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Springinsröckel

Joseph von Lauff: Springinsröckel - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleSpringinsröckel
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1922
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100822
projectid2d8b7e72
status1
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12.

»Herr Kollege, versteht Euer Kopf das?« rollte des Herrn Sekretarius Tibus Stimme durch die Niederung hin, indem er mit seinem eschenen Stock auf den abziehenden weißen Mynheer deutete. »Der meinige versteht es nicht, kann es nicht und wird es niemals verstehen. Aber schon häufiger, wenn ich meinen abendlichen Spaziergang exekutierte, ist mir Johannes Terstegen in dieser absurden Weise begegnet – singend und lärmend, und ist doch sonst ein brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft gewesen.«

»Ist er,« bestätigte Aloys Furtwanger.

»Und Sie haben keine Ahnung, Kollege?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»Aber Sie könnten es wissen, könnten es wissen; denn so mein Gedächtnis nicht treugt, sind Sie mit ihm seit Jahren befreundet, begeben sich auch in seinen Wigwam, um dort mit ihm ein Pfeischen zu schmauchen.«

»Allerdings, aber seit dem vergangenen Silvesterabend ist er seltsam befremdlich geworden, dem Kapitän gegenüber und mir gegenüber. Ein Befragen meinerseits fiel auf steinichten Acker. Ich kann nur vermuten, möchte aber aus gewissen Gründen dieser Vermutung nicht Raum und Freiheit verstatten. Man könnte sich irren und hierdurch dem alten Herrn Ungelegenheiten bereiten.«

» Optime! und ist keine Möglichkeit da, ihn umzustimmen und gefügig zu machen? Es ist doch ein Schlimmes, 'ner alten Freundschaft das Rückgrat zu brechen.«

»Ganz außer Zweifel. Aber wie dieses beginnen? Noch gestern ... als ich ihm vor seinem Hause 'nen ›Abend‹ bot, wandte er sich, blieb stumm wie ein Karpfen und gab keine Antwort. Ich halte ihm manches zugute, rechne mit seinen Schwächen und Absonderlichkeiten, seinen Predigten und seiner Weisheit eines Jesus Sirach, aber das geht mir wider die Haare, einen wohlgemeinten Gruß mißachtet zu finden.«

»Ha, ha, ha, ha!« lachte der Herr Sekretarius Tibus ein homerisches Lachen, daß es wie Flintenschüsse über die umschleierten Wiesen knallte. » Horrible dictu! dafür redet er mit den Geistern der Lüfte, hält krause Gespräche an die Nation, die für uns Sterbliche in Wolkenkuckucksheim vegetiert, und singt zum guten Beschluß das Lied von dem ›schwedischen König.‹ Ich kenne das Lied. Ein braves Lied, ein streitbares Lied; aber was hat der Leinweber Johannes Terstegen mit diesem Liede zu schaffen? Ich als Protestant habe das Recht, diesen Kantus von mir zu geben, meinetwegen mit Pauken- und Trompetenbegleitung, wohingegen ein strammer Anhänger der katholischen Kirche ... Nicht zu begreifen, höchst kurios und äußerst bedenklich. Ein apartes Vergnügen! Ha, ha, ha, ha!« und wieder knatterten etliche Flintenschüsse über die nickenden Blumen. »Da sollte ich meinen: entweder er hat 'nen schweren Kummer zu tragen, oder aber er ist mente captus geworden, was ich annehmen möchte. Dann allerdings ist sotanem Gaukelnarren das Handwerk zu legen und das › Exi immunde spiritus‹ in die Ohren zu rufen. Hilft's nicht, dann wäre er dingfest zu machen, um ihn dem Gespött der Welt zu entreißen. Zwischen Jerusalem und Jericho wird sich für ihn schon ein Samariterhaus finden. Nicht wahr, Herr Kollege?«

»Ich neige mehr der Ansicht zu: er hat schweren Kummer zu tragen.«

» Causa finita est,« sagte Herr Tibus, »dann wird hiermit die Ansicht vom › mente captus‹ gestrichen. Mag er sich weiter mit den Geistern der Lüfte besprechen und auch fernerhin das Lied des schwedischen Königs singen, wenn es ihm hierdurch gelingt, seinen Kummer ad calendas graecas zu vertragen. Ha, ha, ha, ha! und nun zu Ihnen, mein Lieber,« und er wandte sich einem schmalen Wiesenpfad zu, der auf einer geräumigen Schleife wieder in die Nähe des Kesseltores führte.

