Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph von Lauff >

Springinsröckel

Joseph von Lauff: Springinsröckel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleSpringinsröckel
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1922
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100822
projectid2d8b7e72
status1
Schließen

Navigation:

7

So war denn Silvester gewesen. Die Glocken hatten geläutet, schöner und hoffnungsfreudiger als zu anderen Zeiten. Die Punschbowlen waren getrunken, die großbauchigen Suppenterrinen wieder in die Glasservanten gestellt, um bei nächster Gelegenheit eine neue Auferstehung zu feiern. Alle Welt blickte den kommenden Tagen mit Andacht entgegen, sehnte sich nach frischer Betätigung und hegte im stillen den Wunsch: »Gott wolle es gnädiger machen als in den verflossenen Monden,« denn Mißwuchs, Teuerung und politische Schwierigkeiten waren die Zeichen des heimgegangenen Jahres gewesen. Die Gesichter hellten sich auf, hinter den Scheiben hingen frische Gardinen, auf den Straßen lag der Schnee so knusperig und glitzernd, daß es eine wahre Lust war, über die feingespreiteten Laken zu schreiten.

Auch bei Röschen Jungklaas schmunzelte alles wie Porzellanmalerei. Der Silvesterabend bei ihr war in der nettesten und harmonischsten Weise verlaufen. Keine Mißhelligkeiten, keine üblen Launen! Wie ein klares Wässerchen, das sich durch blumige Wiesen hindurchschlängelt, so munter und anregend war ihre kleine Veranstaltung durch die Herzen der anwesenden Damen geplätschert, und was ihr noch bedeutsamer und aussichtsvoller erschien, was sie mit allen Masern und Fasern ihres reinen Gemütes herbeigesehnt hatte ... die dunklen Flore sanken, ihre Seele heiterte auf, und rosige Wölkchen segelten über sie hin, wie kleine Liebesgötter, die sich nicht genug daran tun konnten, Myriaden von köstlichen Sonnenperlchen über ihr vereinsamtes Leben zu streuen; denn unverhofft und wider Erwarten: mit dem Schlage zwölf, der üblichen Besuchzeit, hatte ihr der Herr Aktuarius im Zylinder und Gehrock seine Neujahrsvisite gemacht und durchblicken lassen, daß er gesonnen sei, die alten Beziehungen nach Möglichkeit wieder in die Wege zu leiten, was sie veranlaßte, den lieben langen Tag nur die ›Klosterglocken‹ auf ihrem mageren Klavierchen zu klimpern. Aber schöner denn früher! Das waren keine Klosterglocken mehr, die sie unter ihren eifrigen Fingern hervorzauberte. Bräutliche Glocken waren's, Liebes- und Hochzeitsglocken, Glocken aus einer andern Welt, die sich bei den Händen nahmen und immerzu sangen: »Aloys Furtwanger! Röschen Jungklaas! Aloys! Röschen! Aloys! Röschen!« und immer so weiter. Unter ihrem Geläut grünte die Welt, dufteten die Wiesen, blühten die Bäume, schaukelten bunte Schmetterlinge wie schönheitstrunkene Elfenkinder, die sich spielend näherten und ihre glitzerfeinen Schwingen aufeinander betteten in unendlicher Sehnsucht.

»Aloys! Röschen! Aloys! Röschen!« Sie konnte nicht irren. Sie hörte es deutlich. Es war immer dasselbe ... immer dasselbe ... Die süße Erregung des Weibes war in ihr. Sie mußte sich in eine Sofaecke hineindrücken, ihr Spitzentaschentüchelchen gegen die Augen führen und vor unaussprechlicher Freude bitterlich weinen, um ihr armes und doch so übervolles Herzchen leichter zu machen.

Selbst in Christine hatte sich binnen vierundzwanzig Stunden vieles verändert. Sie schien milder und duldsamer geworden, nachsichtiger und gütiger. Verloren sah sie auf ihre Weißwürstchenfinger und sagte still vor sich hin: »Man darf nicht seine Kontenance verlieren; nicht das Kind mit dem Bade verschütten. Er weiß, was sich schickt. Die Sache kann immer noch werden. Man muß nur seine Beobachtung halten, denn er hat es dick hinter den Ohren.«

Im allgemeinen jedoch war auch sie mit der heutigen Neujahrsvisite äußerst zufrieden und dankte ihrem Schöpfer, daß sich vielleicht noch alles einrenken lasse, ihr zur Genugtuung und Röschen Jungklaas zur bräutlichen Glückseligkeit.

So beschloß sie denn auch, schon jetzt beim Gärtner Jansen ein Myrtenstämmchen in Bestellung zu geben.

»Für alle Fälle,« setzte sie schmunzelnd hinzu, »denn besser ist besser ...« und pflegen wollte sie es, ihm alles Gute erweisen, bis die Stunde erscheinen würde, wo sie ein Kränzchen, so'n allerliebstes und niedliches Kränzchen ... Himmlischer Vater! sollte das eine paradiesische Traumzeit werden, so'n Schnäbeln zu zweien ...

Sie machte vorläufig Schluß mit diesen Erwägungen, zog ihren Seelenwärmer enger zusammen und ging in die Küche, wo trotz der molligen Wärme die Eisblumen an den Fenstern wuchsen wie Buketts von schneeweißen Rosen.

