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Springinsröckel

Joseph von Lauff: Springinsröckel - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleSpringinsröckel
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1922
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100822
projectid2d8b7e72
status1
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6

»Prosit Neujahr!« und als sie sich aus ihrer Umhüllung geschält, ihr wollenes Häubchen abgelegt und ihre gestrickten Handschuhe ausgezogen hatte ... da stand nun Nellecke van Dornick wie ein liebes Geschöpf, das der Herr eigens vom Himmel gesandt, um das Heil und die Freude und das Behagen des neuen Jahres in die blaue Stube zu tragen. Ihre Wangen glühten, ihre kastanienbraunen Augen strahlten, in den lichten Härchen, die sich um ihre Stirn krausten, glitzerten noch die feinen Brillanten, die der bitterkalte Winterabend mit eisigen Fingern hineingestickt hatte. Trotz des empfindlichen Wetters trug sie nur ein einfaches kattunenes Kleidchen, das den Hals frei ließ und ihre jungen Zierden wie Eicheln in der Schale umspannte. Ein goldenes Kreuzchen kapriolte allerliebst in dem schmalen Enkörchen. Der ovale Kopf vermochte kaum die Fülle der ährenblonden Haare zu tragen. In dicken Flechten schlangen sie sich um Stirne und Schläfen. Niedliche Korallenknöpfe schmückten die rosigen Ohrläppchen. Alles an ihr war frisch und knappig, wie funkelnagelneu vom Prägstock gesprungen.

Ihre Blicke gingen von einem zum andern.

Dann breitete sie die Arme.

»Väterchen!« und sie drückte dem vergnügten Kapitän einen herzhaften Kuß auf die Wange. »Alles Gute, du einziger Wasser- und Rheinbär!«

»Merci, merci, mein Kind! Geb's zurück, und mache mir weiter Freude und Ehre.«

»Auch Ihnen ein Prosit Neujahr, Ohm Terstegen, und Ihnen, Herr Aktuarius,« sagte sie mit perlendem Lachen, reichte beiden die Hand und sah sich alsbald im Kreise der würdigen Herren vor der Punschbowle sitzen.

»Indessen – da fehlt ja noch einer, und er wollte doch kommen. Schade, sehr schade! denn ich muß gleich wieder fort, um mit Fräulein Jungklaas noch ein halbes Stündchen zu plaudern. Ich bin invitiert; sie hat selbst ihren Abend. Aber Christus! warum ist Ewert nicht da? Morgen ist doch Sonntag und so, und da hätte er sich frei machen können.«

»Hat seine Bewandtnis,« versetzte der blaue Mynheer, »denn wie Lambert sich seinen Silvesterpunsch bei Hochwürden in Obermörmter genehmigt, dito und in derselbigen Weise liegt Ewert im Hause Harkopp vor Anker, um mit seinem Prinzipal 'nen Königlichen Kaufmannsschluck hinter die Binde zu gießen. Er schrieb's mir soeben. Mit der Siebenuhr-Post kam es an. Delikate Sache! Immer nobel! Das muß man ihm lassen: er versteht sein Geschäft und weiß schon die richtige Kontortür zu finden. Im übrigen, Nellecke« – und der trefflich gelaunte und solide Herr hob sich schwer aus dem Lehnstuhl – »ich tue dir hiermit kund und zu wissen, daß wir, Ohm Terstegen und ich, uns mit dem Herrn Aktuarius in 'nem angenehmen Verhältnis befinden. Wir stehen auf du und du und haben mit ihm in 'ner regelrechten Weise Schmollis getrunken.«

