ebenso.«

»Die Trèves? Der Ephraim?«

»Ebenso, alle drei.«

Er bewegte müde die Hand.

»Während dieser fünf Jahre, in Paris, alles beim alten ... Die Weiber mit ein bißchen mehr Puder, die Haut ein bißchen schlaffer und welker. Die Männer mit ein bißchen mehr Verdauungsbeschwerden. Sonst alles ebenso. Wir haben die Anarchisten gehabt. Die Prinzessin de Carman ist mit einem Akrobaten vom Winterzirkus durchgegangen ... Und – und voilà

»Dornan?«

»Ebenso ... Ich bin ihm seit 202 nicht wieder begegnet ... Aber ich lese manchmal seinen Namen im ›Boulevard‹, mit gekünstelten Versen, feingetiftelten Zoten ...«

»Und der Psycholog? ... Wie hieß er doch gleich? ...«

»Auch ebenso. Immer Weiberromane zu drei Francs fünfzig Centimes ... Herzoginnen in Unterröcken, nackte Seelen ... Sachen, die stark gekauft werden!«

Als ich aber voll Entzücken nach Todelle forschen wollte, nach dem Großherzog u. s. w., fuhr der Zug in Biarritz ein: – und schnell, Paletot und Zeitungen aufraffend, sprang der liebenswürdige Marizac nach einem Händedruck zur Tür hinaus, die sein Diener aufgerissen, und rief zurück:

»Bis Paris! ... Immer noch Rue Cambori.«

In dem verödeten Abteil gähnte ich dann mit einem seltsamen Gefühl der Eintönigkeit, des Uebersättigtseins, als wäre ich umgeben von oft gesehenen Leuten, die mir oft gehörte Geschichten und längst bekannte Dinge mit süffisantem Lächeln wiederholten. Auf beiden Seiten des Zuges die lange, einförmige Ebene, ohne alle Mannigfaltigkeit, bis ins kleinste kultiviert, schnurgerade eingeteilt, von einem Resedagrün, einem verwaschenen Graugrün, in dem kein hellerer Streifen, kein heiterer Farbenton einer Blume, keine Bodenerhöhung oder Senkung die diskrete und ordentliche Mittelmäßigkeit störte. Blasse Pappelalleen, nach der Schnur gezogen, faßten sehr gerade und helle Kanälchen ein. Die Landhäuser, alle von der gleichen graugrünen Farbe, erhoben sich kaum über dem Boden, hoben sich kaum von dem blassen Grün der Umgebung ab, wie in Mitteltöne und Vorsicht eingewickelt. Und der Himmel darüber, glatt, wolkenlos, mit blasser Sonne, schien ein ungeheurer, unter Anwendung von viel Wasser abgewaschener Spiegel, von dem aller Schmelz und Glanz abgewaschen war. Ich schlief vor stiller Flauheit ein.

Welch schöner Maimorgen, als ich in Paris ankam! So frisch und fein und doch schon lind, daß ich trotz meiner Ermüdung nur mit Widerwillen in das tiefe, düstere Bett im Grand-Hotel tauchte, das ganz mit Sammetdraperien, großen Schnüren und schweren Quasten behangen war, wie ein Thronhimmel an Galatagen. In diesen tiefen Federpolstern träumte ich, in Tormes hätte man einen Eiffelturm erbaut und rings herum tanzten die Damen aus der Serra, selbst die respektabelsten, wie die Tante Albergaria, in derselben spärlichen Toilette wie die Bacchantin, und schwenkten gleichfalls riesige Korkzieher in der Luft.

Bei den Erregungen dieses Alpdrucks, mit dem Bade, dem Auspacken war es schon nahe an zwei Uhr, als ich endlich aus dem großen Portal schritt und nach Verlauf von fünf Jahren wieder den Boulevard betrat. Und augenblicklich schien mir, als hätte ich die ganzen fünf Jahre da an der Tür des Grand-Hotel gestanden, so langweilig bekannt kam mir dies städtische Rädergeroll vor, und die hageren Bäume und die großen Schilder und die riesigen Federhüte auf gelbgefärbten Flechten, und die kerzengeraden Ueberröcke mit großen Rosetten der Ehrenlegion, und die Straßenbuben, die mit heiserem Gekrächz Kartenspiele mit obscönen Bildern und ebensolche Streichholzschachteln ausboten ... ›Schwerenot!‹ dachte ich, ›wie viele Jahre bin ich denn schon in Paris?‹ Ich kaufte dann in einem Pavillon eine Zeitung, die »Voix de Paris«, die mir beim Frühstück die Stadtneuigkeiten erzählen sollte. Der Auslegetisch des Pavillons verschwand völlig unter den illustrierten Zeitungen: und in allen wiederholte sich das gleiche Weib, ganz oder halb entblößt, bald die mageren Rippen zeigend, die an eine verhungerte Katze erinnerten, bald den Rücken weisend und ... ›Don–ner–wet–ter!‹ murmelte ich bei mir. Im Café de la Paix riet mir der fahle Aufwärter mit einem Rest Reispuder auf seinem fahlen Gesicht, weil es doch schon so spät sei, zu gebratener Seezunge und einem Kotelett.