»Na, denn endlich zur Sache,« sprach der kernige Mann mit dem würdigen Pomeranzengesicht, schob den eschenen Bakel unter die linke Achsel, versenkte seine Daumen in die Westentaschen, hustete etliche Male und grunzelte: »Bei Lichte besehen: wir beide hätten es eigentlich weiter bringen können in unserer juristischen Laufbahn. Besonders Sie, Herr Kollege. Stimmt es oder vertreten Sie eine andere Meinung?«

»Es stimmt,« pflichtete ihm der Aktuarius bei, »obgleich ich so recht nicht begreife, was Sie mit dieser aufgestellten These bezwecken.«

»Bezwecken? Nicht übel eingeworfen, aber verstatten Sie mir diese Prämisse, denn Sie werden im Verlauf unseres Gespräches erfahren: sie grämt nicht das Herz ab und scheint mir geeignet, Ihnen ein wohliges Behagen auf den Tisch des Hauses zu legen. Cum grano salis natürlich! Meine eigenen Studien fanden allerdings nach Absolvierung der Untersekunda ein frühzeitiges Ende, ich bin aber glücklich, mein Leben als wohlbestallter Secretarius publicus beschließen zu dürfen. Selbstverständlich: irdische Güter konnte ich bei dieser Stellung nicht ernten, wurde kein Nabob. Ihre Laufbahn hingegen begann auf einer stolzeren Kurve, wenngleich es auch Ihnen versagt blieb, diese erhabene Kurve gänzlich zu nehmen. So blieben wir beide fundatim am Drehstuhl eines Unterbeamten und am Leim des Alltäglichen kleben.«

»Leider, leider!« versetzte der Aktuarius mit wehem Kopfschütteln.

»Aber das mit den irdischen Gütern ...« und die Hand des Gewaltigen traf ihn fest auf die Schulter, so daß ihm davon die Knie ins Zittern gerieten. »Ja, mein lieber Freund und Genosse, das mit den irdischen Gütern ist bei Ihnen eine andere Sache ... eine schönere Sache ... eine opulentere Sache. Dixi et salvavi animam meam

»Sie meinen die tausend Taler, die ich alljährlich und zwar um Martini ...«

» Quos ego! nein, die meine ich nicht, will ich nicht meinen, kann ich nicht meinen. Ha, ha, ha, ha! mein Gestrenger, das wäre ja so, als ließe ich mich auf faulen Zitaten ertappen. Nein, die besagten tausend Taler spielen in sotaner Angelegenheit absolut keine Rolle.«

»Um Himmels willen! so sprechen Sie doch, so reden Sie doch. Sie spannen mich ja seelisch geradezu auf die Folter. Diese Andeutungen, diese Hinweise ... wie soll ich mich zu ihnen verhalten und wie sie bewerten?«

»Denn also ad rem!« und der pompöse Herr mit der Keilerschwarte und dem einbalsamierten Gehaben zog seine Daumen aus den Westentaschen, nahm seinen Stock, stemmte ihn vor sich, stützte sich darauf, wurde ernst und feierlich wie ein wohlgenährter Domschweizer in rotem Hummergewand und fragte: »Haben Sie vielleicht von dem Unglück gehört, das vor kurzem auf Millendonk in unmittelbarer Nähe der holländischen Grenze passiert ist?«

»Kein Sterbenswörtchen.«

»Sie hätten es können, denn es macht im ganzen Kreise die Runde.«

Der Aktuarius zuckte die Achseln.

»Auch gut. Dann sollen Sie es wissen. Besagtes Anwesen zählt mit seinem stattlichen Wohnhaus, seinen Scheunen, Wiesen, Ackerländereien und Hutungen zu den Besitztiteln eines niederländischen Herrn, der die größte Zeit seines Lebens als Resident auf Java verbrachte. Vor Jahresfrist kehrte er nach dem Haag zurück, kränklich und der Ruhe bedürftig. Noch einmal zog es ihn nach Millendonk hin, um bei dieser Gelegenheit den Königlichen Notar und Justizrat Peter Joseph Hackenbroich, meinen Herrn, angestellt und instrumentierend im Bezirk des hiesigen Friedensgerichtes, in wichtiger Amtshandlung zu entbieten. Solches geschah, und drei Tage später ...«

»Nun?« fragte der Aktuarius.

