Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > José Maria Eça de Queiroz >

Stadt und Gebirg

José Maria Eça de Queiroz: Stadt und Gebirg - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJosé Maria Eça de Queiroz
titleStadt und Gebirg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1903
firstpub1903
translatorLuise Ey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060901
projectidbdd58cdf
Schließen

Navigation:

XIII

Wehe mir! Mein Geburtstagfest verlief weder glänzend noch vergnügt!

Als mein Prinz in den Gesellschaftssaal trat, in einer Eleganz, in der ich die tags zuvor erschlossenen Pariser Koffer witterte – eine weiße Rose im schwarzen Smoking, weiße Schalweste, geschniegelt und gebügelt, flotte Krawatte aus weißer Seide, locker gebunden und von einer schwarzen Perle gehalten – waren schon alle Gäste versammelt: Dom Theotonio, Ricardo Velloso, der Doktor Alypio, der dicke Mello Rebello aus Sandofim, die beiden Brüder Albergarias aus der Quinta da Loja; alle stehend, in gedrängtem Knäuel. Um das Sofa herum, in dem sich die Tante Vicencia niedergelassen, vereinte eine Gruppe Stühle die Damen: Beatriz Velloso, in weißem Chiffon auf Seide, eine Toilette, die sie noch luftiger und magerer machte, mit ihrem ungeheuren krausen Haarschopf; die beiden Rojoens – mit der Tante Adelaide Rojon – rot wie Kalvillen, beide in Weiß; und die Frau des Doktors Alypio, in Schwarz, prachtvoll wie eine Venus Rustica ... Und im Saale war es, als träte wahr und wahrhaftig ein Prinz ein, einer aus jenen Nordländern, wo die Prinzen sehr prächtig und sehr hoch erhaben sind über die Menschen und das Volk bei ihrem Anblick Mund und Nase aufsperrt.

Ein Schweigen, wie wenn die eichene Felderdecke auf uns herabsänke, um uns zu zermalmen: und alle Augen richteten sich wie Feuerrohre auf meinen unseligen Jacintho, wie bei einer Hindujagd, wenn am Waldrande der Königstiger auftaucht. Vergebens, daß bei der eiligen, verwirrten Vorstellung, bei der ich ihn durch den Saal schleppte, sein Händedruck, sein Lächeln, das leise Murmeln von »großer Ehre« und »großem Vergnügen« voll Sympathie und Schlichtheit waren! Alle Herren verharrten zurückhaltend und beobachteten den Prinzen, der da in die Serra hereingeschneit war. Und die Damen schmiegten sich noch mehr in den Schatten der Tante Vicencia, wie Schafe um ihren Hirten, wenn der Wolf in der Nähe sichtbar wird. Voll Unbehagens lancierte ich Dom Theotonio, den ornamentalsten der Herren.

»Dom Theotonio hat uns eine große Liebenswürdigkeit erwiesen, Jacintho, indem er gekommen ist. Er verläßt sein schönes Heim Abrujeira nur selten.«

Der würdige Dom Theotonio lächelte und kraute seinen dichten, weißen Generalsschnurrbart:

»Sie sind direkt von Wien gekommen?«

Nein! Jacintho war direkt von Paris gekommen mit dem Freund Zé Fernandes. Dom Theotonio beharrte auf seiner Idee:

»Aber sicherlich besuchen Sie Wien oftmals?«

Jacintho lächelte überrascht:

»Wien? Warum? ... Nein. Seit mehr als fünfzehn Jahren war ich nicht in Wien.«

Der Fidalgo ließ ein langgezogenes »Aaah!« hören und verstummte, wobei er die Wimpern senkte, als prüfe er tiefsinnige Analysen, und die Hände unter den langen blauen Frackschößen verschränkte.

