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Sprüche

Emil Gött: Sprüche - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Werke Band 1
authorEmil Gött
year1911
editorRoman Woerner
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
titleSprüche
pages22
created20120213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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        Hab heute nichts getan, sagst du voll Scham,
Geh, sei dem guten Tag nicht gram.
Hast ein paar gute Seiten gelesen,
Und ein paar gute Gedanken gehabt,
Und etwas Glück sogar hat dich gelabt –
Geh, du bist nicht müßig gewesen.

 


 

        Wir sparen so furchtbar viel Zeit
Und kommen doch zu keinem rechten Ruhn;
Wir schaffen sie nämlich nur beiseit,
Um sie im Trödeln zu vertun!

 


 

        Leichtflüssig ist das leere Wort,
Schwer wälzt der volle Strom sich fort.

 


 

        Wilde Wasser schäumen,
Tolle Köpfe reimen,

Im Wirbel muß manches springen,
In Tönen muß manches singen,
Wenn die Bahn zu eng und der Strom zu voll –
Und doch fließen soll!

 


 

Zur rechten Zeit
Am rechten Ort
Spare die Rede
Und halte dein Wort!

 


 

        So mancher Mensch hat der Schlehen Art;
Am grünen Zweig ist er herb und hart.
Und erst der Reis einer Winternacht
Mürbe ihn und genießbar macht.

 


 

    Bist du selbst beglückt,
So wirst du leicht beglücken,
Und bist du selbst zerstückt,
Dann wirst auch du zerstücken,
Und nur wenn du verrückt,
Wirst du die Welt verrücken.

 


 

        Im Dickicht ist's stickicht, da hat nichts Rechtes Raum,
Im Freien reckt sich erst der stolze Baum.
So ist des Ernsten Freude erst die volle,
Der Rausch des Nüchternen der wahre, tolle.

 


 

                  Das Genie
          Lebt Poesie,
          Das Talent
          Sich Dichter nennt,
Dahinter erhebt ihr Affengeschrei
Die sogenannte Schriftstehlerei.

 


 

        Mit vieler Worte Schwall
Beklagt ihr den Kunstverfall.
Nun, für das, was ihr für sie tut,
Steht sie sogar erstaunlich gut!

 


 

    An Sammlern fehlt es nicht,
Nein, an Zerstreuern;
Lackiert die Alten nicht
Und kauft die Neuern!

 


 

        Mir wallt das Blut,
Seh ich aufs Kunstgetriebe:
Den Toten geht's viel zu gut,
Als daß den Lebenden was bliebe!

 


 

            O bescheidne Eitelkeit,
Wie bist du schmal und machst dich breit!
Unter Affen lieber als Äffster gehn,
Statt über ihnen als Mensch zu stehn.
Das ist der Ehrgeiz der Kleinen,
Scheinen wollen sie, scheinen!

 


 

        Erst spötteln sie und sticheln,
Bis dem Gequälten
Und Geschmälten
Die Augen übergehn.
Dann fangen sie an zu schimpfen:
»Ei seht wie kindisch
Und empfindisch –
Man muß doch Spaß verstehn!«

 


 

Wer mit Kosak und Pack sich schlägt,
Leicht Läuse aus dem Kampfe trägt.

 


 

        Predige nicht Wasser
Dem, der nur Bier will.
Dräng nicht zu dem,
Der nicht zu dir will.
Hoff auf niemand zu wirken,
Eh gewalkt ihn die Not.
Dann schreit der Durst: Wasser!
Und: Hilfe! der Hasser – –
Dann dünkst du ihm – Brot!

 


 

Die Ärzte

      Sie schaun zuviel durchs Mikroskop,
Und zu wenig mit den Augen –
Theoretisch stehn sie hoch im Lob,
Doch praktisch sie wenig taugen!

 


 

        Unter der knöchernen Faust des Lehrers,
Im scheelen Blicke seines Auges,
Angesprüht von seinem zornigen Speichel –
Wie soll sie sich da entfalten, die Menschenpflanze?

 


 

        Durch Schicht um Schicht der elterlichen Lügen
Bricht schmerzhaft durch des Kindes junges Licht.
Ihr nennt es Zucht, es ist ein feig Betrügen,
Entehrt euch langsam, jenem nützt es nicht.