»Ist das Unglück geschehen.«

Salbungsvoll ließ Herr Tibus seine schweren Augendeckel herunter.

»Traurig, sehr traurig!« versetzte Aloys Furtwanger in seltsamer Stimmung. »Aber ich bitte Sie um alles in der Welt, warum bringen Sie dieses an und für sich beklagenswerte Ereignis mit mir in Verbindung? Ich habe mit Millendonk gar nichts zu schaffen. Kenne den Verunglückten nicht. Weiß überhaupt nicht ... und nun Ihr offizielles Benehmen ... Ihre komische Art ... Wie soll ich das deuten?«

Der Herr Sekretarius Tibus liebte es, sich zeitweilig wie die Propheten in einen Nebelmantel zu hüllen. Gleich ihnen redete er aus diesem Mantel nur das, was ihm paßte. Das übrige verschwieg er oder ließ es untergehen in einem Wust von unklaren Worten und Bildern. Er hustete denn auch dreimal hintereinander, dreimal laut und vernehmlich, brachte die schweren Augendeckel wieder in ihre frühere Stellung, sah den Aktuarius mysteriös und zugeknöpft an und sagte: » Compesce mentem! Darüber wird der Herr Justizrat befinden. Mir ist nur der Auftrag geworden, Sie für kommenden Montag, vormittags zwischen elf und zwölf, auf sein Büro zu bestellen. Kommenden Montag. Ich bitte, dieses registrieren zu wollen.«

»Mein Gott, und dann ...?«

»Und dann,« versetzte Herr Tibus, und seine Stimme wühlte sich wie ein Maulwurf in die tiefste Tiefe hinein, »und dann, Herr Kollege ... Mulier taceat in ecclesia, so sagt der Lateiner. Ich bin zwar kein weibliches Wesen, habe auch nie die Ambition gehabt, mich als solches zu fühlen. Auch ist keine christliche Gemeinde um uns versammelt, und dennoch: ich habe zu schweigen. Hic haeret aqua, denn wie schon eben bemerkt: über das Weitere wird der Herr Justizrat befinden. Actum ut supra. Kommen Sie jetzt! Meine Sendung ist hiermit zu Ende. Zur Feier des Tages jedoch: wir wollen uns noch 'nen Abendschoppen in der ›Goldenen Kugel‹ vergönnen. Einverstanden?«

»Einverstanden,« lächelte Aloys Furtwanger, und gemeinsam mit Herrn Tibus schritt er der kleinen Stadt zu. Als sie das Tor erreichten, war es dunkel geworden. Einzelne Fenster hellten auf. Wohlig duftete der Flieder in den Vorgärtchen. Gerade über dem Kirchturm von Sankt Nikolai stand der Abendstern. Mit seinem milchweißen Licht beherrschte er den friedlichen Himmel, wie das liebe Gesicht einer verwunschenen Königin, ein perlendes Diadem um die silbernen Schläfen, die Weiten ihres Märchenlandes beseligt.

 

In den sieben Linden, die vor dem Notariatshause standen, spielten muntere Sonnenkälbchen, glitten von hier auf den Kiesweg und in die Amtsstube hinein, wo unter Aufsicht des gestrengen Bürovorstehers etliche Sekretäre Rollen abschrieben, paginierten und Rechnungsauszüge aufstellten.

Eine Landkarte der Kreise Kleve und Geldern hing neben der Tür, die zum Kabinett des Justizrats führte. Hohe Repositorien, mit zahllosen Urkunden bestellt, zogen sich an den grauen Wänden entlang und strömten jenen eigentümlichen Duft aus, der alten Skripturen anhaftet und an den mulmigen Geruch von Moder erinnert. Akten, die noch aus der Zeit stammten, wo die französische Fremdherrschaft den Niederrhein mit dem napoleonischen Adler drangsalierte, ließen sich an den blau-weiß-roten Schwänzen erkennen, prahlerisch wie die ganze Nation, der sie ihr Dasein verdankten.

Ein lautloses Schweigen trippelte auf Zehenspitzen durch das vordere Zimmer. Verschiedene Parteien waren soeben abgefertigt worden, und die Zeit rückte heran, wo der Herr Aktuarius zu erscheinen hatte.