»Wie schön!« sagte Nellecke, und ihre Blicke begegneten denen des Insichgekehrten. Ach! da war es ihm so, als sähe er in eine Welt voller Narzissen und Lilien, wie sie blühen am See von Genezareth, im gelobten Land, wo die Steine reden und die Nächte flüstern: »Wir wollen, daß man uns anbete!« – und wenngleich er auch kein bibelfester Mann war, so traten ihm doch die Worte in den Sinn, die da lauten: »Siehe, meine Freundin, du bist schön. Deine Augen sind wie Taubenaugen zwischen deinen Zöpfen. Deine Haare sind wie die von Ziegenherden, die beschoren sind auf dem Berge Gilead. Deine Brüste ähneln jungen Rehzwillingen, die unter Rosen weiden. Narden und Safran, Kalmus und allerlei Bäume des Weihrauchs ...« Er sinnierte nicht weiter, denn Nellecke, die sich noch immer verwunderte, hob ihr Glas und sagte: »Darauf wollen wir trinken, denn so 'ne Freundschaft auf du und du bringt die Herzen enger zusammen. Auch Fräulein Jungklaas ist der nämlichen Ansicht. Obgleich sie meine Vorgesetzte ist, sind wir uns heute Abend in die Arme gefallen und haben Schmollis getrunken.«

»So 'ne Seele von Frauenzimmer!« lachte Terstegen.

»Verdienen Sie auch,« konstatierte der Herr Aktuarius, und wäre er nicht zu keusch und schüchtern gewesen, er hätte das frische und üppige Mädchen mit seinen stillen und hungrigen Augen entkleidet.

»Brav so!« nahm der Kapitän wieder das Wort auf. »Solche wechselseitigen Aufmerksamkeiten machen vergnügliche Menschen. Das ist gerade so, als wenn man 'ne frische Brise in die Segel bekömmt und fröhliche Fahrt hat. Ja, ja – und jetzt dieser Abend! Alles klappt wie an Bord, und ich kann wohl sagen: Ich sonne mich im Glück meiner Freunde und in dem meiner Kinder. Ewert zum Beispiel. Der weiß, wie der Wind weht. Ihm gleich, ob von Luv oder Lee her; er befindet sich toujours auf Posten, und wenn's mal hart hergeht, dreht er bei und geit, um möglichst bald unter spitzem Winkel in Richtung des Wetters zu kommen. Bei Harkopp & Söhne, um dieses Welthaus noch einmal zu nennen, hat er sein Sprungbrett und denkt von hier aus auf den obersten Mastkorb zu wurschteln. Blexem! Der schlingert und kreuzt nicht. Schlankweg immer aufs Ganze. Mit Spille und Stenge hinein ins Vergnügen! Das hat er von mir, denn wenn einer als Kaptän von ›Maria, sei mit uns‹, in Firma Matthias Stinnes & Söhne, zwischen Duisburg-Ruhrort und Rotterdam Jahre um Jahre auf dem Rheinwasser lag, der hat sich ein Ziel gesetzt und sich 'ne Weltanschauung gebildet, die mit 'nem Hirtzensprung über die tollsten Hindernisse hinwegturnt. Freilich, ich bin öfters daneben getapert und statt übers Fallreep zu gehen, in 'ne morastige Brühe gestolpert. Aber das hier – das Dekor, meine Herren, das hat sich gehalten und ist immer wie 'ne gutkalfaterte Bake gewesen. Respekt, meine Herren!« – und der blaue Mynheer sah jeden einzelnen so durchdringend an, als müsse er auch jedem einzelnen das Bedeutsame der Familie van Dornick tief in die Seele versenken – »wir sind 'ne Extranummer für uns, haben unser Renommee in der Welt. Jawoll! und wenn ich mich zurzeit auch ohne Takelage befinde und im Altmännerhaus sitze, meinen Mann habe ich gestanden wie alle van Dornicks, furchtlos und brav, kavaliermäßig und königstreu, ohne lange Fisimatenten zu machen. Nellecke, dasselbe wird von dir als meiner Tochter erwartet. Denn ich tue dir ferner kund und zu wissen, daß folgendes in unserer Familie passiert ist. Meine Großmutter selig war nahe daran, sich an 'nen holländischen Schulmagister regulär zu verplempern. Schnittig und schmuck war der Kerl, aber nur mit 'ner miesen Bildung behaftet. Dafür Demokrat, ohne Puttputt und immer mit kolossalen Redensarten im Munde. So'n Schlag von Blender und Seifenschaumschläger. Na, sie bekriegte sich aber und nahm 'nen van Dornick. Der war'n Studierter, wenn auch schüchtern und übersolide, einer von denen, die sich mit dem tieferen Wissen befassen, gelehrte Sachen betreiben und nebenher noch ein ersprießliches Einkommen stellen, gleichviel in Pension oder in sonstigen Renten. Mit besseren Worten: ein Mann von Kompläsanzen und 'nem bedeutsamen Gangwerk. Innen und außen blank wie'n aufgemöbelter Teekessel. Und was die Hauptsache ist: sie hat sich mit ihm glücklich erachtet und sich allzeit gefreut, den andern heimgeschickt zu haben. Immer vornehm. So war auch ihre Devise. Das mußt du bedenken. In 'ne noble Familie gehörst du. Nobel wie wir sind. Sonst nicht rühr' an die Sache. Dein Auserwählter muß einer sein, vor dem ich 'ne mächtige Estimierung besitze. Nur in diesem Sinne nehm' ich die Topps hoch. Nur so: Schiff klar zum Gefecht. Prost, Nellecke! Prost, meine Herren!«