»Und welchen Wein befehlen der Herr Graf?«

»Chablis, Herr Herzog!«

Er lächelte zu meinem liebenswürdigen Spaß, und ich entfaltete aufgeräumt die »Voix de Paris«. Auf der ersten Spalte sah ich inmitten einer sehr geschraubten Prosa, die in dem Glanz falscher Brillanten strahlte, eine nackte Prinzessin und einen schluchzenden Dragonerrittmeister. Auf der nächsten Seite feierten beredte Schriftsteller digestive und tonische Weine. Darauf folgten die gebräuchlichen Verbrechen. – Nichts Neues! Ich legte die »Voix de Paris« beiseite, und dann fand zwischen mir und der Seezunge ein erschrecklicher Kampf statt. Die Elende stellte sich spröde gegen mich und wollte nicht zugeben, daß ich von ihrem Rückgrat auch nur eine armselige Faser abrisse. Sie hatte sich gänzlich zu einer undurchdringlichen und dunkelbraunen Schuhsohle ausgedörrt, gegen die das ohnmächtige und zitternde Messer sich bog.

Ich rief nach dem fahlen Jüngling, der, die Schnallenschuhe fest gegen den Boden gestemmt, mit einem stärkeren Messer schließlich der Widersetzlichen zwei Fasern vom Leibe riß, dünn und kurz wie Zahnstocher, die ich beide zugleich verschluckte und die mir meinen Hunger erst recht fühlbar machten. Mit einem einzigen Gabelstich machte ich dem Kotelett ein Ende. Ich bezahlte fünfzehn Franken mit einem vollwertigen Louisdor. Unter der Münze, die der fahle Jüngling mir herausgab, und zwar mit der ausgesuchtesten Höflichkeit einer verfeinerten Zivilisation, waren zwei falsche Frankenstücke. Und dann ging ich an diesem linden Mainachmittag auf die Terrasse hinaus, um einen kokoshutfarbenen Kaffee zu trinken, der nach Zwiebeln roch.

Bei einer Zigarre betrachtete ich sodann den Boulevard, zu dieser Stunde, wo er die ganze Hast, den ganzen Lärm seiner kompakten Geselligkeit entfaltete. Der ununterbrochene Strom der Omnibusse, Karossen, Luxusequipagen und sonstigen Fuhrwerke rollte unabsehbar dahin, wie eine ganze dunkle Menschheit, die in unruhiger Geschäftigkeit zwischen Füßen und Rädern kribbelt und krabbelt. Das lärmende Gewoge hatte mich, der ich seit fünf Jahren nur an die Stille der regungslosen Berge gewöhnt war, schnell betäubt. Verschüchtert suchten Geist und Auge auf etwas Feststehendem auszuruhen: ein angehaltener Omnibus, ein Fiaker, der bei einem plötzlichen Ausgleiten des Kleppers stehen geblieben war. Aber alsobald schlüpfte ein eiliger Rücken durch den Droschkenschlag, oder eine Traube dunkler Gestalten erkletterte gierig den Omnibus: und eiligst kreiste das schwindelerregende Geschiebe weiter.

Unbeweglich allerdings standen die hohen, starren Häuserblöcke, steile Gestade aus Stein und Kalk, die diesen atemlosen Strom einschlossen, bändigten. Aber von der Straße aufwärts bis zum Dachfirst, an jedem Balkon, auf der ganzen Fassade: Schilder übereinander, nebeneinander, sich drängend, stoßend, übereinander greifend, durcheinander schreiend; und mehr noch betäubte mich die Ankündigung einer zähen Unaufhörlichkeit verborgener Arbeit, verzehrender Gier nach Gewinn, die da hinter den wohlanständigen und stummen Häuserfronten keuchte und schmachtete.