Im Schatten des Pultes, an dem der Sekretarius Tibus seines Amtes waltete, arbeiteten zwei halbwüchsige Schreiber an einem länglichen Tisch, dessen eine Schmalseite das rechts gelegene Fenster berührte. Der eine von ihnen, ein rothaariger Bengel mit fettem, sommersprossigem Gesicht und einer Kartoffelnase zwischen den lustigen Augen, machte sich ein Spezialvergnügen daraus, einen gefangenen Brummer etliche Male in ein Tintenfaß zu tauchen und den so mißhandelten Netzflügler auf einen Kanzleibogen niederzusetzen. Mit dreckigem Kichern folgte er den Pendelbewegungen und Hieroglyphen, die der verlähmte Pilger im fließenden Tintenrock hinter sich her zog, eifrigst bemüht, einen gewissen Sinn in die geheimnisvollen Zeichen und Runen zutragen, wobei er die Bemühungen des armseligen Kriechers durch feinsinniges Betupfen mit seinem Gänsekiel zu unterstützen versuchte.

Die Schnörkel und Windungen vereinigten sich schließlich zu einem Großen und Ganzen. Eine Art von Namenszug kam allmählich zum Vorschein. Der Brummer, der nicht mehr imstande war, weiter zu krabbeln, blieb stecken und machte das Punktum.

Da stieß der Rothaarige seinen Nachbar in die unteren Rippen und flüsterte ihm zärtlich ins Ohr: »Ich krieg' sie. Hier steht es geschrieben: Nellecke ... Nellecke van Dornick! Meine Flamme! Der Traum meiner Nächte! Das Orakel ist richtig,« und damit durchbohrte er den Bringer der glücklichen Botschaft auf das kunstfertigste, knipste ihn von der Federspitze herunter, griemelte in sich hinein, als wenn er andeuten wollte: »Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen,« und kritzelte weiter, nicht ohne dabei seine Phantasie in libidinöse Gefilde zu schicken.

Die Stille hielt an, noch tiefer und nachhaltiger wirkend durch die monotone Arbeit der Federn, die mit ihren Gänsespulbeinchen über die Papierbogen glitten, nur dann und wann durch ein nachdenkliches und verhaltenes Räuspern unterbrochen. Sonst nichts, aber auch reineweg gar nichts. Man glaubte, in einem Beichtstuhl zu sein, worin der Beichtiger fehlte.

Da wieder das infame Gekicher und die Stimme des Rothaarigen. Er rief seinen Kollegen an: »Herr Jeses, Springinsröckel! Kuck' mal, da kommt er,« und die beiden wollten sich schütteln vor Lachen.

Aber die Nemesis erschien in Gestalt eines geschwungenen Lineals, das dem sommersprossigen Bengel die fuchsige Perücke frisierte.

»Au!« schrie er los.

Gleichzeitig tauchte das breite Pomeranzengesicht des Herrn Sekretarius Tibus hinter dem Pult auf, und seine Stimme posaunte wie eine Jerichotrompete: » Post equitem sedet atra cura. Hinter dem Reiter sitzt die schwarze Sorge, du rothaariger Schlingel – du Galgenholz – du advocatus diaboli ...! Jan Pröll, wie kannst du es wagen, meinen Freund und Kollegen ... wie kannst du ... Jan Pröll, nur durch die Gnade und Barmherzigkeit eines geistlichen Herrn in diese juristischen Räume verschlagen, wie kannst du die Unverschämtheit haben, einen gelehrten und würdigen Mann mit einem derartigen Wort zu bezeichnen?! Apage, Satana! Noch einmal ein solches Bettagen, und du wirst von der Anwartschaftsliste für Notariatssekretäre gestrichen – du brandiger Strick – du Feuerholdrio – du Teufelsbraten in optima forma ...! – Herein! – Ah! – habe die Ehre! Der Herr Justizrat warten bereits. Hier neben. Bitte, sich gütigst bemühen zu wollen ...« und in verbindlichster Weise geleitete er den Aktuarius an das Kabinett seines Herrn, klopfte dort an und hieß ihn auf ein kurzes »Herein!« in das Allerheiligste treten.