Umsichtig führte ich sodann Doktor Alypio ins Treffen:

»Unser Doktor, mein lieber Jacintho, ist die einflußreichste Macht des ganzen Wahlkreises.«

Der Doktor neigte den schöngeformten Kopf mit dem prächtigen, schwarzen, glänzenden Haar. Aber die Tante Vicencia hatte sich aus dem Sofa erhoben und rief meinen Prinzen, denn Manuel hatte gemeldet, daß angerichtet sei – mit stummer Gebärde, nur indem er seine korpulente Person, kerzengerade aufgerichtet, an der Tür des Saales aufpflanzte.

Bei Tisch, wo die Puddings, die Schüsseln mit Eiersüß, die alten Madeira- und Portweine in ihren schweren Karaffen aus geschliffenem Kristall, ihre reichen, warmen Töne zu glücklicher Farbenharmonie verschmolzen, hatte Jacintho seinen Platz zwischen der Tante Vicencia und einer der Rojoens, ihres Patenkindes Luizinha, die, wenn sie in Guiaens zu Besuch war, sich immer in den Schatten ihrer lieben Patin stellte.

Die Suppe – Hühnersuppe mit Maccaronen – wurde unter so feierlichem, lastendem Schweigen gelöffelt, daß ich in der Angst, es zu brechen, aufs Geratewohl und ohne daran zu denken, daß ich mich in Guiaens und in meinem eignen Hause befand, ausrief:

»Köstlich, diese Suppe!«

Jacintho echote:

»Himmlisch!«

Aber da sicherlich alle Gäste meinen Ausruf und die überschwängliche Bewunderung Jacinthos sehr sonderbar fanden, wurde aus dem drückenden Zeremonienschweigen ein noch drückenderes Verlegenheitsschweigen. Zum Glück ließ Tante Vicencia mit ihrem guten Lächeln die Bemerkung fallen, daß Jacintho die portugiesische Küche zu mögen scheine. Und ich, immer auf dem Ausguck, um die Unterhaltung zu beleben, ließ diesem gar keine Zeit, seine Liebe zur landesüblichen Küche zu bekennen, sondern schrie:

»Was mögen! Er schwärmt dafür, leckt sich alle Finger danach! ... Was Wunder auch! So lange in Paris und der lusitanischen Fleischtöpfe beraubt! ...«

Und da ich mich glücklicherweise des süßen Reises erinnerte, den bei Gelegenheit des Geburtstags von Jacintho der Koch von 202 gefrevelt hatte, erzählte ich die Geschichte, weitschweifig, übertrieben, behauptete, dieser süße Reis hätte Gänseleber enthalten und auf seinem Pyramidenornament hätte die Trikolore geflattert, über der Büste des Grafen Chambord! Aber der in Paris, so weit von der heimatlichen Serra verhunzte süße Reis interessierte niemand. Er trieb kaum ein paar gewaltsame Versuche höflichen Lächelns hervor, als ich mich umschichtig an einen Herrn, an eine Dame wandte und beharrlich rief: »Ungewöhnlich, was?«

Dom Theotonio bemerkte geheimnisvoll, daß »der Koch schon gewußt haben werde, für wen er kochte«. Und die schöne Frau des Doktor Alypio wagte errötend zu lispeln:

»Gewiß eine schöne Schüssel, und vielleicht nicht übel zu essen!«

Ich, immer in meiner Herzensangst, das Bankett geistvoll zu beleben, Konversation zu machen, griff mit scherzhaft gemeintem Vorwurf die Senhora Donna Luiza an, daß sie so die Entweihung unsers großen nationalen Leckerbissens beschönigen könnte! Aber, ich Unseliger! So sehr schoß ich über das Ziel hinaus, so lärmend interpellierte ich die schöne Frau, daß sie verstummte, wie eine Schnecke die Fühlhörner ein- und sich in ihr Schneckenhaus zurückzog, unter tiefem Erröten und schöner denn je.

Wiederum lastete Stillschweigen über der Tafel wie ein Nebelschwaden, als die Tante Vicencia den glücklichen Einfall hatte, sich bei Jacintho zu entschuldigen, daß sie keinen Fisch habe! Aber was solle man machen? Im Gebirge wäre es unmöglich, Fisch zu bekommen, und wollte man ihn mit Gold aufwiegen; höchstens eingesalzene Pescada oder Stockfisch.