Und alle erhoben sich, stießen an und waren trefflich zuwege. Nur der weiße Mynheer machte ein Gesicht, als habe er sich in der Flasche vergriffen und statt eines delikaten Aquavits 'nen ganz ordinären Fusel getrunken, obgleich er versuchte, ein zustimmendes Lächeln unter die Leute zu bringen. Aber es wollte nicht glücken. Das Lächeln erfror ihm, erstarrte, wurde zu einem traurigen Grinsen; denn Hand aufs Herz und bei Licht besehen ... dieser Moritz mit seiner Wichtigkeit und seiner Großtuerei: das war ja von ihm 'ne ganz infame und unverschämte Rede gewesen, 'ne Rede mit Anzüglichkeiten und allerhand Spitzen, lediglich dazu angetan, seinem Lambert das Wasser abzugraben und es auf andermanns Mühle zu leiten. Äußerst verdrossen ließ er sich denn auch auf seinen Binsenstuhl fallen, stierte stumpf und dumpf vor sich hin und zählte die Punschkringel, die sich auf dem Tafeltuch abgedrückt hatten.

Während all dieser Zeit hatten die Neujahrsglocken weiter geläutet, schön und heilig, feierlich und ans Herz greifend, waren dann flauer geworden, träger und müder, um nach einem schwächlichen Summeln gänzlich zu verstummen.

Als sie schwiegen, erhob sich Nellecke, trat an die Seite ihres Vaters, legte ihm den runden Arm um den Nacken und sagte: »Nun kann ich wohl gehn, denn Fräulein Jungklaas erwartet mich noch, und ich möchte nicht gerne ... Du kennst sie ja, Vater. Sie ist äußerst adrett und möchte den heutigen Abend von 'ner besonderen Lieblichkeit haben. Sie hat mich extra gebeten und mir noch aufgetragen, dir 'nen schönen Gruß zu bestellen. Also – darf ich jetzt fortmachen?« und das dralle und hübsche Mädchen legte ihren roten Mund auf die Stirne des Alten.

»Eigentlich nicht,« entgegnete Moritz, »denn nach Lage der Dinge gehörst du gewissermaßen an den Herd deines Erzeugers. Tradition und Gewohnheit! Sie wollen ihre Bewertung haben. Im Hinblick jedoch, daß dir Mamsell Jungklaas am heutigen Tage das ›du‹ offerierte, will ich eine Ausnahme machen. Es gibt Fälle, wo man sich gezwungen sieht, auch gegen 'nen konträrigen Wind zu lavieren. Bong! das soll hiermit geschehn. Aber jetzt sage mir mal: wer ist noch sonst von der Partie, die sich bei Röschen befindet?«

»Die Postmeisterin, Hochwürden sein Annchen und die junge Frau des Herrn Forstpraktikanten.«

