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Stadt und Gebirg

José Maria Eça de Queiroz: Stadt und Gebirg - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJosé Maria Eça de Queiroz
titleStadt und Gebirg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1903
firstpub1903
translatorLuise Ey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060901
projectidbdd58cdf
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XII

So kam der September heran und mit ihm mein Geburtstag, der am dritten, einem Sonntag war. Diese ganze Woche hatte ich in Guiaens zugebracht, in Vorbereitungen für die Weinlese, und seit dem frühen Morgen an diesem erhabenen Sonntage neigte ich mich über den Balkon vor dem Zimmer des seligen Oheims Alfonso und sah die Landstraße entlang, wo mein Prinz auftauchen sollte, der endlich das Haus seines Zé Fernandes heimsuchen kam. In aller Herrgottsfrühe war die Tante Vicencia schon in Küche und Speisekammer zu Gange, da sie, in dem Wunsche, meinem Prinzen »das Personal« der Serra vorzuführen, einige befreundete Familien aus der Umgegend eingeladen hatte; solche, die Equipage hatten und auf den schlechten Wegen spät zurückkehren konnten, nachdem man in dem zu diesem Zweck schon mit Lampions geschmückten Hofe ein Tänzchen abgehalten haben würde.

Aber schon um zehn Uhr hatte ich eine ärgerliche Enttäuschung, als ein Bursche von Flor da Malva erschien und ein Briefchen von Cousine Joanninha brachte, in dem sie »ihr Bedauern« ausdrückte, »nicht kommen zu können, weil der Papa seit dem Vorabend ein Blutgeschwür hätte und sie ihn nicht verlassen könnte.«

Empört eilte ich in die Küche, wo die Tante Vicencia einem heftigen Eierschlagen in einem ungeheuren Suppennapf präsidierte.

»Joanninha kommt nicht! Aber auch jedesmal ist irgend was!... Schreibt, der Vater hätte ein Blutgeschwür... der Oheim Adrian wählt doch auch allemal besonders feierliche Gelegenheiten, um Blutgeschwüre zu haben oder Seitenstechen.« Das gute, runde Gesicht der Tante Vicencia drückte Mitleid aus:

»Der Aermste! Er wird wohl nicht damit im Wagen sitzen können! Armer Mann! Hör, wenn du ihm schreibst, so sag ihm, er soll ein Rosmarinpflaster auflegen. Das hat deinem seligen Oheim immer gut getan.«

Ich rief nur einfach nach dem Burschen, der den Esel im Hofe tränkte:

»Bestell der Senhora Donna Joanninha, es täte uns sehr leid ... Und vielleicht würde ich morgen hinüberkommen.«

Ungeduldig kehrte ich wieder ans Fenster zurück, denn die Uhr im Korridor hatte schon halb elf geschlagen, und der Prinz verspätete sich für das Frühstück. Aber kaum trat ich auf den Balkon, als ich auch schon an der Wegbiegung Jacintho bemerkte, unter einem großen Strohhut auf seinem Pferde; Grillo, ebenfalls mit Strohhut und von einem ungeheuerlichen grünen Sonnenschirm beschattet, spreizte sich auf dem breiten Saumsattel von Melchiors alter Stute im Hintertreffen. Den Nachtrab bildete ein Bursche mit einem Köfferchen auf dem Kopf. Und wie ich so voll Freuden endlich meinen Prinzen meinem Landhaus zutraben sah, am Tage meines sechsunddreißigsten Geburtstags, gedachte ich eines andern Geburtstags, des seinen, in Paris, in 202, als wir inmitten des Glanzes der Zivilisation, traurig ad manes, auf unsre Toten unser Glas geleert!

»Salve« rief ich vom Balkon herab. »Salve, domine Jacinthe«

Und ich stimmte zu seinem Empfang in einem heiteren Taramtamtam die Nationalhymne an.

»Aber hier ist es mal schön!« rief er von unten. »Dein Schloß hat wundervolle Luft... Wo ist die Tür?«

Ich stürzte mich schon in den Hof, wo Jacintho beim Absteigen lustig die Qualen Grillos beschrieb, der nie zuvor zu Pferde gesessen und nicht aufgehört hatte, die Gefahren dieses Unternehmens zu beschreien.

