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Sprich Deutsch!

Eduard Engel: Sprich Deutsch! - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorEduard Engel
titleSprich Deutsch!
publisherHesse & Becker
printrunZweite, durchgesehene Auflage, Elftes bis zwanzigstes Tausend
year1917
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090415
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4. Vom Verdeutschen

In diesen gewaltigen deutschen Zeiten fragen sich viele wackere Deutsche, fragt mich wohl mancher Leser dieses Buches: Wie soll man verdeutschen? Löblich gemeinte Frage; um so löblicher, je ernster sie gemeint ist; – und doch: wie tief beschämend, ja wie grausig sinnlos klingt sie dem sprachgesunden Menschen! Der sich zum vollen Deutschtum durchringende Deutsche begreift, daß dazu die deutsche Sprache gehört; um sie aber zu sprechen, muß er verdeutschen, muß Fremdes erst in Deutsch verwandeln! Reines Deutsch also kann der Deutsche, wenigstens der gebildete, nur sprechen, indem er Welsch ins Deutsche übersetzt. Fühlt der Leser die Kranksinnigkeit, die hierin liegt? Ehe sie ihm in ihrer erschreckenden Grelle vor die Seele getreten, kann er alles Folgende nicht ganz verstehen, denn dazu gehört innerstes Mitfühlen.

Für den sprachgesunden Deutschen gibt es nur eine natürliche Verdeutschung: Deutschgedachtes in Deutschgeschriebenes umzuformen, ohne daß sich irgendeine Trübung und Störung durch Fremdgedachtes dazwischendrängt. In diesem Zustand völliger Sprachgesundheit leben in Deutschland außer den Dichtern – fürs Dichten! – keine hundert gebildete Menschen, d. h. Gewohnheitsleser von Büchern und Zeitungen. So muß denn, trotz Beschämung und Widersinn, vom Verdeutschen, vom Übersetzen aus Welsch in Deutsch geredet werden, weil zwischen Denken und Deutsch hinein allemal das Welsch näselt und gurgelt, lispelt und zischt. Muß denn aber leider verdeutscht werden, dann mit tiefer Verachtung des zufälligen Fremdwortes, dagegen mit sorgsamer Erwägung des zu erfüllenden Sprachzweckes. Das Fremdwort an sich, selbst das anständigste, erfüllt diesen fast niemals ganz. Religion sagt so gut wie nichts über seinen jetzigen Begriffswert, Kultur nicht viel, Literatur etwas Unbestimmtes, Politik kommt im Griechischen als Hauptwort gar nicht vor, Philosophie heißt Weisheitsliebe, Tragödie Bocksgesang. In zahlreichen Fällen hat selbst der Sprachkundige, auch der dünkelhafteste Wissenschafter, ohne gelehrte Sonderforschungen keine Ahnung von der eigentlichen Bedeutung der Fremdbrocken, die er genau so unfühlend nachplappert wie der Ungebildetste. Wer weiß vom Fleck zu sagen, wie es steht mit dem Sinne von: frivol, Fiasko, Roué, Panne, Halluzination, Kontrast, fanatisch, panegyrisch, Fronde, Aphorismen, grassieren, Enfant terrible, Snob, Derby, Clou, Bucketshop, und Dutzenden andrer, die er gefühl- und gedankenlos nachredet? Ja, ich gehe weiter: wer beherrscht denn überhaupt vollkommen die Begriffswelt der meisten Wörter aus 5–6 fremden Sprachen? Doch nur der Mensch, der in eine dieser Sprachen hineingeboren wurde.