Ja, bei Röschen Jungklaas und in ihrer Behausung weilten halkyonische Stunden, saß die Erwartung in einem gemütlichen Lehnstuhl, trank echt chinesischen Tee aus einer echten chinesischen Tasse und verstreute Perlen und Edelsteine um sich her, als gölte es, das einfache Zimmer wie das Prunkgemach eines Radschas von Lahore zu schmücken. Aber da drüben ... auf der Grabenstraße ... in dem langgestreckten Hause mit den in Blei gefaßten Fensterscheiben, die ihres ehrwürdigen Alters wegen in allen Farben des Regenbogens opalisierten ... auf dem weißgekalkten, schier endlosen, etwas muffigen Hausflur, wo hinten, ganz weit, am Ende des Ganges und acht bis zehn Fuß über dem Estrich, sich der gipsene Bildstock des heiligen Joseph erhob, buntilluminiert, mit künstlichen Lilien und Nelken umrahmt und von dem trüben und melancholischen Schein des ewigen Lämpchens angeflammert – da stand einer, einer von denen, die das Behagen nicht kannten und niemals gelernt hatten, ein freundliches Wort über die Lippen zu bringen. Da stand einer zwischen den Türen, die zu den Kammern des blauen und des weißen Mynheers führten: ein grindiger Kerl im landläufigen Leinwandkittel, Holzschuhe an den Füßen, einen Metzgerdorn in der Rechten, die Schnapsbouteille im Sack ... und grinste und grinste, wobei er den brennenden Tonstummel von der einen Mundecke in die andere hineinpraktizierte – das aber war der Unfried. Und wenn einer von beiden sein Zimmer verließ, um die Kirche zu besuchen oder seinen Morgenspaziergang zu machen, dann nickte er dem betreffenden zu, rückte an der schmuddeligen Schirmmütze und sagte: »Mensch, du hast recht. Laß' dich nicht kirren. Sapristi! das wäre ein Esel, ein veritabler Palmesel, der da nachgeben wollte. Und wer es dennoch täte, für den sollte man einen Zölligen aus der Bocksdornhecke schneiden ... ja, und dann feste. Immer präsent, meine Herren! Ungegönnt Brot setzt Fett an. Wer aber verdammelten Sinnes seine Gutmütigkeit wie Mais und Linsen vertut, den fressen die Hühner.« Und so geschah es denn auch. Moritz van Dornick und Johannes Terstegen sahen sich nicht mehr, wollten es nicht, gingen stiernackig ihre gesonderten Pfade, und wenn der Zufall es machte, daß sie sich nicht ausweichen konnten, dann zogen sie aneinander vorüber wie zwei verzankte Handwerksgesellen, die Augen abgekehrt und die Fäuste in den Hosentaschen vergraben, um ja nicht in die Verlegenheit zu kommen, die Hand an die Mütze zu legen.

Auch Aloys Furtwanger war seit dem unglücklichen Abschluß des Silvesterabends wie ein vergrämelter Ami. Seine Seele pendelte zwischen Harren und Bangen, zwischen Kleinmut und Ausgelassenheit, und wenn er versuchte, sich an den verblümten Redensarten des energischen Kapitäns in die Höhe zu wuchten, dann trillerte er wie eine Lerche aufwärts, klingelte durch ewiges Blau und flog seines Weges, wie von Zephirwinden getragen, um dann wieder die Kraft zu verlieren, tiefer zu gleiten und in irgend einem versumpften und trostlosen Ödland auf Grund und Boden zu stoßen. Herrgott, dieser Zwiespalt in seiner Verfassung, in seinem innersten Leben! Hoffnungen, leuchtende Meteore, Ängste und Fährnisse – alles bunt durcheinander gerüttelt, sich wechselseitig bekämpfend, gleich den Urtierchen im Wassertropfen ... Das zermürbte ihn, machte ihn wirbelsinnig, noch menschenscheuer, als er schon früher gewesen. Er wähnte, auf einer Jakobsleiter zu stehen, die jeden Augenblick umstürzen konnte. Himmelhochjauchzend und doch ein Gottestropf, sah er sich vor dem Tempel der Glückseligkeit knieend, in dessen goldene Tore eine liebevolle Hand ihn hineinpeitschen wollte. Aber er rückte und regte sich nicht. Ein Cherub mit gezücktem Schwert verwies ihm den Eingang. Und da, um aus seinem vagen Zustand herauszukommen, suchte er Zerstreuung bei seinen Kerfen und Haften. Sie hatten ihm heute gar nichts zu sagen. Er nahm die ›Flohhatz‹ zu Hilfe, bemühte sich, eines Kapitels habhaft zu werden, das geeignet schien, ihn wieder zu einem denkenden, vergnügten und launigen Erdenpilger zu machen. Aber wie er auch blätterte – selbst die fidelsten Stellen der unsterblichen Epopöe ähnelten den Klagegesängen des Jeremias. Der kernige, joviale, zwerchfellerschütternde Johannes Fischart aus Straßburg präsentierte sich ihm als Prediger in der Wüste, rauhbeschurt und sich von Heuschrecken und wilden, Honig nährend. Da verfiel er darauf, in der Villa ›Springinsröckel‹ vorzusprechen. Allein auch hier kein Labsal. Der braune Kavalier blieb unter Dach und Fach und kam nicht zum Vorschein. Nein, dieser Moritz van Dornick! Und Nellecke erst und Lambert Terstegen! Was die beiden nur hatten? Und die sonderbaren Hinweise und Drohungen des alten Leinwebers! Was steckte dahinter? War denn die Welt aus Leim und Fugen geraten? Wohin sollte das führen? Gut und Böse standen einträchtig zusammen und taten so, als wären sie von jeher die besten Freunde gewesen. Ein Paradoxon jagte das andere. Eine Kette von Widersinnigkeiten umstrickte ihn, fesselte ihn. Rätsel über Rätsel! Kein Lichtblick, kein ruhiger Punkt in diesem Nebelmeer von greifbaren und unfaßlichen Dingen ... und nur seine Liebe flatterte darüber hin wie eine silberweiße Taube, die sich ziellos verirrte.