Der treffliche Rojon erinnerte in seiner salbungsvollen Weise, in der jede Silbe mit heiligem Oel befeuchtet schien, daran, daß der Senhor Dom Jacintho ein großes Stück des Douroflusses mit Jagdrecht auf Alsen besitze. Jacintho wußte das nicht, hatte gar nicht gedacht, daß es Alsen gäbe ... Doktor Alypio nahm das nicht wunder, denn das Fischrecht war vor zwanzig Jahren, in des Senhor Dom Jacintho Kindheit, an den Brasilianer Cunha verkauft worden. Und heute wäre es keine zwei Milreïs wert. Es gäbe ja keine Alsen mehr!

Und über den Dourofischfang früherer Zeiten bildete sich unter den nächstsitzenden Herrn ein schleppendes Gespräch, das die Damen benutzten, um zu flüstern und den Druck des feierlichen Schweigens abzuschütteln, das von der Suppe bis zu den Brathähnchen immer schwerer über uns lag.

Voll blasser Furcht, dieser Wellensaum leise brandenden Gemurmels könnte glanz- und freudelos sich aufs neue bilden, stürzte ich mich (um zu beleben!) über Jacintho her und erinnerte ihn an das famose Abenteuer mit dem Fisch aus Dalmatien, der im Aufzug gestrandet war.

»Das war eine der besten Geschichten, die uns in Paris passiert sind! Jacintho gab nämlich wegen eines seltenen Fisches, den ihm der Großherzog Casimir geschickt hatte, ein opulentes Abendessen, zu dem der Großherzog ... der Großherzog Casimir, Bruder des Kaisers ...«

Aller Augen richteten sich auf meinen Jacintho, der sich Erbsen aufgab – und Mello Rebello verschluckte sich bei einem hastigen Trunk, als er absetzte, um bei meinem Freund nach einem Widerschein des Großherzogs zu spähen. Und ich erzählte wieder umständlich und mit viel schmückendem Beiwerk von dem eingeklemmten Fisch, dem angelnden Großherzog, der aus einer Haarnadel der Prinzessin Carman hergestellten Angel, dem Herzog de Marizac, der fast in den Aufzugsschacht gefallen wäre ... Aber kein einziges Lachen ertönte, und selbst die Aufmerksamkeit, mit der man zuhörte, war gewaltsam; meine Geschichte erzielte nur einen Achtungserfolg.

Vergebens schleuderte ich die großartigen Namen von Fürsten und Prinzessinnen, an komische Vorkommnisse geknüpft, unter sie ... Keiner meiner Gäste begriff den Mechanismus des Aufzugs, eine in einem gähnenden Schacht festgeklemmte Schüssel ... Vor der Haarnadel der Prinzessin schlugen die Albergarias die Augen nieder. Und meine wunderherrliche Geschichte erstarb unter einer Reticenz, die noch eisiger wurde durch den unschuldigen Ausruf der Tante Vicencia:

»O Junge! Solche Sachen!«

Da aber Jacintho sich plötzlich in eingehende Unterhaltung mit Luizinha Rojon vertiefte, und diese vergnügt und gesprächig lachte, stürzten sich alle, wie befreit von dem zermoniellen Druck seiner erhabenen Gegenwart, in diskretes Geplauder, dem nun der Champagner nach dem Braten mehr Lebhaftigkeit verlieh. Das unheimliche Geflüster um den Tisch ergriff definitiv und dauernd Besitz von der Tafelrunde.