 


 

        Was soll ich meinem Kinde lehren?
Das Große ehren.
Soll es für Großes entbrennen,
Muß es erst Größe erkennen.
Wie soll ich das meinem Kind erwecken?
Sei groß und lehr es nach dir sich recken!

 


 

        Warum ist so wenig Glück auf Erden?
Wir können nie ihrer ganz froh werden!
Wir scheuen die Hölle und sehnen zum Himmel,
Das Brot der Erde versauert im Schimmel.

 


 

Beim Kartoffelhacken

    Hacken und graben
Macht Mühe und heiß;
Kärgliche Gaben
Lohnen den Fleiß.
Im lockeren Siebe
Bleibt uns zur Not
Ein Körnchen Liebe
Zum trocknen Brot.

 


 

        Zwischen zwei harten Steinen
Wird das Korn zum Mehle –
Zwischen Wollen und Verneinen
Wird das Fleisch zu Geist und Seele.

 


 

    Alle Reife ist Todestrieb
Den schwellenden Keimen im Innern zulieb.

 


 

      Wenn du nicht töten willst, so stirb,
Und kannst du nichts beleben, so verdirb!

 


 

        Höchster Adel schafft auch höchste Pflicht,
Strengstes Recht will strengstes Selbstgericht.

 


 

        Ich bin der Mensch, der nur von Liebe lebt,
Doch aus dem feinsten Gespinst wird der festeste Stoff gewebt.

 


 

        Durchsichtig wie der edelste Kristall
Muß um mich stehn und leuchten rings das All,
Kein dunkler Fleck darf fürder an ihm sein.
Wie schaff ich das? – Ich glüh mich selber rein!

 


 

        Leben, das ist ein Vergehn, und Wachen ein helles Verbrennen,
Aber der Schlaf und der Tod bergen die fernere Glut.
Sterben? Nichts stirbt in der Welt, es geht nur das Alte hinüber,
Ewig durchs schweigende Nichts lodert lebendig das All.

 


 

        Erkanntes ist Gemessenes, und ihr wißt,
Daß man das Große mit dem Kleinen mißt.
Die Welt ist groß, der Mensch ist klein,
Und beide sind's unendlich –
Doch wächst er in die Welt hinein,
Und sie wird ihm verständlich.
Nur bis sie beide sind soweit,
Braucht's eine kleine Ewigkeit.

 


 

        Wirf dich dem Schicksal als Zufall entgegen,
Du gewinnst es, auf mein Wort –
Doch stemmst du dem Zufall ein Schicksal entgegen,
Kommst du doch noch besser fort!

 


 

        Ihr schmäht das Leben ob der sauren Müh,
Die es uns kostet – sagt, was wär es ohne?
Ein jeder Lump griff nach der höchsten Krone,
Hing niedrig sie.

 


 

        Nur wer die Last hob, kann von Schwere sagen,
Noch besser aber, wenn er sie getragen.
Doch wie viel schreit man im Vorüberhasten
Von ungetragnen, ungehobnen Lasten.

 


 

    Ist's eine Wolke, die über dir hängt,
So wart in Ruh –
Ist es ein Berg, der dich bedrängt,
Verziehe du!

 


 

        Mußt nur des Herzens dunklen Drang verstehn,
Will es mit dir in alle Lüfte gehn;
Es will nicht, wie es tut, ruhlos die Welt durchschweifen,
Sich selber will es finden und ergreifen.

 


 

    Höhe läßt Niedrigkeit unter sich –
Weisheit vertilgt Unglück –
Glück löscht Gier –
Wunschlosigkeit gibt – alles.

 


 

        Durch Sich-Recken wird man wohl nicht größer,
Aber so groß doch, als man werden kann.
Nicht in jedem steckt ein Welterlöser,
Aber doch in vielen noch ein Mann.

 


 

Verschiedenes Los

        Andres Wagen, andres Gelten,
Andrer Ton von andrem Erz,
Andre Menschen, andre Welten,
Andrer Schmerz in andrem Herz:
Wenige stürzen ohne Wahl
In die kurze, selige Qual
Rasch hintötender Flammen;
Doch Milliarden trauriger Narren
Kauern zusammen,
Um lange frierend, langsam zu erstarren.

 


 

        Geh nur dem Leben todeskühn entgegen,
Den Schild hinweg und Panzer, nackt die Brust –
So wird es wallend dir darum sich legen,
Ist's doch ein Weib, und will . . vergehn vor Lust!