Da tat er ein Letztes, zog seinen besten Gehrock an, nahm Stock und Hut und machte Röschen Jungklaas seine Neujahrvisite.

Endlich! – bei dem ausgestopften Kakadu, den Ammonshörnern und großzackigen Muscheln, die in allen Farben des Regenbogens perlmutterten, bei der eingerahmten Bestallung des hochzuverehrenden seligen Steuerempfängers, dem dünnbeinigen Spinett und dem verheißungsvollen Knistern der zierlichen Krinoline fühlte er sich wieder als Mensch unter Menschen. Und Röschen erst! Sie trug nicht nach, gab sich genau wie in früheren Tagen, wippte mit ihren Honiglöckchen, bezeigte ihm hundertfache Aufmerksamkeiten, zierte sich wie ein gesprenkeltes Perlhühnchen und ermahnte ihn, die gewohnten Kartenpartiechen nicht mehr unter den Tisch fallen zu lassen, wobei Christine auf die delikaten Waffeln hinwies und zu verstehen gab, daß das nächste Spiel- und Plauderstündchen hinsichtlich dieser Leckereien ganz besondere Qualitäten zu gewärtigen habe. Kurz, alles geschah, dem Herrn Aktuarius den Besuch so angenehm wie nur möglich zu machen. Und in der Tat auch: Röschen war gar nicht so ohne, wenn auch der feinste und zarteste Schmelz ihrer Jugendblüte so recht nicht mehr zur Geltung kam. Aber diese Hingebung und Aufmerksamkeit, dieses stille Sichfreuen, diese gediegenen Anschauungen und diskreten Lavendeldüfte berührten den emeritierten Herrn mit zarten und schmeichelnden Fingern. Ein solches Heim, ein solches Persönchen und solche Politessen waren nicht alle Tage zu finden, konnten das Gemüt eines empfindsamen Mannes schon in eine zärtliche Wallung versetzen. Ja, ja! bevor die Rosen welken, duften sie mit einer ganz besonderen Süße. Er versprach denn auch ein baldiges Wiederkommen und verabschiedete sich in herzlicher Weise, getragen von dem sanften Klingeln der ›Klosterglocken‹, die ihn bis ins Freie geleiteten.

Hier aber, in der knappigen und knusperigen Luft, in der realen Wirklichkeit, knickten seine guten Vorsätze wie Tulpenstengel zusammen. Nellecke van Dornick trat aufs neue in sein helles Gesichtsfeld: Nellecke mit ihren Maronenaugen, den schweren Haarflechten, die nur auf der Stirne sich krausten, Nellecke mit dem straffen Mieder und dem schelmischen Enkörchen, Nellecke, das frische, dralle und lebensprühende Mädel. ... Ach! und da kamen sie wieder: die Versuchungen, die beglückenden Wünsche, die Zweifel und Anfechtungen und alle die Fragen, die seine arme Seele bedrängten.

Verdämmert sah er in den blanken Himmel hinein, ob dort die Erkorene wohl als erlösender Engel niederschweben würde, mit schließfesten Armen und halbgeöffneten, begehrlichen Lippen.

Allein da stand nur der Turm von Sankt Nikolai, der seinen gewaltigen Zuckerhut in die ewige Kuppel hineinschob.

Aber sie selber, sie kam nicht und kam nicht.

Da schüttelte er traurig den Kopf, sah sich um und um und schritt langsam und nachdenklich der ›Goldenen Kugel‹ zu, um dort wie gewöhnlich zu Mittag zu speisen.

Die Verpflegung dort war gut, der Besitzer ein gediegener Wirt. Und die Weine erst! Sie erfreuten sich in der ganzen Umgegend eines vortrefflichen Rufes, besonders die roten, eine Tatsache, die auch unserm Helden bekannt war. Er bestellte somit eine Langkork aus dem Arrondissement Lesparre, für fünfundzwanzig Silbergroschen die Flasche, ließ sie entstöpseln und trank das erste Glas auf das Wohl von Röschen ... nein, auf das von Nellecke van Dornick, auch das zweite und dritte und so fort, bis er sich genötigt sah, eine weitere Pulle entkorken zu lassen, denn um Nelleckes Wohl in sachlicher Weise auszubringen, waren wenigstens zwei Bouteillen erforderlich, zwei von den exquisitesten Sorten, die sich in den Kellerräumen der ›Goldenen Kugel‹ befanden.

Profiziat! und aus dem Zaubergewächs des Arrondissements Lesparre trank er sich neuen Lebensmut zu, schlürfte und sog er den energischen Vorsatz, Röschen tiefer zu hängen, ihr aber zeitlebens ein fürsorglicher Mentor zu werden, unverbrüchlich und treu, bieder und kernfest, ohne zu wanken und mit der Wimper zu zucken. Und die Sechsundsechzig-Partiechen? Selbstverständlich, die blieben. Profiziat! das wollte er bestens besorgen, und was die Hauptsache war: aus dem Zaubergewächs des Arrondissements Lesparre trank er den felsenfesten und ehernen Willen, Nellecke van Dornick hoch in Ehren zu halten, dem lieben Geschöpf die Wege zu ebnen, ihm die Brautzeit und den Stand der heiligen Ehe ... Profiziat! er spann den den Faden nicht weiter, ließ ihn vielmehr wie Mariengarn flattern, denn das Wirtslokal belebte sich plötzlich mit unzähligen losen, lichten und pausbäckigen Amoretten, die auf Maultrommeln spielten, auf Zimbeln und Quinternen, und dann in den Ruf ausbrachen: »Nellecke van Dornick und Aloys Furtwanger – hoch sollen sie leben! Hoch sollen sie leben!« – eine Ovation, die den Herrn Aktuarius zu Tränen rührte und ihn veranlaßte, die zweite Bouteille in Bestellung zu geben.