Da gab ich's auf, das Mahl zu beleben, und tauchte statt dessen mit der schönen Frau des Doktor Alypio in die große, soziale Frage, die gerade in Guiaens aktuell war: die Hochzeit der Donna Amelia Noronha mit dem Geschäftsführer! Ich verteidigte Donna Amelia und die Rechte der Liebe, als sich wiederum Stillschweigen verbreitete. Jacintho hatte sich vorgeneigt, das Glas in der Hand:

»Alter Freund Zé Fernandes, dein Wohl! Viele und schöne Jahre, und immer in Gesellschaft deiner verehrten Tante, meiner gnädigen Frau, auf deren Gesundheit ich Sie bitte, mit mir anzustoßen!«

Alle Gläser, in denen der Schaum perlte und auf dem Sektgrunde erstarb, erhoben sich mit fröhlichem Zuruf der Freundschaft und guten Nachbarschaft. Ich winkte lebhaft dem Manuel, die Gläser neu zu füllen; und sogleich erhob ich mich auch und warf die Frackschöße zurück:

»Meine verehrten Gäste und Freunde, ich bitte Sie, mit mir auf das Wohl meines alten Freundes Jacintho zu trinken, der zum erstenmal dies Bruderhaus beehrt ... Was sage ich? der zum erstenmal sein geliebtes Vaterland mit seiner Gegenwart beehrt! Und daß er hier bleiben möge, bei uns, für viele und schöne Jahre! Dein Wohl, alter Junge!«

Wieder brandete es zustimmend um den Tisch, aber in zeremoniöser Zurückhaltung. Unser Rednertalent entzündete die Gemüter entschieden nicht! Die Tante Vicencia ließ ihr fast geleertes Glas mit dem Jacinthos zusammenklingen, und dieser stieß mit seiner Nachbarin Luizinha Rojon an, deren leuchtendes Gesicht röter war als eine Päonie. Dann folgte eine Verkettung von Gesundheiten mit fast leeren Gläsern unter sämtlichen Gästen, nicht zu vergessen auch die des Oheims Adrian und des Pfarrers, die beide abwesend waren und beide Blutgeschwüre hatten. Und schon ließ die Tante Vicencia jenen Blick über die Tafel schweifen, der dem Aufheben derselben, dem Stühlerücken, vorangeht, als Dom Theotonio sein Glas Portwein erhob und, mit der andern Hand auf den Tisch gestützt, halb erhoben, Jacintho anrief und mit ehrfurchtsvoller, fast hohler Stimme sagte:

»Dies ist ganz privat und unter uns beiden ... Auf den Abwesenden!«

Er leerte wie in Andacht sein Glas, gleich einem Hohenpriester, der das Abendmahl erteilt. Jacintho trank verdutzt, ohne zu verstehen. Dann Stühlerücken – ich bot der Tante Albergaria den Arm.

Und ich begriff erst, als im Salon der Doktor Alypio mit seiner Tasse Kaffee und dampfender Zigarre, mit einem jener listigen Blicke, die ihm den Spitznamen »Doktor Schlau« eingebracht hatten, zu mir sagte: »Ich hoffe, daß wenigstens hier in Guiaens nicht wieder der Galgen aufgerichtet wird! ...«

Derselbe listige Blick wies mir Dom Theotonio, der Jacintho hinter einen Fenstervorhang geschleppt hatte und mit glaubens- und geheimnisvoller Miene auf ihn einsprach. Es handelte sich, hol's der Teufel! um den Miguelismus!Dom Miguel hinterließ außer sechs Töchtern einen Sohn, Miguel, geb. 1853, der in österreichischen Militärdiensten steht. Der gute Dom Theotonio hielt Jacintho für einen erblich belasteten, eingefleischten Miguelisten! Und in seinem unerwarteten Besuch des allen Herrensitzes von Tormes sah er eine politische Mission, den Beginn einer energischen Propaganda und den ersten Schritt zu einem Versuch der Wiedereinsetzung auf den Thron! Und in der Zurückhaltung der Herren gegenüber meinem Prinzen witterte ich den Verdacht der liberalen Partei, die Furcht vor einem neuen, starken Einfluß auf die bevorstehenden Wahlen und die erwachende Auflehnung gegen die alten Ideen, die in diesem jungen Manne mit den reichen Glücksgütern und der hohen Kultur verkörpert sein sollten.