»Gute Gesellschaft! Nichts dagegen einzuwenden. Drum man los, halte dich brav und nimm deine Lust von dem Nachtisch. Auch meinerseits 'ne schöne Empfehlung.«

»Will's besorgen,« sagte Nellecke und machte Anstalten, sich in ihr wollenes Jäckchen zu drehen. Als sie damit fertig war und ihr Häubchen aufgesetzt hatte, trat der Aktuarius näher und fragte in verbindlicher Weise: »Dürfte ich vielleicht die große Ehre, für mich in Anspruch nehmen? Ich meine ... zu dieser Stunde ... es ist schon spät unter dem Monde geworden.«

»Wie so?« meinte Terstegen. »Wie kommst du darauf?«

Erregt schurbelte er die welken und abgezehrten Hände gegeneinander und gab einen quäkenden Ton von sich, als habe ihm jemand unversehens auf die Hühneraugen getreten.

»Gibt's nicht!« legte sich der Alte ins Mittel. »Aloys, du bleibst! Nellecke ist selbständig und vor Tod und Teufel nicht bange. Zu 'ner andern Zeit – immer gerne genehmigt. Dafür laviere ich mich mit meiner Kaptänsparol. Für heute jedoch ... Johannes, das gilt auch für dich: wir punschen noch in aller Freundschaft zusammen, denn ich habe soeben noch die Bowle gelotet und ihren Pegelstand als genügend befunden. Die wird alle gemacht. So lange bleiben wir sitzen. Abgemacht. Basta!«

Gegen diesen energischen Willen war nichts mehr aufzustellen. Man mußte sich fügen, und als Nellecke mit einem freundlichen »Noch 'nen pläsierlichen Abend!« sich empfehlen wollte und bereits den Drücker in der Hand hielt, um schnell ins Freie zu kommen, erhob sich der weiße Mynheer in seiner ganzen Länge und Umständlichkeit, trat auf sie zu, legte ihr die gespenstische Hand auf das Häubchen und sagte in seiner langsamen und lurksenden Sprechweise: »So gehe hin und iß dein Brot mit Freuden, trink' deinen Wein mit gutem Mut, denn dein Werk ist wohlgefällig dem Herrn. Prediger neuntes Kapitel. Dann ferner, Nellecke: Lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln ... dann findest du auch in den ärmlichsten Verhältnissen das Reich Gottes und eine glückliche Ehe.«

»Ich danke vielmals, Ohm Terstegen, und meinen herzlichsten Gruß auch an Lambert.«

Damit war Nellecke van Dornick wie ein schönes Rührmichnichtan, eine flinke Gazelle in den Steppen Kordofans, spurlos verschwunden.

»O, o, o!« sagte Terstegen und nahm wieder seinen früheren Platz ein, vigilierte aber scheu nach dem Eckbrett hinüber, auf dem etliche Kalkpfeifen einträchtiglich beieinander standen. Verschiedene Päckchen mit Krülltabak lagen daneben.

»Moritz, wie wär's nun ... könnte ich mir vielleicht ein Pfeifchen vergönnen?«

»Warum nicht?« gab der Gastherr zurück, brachte das Gewünschte zu und hielt dem Alten einen brennenden Span hin.

Bläuliche Wölkchen kringelten zur Decke. Als sich gleich darauf ein angenehmes Arom im ganzen Zimmer verteilte, zog Moritz die Augenbrauen straff in die Höhe, schliff mit Zeige- und Mittelfinger etliche Male zwischen Kragen und Bartfräse hindurch und fragte, den Blick steif und stramm auf Terstegen gerichtet: »Johannes, was war das soeben? Ich meine das, was du Nellecke mit auf den Weg gabst?«

»Terstegen ist sprachekundig wie Salomo,« versetzte der Aktuarius. »Wenn ich nicht irre, hat er eine Sentenz aus den Predigten dieses weisen Königs zum besten gegeben.«

»Stimmt,« sagte der Alte.