Erst spät am Abend kehrte er heimwärts, geführt und geleitet von Pitt Kaldenhoven, der trotz seines Demokratentums noch sicher auf den Beinen stand und ungefährdet den Hafen erreichte.

Am Fest der heiligen Drei Könige, dem Tage also, wo man von allen Kanzeln verkündete: »Da Jesus geboren war zu Bethlehem im jüdischen Lande, zur Zeit des Fürsten Herodes, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenlande gen Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern verfolgt und sind gekommen, ihn anzubeten.« An diesem Tage geschah es, daß Nellecke van Dornick sich um die spate Mittagszeit aufmachte, um ihren Vater zu begrüßen.

 

Seit dem Silvesterabend hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Auch der Alte war stumm und verschwiegen wie ein Karpfen gewesen. Ahnungslos und frohen Gemütes zog sie durch die vereinsamten Straßen. Nur eins fiel ihr auf: auch von Lambert in Obermörmter hatte sie keine Nachricht empfangen, kein Lebenszeichen, keinen Glückwunsch, nicht das einfachste Briefchen, und er war doch die Aufmerksamkeit und Pünktlichkeit selber. Das gab ihr zu denken, machte sie befangen, ließ ihr das Herz lauter und empfindlicher schlagen. Je näher sie dem Altmännerhaus kam, um so mehr wuchs sie in ihre Bedrängnis hinein, gab sie sich Gedanken hin, die sonst nicht in ihrer Natur und Veranlagung wurzelten. Was Lambert nur hatte? Da mußte irgend etwas nicht stimmen, was er ihr verheimlichen zu wollen schien. Ihre muntere Laune sank tiefer, fiel auf den Gefrierpunkt und erinnerte an ein Vögelchen, das auf irgend einem verschneiten Ast in der bitteren Winterkälte fröstelte.

Als sie den langen und dunkeln Hausflur betrat, sah sie schon von ferne das ewige Lämpchen. Es war klein und verhutzelt und duckte sich in dem scharfen Luftzug, der den weitläufigen Korridor mit einem wehen Stimmchen durchseufzte. Die Wände strömten einen feuchten und dumpfigen Hauch aus. Keines Menschen Fuß ließ sich hören, keine Tür ging auf und zu, kein freundlicher Schein drang aus irgend einem wohnlichen Zimmer; nur der mattleuchtende Docht war die einzige Lichtquelle in dieser trostlosen Öde.

Sie wagte kaum den Fuß aufzusetzen, so bedrückte sie diese entsetzliche Leere und Stille.

Niemand begegnete ihr; sie hatte auch nicht den Wunsch, jemand zu sehen.

Da plötzlich ... neben der Tür, die zur Stube des weißen Mynheers führte, erhob sich eine graue Gestalt – stand einer, barhaupt, unbeweglich und einsam, das scharfgeschnittene Gesicht von einer auffälligen Leichenblässe umzogen.

Er mußte eben erst die Stube verlassen haben, denn er hielt noch die Hand auf dem Drücker.

Nellecke stierte ihn an.

»Lambert – du?!« hauchte sie tonlos.

»Ich bin es,« kam es eisig zurück.

»Wo kommst du her?«

»Von Obermörmter.«

»Bei wem warst du?«

»Bei meinem Vater. Er schrieb mir: Komme, und ich bin seinem Ruf gefolgt.«

»Und stehst jetzt hier?«

»Ich hörte deinen Schritt, und weil ich ihn hörte ...«

»Lambert, Lambert! und du hast mir kein Sterbenswörtchen geschrieben?!«

Sie wollte in seine Arme hinein. Er aber hielt sie zurück, ergriff ihre rechte Hand wie mit einem Schraubstock und drückte sie nieder.

»Erst eine Frage!«

»Um Gotteswillen, was hast du? Was willst du von mir?«

»Erst eine Frage,« sagte er mit der nämlichen Kälte. »Du hast mir doch immer gesagt, daß du mich liebtest. Ist das anders geworden? Bist du willens, mich wie eine taube Haselnuß beiseite zu werfen? Wie steht es damit?«

Sie sah ihn fassungslos an.

»Wenn du das meinst,« keuchte sie endlich, »warum berührst du mich noch?«

Er lachte auf, kurz und zerrissen.

»Komm' mit,« sagte er herrisch und führte sie seitwärts, dem ewigen Lämpchen zu, in den Schein und Schuh des heiligen Bildstocks, wo der Schatten einer Wendeltreppe Deckung bot.

Hier, noch immer ihre Rechte gepackt, streckte er sich steil in die Höhe, den Blick, wie den eines Falken, auf sie gerichtet.

»Antworte,« kam es ihm rauh von den Lippen, »aber bevor du es tust, habe ich dir ein Geständnis zu machen. Unterbrich mich nicht, schweife nicht ab, höre genau zu. Du kannst es gebrauchen. Ich sagte mir immer: Prüfe dich, bevor du den Mut findest, dein Geschick mit dem eines geliebten Wesens zu einen, ihm anzuhangen, zu dienen und es zu lieben, bis der Tod gebietet: Geht auseinander! Ich prüfte mich, und das übrige weißt du. Jetzt antworte!«

»Ich habe nichts darauf zu sagen,« versetzte sie mit wehem Lächeln, jetzt wieder Herrin über ihren innern und äußern Menschen.