Man gebe sich über diesen wichtigen Punkt keiner Selbsttäuschung hin, wie sie grade in Deutschland alltäglich ist: es ist nicht wahr, daß ein Fremder die Seelenwelt einer fremden Sprache – und der Welscher gaukelt in einem halben Dutzend solcher Welten – jemals ganz in sich aufnehmen kann. Man höre auf, solche unwissenschaftliche Redensarten nachzureden von den vielen Deutschen, die außer der eignen Sprache noch eine fremde ›vollkommen beherrscht‹ hätten. Es hat niemals einen deutschen Menschen von einiger Bedeutung gegeben, der eine fremde Sprache gleich der eignen gesprochen oder geschrieben hätte. Die tiefer dringende Sprachwissenschaft weiß, warum das unmöglich ist. Friedrichs des Großen Französisch war in der Tat › tudesque‹, wie jeder deutsche Kenner der Sprache mit Voltaire übereinstimmend urteilen muß. Der Königin Luise zahlreiche französische Briefe an Gatten, Vater, Bruder sind so schülerhaft unfranzösisch, daß man seine Freude dran hat. Friedrich Gentz, Metternichs meist Französisch schreibende rechte Hand, verfertigte Noten in einem überaus spaßigen Französisch. Bismarcks Französisch klingt nur deutschen Lesern ganz französisch, und er selbst wußte, wie sauer ihm das Französischsprechen wurde (vgl. Engels Deutsche Stilkunst, S. 198). Heine hat in 26 Pariser Lebensjahren nicht Französisch gelernt; Max Müller in 40 Oxforder Jahren nicht so vollkommnes Englisch, daß er ohne die Durchsicht eines Engländers seine englischgeschriebenen Bücher in den Druck zu geben wagte. Und Goethe, der von Jugend auf ans Französische im Sprechen und Schreiben gewöhnte, bekannte in dem deutschen Nachwort zu einem französischen Brief aus der Schweiz: ›Soll ich französisch reden? eine fremde Sprache, in der man immer albern erscheint, man mag sich stellen wie man will, weil man immer nur das Gemeine, nur die groben Züge ausdrücken kann?‹ Unsre großartigen Welscher in 6 Sprachen aber erklären aus ihrer versechsfacht feinsten Sprachkenntnis heraus von jedem deutschen Ersatzworte, es ›decke‹ sich nicht mit den geheimnisvollen Bedeutungen der Tausende welscher Brocken, die ihnen alle ihre letzten Geheimnisse offenbart haben.

 

Verdeutschung des deutschen Begriffs

Das zu verdeutschende Fremdwort muß leider, wie die Dinge in Deutschland stehen, oft der Ausgang sein; nicht aber ist das ›Decken‹ mit dem Fremdwort das höchste Ziel. Es ist gleichgültig, ob sich Bahnsteig mit Perron, Abteil mit Coupé, Abschnitt mit Coupon, Hauptmann mit Capitaine, Volkstum mit Nationalität deckt; die Hauptsache ist, daß sich die deutschen Wörter mit dem deutschen Begriff decken. Alle glücklichen Verdeutscher von Zesen über Campe zu Stephan haben sich nur um den genügenden Sinn des zu suchenden deutschen Wortes gekümmert, nicht ums genaue Wiedergeben des fremden. Eingeschrieben ist keine Übersetzung von Rekommandiert, Umwelt keine von Milieu, Zerrbild keine von Karikatur, Liebreiz nicht von Grazie, leutselig nicht von populär; aber trotzdem, oder grade darum, haben sie sich so schnell durchgesetzt. Die erfolgreichen Verdeutscher wollten etwas Vernünftiges aus allen deutschen Kräften: darum haben sie erreicht, was sie gewollt. Sie wollten Diener und Pfleger des deutschen Gedankenwortes sein, nicht demütige Sklaven eines ludrigschludrigen Welschbrockens wie Perron, Coupé, Coupon: darum sind diese ›besten Köpfe‹ nach Goethes Verheißung Reiniger und Bereicherer ihrer Sprache geworden. Wille ist alles! Mit diesem Willen zum Vaterland, das ja nicht bloß Heimatscholle, sondern Seelenheimat ist, haben die heute lebenden Griechen ihre unter dem schmutzigen Wust der Jahrtausende verschüttete edle Sprache zu einer der reinsten der Erde gemacht; verschmähen jedes romanische Fremdwort; bestreiten spielend alle Sprachbedürfnisse eines Bildungsvolkes der Gegenwart einzig mit den Mitteln ihrer Sprache; kennen nicht General, Minister, Sekretär, Gouverneur, Partei, liberal, konservativ, Parlament, Billett, Marine, nicht Offensive noch Defensive noch Reserve noch Munition noch Proviant und sind um die vollkommen deckende griechische, d. h. vaterländische, völkische Benennung aller dieser Herrlichkeiten nicht einen Augenblick in Verlegenheit. Allerdings wurzelt ihr Wille zur reinen Muttersprache in der höchstgespannten Vaterlandsleidenschaft; doch, o Wunder!, ein schmelzendes Lied wie ›Muttersprache, Mutterlaut‹ singen sie nicht dazu.

 