Und während ich so meine Zigarre rauchte, bemächtigten sich meiner seltsamerweise die Empfindungen, die Jacintho früher inmitten der Natur erfahren hatte, und die mir so spaßhaft erschienen waren. Da, an der Tür des Cafés, zwischen der Gleichgültigkeit und der Geschäftigkeit der Stadt, fühlte auch ich, wie er auf dem Lande, mit einer vagen Trauer meine Vergänglichkeit und meine Einsamkeit. Sicherlich war ich da wie verloren in einer Welt, der ich mich nicht verschwistert fühlte. Wer kannte mich hier? Wen ging Zé Fernandes etwas an? Wenn ich hungrig wäre und meinen Hunger bekennte, niemand würde sein Brot mit mir teilen. Wie sehr auch mein Gesicht in Kummer und Verzweiflung verzerrt sein möchte, niemand würde stehen bleiben, um mir ein Trostwort zu spenden. Was auch könnten mir treffliche Eigenschaften der Seele nützen, die nur in der Seele blühen? Wäre ich ein Heiliger, die Menge würde sich um meine Heiligkeit nicht kümmern. Und wenn ich die Arme öffnete und da auf dem Boulevard riefe: »O ihr Menschen, meine Brüder!« so würden die Menschen, grausamer als der Wolf vor dem Bettler von Assisi, lachen und gleichgültig weitergehen. Zwei einzige Impulse, die zwei einzigen Funktionen entsprachen, schienen in dieser treibenden Menge lebendig zu sein: Gewinn und Genuß. Zwischen ihnen isoliert und in der ansteckenden Atmosphäre ihres Einflusses würde sich meine Seele in kurzem zusammenziehen und sich in einen Kiesel der Selbstsucht verwandeln. Von dem Wesen, das ich aus den heimischen Bergen mitgebracht, würde in kurzem nur dieser Kieselstein übrig bleiben, und in ihm lebendig nur die beiden Begierden der Stadt: das Füllen des Geldbeutels und das Stillen der Fleischeslust! Und allmählich ergriffen die gleichen Uebertreibungen angesichts der Stadt von mir Besitz, wie bei Jacintho angesichts der Natur. Dieser Boulevard sinterte für mich einen seinen Millionen Mikroben ausgepreßten Todeshauch. Aus jeder Tür schien sich mir eine Schlinge hervorzustrecken, um mich zu Falle zu bringen, mich auszubeuten. In jedem Gesicht an dem Schlage einer Droschke witterte ich einen im Anschlag liegenden Straßenräuber. Alle Frauen schienen mir mit Kalkstaub bedeckt, wie Gräber, die im Innern nur Verwesung einschließen. Und ich betrachtete mit der Melancholie eines Gauklers die Formen dieser ganzen drängenden Menge, ihre rohe, eitle Hast, die gekünstelte Haltung, die riesigen Federn auf den kleinen Hüten, den gemachten, falschen Ausdruck in den Gesichtern, die zur Schau gestellte Fülle der Büste, den gekrümmten Rücken alter Lebemänner, die die obscönen Bilder in den Schauläden anblinzelten. Ach, all das war kindisch, ja beinahe komisch von mir, aber es war das, was ich auf dem Boulevard empfand, während sich mir die Notwendigkeit aufzwang, in die heimatlichen Berge zurückzukehren, um in ihrer reinen Luft mich gesund zu baden von dieser Stadtkruste, und um wieder menschlich, Zé-Fernandisch aus dem Bade hervorzugehen!

Um den Druck der Einsamkeit abzuschütteln, bezahlte ich meinen Kaffee und ging langsam, um 202 aufzusuchen. Wie ich bei der Madeleine und der Omnibusstation vorbeikam, fiel mir ein, was wohl aus Madame Colombe geworden sei? Und – o Elend! Durch mein jämmerliches Wesen wehte ein heißer Hauch tierischen Verlangens nach jenem hageren, beschmutzten Geschöpfe! Das war der Pfuhl, in dem ich mich vergiftet hatte, und der mich noch einmal in seine giftigen Dünste hüllen wollte.

Als ich dann an der Ecke der Rue Royale nach der Place de la Concorde einbog, stieß ich auf einen großen, starken Mann, der seinen Schritt anhielt, den Arm und die starke Kommandostimme erhob:

»Holla, Fernandes!«

Der Großherzog! Der schöne Großherzog mit hellem Ueberrock und honigfarbenem Tirolerhut! Mit ehrfurchtsvoller Dankbarkeit drückte ich dem Fürsten, der mich wieder erkannt hatte, die Hand.