»Nichts?« fragte er heftig.

Sie wandte sich ab.

»Nein,« versetzte sie ruhig.

»Du wirst es noch lernen,« brach es aus ihm heraus wie eine zuckende Flamme. »Gewiß, ich bin keiner von denen, die eine Wünschelrute besitzen, um die alltäglichen Sorgen leichthin zu scheuchen. Keine Glücksgüter sind mein Erbteil geworden. Habelos bin ich. Mein Beruf vermag keine Schätze zu häufeln. Woher auch? Die Verhältnisse, in denen ich aufwuchs, sind die kleinsten gewesen, obgleich ich niemals bereue, solche durchgekostet zu haben. In einem Leinweberhause wird keine Seide gesponnen. Die Lade ist eine harte und unbarmherzige Meisterin, knausert und gibt nur so viel, das nötige Brot zu beschaffen. Trotzalledem: in unermüdlicher Arbeit suchte ich die Enge zu brechen, mir das zu erringen, was man gebraucht, um mit freier Stirn unter freie Menschen zu treten ... und ich habe erreicht, was ich wollte.«

»Das weiß ich.«

»Dann weißt du auch,« fuhr er eindringlicher fort, indem er ihre umklammerte Hand noch fester umschnürte ... »Damals im Seminar ... um deinetwillen machte ich die Nächte zu Tagen, bezwang ich das Leben, zimmerte ich mir die Zukunft zurecht, im Sehnen nach dir, nach deiner Seele, nach deiner Umarmung – und in all dieser Zeit sahst du mir über die Schulter, lenktest du mich, fühlte ich deine Nähe und den süßen Duft deines Leibes ... und weiter: als ich in die karge Lehrerstelle hineinkam, in den eingedunkelten Wiesen sich unsere Lippen zum ersten Male berührten ...«

»Lambert, hör' auf!«

Sie suchte ihre Hand zu befreien.

»Nein,« sagte er schartig, »erst sollst du hören, auch die kleinste Kleinigkeit hören; denn heute ist Zahltag. Wer weiß, ob wir uns jemals im Leben wieder begegnen werden. Ich habe meine Konsequenzen zu ziehen und dein Gedächtnis zu stärken. Du erinnerst dich doch? Das ist vor knapp drei Viertel Jahr geschehen ... damals, als die Osterfeuer zu brennen begannen und der Himmel so voller Sterne war, daß man wähnte, das Firmament stände offen und ein goldener Segen träufte hernieder. Da hast du mir dein Jawort gegeben ... und jetzt?«

»Und was ist denn anders geworden?« fragte sie mit fliegendem Atem.

Ihre junge Brust kam ins Stürmen.

»Du wagst noch zu fragen?« hielt er ihr bittet entgegen, »und weißt doch, was am Silvesterabend passiert ist ...«

»Was soll denn passiert sein?! Mein Gott, was soll denn passiert sein?! Ich weiß nur: dein Vater war da, der Aktuarius hatte sich die Ehre gegeben, in harmonischer Eintracht stießen wir an, begrüßten Neujahr, und friedlich und in aller Freundschaft habe ich mich dann heimwärts begeben, um mit Röschen Jungklaas noch ein Stündchen zu feiern.«

»Und da ist sonst nichts geschehn?«

»So lange ich da war – nicht das geringste.«

Er gab ihre Hand frei. In seiner Brust war ein Klopfen und Hämmern. Mit dem tobenden Lärm einer roten Esse fiel es über ihn her.

»Und hast bis jetzt nicht erfahren ... auch das nicht, daß man unsere Liebe wie 'ne mistige Sache verscharrte?«

»Aber Lambert ...!«

»Auch das nicht, daß dein Vater es wagte, die Terstegens zu kränken, sie niederzuzwingen und deinen jungen Leib in fremde Arme zu legen?«

Mit einem Schrei fuhr sie auf – sank wieder zurück – schlug sich die Hände vor das entsetzte Gesicht.

»Ach, ich verstehe! Springinsröckel! Springinsröckel ...! Wie er mir leid tut! Der Ärmste! Der Ärmste ...!«

»Du – und du weißt das nicht alles?«

»So wahr mir Gott helfe – wie soll ich das wissen?!«

Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen.

Das Licht leuchtete ihm wie das Licht in der Finsternis, hell wie die Glorie des Morgens, heilig wie der siebenarmige Leuchter vor dem Altarsakrament. Seine Stimme jubelte: «Dein Leben – mein Leben! Dein Sterben – mein Tod,« und der von seinem Weh Genesene riß das bestürzte Mädchen an sich, umstrickte es mit wütigen Kräften, beugte sich zu ihm, drückte ihm einen verzehrenden Kuß auf die Lippen. Und dieser Kuß wollte nicht enden, brannte wie Feuer und schmerzte in seiner allesumfassenden Liebe und Keuschheit, wie das Geheimnis, das die nur zu ergründen vermögen, die berufen sind, die wundertätige Verklärung des Höchsten auf Erden schon jetzt zu begreifen.

»Nellecke, Nellecke – und kannst du vergeben?!«

Immer fester umarmte er sie, immer enger drückten sich ihre Körper zusammen.