Alsbald saß Aloys Furtwanger dem Notar gegenüber, einem hohen, gebietenden Herrn mit einem Christuskopf, aber einem Christuskopf mit dem sanften und milden Schein des Alters umkleidet. Er mochte ein Siebziger sein. Die grauen Augen halb geschlossen, die Beine übereinander geschlagen und die schlanken, weißen Hände gefaltet, begann er leise zu sprechen: »Mein lieber Herr Aktuarius, wir sind uns nicht fremd; schon lange Jahre kennen wir uns, und ich habe stets lebhaft bedauert, daß diese Bekanntschaft sich nur in äußeren Formen bewegte. Möglich, die Altersunterschiede spielten hierbei eine wichtige Rolle. Aber warum das? Wir hätten sie ausscheiden sollen, um uns auf diese Weise freundschaftlich näher zu rücken.«

»Herr Justizrat, ich danke Ihnen verbindlichst für den lieben Beweis Ihres Wohlwollens, und seien Sie überzeugt, ich weiß ihn zu werten; aber meine gesellschaftliche Stellung ...«

»Gesellschaftliche Stellung ...! Kommt hier gar nicht in Frage, ist diesbezüglich ein Wort ohne Inhalt. Ich kenne Ihren Werdegang, Ihr Leben und Ihre wissenschaftlichen Sonderinteressen schon Jahre um Jahre. Daß es Ihnen nicht vergönnt war, die juristische Laufbahn voll zu durchschreiten, ist nicht auf Ihr Konto zu buchen, lag in widrigen Umständen und gewissen Schicksalsschlägen begründet. Gewiß, Ihre Ambitionen haben hierdurch gelitten – Ihr Menschentum nicht, wenn ich auch annehmen muß, daß die Hemmnisse, die sich Ihnen entgegenstellten, nicht geeignet waren, für Sie die Rosen von Pästum zu wecken.«

Der Aktuarius lächelte bitter.

»Sie haben recht, Herr Justizrat.«

»Obige Gründe nun,« fuhr dieser fort, »obige Gründe in Verbindung mit dem berechtigten Wunsch Ihrerseits, ganz sich selber zu leben, die Einsamkeit zu suchen und als Forscher und Sammler Ihre Zeit zu verbringen ... offen gestanden, das war es, zu meinem eigenen Schaden, was mich bewog, nicht aus dem Zirkel des Konventionellen zu treten und Ihre Freundschaft zu suchen. Ich wollte nicht stören.«

»Aber ich bitte ... wie komme ich dazu ... diese gütigen Erwägungen ...!«

»Sie lagen mir schon oft auf der Zunge; nur die Gelegenheit fehlte, sie in geeigneter Weise ... Doch wieder zu den Rosen von Pästum! Nur wo Freude ist, vermögen diese Rosen zu blühen, und ich glaube: ich habe Ihnen eine solche zu bieten. So komme ich denn auf den Grund Ihres jetzigen Hierseins. Meine Amtspflicht beginnt. Der amtierende Notar hat das Wort. Wollen Sie hören? Ich habe Ihnen den letzten Willen eines Verstorbenen zu übermitteln. Durch mich spricht ein Toter. Wollen Sie hören?«

Da neigte Aloys Furtwanger den Kopf, legte die Hände zusammen und sagte verweht zwischen den Lippen: »Herr Justizrat, ich höre.«

Der Notar beugte sich seitwärts. Dem neben ihm stehenden Schreibtisch entnahm er einen gestempelten Bogen, überflog noch einmal den Schriftsatz, ließ ihn wieder sinken und meinte: »Herr Aktuarius, eine seltsame Konstellation der Dinge führte mich zu Beginn der verflossenen Woche nach dem Gute Millendonk, im hiesigen Kreise gelegen, und zwar so an die äußerste Grenze gerückt, daß sich seine Ländereien und Hutungen zum großen Teil mit denen des benachbarten holländischen Distriktes berühren. Herr Tibus begleitete mich. In einem Tilbury fuhren wir hin. Dort angekommen, empfing uns der hochbetagte Pächter, ein Mann, den ich kaum dem Namen nach kannte. ›Herr Justizrat‹, sagte er in seiner langsamen und bedächtigen Weise, indem er die Hände auf den Rücken legte, ›es handelt sich hier um eine wichtige Erbregulierung.‹

Als ich ihm dartat, es wäre doch besser gewesen, mit dieser Angelegenheit einen Notar aus dem benachbarten Kleve zu betrauen, winkte er energisch ab, schüttelte den Kopf und hielt mir entgegen: ›Nein, Herr Justizrat. Der Jonkheer Adrian van Donselaar ist anderer Meinung.‹

›Gut! und wenn ich Sie richtig verstehe, handelt es sich hier um die Betätigung des letzten Willens auf Leben und Sterben?‹