»Und Jacintho! Auch in Paris? ...«

Abermals erzählte ich von Tormes, den Bergen, der Verjüngung unsers Freundes inmitten der Natur, meiner liebenswürdigen Cousine, den prächtigen Kleinen, die er reiten ließ. Der Großherzog zuckte trostlos die Achseln:

»O la, la, la, la! ... Puh! Verheiratet, auf dem Lande, mit kleinen Kindern ... Mann ist verloren! Das gibt's ja gar nicht! ... Und war sonst ein brauchbarer Bursche! Amüsierte uns – hatte Geschmack! Das Diner in Rosa damals war ein reizendes Fest ... Nie wieder hat man in Paris so was Glänzendes gesehen ... Und Madame d'Oriol ... Noch vor ein paar Tagen sah ich sie im Eispalast ... Genießbar, noch sehr genießbar ... Aber nicht mein Geschmack ... Was Süßliches, Milchiges, Pomadisiertes, Vanille-Eis! Nein, aber dieser Jacintho ...«

»Und Euer Hoheit sind für längere Zeit in Paris?«

Der kolossale Mann neigte die gerunzelte Stirn zu mir herab und sagte vertraulich:

»Gott bewahr' mich! Paris kann nicht bestehen ... Es ist verderbt, positiv verderbt ... Nichts Gescheites zu essen! Jetzt ist Ernest Mode, von der Place Gaillon, Ernest, der Maître-d'hôtel beim Maire war ... Haben Sie da schon gegessen? Schauderhaft! Aber alles Ernest, immer Ernest! Wo speist man? Bei Ernest! Verflucht! Noch heute habe ich da gefrühstückt ... Gräßlich! Ein Salat à la Chambord ... Häcksel mit Kleie, schamloser Häckerling! Er hat auch keinen Schimmer, keinen blauen Dunst von Salat! Paris ist gewesen! Theater? Oede zum Mopsen! Weiber, hui! Alle abgeleckt! Es gibt gar nichts! Immerhin in einem der kleinen Theater des Montmartre, in der Roulotte, wird eine Revue gegeben, die der Mühe wert ist: Par ici les femmes! – drastisch, wenn Sie Weiber gern ... bloß sehen wollen ... die Celestine hat da ein Couplet, halb sentimental, halb zotig, L'amour au chalet ... chalet de ... Sie verstehen ... ist amüsant, frech ... Wo wohnen Sie, Fernandes?«

»Im Grandhotel, Monseigneur.«

»Eine Baracke ... Und Ihr König bei guter Gesundheit?«

Ich neigte den Kopf:

»Majestät befinden sich wohl.«

»Freut mich! Also, Fernandes, ist mir sehr angenehm gewesen ... Nur dieser Jacintho ... das ist doch jammerschade ... Sehen Sie sich die Revue an ... Schön gewachsen, die Celestine ... Und ganz amüsant, die Amour au chalet de...«

Ein kräftiger Händedruck, und Seine Hoheit stiegen schwerfällig in die Viktoria, noch mit liebenswürdigem Händewinken, das mich tief rührte... Prächtiger Mann, dieser Großherzog! Schon mehr ausgesühnt mit Paris, durchschritt ich die Champs-Elysées. In ihrer ganzen edelschönen Breite, im Maigrün und unter blühenden Kastanienbäumen jagten Radfahrer darin auf und nieder. Ich blieb stehen, um diese häßliche Neuheit zu betrachten, diese zahllosen gekrümmten Rücken und mageren Beine, die da verzweifelt auf zwei Rädern zappelten. Speckbäuchige Greise in scharlachrotem Sweater traten in speckbäuchiger Gelassenheit die Pedale. Lattendünne Büttel mit fleischlosen Schienbeinen jagten in sausender Linie dahin. Und stark geschminkte Frauen im kurzen Bolero mit aufgeblähten Beinkleidern radelten noch schneller in dem zweideutigen Pläsier des Wettlaufs. Und alle Augenblicke jagten noch andre greuliche Maschinen vorbei: von Dampf getriebene Viktorias und Phaethons, mit verzwickten Rohren und Kesseln, Hähnen, Kurbeln und Schornsteinen; und plumpe Ungeheuer auf Rädern, die den Zweck zu haben schienen, Maskierte – vermutlich verkappte Verbrecher – schleunigst und unerkannt und nötigenfalls unter Niederfahren der ganzen übrigen Menschheit in Sicherheit zu bringen, – sie alle rollten unter schwerfälligem Schüttern und mit durchdringendem, betäubendem Töff-töff vorbei, ein breites Kielwasser von Petroleum- und Benzingestank hinter sich. Ich schritt weiter nach 202 und grübelte dem nach, was wohl ein Grieche aus der Zeit des Phidias sagen würde, wenn er diese anmutige Neuheit menschlichen Fortschritts sähe! ...