»Lambert, Lambert ...!« und sie beugte sich rücklings, die Blicke halb schließend, und siehe: zwischen den langen Wimpern war nur ein schmaler Seidenfaden übriggeblieben, aber in ihm leuchtete es wie Offenbaren und Auferstehen, wie Geben und seliges Nehmen.

»Lambert,« stammelte sie, »und der Stille da drüben ... der Einsame ... der Weltabgekehrte ... der Nachdenkliche ... er wird sich verbluten!«

»Ja, er wird sich verbluten, aber ich kann es nicht ändern! Beati possidentes! Elend die Armen! Glücklich die Besitzenden! und ich bin der Besitzende,« und wieder lag sein Mund auf ihren zuckenden Lippen, während im Zimmer des weißen Mynheers einer zu reden anhub – erst scheu und unverständlich, dann freier und schließlich mit scharfer Betonung: »Prediger, neuntes Kapitel. Lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln ... dann findest du das Reich Gottes und eine glückliche Ehe.«

»Hörst du das, Nellecke!«

»Lambert, ich höre!« und wieder preßten sich zwei junge und heiße Herzen zusammen, um eins zu werden und ein einziges großes und inniges Schlagen zu finden.

»Du, meine Weggenossin! Du, meine Erfüllung! – Und kommen wirst du auf Zehenspitzen, in deiner ganzen Anmut und Reinheit, und die Lampe wirst du tragen in mein schlichtes Gemach, auf daß sie unserm Abendwerk leuchte und uns erfülle mit dem stillen Glanz ihrer Zukunftsfreudigkeit.«

Er kam nicht weiter.

Ein greller Schein fiel plötzlich hart und unvermittelt quer durch den Hausflur, wobei eine derbe Stimme ertönte: »Blexem und Donnder! was für 'ne Lampe?!«

Der blaue Mynheer stand in der geöffneten Tür seines Zimmers. Sein Punschgesicht glühte wie Fett und Feuer, und das, was er sagte, rollte wie aufgeschaufeltes Wasser gegen die Planken eines Schleusenwehrs: »Herr Lehrer, was hier zu besprechen ist, braucht nicht unter dem gipsenen Joseph stattzufinden. Das dulde ich nicht und kann es nicht dulden. Alles zu seiner Zeit. Ich führe das Regiment des Hauses auf meine Manier und lasse meine Topps so wehen, wie ich es in der Gewohnheit besitze. Das ist mein Anerberecht. Der Gatte der Jungfrau Maria mag ja ein gütiger und wohlwollender Herr sein, aber mit meinen Familienangelegenheiten hat er gar nichts zu schaffen; denn hier steht der Mann, an dessen Türe gekloppt wird. Nicht, daß ich den biblischen Pflegevater nicht ehrte! Aber jedem das Seine. Dem heiligen Joseph unsere Bußfertigkeit und Andacht, um hierdurch in den Himmel zu kommen. Für mich aber beanspruche ich die Estimierung als Kaptän von ›Maria, sei mit uns‹, als Erzeuger und Vormund. Also – ich bitte: Angtree! Auch du, Nellecke, bist freundlichst gebeten,« und da traten sie ein, gefolgt von dem Alten, der hinter sich die Türe zuknallte, neben den Tisch trat und die Knöchel der linken Hand auf das Tafeltuch stemmte.

»Lambert,« also begann er, »unter anderen Umständen und zu gewöhnlichen Zeiten konnte ich Sie mit dem kameradschaftlichen ›du‹ titulieren. Habe bisher auch keine Standesbenennung verwendet, denn ich sagte mir immer: Was man von klein auf getan hat, wird geziemend bewertet. Auch war ich mit Ihrem Vater befreundet. Warum sich da mit großartigen Redensarten befassen? Im gegenwärtigen Augenblick aber« – und der alte Herr ließ die Knöchel seiner linken Hand zu verschiedenen Malen auf der Tischplatte tanzen – »wo alles Spitz auf Knopp steht, die Wetterzeichen sich auf Sturm bewegen, da habe ich den ›Lehrer‹ zu unterstreichen und das kameradschaftliche ›du‹ über Bord und ins Wasser zu schmeißen.«

Der junge Mann wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne.

»Was bezweckt das alles?« fragte er wie vor den Kopf geschlagen.

»Bezwecken, Herr Lehrer? Das, was ich soeben gesehn hab', das will ich nicht sehen, und was ich soeben gehört hab', das will ich nicht hören ... und weil ich nicht will: aus mit der Sache! und wenn Sie ein übriges wollen – drüben wohnt Johannes Terstegen: bei dem fragen Sie an. Der warf mir am heiligen Silvesterabend und just um die Stunde, als wir kaum damit fertig waren, uns mit 'nem ›Prosit Neujahr!‹ zu beglücken, 'nen handfesten Knüppel zwischen die ehrlichen Ständer und sagte: Es soll Feindschaft sein zwischen dem weißen und dem blauen Mynheer, Feindschaft for ever. Moritz, ich gehe. – Gut, und er ist von mir gegangen. So was brauche ich mir nicht gefallen zu lassen, geht meiner Honorierung zuwider. Aber er hat, was er wollte: sein neues Fahrwasser, während ich noch mein altes besitze.«

»Herr van Dornick,« zitterte Lambert vor tiefer Erregung, »so muß ich wohl sagen, obgleich ich früher ...«

Der Kapitän machte eine kurze Bewegung.