›Allerdings, Herr Justizrat.‹

›Zur Betätigung dieser Urkunde sind vier Zeugen vonnöten‹, gab ich zurück. ›Mein Sekretär wäre einer von ihnen. Die übrigen hätten Sie zu bestellen.‹

›Gewiß, Herr Justizrat. Das ist alles bedacht. Außer mir würden der Stellmacher und der Schäfer sich eignen.‹

›Einverstanden! Zuvor jedoch sei es mir verstattet, den Herrn Baron unter vier Augen zu sprechen.‹

›Ganz meine Meinung.‹

Gleich darauf wurde ich in das Herrenhaus und in ein geräumiges Zimmer geleitet. Bei meinem Eintritt erhob sich am Kamin, worin, trotz des sommerlichen Behagens, ein helles Feuer knisterte, die Gestalt eines vornehmen, kränklichen Herrn. Er hatte die sechziger Jahre schon längst überschritten.

›Willkommen!‹ sagte er hüstelnd, ›herzlich willkommen!‹ gab mir die Hand und wies auf den zunächst stehenden Sessel.

Während unserer Unterredung machte ich die Erfahrung, daß er das Deutsche wie seine Muttersprache beherrschte. Nur die Klangfarbe ließ ihn als Niederländer erkennen. Im übrigen fand ich in ihm einen Mann voll tiefster Herzensgüte und vollendeter Bildung.

Als wir uns niedergelassen hatten, flocht er die Hände zusammen und sprach dann: ›Herr Justizrat, es mag Ihnen befremdlich erscheinen, daß ich meinen juristischen Beistand nicht aus der Nähe anforderte. Die Gründe hierfür werden Sie aus dem Gang unserer Verhandlung entnehmen. Einige Vorbemerkungen sind nötig, um Sie wissend zu machen. Die längste Zeit meiner Jugend verlebte ich auf Millendonk; auch später, als ich in die Jahre gekommen, weilte ich gern auf preußischem Boden. Mein Vater bekleidete das Ehrenamt eines Kammerherrn, eine Würde, die auch mir in späteren Jahren zuteil werden sollte. Im allgemeinen ein besonnener Mann, verleugnete er jedoch sein eigenes Ich, wenn sich der Zorn bei ihm wie mit Adlerklauen verkrallte – ein Erbteil der Niederländer. Jetzt weich und gefügig wie Ton in der Hand eines Künstlers, konnte er gleich darauf hart und unbarmherzig wie ein Feldkiesel sein. Seine Jahre verbrachte er im Dienst seines Königs und in der Bewirtschaftung seiner Liegenschaften, die sich in der Nähe vom Haag und bei Leyden befanden. Millendonk liebte er nicht. Als eingefleischter Holländer, aufsässig gegen das Straffe und Militärische des benachbarten Musterstaates, mied er die preußische Grenze. Mein Werdegang interessiert weniger. Es sei nur bemerkt: in Heidelberg und Utrecht fand ich eine gewisse akademische Bildung. Dann aber ...‹ und die Stimme des Sprechenden fiel in einen wehen und zerrissenen Ton: ›Eine selig-unselige Geschichte nahm mir allen Halt unter den Füßen, verarmte mich an Leib und Seele und brachte mich der Verzweiflung nahe. Doch was frommt es, Ihnen dies alles zu schildern! Ihre Zeit ist bemessen, und mir liegt es ob, vor Toresschluß mein Haus zu bestellen, denn ich fühle es deutlich: der Wächter ist da, um den Riegel zu schieben. Nur dies noch zur Klärung. Ich fand mich in Indien wieder. In harter Arbeit, nur um vergessen zu können, erklomm ich die steile Höhe eines Residenten von Java. Das gesegnete Land von Madura brachte mir Ruhe und ein glückliches Familienleben. So vergingen die Jahre. Das Selig-Unselige aus jungen Tagen verebbte langsam, ohne doch ganz zu zerfließen. Nur zuweilen in meinen nächtigen Träumen ... Ich verwand auch dieses. Doch als mich vor Jahresfrist die Gnade des Königs in den ›Rat der Viere‹ zu rufen gedachte, lehnte ich ab. Mein Ehrgeiz war befriedigt. Mich hielt nichts mehr zurück. Mein Sohn blieb in Indien. Mit Frau und Tochter kehrte ich heim – nicht mehr gesund und gerne bereit, in den Schatten des Todes zu treten. Die nicht verjährte Schuld regte sich wieder. Das alte Sehnen wurde aufs neue lebendig. Ich mußte nach Millendonk, in das Land meiner Jugend, um dieses Sehnen zu stillen und die noch nicht verfallene Schuld zu begleichen. Und nun, Herr Justizrat ...‹