Fast verschüttete ich den Kaffee in der lustigen Ueberraschung dieses Unsinns. Ich hielt Mello Rebello an, der seine leere Tasse auf das Tablett zurücksetzte, und blinzelte amüsiert nach dem Doktor »Schlau«.

»Also, ehrlich. Sie glauben, Jacintho wäre nach Tormes gekommen, um in Miguelismus zu machen?«

Sehr ernsthaft näherte Mello Rebello seinen beträchtlichen Schnurrbart meinem Ohr:

»Es wird sogar für gewiß behauptet, der Prinz Dom Miguel befinde sich ebenfalls in Tormes!«

Und da ich sie verständnislos anstierte, bestätigte der Doktor Alypio – so schlau! –:

»Das wird behauptet ... Als Diener verkleidet!«

Als Diener? Donnerwetter! Das war der Baptiste! Gerade kam Ricardo Velloso, um seine Zigarre an meiner anzustecken. Und gleich forderte der gute Rebello sein Zeugnis: »ob nicht für gewiß – 269 –

verlautete, daß Dom Miguel in Tormes verborgen wäre?«

»Als Lakai verkleidet,« bekräftigte ohne weiteres der würdige Velloso.

»Wenn dem so ist, so scheint mir das eine große Kühnheit... Ich würde ihn nicht ungern einmal sehen. Er soll ein hübscher, stattlicher Mensch sein. Indessen, mein Oheim Joan Vaz Rebello wurde in Stücke gehauen, mit dem Beil, im Kerker von Almeida ... Und wenn diese Geschichte wieder losgeht, ich danke! Hören Sie, Ihr Freund...«

Er verstummte. Jacintho, der sich von dem alten Dom Theotonio losgemacht und noch ein Lächeln belustigten Verblüfftseins auf den Lippen hatte, kam auf mich zu, um mir die Sache brühwarm mitzuteilen:

»Gelungen! Ich sehe, daß sich hier in der Serra noch unverändert die alten guten Ansichten erhalten ...«

Ohne sich zurückzuhalten, unterbrach ihn Mello Nebello:

»Es kommt darauf an, was Sie ›gute Ansichten‹ nennen.«

Da verdarb ich, wütend über diese blödsinnige Erfindung, die meinen armen Freund mit Feindseligkeit umgab, endgültig den schönen Geburtstagsabend, indem ich lebhaft einsprang:

»Spielst du Lhombre, Jacintho? Nein? ... Na, dann arrangieren wir zwei Spieltische ... Dom Theotonio wird Karten wünschen.«

Ich schleppte Jacintho zu den Damen, die aufs neue sich im Schatten der Tante Vicencia in ihre Sofaecke eingenistet hatten. Alle schwiegen und schienen sich vor der Erscheinung meines Prinzen in sich selbst zurückzuziehen, wie Tauben, die des Habichts ansichtig werden. So überließ ich den gefürchteten – 270 –

Mann der Frau des Doktors Alypio, die der Schar der scheuen Vögel ein wenig entflattert war, und der Jacintho nun beteuerte, daß es ihm außerordentliches Vergnügen mache, bei dieser Gelegenheit seine Nachbarinnen kennen zu lernen ... Sie spielte nervös mit dem Fächer, lächelte, und sicher hatte Jacintho in Paris nie einen frischeren Mund und glänzendere Zähne gesehen.

Nachdem ich den Lhombretisch organisiert hatte, mußte ich mich leider selbst daran setzen, um Manuel Albergaria zu vertreten, der an Verdauungsschwäche litt, erklärte, das Festmahl habe ihn »zu Grunde gerichtet«, und auf dem Balkon Luft zu schöpfen wünschte. Alle Herrschaften klagten alsbald über Hitze. Ich ließ die Fenster öffnen, die auf die Mimosen im Hof gingen. Beim Kartenmischen hielt Velloso plötzlich inne, blies die Backen auf, als ersticke er, und rief:

»Es ist so schwül... Wir werden ein Gewitter bekommen!«

Der Doktor Alypio, der eine Stunde Fahrt bis nach Hause hatte, und dessen eine Stute scheute und bockte, lief unruhig ans Fenster, um nach dem Himmel zu sehen, der mit dunkeln hängenden Wolken bedeckt war.