»So, so!« machte Moritz. »Also wieder was von dem jüdischen König! Aber ich hab's so recht nicht verstanden. Besonders den Schluß nicht. Den mußt du mir noch mal wiederholen; denn doppelt hält besser. Ich bin in der Schrift man schwächlich bewandert. Also ich bitte.«

Das Gesicht des Kapitäns färbte sich dunkel. Etliche Falten darin gruben sich tiefer.

»Gerne,« entgegnete Terstegen, und er rekapitulierte in seiner getragenen und abgeklärten Manier: »Nellecke, lasse deine Kleider immer weiß sein und deinem Haupte an Salbe nicht mangeln ... dann findest du auch in den ärmlichsten Verhältnissen das Reich Gottes und eine glückliche Ehe.«

»Läßt sich hören,« knutterte Moritz, »läßt sich unbedingt hören. Besonders das mit dem ›Reich Gottes‹ und das mit der ›glücklichen Ehe‹, aber das mit den ›ärmlichen Verhältnissen‹ will mir absolut nicht zu Kopp, kann ich so recht nicht placieren. Ist wohl 'ne Erfindung von dir? He! auf deinem Mistus gewachsen?! Was? Ja oder nein?! Was verstehst du darunter, und warum hast du gerade das ›Miserable‹ in 'ne besondere Betonung genommen?«

»Moritz, die Sache ist die, und ich verstehe darunter ... Die Kirche belehrt uns: Ehen werden im Himmel geschlossen, sind von Gott und haben mit Pensionen und sonstigen Renten gar keine Gemeinschaft. Unter den einfachsten Verhältnissen lassen sich gediegene Kopulationen begründen. Sie haben vielfach den Vorzug vor solchen, die mit 'nem großen Brimborium von Einkünften, tieferem Wissen und Naturstudien zuwege gebracht werden. Christus will schmucklose Herzen und schmucklose Sitten. Die höhere Bildung in Ehren, aber mit ihr ist öfters Gottesleugnung verbunden, verknüpft sich der sündige Wille, das Tier mit dem Menschen auf ein und dieselbe Stufe zu stellen und ihm das zu geben, was der Mensch nur besitzt: Vernunft und 'ne unsterbliche Seele. Die Seminaristen hingegen, das heißt solche die keine besonderen Renten und Pensionen beziehen, vielmehr sich in 'ner einfachen Lehrerbesoldung ergehen ... Moritz, da sollte ich annehmen: in dieser Beziehung ist 'ne saubere und dem Herrn wohlgefällige Ehe ...«

»Stopp!« rief der Kapitän und machte eine abwehrende Geste. »Also das meinst du?«

»Ja, Moritz, das mein' ich.«

»Johannes, dann lasse dir sagen ...« und er wuchtete sich schwer in die Höhe, stemmte die Knöchel seiner Hände auf die Tischplatte, räusperte sich etliche Male und sprach dann, kurz und abgerissen und mit einem blechernen Ton in der Stimme: »Johannes, hier ist gar nichts zu meinen. Die Umstände verändern die Sache. Das ist von jeher ein alter und gediegener Prinzipalsatz gewesen, und so'n Prinzipal- und Prinzipiensatz bleibt immer ein solcher, wie's reilt und seilt, wie's segelt und steuert. Daran soll keiner nicht rütteln. Nein, hier ist gar nichts zu meinen; denn im blauen Zimmer meint der blaue Mynheer und im weißen der weiße ... und wir befinden uns im blauen Zimmer, Johannes. Und weil das so ist, und weil ich mich auf meinem Grund und Boden befinde und nicht auf dem deinen ... denn wir, die van Dornicks ...«

»Aber Kapitän ...!«

Aloys Furtwanger sah den Unfried anmarschieren. Er wollte ihn aufhalten und zupfte den Sprecher sacht an den Ärmel.

Es war bereits zu spät.

»Moritz ...!«

Mit einem unterdrückten, fast tierischen Laut war Terstegen von den Binsen gefahren, hatte seine Zipfelmütze vom Kopfe gerissen, zwischen den knochentrockenen Fingern zerknüllt und sie mit einem ebenso unterdrückten und heisern Meckern auf die Tafel geworfen. Seine dünnen Strähnen hingen ihm wirr um den Nacken. Seine lange und bleiche Nase legte sich grotesk auf die Seite, die schmalen Kiefern befanden sich in einer steten Bewegung.