Und der würdige Neger wies keuchend, schweißglänzend und fahl unter seinem schwarzen Glanz mit zitternder Hand auf die Stute, die, vom Zügel befreit, mit nachdenklich hängendem Kopf, wie aus Stein gemeißelt, auf ihren wie Marksteine unbeweglichen Füßen stand.

»Wenn der Siô Fernandes das gesehen hätte! Ein wildes Tier, das nie ruhig ging. Immer bald nach rechts, bald nach links, einen Fuß hier, einen da! Nur, um mich zu schütteln! Nur, um mich zu schütteln!«

Er widerstand seinem Gelüste nicht. Mit der Spitze des Sonnenschirms stieß er rachsüchtig gegen den Saumsattel.

Wie er die bequeme Steintreppe erstieg und in den freundlichen, luftigen Korridor trat, mit dem rosenumrankten Fenster im Hintergrund, pries Jacintho überrascht unser Haus, das ihm Erholung gab von den dicken Mauern und dem hohen, feudalen Turm von Tormes. Und in seinem Zimmer bemerkte er dankbar die mütterliche Sorge der Tante Vicencia, die die beiden chinesischen Vasen auf der Kommode mit Blumen geschmückt und das Bett mit einer unsrer kostbarsten indischen Seidendecken, die auf kanariengelbem Grund große goldene Vögel zeigte, bedeckt hatte. Ich lächelte ihn liebevoll an. Dann drückten wir uns die Knochen in kräftiger Umarmung zum Geburtstag.

»Achtunddreißig, was, Zé Fernandes?«

»O, du Schlingel, vierunddreißig!«

Nun öffnete mein Prinz den Koffer, ein anspruchsloses Philosophenköfferchen, und zog hervor »die schuldigen Gastgeschenke«, wie der schlaue Odysseus in der Odyssee sagt. Es war eine Krawattennadel mit einem Saphir, eine Zigarettentasche aus mattem Gold, mit einem Apfelblütenzweig in zartem Email geschmückt, und ein Falzbein von alter chinesischer Arbeit. Ich protestierte gegen diese Freigebigkeit.

»Alles aus den Pariser Koffern ... Ich hab' sie gestern abend öffnen lassen. Und ich habe mir erlaubt, diese kleine Aufmerksamkeit für die Tante Vicencia mitzubringen. Es hat weiter gar keinen Wert ... Nur weil es der Prinzessin Lamballe gehört hat.«

Es war ein Weihwasserkesselchen in getriebenem Silber, in zierlichem, fast elegantem Geschmack.

»Die Tante Vicencia weiß nicht, wer die Prinzessin Lamballe ist, aber sie wird entzückt sein! Und es ist ihr eine Gewähr für dein Christentum, denn sie hat dich als Bewohner von Paris, der Stadt der Gottlosigkeit, im Verdacht ... Nun aber waschen, bürsten und zum Frühstück!«

Die Tante Vicencia schien ganz überrascht und gleich sehr eingenommen von meinem Kameraden, den sie sich in Wahrheit als einen anspruchsvollen, hochmütigen und unumgänglichen Prinzen vorgestellt hatte. Als er ihr das Weihwasserkesselchen darbot mit einer artigen Bitte, »seiner in ihrem Gebet zu gedenken«, bedeckten zwei große Rosen, rosiger und frischer als die, die den Tisch schmückten, die runden Wangen der guten Dame, die niemals »ein so frommes Geschenk mit so liebenswürdigen Worten erhalten hatte«.

Was sie aber völlig entzückte, war der erstaunliche Appetit Jacinthos, die begeisterte Ueberzeugung, mit der er, während er sich Haufen von Gänseklein auflud und dann Hochgebirge von gebackenem Reis und Beefsteaks mit Zwiebelsauce, sich in Lobpreisungen unsrer Küche erging und schwur, er hätte nie so trefflich gespeist. Sie leuchtete über das ganze Gesicht:

»Das macht ordentlich Spaß! Das macht ordentlich Spaß! ... Noch eine von diesen gefüllten Kartoffeln ...«

»Gewiß, gnädige Frau! Zwei, wenn ich bitten darf. An Tischen, wie dieser, sind meine Rationen immer die Gargantuas.« »Citiere gefälligst nicht Rabelais, Tante Vicencia kennt die profanen Autoren nicht!« rief ich und glänzte auch vor Vergnügen. »Und koste diesen Weißwein, eignes Gewächs, und lobe Gott, der solche Trauben reifen läßt.«