An der Tür von 202 bezeigte mir der alte Pförtner Vian, als er mich erkannte, eine rührende Freude. Er konnte gar nicht genug hören von der Heirat Jacinthos und von den lieben Kindern. Und er war ganz glücklich, daß ich gekommen war, gerade da alles in Frühjahrsreinigung begriffen war.

Beim Durchschreiten des wohlbekannten Hauses kam mir meine Einsamkeit zu noch lebhafterem Bewußtsein. Nichts erinnerte in seinem Aussehen an die alte Kameradschaft mit meinem Prinzen. Gleich im Vorzimmer bedeckten große Leintücher die Helden-Gobelins; und das gleiche graue Leinen verbarg auch die Stoffe der Stühle und der Wände und die breiten Ebenholzregale der Bibliothek, wo die dreißigtausend Bände, vornehm in Reih und Glied, wie Doktoren im Konzil, von der Welt durch diese Tücher getrennt zu sein schienen, die über sie herabgelassen waren, nachdem die Komödie ihrer Kraft und ihrer Autorität zu Ende gespielt war.

In Jacinthos Kabinett war vom Schreibtisch das ganze Durcheinander jener kleinen Instrumente verschwunden, die ich schon aus dem Gedächtnis verloren hatte: und allein die prachtvolle Mechanik leuchtete auf ihren Sockeln in frischem Glanz ihrer Räderwerke, ihrer Rohre, ihrer metallischen Starrheit, ihrer gleichgültigen Kälte, in der endgültigen Untätigkeit außer Gebrauch gesetzter Dinge, die man in einem Museum ausgestellt hat, um die hinfällige Instrumentierung einer vergangenen Welt zu illustrieren.

Ich versuchte am Telephon zu drehen: es regte sich nicht; die elektrische Feder entzündete keinen Funken; alle Naturkräfte hatten den Dienst in 202 quittiert wie entlassene Diener. Und wie ich so durch die Säle schritt, schien es mir immer mehr, als durchschritte ich ein Museum von Altertümern, ein Museum, das später andre Männer mit reinerem und richtigerem Verständnis für Leben und Glück so wie ich durchschreiten würden, lange Säle, in denen die Instrumente einer Hyperzivilisation aufgetürmt sein, und die, wie ich, geringschätzig die Achseln zucken würden vor der großen Illusion, die nun aus und für immer als unnütz wie historischer Kehricht fortgefegt und unter Leintüchern verborgen war.

Als ich 202 verließ, nahm ich einen Fiaker und fuhr nach dem Bois de Boulogne. Und kaum rollte ich ein paar Augenblicke durch die Akazienallee, in dem vornehmen, nur durch das Schellengeklingel der Kummete und das Knirschen der Räder im Sande unterbrochenen Schweigen, so begann ich die alten Gestalten wiederzuerkennen, mit demselben stereotypen Lächeln, demselben Reispuder, denselben schlaffen Lidern, denselben spürenden Augen, derselben Wachsfigurenunbeweglichkeit. Der Romanschreiber des »Küraß« fuhr in einer Viktoria vorbei, heftete das dunkelglasige Monokel auf mich, blieb aber teilnahmlos. Die schwarzen Scheitel der Madame Verghane, die ihr über die Ohren herabhingen, erschienen noch rabenschwarzer in der Harmonie von all dem Weiß, das sie umhüllte: Hut, Federn, Blumen, Spitzen und Taille, in der ihr voller Busen wie eine Welle schwoll. Auf der Promenade, unter den Akazien räkelte sich der Direktor des »Boulevard« auf zwei Stühlen und schmatzte an einem Zigarrenstummel. Und in einem großen Landauer setzte Madame de Trèves ihr Lächeln fort, das sie schon vor fünf Jahren gehabt, mit zwei schlafferen Falten in den Ecken der trockenen Lippen.