»Moritz, nimm's mir nicht krumm, aber das mit den van Dornicks geht mir bis an den Hals und ist mir fast über geworden. Was denkst du dir denn, immer den großen Mogul zu spielen und deine Familie mir zum Tort allzeit in den siebenten Himmel zu heben?! Alles hat seine Zeit: Geboren werden und Sterben, Zerreißen und Zunähen, aber immer auf ein und demselben Sägebock herumzukariolen, das ist vom Übel und kann auch den gutmütigsten Hammel in die Ravage versetzen. Wetter nochmal! sind wir, die Terstegens, denn Schnorranten gewesen, sind wir aus dem Spülstein gestrudelt, oder haben wir etwa mit den Schweinehirten die Ferkel getrieben? Moritz, ich sage dir hiermit: Als deine Großmutter den holländischen Schulmagister abtat und sich den gelehrten van Dornick zulegte, verpflanzte mein Großvater selig die Seidenspinnerei nach Krefeld, brachte sie am Niederrhein in Schwung und machte Erfindungen, die heute noch gelten. Leute, die ihm hierzu das Geld liehen, zogen den Profit ein, während er selber das Nachkucken hatte, ein Elend, wie es zur Tagesordnung gehört und sich noch stündlich ereignet. Aber seine Reputation steht bis dato noch in mächtigem Ansehn bei den Krefelder Webern. Und ferner: hast du mal was von den kölnischen Tuchern vernommen? Das waren drahtige Menschen, den Königen ähnlich, Kerle mit dem Satan im Wams, die immer verlangten, sich mit den Geschlechterherren an ein und dieselbige Tafel zu setzen. Sonst: Hand ans Messer, schwarze Träume und Todesurteile! Erst die Tucher und dann die übrigen Zünfte und Gewerkschaften – so stand's verbrieft und gesiegelt und ist heute noch im Goldenen Buche zu lesen. Und wenn einer sich sperrte, ihnen die erforderliche Reverenz zu erweisen, dann hieß es ganz einfach: Hut herunter, oder er purzelt mit dem Kopf auf die Straße. Das waren die Tucher, und einer ihrer besten Sprecher und Worthalter ist ein Terstegen gewesen ... und da willst du kommen und uns die Ehre nicht gönnen?«

»Johannes, so war's nicht gemeint.«

»Ja, so war's gemeint,« fuhr der Alte unbeirrt fort, »so und nicht anders, denn ich sehe in dieser Beziehung durch 'ne eichene Planke. Das solltest du bedenken und dir 'nen Vers darauf machen. Aber ihr, die van Dornicks, so scheint es, seid mit Blindheit geschlagen, und kein Engel erscheint, um euch den Schwalbendreck aus den Augen zu nehmen. Ihr, die van Dornicks, habt die Vornehmheit ganz allein in Erbpacht genommen. Ihr, die van Dornicks, begnügt euch nicht mit 'nem gewöhnlichen Kaufmann; ihr laßt ihn gleich königlich werden, kollert wie die Bronzeputer und kräht wie die kalkuttischen Hähne, als hätte der liebe Herrgott alles, was sein ist, für euch alleine geschaffen. Ihr, die van Dornicks, so scheint es ...«

»Johannes, hör' auf!«

»Ich denke nicht dran. Der Topf ist übergelaufen, das Tischtuch zerschnitten und der Stein ins Rollen gekommen, und wo so was passiert, da gehen Verstand und Weisheit, da geht die beste und properste Freundschaft zu nichte. Das mußte mir von der Zunge herunter, um dich wieder auf reellen Boden zu setzen. Wehe den Hochmütigen, denn sie werden klaftertief fallen. Wehe den Großmäuligen, denn sie werden ihre Zähne verlieren. Bedenke das, Moritz, und ferner bedenke:

Des Weisen Herz ist zu seiner Rechten, aber zur Linken befinden sich die Herzen der Starrköpfigen. Mensch! du willst ein starrköpfiger Narr sein und wie'n Frachtwagen über 'nen Knüppeldamm rumpeln, um alles niederzuwalzen, was deinem Fuhrwerk begegnet?! Dafür ist mein Lambert zu schade. Und wenn er sich auch nicht in 'ner höheren Bildung befindet, keine Renten und Pensionen bezieht, so hat er doch das Seine geleistet, belernt in Obermörmter die Kinder, hält seinen Herrgott vor Augen und kann alle Tage 'ne bessere Stellung gewinnen. Genau wie ich, so tut er sich auch Terstegen benennen, hat mein Blut in den Adern und weiß auch: ein Vorfahr von ihm ist Sprecher und Worthalter der kölnischen Tucher gewesen ... und weiß auch: wenn einer sich sperrte, ihm, diesem Sprecher, die erforderliche Reverenz zu erweisen, dann hieß es ganz einfach: Hut herunter, oder er purzelt mit dem Kopf auf die Straße.«

»Gott verdammich! das haust du mir so direkt vor die Stirne, so aus purem Handgelenk heraus direkt vor die Stirne?! Johannes, befinden wir uns im blauen Zimmer, oder haben wir Absteigequartier im weißen genommen?! Vorwärts, steh' Antwort!«

Er war dicht an die Seite des erregten Mannes getreten.

»Aber bitte, meine Herren,« legte sich nun Aloys ängstlich ins Mittel, »wir wollen uns doch nicht den heutigen Abend verderben.«

»Jetzt gerade erst recht,« trumpfte der Kapitän auf, »denn wenn so'n Leinweber in Rage ist, dann läßt er den Faden nicht schießen. Aktuarius, laß ihn man kommen; schließlich hau' ich ihm doch seinen ganzen Webstuhl mit Strunk und Stiel auseinander. Nee, Ohm Johannes, so leicht lassen wir uns doch nicht ins Tutehorn jagen. Ich klebe am Steuer und bleibe an Bord, bis mir die letzte Schiffsplanke unterm Hosenboden hinwegrutscht. So sind wir van Dornicks ... und wenn der alte Terstegen, ich meine den Sprecher und Worthalter der kölnischen Tucher, sich aus dem Grabe erhöbe, um die ihm von seiner Sippschaft zuerkannte Reverenz von mir zu erwarten – ich erkläre dir hiermit: Mein Hut bliebe auf der nämlichen Stelle, säße wie Pech auf dem Schädel und stolperte nicht mit dem Kopp auf die Straße. Das Gegenteil wäre vielleicht Honnör in der Karte. Dafür garantiere ich, so wahr ich hier stehe, denn wir, die van Dornicks, besitzen Nerven wie Schiffstaue und haben Marks in den Knochen. Und schließlich, Johannes ...«

Der alte Terstegen stieß einen wehen und verzweifelten Laut aus.

»Aussprechen lassen, aussprechen lassen!« rief der Kapitän mit erhobener Stimme, als sei er gewillt, sie als Sirene in Dienst zu stellen. »Allen Respekt vor deinem Erzeugten. Ich bin der Letzte, ihm das nicht zu geben, was ihm von Rechtswegen zukommt, denn ich bin ihm von jeher ein wohlwollender Berater gewesen. Aber nichtsdestoweniger: mag sich Lambert auf seine eigene Kappe beglücken. Mir soll's egal sein, weil ich den Standpunkt vertrete: niemand soll sich in andermanns Geschick hineinmengelieren. Freie Navigation für jeden, der das Zeug dazu hat, sein, eigenes Fahrzeug zu lotsen. Mir hat auch keiner geholfen. Selbst ist der Mann, und jeder muß zusehen, wie er den besten Wind in die Segel erhält und mit seiner Liebschaft zurechtkommt. In dieser Hinsicht habe ich nichts mit dir und mit Lambert zu schaffen, weil ich als Vater nicht gesonnen bin, mich in die Nesseln zu setzen. Das muß Lambert selbst besorgen, und ich wünsche ihm: Viel Glück auf die Reise! Das war über diesen Punktus zu sagen und kein Titelchen mehr nicht. Doch weiter im Text« ... und er schlug einen sanfteren und gemütlicheren Ton an. »Ich für meine Person mache mir 'nen besonderen Gusto daraus, und zwar von der Voraussetzung ausgehend, daß ich mit meinem Freunde, dem Herrn Aktuarius Furtwanger, am heutigen Abend Schmollis getrunken, ihm hiermit Nelleckes Bildnis als Neujahrspräsent zu verleihen, freiwillig und nach bestem Ermessen. Hier, Aloys, hast du's, stell's auf deine Kommode und erfreue dich an dem lieblichen Anblick.«