»Tatsächlich, wir bekommen Regen!«

Die Zweige der Mimosen rauschten im Winde, und die Luft, die die Vorhänge blähte, wehte ungleich und betäubend. Im Salon schien die gleiche Unruhe platzzugreifen, denn die Tante Albergaria erschien, um den Bruder Jorge zu mahnen: es sei besser, an die Abfahrt zu denken, die Nacht würde bedrohlich ... Und der Doktor Alyptio zog die Uhr und schlug vor, sobald der Einsatz erhoben sei, wolle man zum Rückzug blasen. In dem Augenblick kehrte Albergaria, von einem Glas Génèvre wieder aufgerichtet, vom Balkon zurück und nahm seine Karten wieder auf. Auch er bestätigte, daß ein tüchtiges Gewitter im Anzuge sei.

In den Salon zurückgekehrt, fand ich Jacintho sehr vergnügt unter den Damen, die sich mit ihm angefreundet hatten und unter fröhlichem Gelächter der denkwürdigen Geschichte von seiner Ankunft in Tormes lauschten, wo er ohne Koffer, ohne Diener und so entblößt angekommen war, daß er sich von der Häuslerin hatte ein Nachthemd borgen müssen! Aber mein armer Geburtstagsabend war kläglich ins Wasser gefallen. Die Tante Albergaria patroullierte von Fenster zu Fenster, um voller Angst vor dem Heimweg ins schwüle Dunkel hinauszuspähen. Gelassen zog die schöne Frau des Doktors Alypio die Handschuhe an und verlangte zu wissen, ob der Einsatz noch nicht verspielt sei. Und die Tante Vicencia beschleunigte den Tee, den Manuel, von Gertrudes mit den Kuchenkörben gefolgt, schon den Damen zu servieren anfing. Jacintho stand unter ihnen, bot Tassen dar und scherzte:

»Solche Eile, solche Angst vor ein bißchen Gewitter?«

Schon ganz zutraulich gemacht, in wachsender Sympathie für meinen Prinzen, entgegnete sie:

»Sie haben gut reden, Sie bleiben unter Dach und Fach ... Wir wollten mal sehen, wenn Sie jetzt nach Tormes füllten, bei dieser stockfinstern Nacht!«

Die Lhombrepartie war an beiden Tischen zu Ende, und die Herren riefen von den Fenstern aus Befehle in den Hof hinab, wo die Wagen angespannt hielten:

»Laß das Schutzdach an der Viktoria herab, Diogo!« »Zünde das Lampion an, Pedro! Das hilft dem Licht der Laternen noch!« – 272 –

Die Magd Quiteria erschien an der Tür mit beiden Armen voll Shawls und Spitzenmänteln. Da eine der Albergarias auf dem Rücksitz der Viktoria saß, holte ich eiligst meinen Gummimantel, der sie vor dem Regen schützen sollte. Und allein Dom Theotonio, der bis nach Hause kaum eine halbe Meile guter Landstraße hatte, zeigte keine Eile, hatte sich vielmehr neuerdings meines Prinzen bemächtigt und ihn unter bedeutsamen Gesprächen, die sein spießförmig ausgestreckter Finger feierlich unterstrich, in die einsamsten Regionen der Gesellschaftsräume verschleppt. Die Tante Albergaria schrie, es regnete schon; und dann war ein Hals-über-Kopf der Damen, die in höchster Eile die Tante Vicencia verküßten, während im Vorzimmer die Herren schleunigst in die Paletots fuhren.

Jacintho und ich stiegen mit zum Hofe hinab, um den Davonstiebenden das Geleit zu geben, und dann rollte ein Gefährt nach dem andern, der Stuhlwagen des Doktors Alypio, die Viktoria der Albergarias, die alte ungeheuerliche Kalesche der Vellosos, unter unsern besten Wünschen für eine angenehme Reise in die Nacht hinaus.