Gähnend, wie einst Jacintho, kehrte ich zum Grand-Hotel zurück. Und ich beschloß meinen Tag in einem Varietätentheater, betäubt und verstummend vor einer sehr pikanten, sehr beklatschten Komödie, die von lebendigem Parisianismus förmlich sprühte, und in der die ganze Verwickelung sich um ein Bett drehte, wo sich abwechselnd ... doch ziehen wir den Vorhang darüber zu! Dann nahm ich einen melancholischen Tee bei Julien inmitten plumper und unheimlicher Liebesblicke weiblicher Nachtschatten, die eine Beute witterten. In zweien unter ihnen, Weibern mit öliger, kupfriger Haut, schrägen Augen und Haaren, die hart und schwarz wie Roßhaar waren, spürte ich den Orient mit seiner katzenartigen Provokation ... Ich forschte bei dem Diener, einem scheußlichen Wesen von der fahlen, gedunsenen Fettwanstigkeit eines Eunuchen. Das Scheusal erklärte mit heiserer, dumpfer Stimme:

»Madagassische Weiber ... Wurden importiert, als Frankreich Madagaskar besetzte!«

Dann schleppte ich durch Paris Tage unendlichen Ueberdrusses. Von weitem sah ich auf dem Boulevard all die Luxusgegenstände in den Schaufenstern, die mir schon vor fünf Jahren zum Ekel geworden waren, ohne irgend etwas anmutig Neues, ohne irgend eine Frische der Erfindung.

In den Buchläden durchblätterte ich, ohne etwas Lesbares zu entdecken, Hunderte von Bänden, wo aus jedem Blatt, das ich aufs Geratewohl aufschlug, ein lauer Geruch wie von Alkoven und Reispuder hervorquoll, zwischen Zeilen, die mit weibischer Detaillierung gearbeitet waren, – wie Hemdenspitzen. Beim Mittagessen in irgendeinem Restaurant begegnete ich der gleichen, Braten oder Geflügel markierenden Sauce von Pomadefarbe und -Geschmack, die mir in Spiegelglanz und Goldfarbe beim Fisch und den Gemüsen meines Frühstücks schon Uebelkeit verursacht hatte. Ich bezahlte einen enormen Preis für unsern zusammenziehenden Torres-Landwein, der mit dem Titel »Château Soundso« oder »Château dies und das« geadelt war und künstlichen Staub auf dem Flaschenhals trug.

Abends in den Theatern fand ich das Bett, die gewohnte Lagerstätte, als Mittelpunkt und einziges Lebensziel, das, stärker als ein Düngerhaufen die Fliegen, dichte Schwärme von Zuschauern anzog, die betäubt, trunken von Erotismus, schon schimmelig gewordenen Witzen Beifall klatschten.

Dieser Schmutz der Unterstadt veranlaßte mich, bessere Geistesluft auf den Höhen des Montmartre zu suchen. Und dort wurde ich inmitten einer eleganten Menge von Damen, Herzoginnen, Generälen, der ganzen hohen Gesellschaft der Stadt, von der Bühne herab mit vollen Strömen von Gemeinheiten überschüttet, die die haarigen Ohren feister Börsenmänner vor Wonne erschauern und die bei Worms und Doucet angefertigten Leibchen der vornehmen Damen aufgeregt wogen ließen. Und dann ging ich nach Hause, übel von so viel Alkovennachtluft, noch seekrank von der Pomadensauce beim Diner und besonders unzufrieden mit mir, daß ich mich nicht amüsierte, die »Stadt« nicht verstand und durch sie und ihre Hochkultur mit der lächerlichen Zurückhaltung eines Zensors, eines sittenstrengen Cato umherirrte! ›Menschenkind!‹ dachte ich, ›bist du denn nicht im stande, dich in dieser Wonnestadt zu amüsieren? Hast du schon Altersschimmel angesetzt?‹

Ich überschritt die Brücken, die in Paris das Zeitliche vom Geistigen trennen, und tauchte in mein geliebtes Quartier Latin, wo ich vor gewissen Kaffeehäusern das Gedächtnis meiner Nini erweckte und, wie einst, gemächlich die Stufen der Sorbonne emporstieg.