»Aber Kapitän ...!«

Der Aktuarius glaubte in den Boden zu versinken, während der weiße Mynheer ...

»Wa ... wa ... wa ... was?! Mensch, du willst doch nicht unser Totengräber werden?!«

»Kreuzkuckuck noch mal und kein Ende! hier habe ich zu befehlen.«

»Moritz, mein Lambert ...!«

Wie eine Salzsäule stand Johannes Terstegen. Das bleiche Haupt mit den Spinnwebfaden sah dem einer Meduse ähnlich. Auch das letzte Blutströpfchen war ihm aus den Adern gewichen, und dennoch machte er in seiner trostlosen Verfassung einen ehrfurchtgebietenden Eindruck, wie einer, der gekommen war, die verdorbene Menschheit zu geißeln und das Schwert des Zornes in die eherne Schale zu werfen.

Brockenweise, gleich harten Kieseln, fielen ihm die Worte von den welken Lippen: »Moritz, du könntest ... du könntest das Äußerste wagen ...? Du willst unsere Freundschaft zerbrechen wie'n morsches Stück Holz, du willst unsern Atem verpesten, wo der Herr doch gebietet: Ihr sollt euch lieben untereinander? Moritz, was heißt das?«

Mit beiden Händen ergriff er die zerknüllte Nachtmütze und drückte sie mit wildem Schmerz gegen die Weste.

»Das soll heißen, Johannes ...«

»Du – ich weiß schon, ich weiß schon! Lambert, mein Lambert...! Du brauchst mir nichts mehr zu sagen. Der Kluge gibt nach. Ich will gar nichts mehr hören, denn geschrieben steht: Wenn eines Gewaltigen Trotz wider deinen Willen fortgeht, so laß dich nicht entrüsten; denn Nachlassen stillet großes Unglück.«

Langsam schritt er der Tür zu, wandte sich aber noch einmal und sagte, einen düsteren, feierlichen und heiligen Schein in den Augen und den Kopf in den Nacken geworfen: »Und siehe: es wird Feindschaft sein zwischen dem blauen Mynheer und dem weißen Mynheer, und die Spur ihres Zusammenseins wird nicht mehr gefunden auf Erden. Moritz, ich gehe.«

Damit war er auf den langen, einsamen und verschwiegenen Hausflur getreten.

Hinter ihm seufzte leise die Tür zu.

»Man zu,« sagte Moritz, etwas bedrückt und vor den Kopf geschlagen, »denn ich kann dich nicht halten. Reisende Handwerksburschen soll man nicht in 'nen Taubenschlag sperren. Will ein störrischer Bock über die Hürde – gut, mag er springen. Abgemacht! Basta! Wir aber, Aloys, du und ich, wir trinken noch 'nen Steifen zusammen. Prosit, auf das, was wir lieben!«

»Ja, auf das, was wir lieben!« versetzte der Aktuarius mit einer gewissen Beklemmung und konnte, obgleich ihm ein liebliches Klingen zu Ohren drang, sich in dieser Stunde so recht des Klingens nicht freuen.

»Auf Nellecke!« sagte er leise, und eine heiße Träne stand ihm in den versonnenen Augen.

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