Zuletzt zog auch Dom Theotonio seine schwarzen Handschuhe an, stieg in den Wagen und sagte zu Jacintho:

»Also, lieber Vetter und Freund, Gott gebe, daß aus unsrer Begegnung und aus allem, was geschehen wird, diesem Lande Gutes erwachse!«

Als wir die Treppe hinauf gingen, machte mein Prinz seinem Herzen Luft:

»Dieser Theotonio ist des Teufels! Weißt du, was ich am Ende herausgebracht habe? ... Er hält mich für einen Miguelisten und bildet sich ein, ich sei nach Turmes gekommen, um Dom Miguels Wiedereinsetzung zu betreiben.« – 273 –

»Und du?«

»Ich war so betreten, daß ich ihm seinen Irrtum nicht einmal benommen habe.«

»Na, weißt du noch was, mein armer Freund? Alle denken dasselbe und sind mißtrauisch und fürchten, in Guiaens aufs neue Galgen aufgerichtet zu sehen. Und es verlautet, daß du den Prinzen Dom Miguel in Tormes verborgen hältst, als Lakai verkleidet. Und weißt du, wer es ist? Der Baptist!«

»Dies ist gottvoll!« lispelte Jacintho mit weitaufgerissenen Augen.

Im Salon erwartete uns Tante Vicencia trostlos unter all den Lichtern, die noch im Schweigen und Frieden der auseinandergeflatterten Abendgesellschaft brannten:

»Nein, so etwas! Nicht einmal ein Schälchen Gelee oder ein Gläschen Portwein haben sie genommen!«

»Es war furchtbar öde, Tante Vicencia,« machte ich meinem Aerger Luft. »Die ganze Weiberschar stumm; die befreundeten Herren mit so argwöhnischer Miene...«

Jacintho protestierte, sehr belustigt, sehr aufrichtig:

»Nein, im Gegenteil, Ich habe mich ausgezeichnet unterhalten. Prächtige Menschen! Und so schlicht... Alle diese jungen Mädchen haben mir den besten Eindruck gemacht. Und so frisch, so heiter! ... Ich hoffe hier sehr gute Freunde zu finden, wenn sie sich erst überzeugt haben, daß ich kein Miguelist bin.«

Wir erzählten Tante Vicencia die unglaubliche Geschichte von dem in Tormes versteckten Dom Miguel. Sie lachte! »So etwas! Wäre nicht übel...«

»Aber Sie sind doch keiner?«

»Ich, gnädige Frau, bin Sozialist...«

Ich schlug mich wieder ins Mittel und erklärte der Tante, daß Sozialist sein bedeutete, für die Armen sein. Die liebreiche Dame hielt diese Partei für die beste, die einzig richtige:

»Mein seliger Alfonso war liberal ... Mein Vater auch und sogar persönlich befreundet mit dem Herzog TerceiraDie Azoren-Insel Terceira blieb in dem Kampfe zwischen Donna Maria und Dom Miguel um die portugiesische Krone der ersteren treu und widerstand allen Angriffen des letzteren. 1829 errichtete Villaflor, der spätere Herzog von Terceira, hier eine Regentschaft im Namen der jungen Königin, und 1832 sammelte hier Dom Pedro die Streitkräfte, mit denen er seinen Bruder Dom Miguel in Portugal angriff. ...«

Ein furchtbarer Donner rollte und weckte die schwarze Nacht – und dann klatschte ein Regenschauer gegen die Scheiben und die Steinfliesen des Balkons.

»Heilige Barbara!« schrie die Tante Vicencia auf. »Ach, die Aermsten!... Gott, welche Sorge... Die Rojons, die nur die Viktoria haben!«

Und ohne daran zu denken, zuvor das Silberzeug zu verwahren, eilte sie nach ihrem Zimmer, um die gewohnten zwei Kerzen vor dem Oratorium anzuzünden und mit der Gertrudes den Rosenkranz zu beten.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.