In einem Amphitheater, aus dem mir ein starkes Gemurmel entgegentönte, dozierte ein hagerer Mann mit hoher weißer Stirn, die wie gemacht schien, nur edle, hohe Gedanken zu beherbergen, über die Institutionen der Stadt im Altertum. Aber kaum war ich eingetreten, so wurde seine elegante und klare Rede von Geschrei, Getrampel und spöttischen Kundgebungen unterbrochen, die von der auf den Bänken sich drängenden Schuljugend ausging, dem geheiligten Lebensfrühling, in dem ich eine welke Blume war. Der Dozent hielt inne, ließ einen kalten Blick umherschweifen und blätterte in seinen Notizen.

Als das laute Brummen sich zu mißtrauischem Murmeln herabstimmte, nahm er in großer Seelenruhe seinen Vortrag wieder auf. Alle seine Ideen waren nüchtern und wesentlich und wurden in reiner, kräftiger Sprache ausgedrückt. Aber augenblicklich brach ein neuer Sturm los, ein Pfeifen, Heulen, Wiehern, Krähen, ein Schlenkern magerer Hände, die sich in die Höhe reckten, um die Ideen zu erdrosseln.

Neben mir stand ein stark verschnupfter, alter Mann in einem karierten Mac-ferlan mit hochgeschlagenem Kragen, und betrachtete melancholisch den Tumult. Ich fragte ihn:

»Was wollen die eigentlich? Ist es Opposition gegen den Professor ... ist es wegen Politik?«

Der Alte schüttelte niesend den Kopf:

»Nein ... Das ist jetzt immer so, in allen Kursen ... Sie wollen keine Ideen. Ich glaube, sie möchten lieber Chansonetten. Es ist der Zug nach dem Gemeinen und der Verspottung.«

Da rief ich empört:

»Ruhig, ihr Rangen!«

Und siehe, eine kleine Mißgeburt von einem gelben, schmierigen Bengel mit langen Haarsträhnen im Gesicht und riesenhaften Brillengläsern wirft sich in die Brust, sieht mich herausfordernd an und brüllt:

»Sale Maure

Ich hob meine große Gebirglertatze, – und der Jämmerling stürzte zusammen wie ein Haufen schlapper Lappen, in wildem Durcheinander von Haarsträhnen und Nasenblut und unter verzweifeltem Gekläff, während der Sturm von Geheul, Gekrähe, Gekreisch und Gepfeif den Dozenten umhüllte, der gelassen die Arme gekreuzt hatte und wartete.

Von diesem Augenblick an war es bei mir beschlossen, daß ich der anmutigen Stadt den Rücken wenden wollte. Und der einzige heitere und unterhaltende Tag, den ich in ihr verbrachte, war der letzte, wo ich für meine Lieblinge in Tormes beträchtliche Ankäufe von Spielsachen machte, die von der Zivilisation schrecklich verzwickt gestaltet waren: – Dampfer aus Stahl und Kupfer mit Dampfkesseln, um auf Teichen Seefahrten zu machen; Löwen mit wirklicher Löwenhaut, die zum Bangewerden brüllten; Puppen in Toiletten von der Laferrière mit einem Phonographen im Balg ...

Zu guter Letzt warf ich von meinem Fenster aus einen letzten Blick auf den Boulevard und sagte der Stadt ein letztes Lebewohl:

»So leb denn wohl, auf Nimmerwiedersehen! Im Schlamme deiner Lasterhaftigkeit und im Staub deiner Eitelkeit wirst du meiner nicht wieder habhaft! Was Gutes an dir ist, den eleganten, klaren Geist, den werde ich in der Serra mit der Post bekommen. Leb wohl!«

* * *

Am Nachmittag des folgenden Sonntags lehnte ich zum Fenster des Zuges hinaus, der langsam am Ufer des Douro dahinglitt, in einer aus Blau und Sonnenschein gewebten Stille.

Auf dem Bahnsteig der ruhigen Station meiner Heimat erwarteten mich meine Tormeser Freunde mit meinem Patchen Therese, die, ganz rot vor Erwartung, ihre prachtvollen Augen nach mir aufriß, und dem tapferen kleinen Jacintho, der eine weiße Fahne schwenkte. Das ungestüme Entzücken, mit dem ich die geliebte Schar umarmte und abküßte, würde völlig dem eines aus fernen Feldlagern, aus tatarischen Kriegen Heimkehrenden entsprechen. In der Freude, meine Serra wiederzusehen, verküßte ich sogar den Stationschef Pimentinha, der fettleibig umherkugelte und dem Ablader dringend höchste Sorgfalt mit meinen Koffern empfahl.