»Lassen wir's man in diesem Sinne bestehen, denn wir haben konträrigen Wind in den Segeln. Gegen den können Sie mit dem ›Ohm‹ nicht mehr anoperieren. Wie man durchs Sprechrohr tutet, so kommt es von drüben retour. Das haben Sie Ihrem Erschaffer zu danken.«

»Ich bin doch nicht mit meinem Vater identisch.«

»Kann ich nicht beurteilen und will es auch nicht, obgleich es im gewöhnlichen heißt: Wie der Herr, so's Gescherr.«

»Das geht zu weit, Herr van Dornick.«

»Daß ich nicht wüßte, denn ich habe immer beste Lotung genommen, ohne dabei durchs Perspektiv zu sehen und den Kompaß zu fragen. Selbst im diesigsten Wetter ist meine Navigatschon toujours von der ersten Klasse gewesen, schnurgerade aus, mit akkuratem Beidrehn, und wo sie fielen – die Anker, da fielen sie genau an der richtigen Stelle. Und da wollen Sie kommen und mir entgegen parlieren? Sie Jüngling, lernen Sie erst mal den Respekt vor ergrauten Haaren kennen, und wir können in Frieden verhandeln. So aber, bei Ihrem jetzigen Wesen, müssen Sie noch verschiedene Knoten zulegen, um mit mir gleiche Fahrzeit zu halten. Navigare necesse est, vivere non est necesse. Das hab' ich schon auf Quarta gelernt, und Sie können's sich merken. Außerdem: nicht ich, sondern Sie sind zu weit gegangen, Herr Lehrer. Was hatten Sie überhaupt unter dem gipsenen Joseph zu suchen? Den Rosenkranz haben Sie dort nicht gebetet. Drauf will ich ein Schiffstau verzehren ... und wer in seiner Allgegenwärtigkeit sonst was betreibt, das ist Profanierung einer göttlichen Sache. Der heilige Mann ist da, um die Würde und den Frieden dieses Hauses in Person zu vertreten, aber nicht, dazu da, um zu hören, wie einer kommt und meiner Tochter Flausen ins Ohr setzt.«

»Ich muß mir verbitten ...«

Alles Blut war dem jungen Terstegen vom Antlitz gewichen.

»Herr van Dornick, hier ist nicht von dem Bildstock die Rede und nicht von Flausen, die ich Ihrer Tochter ins Ohr gesetzt habe. Sondern: Nellecke und ich, wir kennen uns lange, und aus dem Sichkennenlernen hat sich eine innige Zuneigung entwickelt, und diese Zuneigung ist zur Liebe geworden, zu einer großen und stolzen Liebe fürs Leben. Her zu mir, Nellecke!« und mit festem Entschluß hatte er das weinende Mädchen in seine Arme genommen. »Mit ihr vereint, will ich das Herdfeuer anzünden, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, für sie schaffen und wirken und ihr, so Gott will, ein heiteres und sonniges Dasein und einen warmen und gesegneten Abend bereiten.«

»Und das wollen Sie alles erwirken?« fragte der Alte mit erkünstelter Ruhe.

»Ja, Herr van Dornick, so wahr mir Gott helfe!«

»Und du, Nellecke?«

»Ich habe ihm Treue gelobt.«

»Halt!« donnerte Moritz, »kein Wort mehr, kein einziges Wort mehr! Du, Nellecke – dorthin, und Sie, Herr Lehrer, wollen sich gefälligst auf die andere Seite des Tisches begeben.«

Gleich einer derben eichenen Planke hatte sich der Alte zwischen die beiden geschoben, sie beiseite gedrückt und sich selber inmitten aufgepflanzt wie eine starre, herrische Schranke.

Mit einem lauernden Blick warf er den Kopf herum.

»Ich weiß es bereits,« sagte er mit einem häßlichen Klang in der Stimme, »aber, ich frage noch einmal: Was sind Sie eigentlich, Herr Lambert Terstegen?«

»Seminaristisch gebildeter Lehrer.«

»Und wo angestellt?«

»In Obermörmter.«

»Und als Hilfslehrer noch?«

»Ja, als Hilfslehrer noch.«

»Und wie salariert?«

»Jährlich dreihundert Taler, dazu freie Wohnung und Heizung.«

»Und welche Anwartschaften bestehen für die Zukunft?«

»Ich kann Hauptlehrer werden.«

»Und ferner?«

»Im vorgerückten Alter und bei einigem Wohlwollen meiner vorgesetzten Behörde ist es nicht ausgeschlossen, Rektor an einer Mittelschule zu werden.«

»Hm, hm!« machte der Kapitän und krauste die Augenbrauen, »also bis zu dieser epochemachenden Höhe versteigen sich Ihre Ambitionen? Großartige Aussichten! Imponierende Draufgängerei! Resümieren wir nochmals, aber in aller Ruhe, Herr Lehrer,« und der Alte zählte mit grimmigem Humor an den Fingern herunter: »Also Hilfslehrer, seminaristisch gebildet« – und der Daumen stellte sich aufwärts. »Zum Andern: in Obermörmter in Stellung« – und der Zeigefinger gefiel sich darin, dieselbe Bewegung zu machen. »Jährlich 300 Taler Salär, geschrieben dreihundert Taler,« was den Mittelfinger veranlaßte, auch seinerseits in die Höhe zu schnellen. »Dann ferner: freie Wohnung und Heizung, um diese dreihundert Taler auch im Genuß zu verzehren,« eine Bemerkung, die den Goldfinger so ergötzte, daß er es den übrigen gleich tat ... »und schließlich« – und alle fünf Finger standen wie Grenadiere im Gliede – »omnipotenter Rektor, von Posaunenengeln umgeben, 'ne Kapelle, die bloß Zukunftsmusik tutet. So, so, so! und mit dieser Stellung als Schulmagister in Obermörmter, den dreihundert Talern Salär, der freien Wohnung und Heizung und mit dem Rektor, der sich noch in den Kinderschuhen befindet – mit diesen fünf gloriosen Aussichten wollen Sie Moritz van Dornick imponieren und auf seine leibliche Tochter angehen? Herr, Sie hat wohl der leibhaftige Satan geritten! Wie's reilt und feilt! Glauben Sie denn, ich ließe mich auf Geschichten ein, die keinen positiven Untergrund haben? Glauben Sie denn, ich wäre so'n kapitaler Döskopp, meine Tochter für nichts und gar nichts zu halten? Glauben Sie denn, so'n richtiger Schiffskaptän, in Firma Matthias Stinnes & Söhne ...«