Adrian van Donselaar hob sich schwer aus dem Sessel. Sein bleiches und abgezehrtes Gesicht nahm einen hypokratischen Zug an. Nur die tiefliegenden Augen leuchteten in einem seltsam schönen Glänze. Langsam hob er die schlanke, elfenbeinerne Hand, um sie ebenso langsam und feierlich wieder sinken zu lassen. Er schien rückwärts zu schauen, in jene Zeiten zurück, wo für ihn noch der Flieder blühte und über ihm der Kirschbaum schneite, als hätte jedes von den unzähligen Flöckchen ihm eine liebe Botschaft zu künden ... ›und nun, Herr Justizrat: ich bin meinem Weibe und meinen Kindern verpflichtet. Ich will nichts mehr sehen und darf nichts mehr sehen, ich will nichts mehr hören und darf nichts mehr hören – und dennoch: ich kann nicht vergessen. Ich sehe ein Mädchen, wie ich keines mehr sah. Ich höre eine Stimme, wie ich keine noch hörte. Ich spüre einen heißen Mund auf meinen Lippen, wie ich keinen noch spürte ... und all dieses Glück und all dieses Leben und all diese Treue liegt begraben auf dem Friedhof der kleinen Stadt, wo Sie, Herr Justizrat amtieren ... und mir war es nicht vergönnt, ihre Ehre zu retten. Und das ist mein Fluch ...‹

Er drohte niederzusinken. Nur mit aller Mühe hielt er sich aufrecht. Sein Antlitz war fahl wie das eines Toten geworden.

Ich war aufgesprungen, um ihm Beistand zu leisten.

Er bedeutete mir, sitzen zu bleiben, es sei schon vorüber – und sagte mit einer Kraft in der Stimme, die ich nur bewundern konnte und die mich aufs tiefste erschütterte: ›Und nun steh' ich hier, hier auf meinem Grund und Boden, und höre die Bäume rauschen, deren Rauschen auch sie einst vernommen, und sehe den Stamm noch, in dessen Rinde wir zwei Herzen geschnitten, und suche noch täglich die Stätte auf, wo wir so selig und doch so unselig wurden. Ja, Herr Justizrat, schon senkt sich die Gardine herunter. Es wird Zeit für mich. Ich habe noch manches zu ordnen. Seien Sie mir Anwalt und Helfer. Ich harre der Stunde.‹

Mit einem dumpfen Laut sank er in den Lehnstuhl zurück und bedeckte sein Antlitz.

Mir krampfte sich das Herz zusammen. Was er durchlitten, ich durchlitt es in ähnlicher Weise.

Gleich darauf erschienen die Zeugen.

Mit kurzen und festen Sätzen diktierte er mir seinen letzten Willen, seinen letzten Wunsch in die Feder.

Als alles unter Brief und Siegel lag, entließ er die Zeugen, ergriff meine Hände und sagte: ›Und das mit der Geheimhaltung des getätigten Aktes ...?‹

›Die Zeugen wurden verpflichtet.‹

›Gut so! also erst nach meinem Ableben wird die Rechtskraft beginnen?‹

›Ganz richtig. So steht es geschrieben.‹

›Und die Urkunde selber ...?‹

›Wird amtlich behütet.‹

›Ich danke.‹

Eine stille Zuversicht lief über sein Antlitz. Er drückte meine Hände fester und sagte: ›Und dann, Herr Justizrat ... hier dieses versiegelte Schreiben ... es unterliegt derselben Einschränkung. Wenn meine letztwillige Verfügung in Kraft tritt, dann soll auch dieses ...‹

›Herr Baron, ich verstehe.‹

Er übergab mir den Schriftsatz, den ich zu dem übrigen legte.

Wir waren einig geworden, blieben noch eine Stunde bei einer alten Flasche Rheinwein zusammen, um dann für immer zu scheiden, denn drei Tage später ...«

Der Notar tat einen tiefen Atemzug und sprach bedrückt vor sich hin: »Drei Tage später wurde er tot an der Buche gefunden, in deren Rinde sich die beiden verschlungenen Herzen befanden. – Herr Aktuarius, das Testament wird somit eröffnet. Möge es Ihnen und dem Verblichenen Heil und Segen bescheren.«

Aloys Furtwanger hing wie leblos zwischen den Stuhllehnen. Nur seine starr auf den instrumentierenden Notar gerichteten Augen deuteten an, daß er noch unter den Irdischen weilte. Dann kam es ihm schwer von den Lippen: »Es ist ein langes und banges Leben gewesen, um diese Lösung zu finden. Mir ist, als ob weiße Rosen über mich fielen. Mutter, Mutter ...!«

Sein Kopf senkte sich tiefer.