Jacintho, prachtvoll in seinem großen Berghut und seiner Joppe, umarmte mich aufs neue:

»Na, und Paris?«

»Fürchterlich!«

Dann öffnete ich die Arme für den beherzten kleinen Jacintho.

»Was ist denn das für eine Fahne, mein kleiner Reitersmann?«

»Das ist die Fahne unsrer Feste!« erklärte er mit schönem Ernst in seinen großen Augen.

Die Mutter lachte. Seit dem frühen Morgen, gleich als er erfahren, daß Onkel Zé ankäme, war er mit der Fahne erschienen, die Grillo ihm angefertigt und die er nicht wieder aus der Hand gelassen hatte. Mit ihr hatte er gefrühstückt, mit ihr war er von Tormes herabgekommen!

»Bravo! Und hör, Base Joanninha, du siehst famos aus! Ich komme ja allerdings von den Pariser Bleichgesichtern ... Aber ich finde dich geradezu sieghaft! Und der Onkel Adrian, und die Tante Vicencia?«

»Alle wohl!« rief Jacintho. »Die Serra prosperiert, Gott sei Dank. Und nun vorwärts! Heut bleibst du in Tormes. Du mußt uns doch von der Zivilisation erzählen!«

Auf dem Platz hinter dem Bahnhofsgebäude, unter den Eukalypten, die ich mit Vergnügen wiedersah, warteten die drei Pferde und zwei schöne weiße Eselchen, der eine mit einem Stuhlsattel für Theresa, der andre mit einem Weidenkorb, in den der heroische Jacintho gesteckt wurde; neben jedem von ihnen ein führender Reitknecht.

Ich hatte meiner Cousine eben in den Sattel geholfen, als der Ablader mit einem Bündel Zeitungen, das ich im Wagen hatte liegen lassen, herbeigelaufen kam. Es war ein Papierwust, mit dem ich mich auf dem Orleans-Bahnhof assortiert hatte, alle voll entblößter Frauenzimmer, schmutziger Witze, pikanter Histörchen, Parisianismus, Erotismus. Jacintho, der das Zeug wiedererkannte, rief lachend:

»Schmeiß das weg!«

Und ich warf diesen faulen Auswuchs der Zivilisation auf einen Kehrichthaufen im Winkel des Hofes. Dann stieg ich auf. Wie ich aber in den steilen Bergweg einbog, wandte ich mich, um dem Pimenta ein Lebewohl zuzurufen, was ich vergessen hatte. Der würdige Bahnchef neigte sich über den Kehrichthaufen, sammelte, schüttelte und trug liebevoll die schönen Holzschnitte hinweg, die ja von Paris gekommen waren, von den Pariser Wonnen erzählten, durch die Welt den verführerischen Zauber von Paris verbreiteten!

Im Gänsemarsch erklommen wir die Serra. Der sinkende Tag milderte den strahlenden Sonnenglanz. Ein Lufthauch trug uns wie einen Willkommgruß die Düfte der Waldblumen entgegen. Die Zweige bewegten, wie zu freundlichem Gruß, ihre schimmernden Blätter. Die ganze Vogelwelt zwitscherte vor Freude und Dankbarkeit aufgeregt durcheinander. Die rieselnden, hüpfenden, rauschenden, blinkenden Wasser entsandten in erregterer Eile lebhafteren Glanz. Ferne Fensterscheiben gastlicher Häuser flammten in Goldglanz. Die ganze Serra weihte sich uns in ihrer ewigen, feierlichen Schönheit. Und an unsrer Spitze flatterte zwischen dem Grün ein weißes Fähnlein, das der kleine Jacintho in seinem Korb nicht aus den Händen ließ: die Fahne des Kastells der festen Burg von Tormes.

Und in Wahrheit schien es mir, als stiegen wir auf diesem Wege, durch die ländliche, stille Natur hindurch, – mein von Sonne und Bergluft gebräunter Prinz, mein Bäschen Joanna, das verkörperte Mutterglück, die beiden ersten Stammhalter ihres gesegneten Geschlechts, und ich, wie ich in so sicherer Ferne von bitteren Enttäuschungen und falschen Wonnen auf einem ewigen Boden von ewiger Festigkeit dahinschritt, meine Seele voll Freude am Werke Gottes, wie Gott sicher seine Freude an uns hatte – empor, stillfroh und sicher empor zum Schloß des Prinzen Glückspilz, zur Feste des Glücks!

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