Und das Frühstück verlief sehr heiter, sehr intim, unter Gesprächen über die Bauarbeiten in Tormes, und das Kinderheim, das Tante Vicencia ganz bezauberte, und die Aussichten der Weinernte, und meine Cousine Joanninha, und den schlechten Zustand der Landstraßen. Aber am höchsten stieg die Rührung, als beim Kaffee der Diener neben Jacintho ein Tellerchen mit einer Zimmetstange setzte, seine gewohnte Zimmetstange sonderbaren Brauchs. Die Tante Vicencia hatte es nicht vergessen! Da hatte er seine Zimmetstange! – Sie wollte, er sollte auch in Guiaens seine Gewohnheiten fortsetzen wie in Tormes ... Und diese Zimmetstange war das Sinnbild der Adoption meines Prinzen als neuen Neffen der Tante Vicencia.

Bald zog sie sich in die Küche zurück, um das Festmahl vorzubereiten. Wir rauchten eine behagliche Zigarre im Garten, neben dem Springbrunnen, unter dem wohligen Schatten der Zeder. Dann zeigte ich meinem Gast, als Eigentümer, unerbittlich den ganzen Besitz, mit erbarmungsloser Genauigkeit, ohne ihm eine Scholle, einen Bach, einen Baum, eine Weinrebe zu schenken. Erst als sein Gesicht anfing, vor Ermüdung bleich zu werden und seinem völlig betäubten Verständnis nur noch ein unbestimmtes »Sehr hübsch! Schöner Besitz!« entglitt, lenkte ich die Schritte nach Hause, nicht ohne noch einen weiten Umweg zu machen, um ihm die Weinkeller, eine Spargelpflanzung und die Stelle zu zeigen, wo die Ruine eines alten römischen Feldlagers gewesen war. Als wir dann von neuem durch den Garten in den frischen Saal traten, führte ich ihn noch mit Püffen, wie ein Opfertier, nach der Bibliothek meines seligen Oheims Alfonso, um ihm ihre Kostbarkeiten zu zeigen: eine prachtvolle Chronik Johanns I. von Fernan Lopes, die erste Ausgabe des »Imperator Clarimundus«, eine »Henriade« mit dem Autogramm Voltaires, Freibriefe des Königs Emanuel und andre Wunderdinge. Er seufzte tief auf, als er das letzte Pergament schloß und ich ihn in den Keller schleppte, damit er die berühmte Pipe sähe, die an der Stirn in geschnitztem Holzrelief das Wappen der Sandes trug.

Es war vier Uhr. Mein Prinz blickte stier und fahl. Ich heftete die unerbittlichen Augen auf ihn, Augen, in denen ich selbst den Blutdurst leuchten fühlte, und erklärte: »Nun wollen wir den Kornspeicher besehen.« Aber da flüsterte mein Opfer, mit den Händen in den Seiten, demütig, mit verlöschender Stimme, wie ein müdes Kind:

»Ich würde mich ganz gern ein bißchen setzen.«

Da erbarmte ich mich seiner, ließ ihn aus den Fängen und gab zu, daß er sich hinter mir her in sein Zimmer schleppte, wo er voll überstürzender Eile die Stiefel auszog und sich auf ein frisches, mit Nanking bezogenes Kanapee warf, während er in tiefer Erschöpfung murmelte:

»Schöner Besitz! Schöner Be–«

Großmütig gestattete ich, daß er einschlief, und ich selbst verfügte mich hinab, um zu kontrollieren, ob Gertrudis die Bürsten und die Spitzenhandtücher schön zurechtgelegt hatte in dem Zimmer, wo die ankommenden Gäste den Reisestaub abbürsten und sich die Hände waschen sollten. Und gerade rollte eine Kalesche in den Hof, die alte Kalesche des Dom Theotonio mit den Füchsen. Vom Fenster aus erspähte ich mit Befriedigung, daß er allein, ohne die Vogelscheuche von Tochter gekommen war, mit weißer Krawatte unter dem Staubmantel. Vergnügt lief ich zur Tante Vicencia, die mit Hilfe der Catharina gerade eilig ihre schönen Armbänder mit Goldtopasen anlegte.

»Tante Vicencia, Dom Theotonio ist angekommen! Zum Glück ohne die Tochter ... Beeile dich nur, die andern werden auch bald hier sein. Und daß der Manuel gut gekämmt ist und mit steifer Halsbinde! ... Wollen sehen, wie das Fest verläuft!«

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