 


 

        Hart an den Feind und stets die Stirne vorn!
Der Tod am Ende sei dein heißer Sporn.
Er lehre dich, statt würdelos verderben,
Im Angriff oder in der Schanze sterben.
Der Feigling schleicht, bis ihn die Zeit zerreibt –
Du willst ein Held sein, nun so reite vor,
Den Hammer in der Faust und hinterm Ohr
Die Taubenfeder, die den Frieden schreibt.

 


 

        Aus des Nichtseins Blindheit zogen dich zwei Blinde.
Aber nun – nun selbst in Wehen grausam dich gebären,
Winden dich in Wehen grausam aus dem Nochnichtsein,
Dem unerstickbar Recht- und Weiterwerdenwollen
In ein zweites Neues, in dein eignes Leben –
Wo du Vater bist und Mutter dir und Kind,
In Jungfräulichkeit den Gotteskeim hochtragend,
Der geheimnisvoll den dunklen Kloß befruchtet –:
Das will viel! Gehorsam viel – Willen und – Gnade.

 


 

Hier sitz ich
Und forme –
Mich!
Den Toren ein Spott,
Ein Fressen für Gott!

 


 

Kurz besonnen,
Frisch begonnen,
In dauernder Liebe
Fortgesponnen.

 


 

        Man gibt nur, was man hat, und tut nur, was man kann;
Nur was an mir nicht Weib ist, ist Mann!

 


 

        Ein Ich, geschaffen eine Welt zu fressen,
Von Liebe zu der Welt umgrenzt – –
So schlürft es zärtlich, was ihm zugemessen.

 


 

        O höhnt mich nicht mit einem Spiegelspiel!
Ich bin mir selbst in mancher Nacht genaht,
Und hoff, ein schweres Wollen wiegt so viel,
Wie eine leichte, ungewollte Tat.

 


 

        Ich war ein Mensch und fragte viel
Nach Höhe und Tiefe, Maß und Plan,
Nach Anfang und Ende, Zweck und Ziel.
Es war meine Schuld – es war mein Wahn
Es war meine Arbeit – sie ist getan!

 


 

        Wie manches Schwere hab ich vorempfunden –
Wenn's endlich kam, so war es schon verwunden.

 


 

Zwei Sprüche aus Götts Bauplänen

Am Eingange

        Tritt ein! Doch merk, du bist in eines andern Zelt!
Sein Wesen ist dir fremd wie eine ferne Welt –
So schau und höre lang, und fühle, doch bleib still,
Bis du – wann wird es sein? – begriffen, was er will.

 


 

Über der Stalltüre

        O Mensch, du bist des Tieres höher Wesen,
Gewaltigen Willens, überreich an List –
In seinem Auge aber magst du lesen,
Ob du ihm Gott, ob du ihm Teufel bist.

 


 

        Ihr seht nur, daß mir manches fehlt,
Ihr ahnt nur, daß mich manches quält, –
Euch beizt der Rauch nur, der mich oft umschwält,
Doch nicht das Feuer, das mich glüht und stählt.

 


 

Woher dies tiefe Schauen?
Durch heißen Glauben
Und eisiges Mißtrauen.

 


 

        Umsonst wird nichts, auch nicht im Weltenschoß!
Gott wird im Ringen mit dem Teufel groß.
So kommt es, daß der Gott des einen, wißt,
Des andern ausgedienter Teufel ist.

 


 

    Gott wußte das ganze Weh der Welt
Und schuf sie doch!
Und schüf sie noch,
Wie er sie heut noch hegt und hält. –
Alles Schöne und Gute müßte ruhn,
Wollte er nichts für den Teufel tun!

 


 

        Ein großes Glück hat dich getroffen;
Aufblüht dein Herz in namenlosem Hoffen – –
Sperr auf das Tor, sperrangelweit!
Du fährst herein ein großes Leid
Zur Erntezeit – – –

 


 

        Du siehst da einen noch ans Gute glauben,
Und wär's ein Wahn, du mußt ihn ihm nicht rauben.
Der Starke gern sich mit der Zarten kettet,
Die Zarte hat den Starken gern zu Gast:
Er denkt sich wonniger gebettet,
Sie stärker sich gefaßt.

 

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