»Sie!« fiel ihm Lambert ins Wort, »jetzt ist es satt und genug, und ich habe nicht Lust, mich von Ihnen weiter kränken und kuranzen zu lassen. Wir, die Terstegens, sind Mannes genug, sich den van Dornicks gegenüber zu behaupten und ihr Recht zu verfechten. Dort steht Nellecke, und hier stehe ich, und wenn Sie hundertmal Ihr ›Nein‹ mir gegen die Stirne hammern, wenn Sie hundertmal Ihre Tochter zu knechten versuchen, Ihre brutale Gewalt an ihr auslassen – wir gehören trotzdem zusammen und werden uns finden. Es ist höchst bedauerlich und schwer zu verstehen, wie Sie dazu kommen, einen ehrenwerten Beruf zu mißachten und eine alte Freundschaft unter den Galgen zu schleppen. Aber ich weiß, was Sie vorhaben. Ihre Tochter, die mir angehört vor Gott und den Menschen ... Sie wollen ...« und er streckte die Hand aus: »Da drüben ... Ihnen schräg gegenüber ... in dem kleinen Häuschen da drüben ... Das ist Schacher, Gewalt...!«

»Schwerebrett und kein Ende!« polterte Moritz. »Wer ist Herr hier zwischen den Wänden? Sie oder ich?!«

Unter seiner Stimme klirrten die Scheiben.

»Vater!« rief Nellecke. »Ich bitte dich, ich beschwöre dich, Vater!«

Sie wollte in die Arme des Geliebten hinein.

»Du bleibst, wo du bist,« wetterte der Alte, »oder dies Dach kracht zusammen. Das sollte ihm passen, mir das beste Kleinod aus der Krone zu brechen. Hand von der Krone! Hand von dem Kleinod, und wem ich es gebe, das steht ganz allein in meinem Ermessen. Ich will höher hinaus, will meine eigene Betätigung finden und einen Schwiegersohn haben, der mir paßt und der mir genehm ist. Sonst keinen. Dies meine Ansicht und meine unumstößliche Meinung ... und du, Nellecke, hast zwischen deinem Vater und Lambert Terstegen zu wählen.«

»Vater, Vater!« wimmerte sie auf.

»Wähle! Entweder den oder mich!«

Mit einem verhaltenen Schrei taumelte die Ärmste in eine Ecke des Zimmers, während Moritz langsam die Hand hob und auf die Tür deutete.

»Dort geht Ihr Weg hin, Herr Lehrer.«

»Lambert, Lambert ...!«

Ein weher Ton kam aus der Tiefe der nur matt erleuchteten Stube.

»Gut, ich gehe,« sagte der junge Terstegen, »aber Sie werden diese Stunde bereuen. Dieses Zimmer betret' ich nicht wieder, es sei denn: Sie segnen den Eintritt.«

»Vor der Hand bin ich andrer Meinung,« entgegnete Moritz. »Gute Nacht, Herr Terstegen!«

Da ging er.

Aus dem Zimmer des weißen Mynheers aber klangen die Worte: »Prediger, neuntes Kapitel. Lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln ... dann findest du das Reich Gottes und eine glückliche Ehe.«

Ohne weiter auf die Worte seines Vaters zu achten, bestürzt und so wie er war, trat er ins Freie hinaus, um noch an demselben Abend unter Gottes kaltem Himmel nach Obermörmter zu pilgern. –

Und die Tage vergingen und die langsamen Wochen. Der Frost ließ nun nach. Die Welt trug Büßergewand. Graue Regenfäden schraffierten die Landschaft. Der Rauch lag schwer auf den Dächern, und die alten Pappeln, die die kleine niederrheinische Stadt umgaben, standen wie in triefenden Ölröcken.

Für Nellecke van Dornick kamen traurige Zeiten. Sie tat ihre Schuldigkeit. Aber das Lachende, Sonnige war aus ihrem Herzen verbannt.

Von Lambert hörte sie nichts mehr, und wenn sie ihrem Vater begegnete, war es ein trübes Zusammensein oder ein scheues Vorbeischleichen.

Moritz war aller Welt gegenüber zugeknöpft bis in die innersten Nieren.

Der grindige Kerl im landläufigen Leinwandkittel, Holzschuhe an den Füßen, einen Metzgerdorn in der Rechten, die Schnapsbouteille im Sack, stand noch immer im Flur zwischen den Quartieren des blauen und des weißen Mynheers und machte alles Leben und alle Freudigkeit zu nichte. Sein Schatten fiel selbst bis in die Wohnung des Aktuarius hinein, verdüsterte die behagliche Stätte und wollte nicht schwinden, so daß Springinsröckel den Kopf schüttelte und verweht und traurig vor sich hinmurmelte: »Mein Gott, was mag drüben passiert sein!« und dann ging er hin, um bei Röschen Jungklaas ein Partiechen Sechsundsechzig zu spielen.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.