Der Notar war dicht an seine Seite getreten. Mit stiller Hand berührte er die Schulter des einsamen Mannes.

»Die Toten sind heilig,« sagte er nach einer Weile. »Auch Ihre Mutter ist dieser Heiligsprechung teilhaftig geworden. Alles das, was ihr wie ein häßliches Laken anhing, wurde von ihr genommen. Nur der Glanz ist geblieben – ein schöner, freudenreicher und lieblicher Glanz, wie er auf den Bergen liegt, wenn die Wälder beginnen, ihr erstes Grün zu entfalten. Und er, der ihr dieses häßliche Laken webte und es wieder hinwegnahm, der den lichten und freudenreichen Glanz auf den Bergen entfachte, er sühnte, was er dereinstens verschuldete. Er und sie – jetzt mögen sie ruhen in Frieden. Die Liebe währt ewig. Und nun, Herr Aktuarius« – und er suchte, einen festen und entschlossenen Ton in seine Worte zu legen – »wenn ich es mir auch versagen muß, Ihnen schon heute das Gesamtbild der getätigten Urkunde vor Augen zu führen, so halte ich mich doch für verpflichtet, Sie mit der Hauptmaterie bekannt zu machen, die der Erblasser in Ihrem Interesse mir in die Feder diktiert hat. Ich frage zum andern: Wollen Sie hören?«

»Ich höre,« nickte Aloys Furtwanger wie aus einem langen Traum heraus, »ich höre, ich höre.«

»So gebe ich denn kund und zu wissen,« begann der würdige Rechtsgelehrte mit sanfter Betonung, indem er das Protokoll auf und nieder bewegte. »Laut Testament, errichtet vor mir, dem instrumentierenden Notar und Justizrat, und im Namen des Königs, trennte der mir nach Namen, Stand und Wohnung bekannte Jonkheer Adrian van Donselaar sein ihm zugehöriges, im Kreise Kleve gelegenes Herrengut Millendonk nebst allen ihm anhaftenden Ackerländereien, Wiesen, Gehölzen und Brachland, Privatwegen, Wehren, und Schleusenwerken von seinen Hauptbesitztiteln ab, um es in Ihre Hände zu legen. Außerdem: ein Betriebskapital von achtzigtausend Gulden in holländischen Staatspapieren steht zu Ihrer Verfügung. Die Diskontobank in Utrecht wurde verständigt. Mit dem heutigen Tage sind Sie Herr des ansehnlichen Sitzes geworden ... und hier: das versiegelte Schreiben ... an Sie ... ein Vermächtnis des Toten.«

»Mein Gott ...!«

Eine glückliche Hand lag in der des Sachwalters.

»Ich danke von Herzen. Herr Justizrat, ich möchte ...«

»Es bedarf nicht des Dankes, mein Lieber. Aber eine innige Freude ist in mir. So lange ich in diesem Bezirk meine Tätigkeit ausübe, ist mir noch nie eine solche Befriedigung geworden. Merken Sie auf! Fühlen Sie es nicht? Ja, Sie müssen es fühlen. Ein geheimnisvoller Duft ist ausgetan. Es duftet nach Blumen. Endlich beginnen auch für Sie die Rosen zu blühen. Es sind die dunkelroten Rosen von Pästum.«

Noch lange ruhten die Hände zusammen.

Als Aloys Furtwanger die Amtsstube verließ, als der Notar ihn begleitete und der Herr Sekretarius Tibus ihm mit einem tiefen Bückling und den verbindlichsten Wünschen eigenhändig die Tür öffnete, da grinsten der rothaarige Schlingel und sein Kollege nicht mehr, denn um den braven, ehrlichen und herzensguten Springinsröckel war ein Schimmern und Scheinen, war eine Gloriole gelegt, wie sie den Irdischen nicht zustand. Sie glitzerte wie die köstliche Mandorla der allerseligsten Jungfrau in der Kirche von Kalkar.

 

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