Wer Deutsch schreiben, ja wer auch nur verdeutschen will, kümmere sich nicht um den welschenden Philister! Er verlache ihn, verachte ihn, bemitleide ihn allenfalls, aber er trotze ihm! Nicht ein einziges glückliches Neuwort hat sich den Platz einer blöden eingewurzelten Welscherei erobert ohne den Spott, den Widerstand, das Geschimpfe des Philisters, – des Philisters im allerweitesten Sinne. Jedes gute neue Wort Campes (vgl. S. 123) ist bekrittelt, verhöhnt, verworfen worden und – hat sich durchgesetzt. Mundart‹ für Dialekt: ›Mundart ist lächerlich; Mundart kann nur eine Art des Mundes bedeuten, nicht eine Art der Sprache‹ (Allgemeine Literaturzeitung). – › Unlauterer Wettbewerb – fürchterliches modernstes Kunstdeutsch‹ (Professor Hans Delbrück). – › Eingeschrieben! Was wird nicht alles eingeschrieben!‹ (ein Licht im Deutschen Reichstag). – › Sternwarte‹ für Observatorium: ›Welch ein Unsinn! Wartet man dort auf die Sterne? oder wartet man dort der Sterne?‹ (Vossische Zeitung). – › Scheinwerfer für Réverbère: lächerlich‹ (Weber im Demokritos). – › Feldzug für Campagne: in welches Feld zieht man, oder welches Feld zieht man?‹ (Adelung). – Tatsache (von Spalding) für Faktum: ›Unschicklich und wider die Analogie zusammengesetzt‹ (Ramler). – Gemeinort oder Gemeinplatz für Locus communis: ›Gemeinort ist eine buchstäbliche und daher sehr ungeschickte Übersetzung. Noch verwerflicher ist Gemeinplatz‹, so Adelung, der deutsche Sprachpapst seiner Zeit, von sich selbst dafür gehalten, von den Besten beachtet, ja gefürchtet.

Es ist das tiefste Wesen des Philisters, das zufällig Bestehende, wär's auch der größte Unsinn, für das Einzigmögliche zu halten, das vernünftigste Neue dummfrech zu belachen, aber – nach Einführung des Neuen nicht begreifen zu können, daß es nicht zugleich mit ihm, dem Philister, geboren ward. Und dieses höhnende Philistertum hat in dem Jahrhundert seit Campe an Macht um so viel gewonnen, wie die Welscherei durch die Presse zur Seuche eines Millionenvolkes geworden. Bei jedem ursprünglichen oder durch Verdeutschung gewonnenen deutschen Kernwort muß man sich heute fragen: Wie würde es der welschende Philister verspotten, wenn man es heute an die Stelle eines Fremdwortes zu setzen wagte! Schutzmann für Konstabler: ›Hat der Schutzmann nur zu schützen? hat er nicht zu ordnen, zu regeln, zu befehlen, zu schreiben, zu melden? Schutzmann deckt sich nicht!‹ – Stab für Adjutantur: ›Stab? Hat man je etwas so Verkehrtes gehört? Stab soll sich mit Adjutantur decken? Diese dummen Puristen!‹ – Oberste Heeresleitung für Generalkommando oder Generalstabschef: ›Oberste Heeresleitung! Welch eine weitschweifige, nüchterne, willkürliche, puristische kunstdeutsche Übersetzung von Generalkommando, mit dem sie sich obendrein nicht deckt!‹ – Man versuche sich auszudenken: ein Purist mache heute den in seiner Tollkühnheit an Irrsinn grenzenden Vorschlag, den hochvornehmen Sculptor durch den gemeinen Bildhauer zu verdeutschen! Aber es ist ja nicht auszudenken. ›Knochenhauer, Fleischhauer, Steinhauer – gewiß; aber Bildhauer! Hauer eines Bildes! Wär's nicht an der Zeit, daß der Staat im Verein mit Germanistik und Journalismus, unter Führung des getreuen Eckarts deutschen Sprachadels, Hans Delbrücks, solchem unsre edle Sprache lächerlich machenden puristischen Unverstand, solcher › nationalen Verschleimung, solchem fürchterlichen modernsten Kunstdeutsch‹ ein Ende setzte? Sculptor muß es heißen, mit Sculptor deckt sich kein deutsches Wort, Sculptor nun und in secula seculorum. Bildhauer schraubt die Sprache ins Primitive zurück, ein Unglück, vor dem uns nur die tiefe Spracheinsicht Hans Delbrücks, Theodor Birts und Paul Cauers gnädig behüten kann.

Oder nehmen wir die im Weltkriege schüchtern hier und da, z. B. in meinem Kriegstagebuch, gewagte Ohnseitigkeit für Neutralität! Es gibt Ohnmacht, ohnmächtig; also an der Deutschheit von Ohnseitigkeit oder Ohnseite ist nicht zu zweifeln. Es gibt keinen einzigen stichhaltigen Grund gegen Ohnseitigkeit; es gibt alle Gründe der Sprachsauberkeit gegen die küchenlateinische, nicht etwa lateinische, Neutralität. Tut nichts: Philister verlacht die Ohnseitigkeit und bleibt bei der Neutralität. Sollte sich wider alle Wahrscheinlichkeit das deutsche Wort behaupten, so hat Philister es vorausgesehen und mitgewirkt. – Gegen den Zuckerbäcker statt des Konditors wurde in diesen Tagen geltendgemacht: Er bäckt doch keinen Zucker, sondern mit Zucker! – Man lese nach, was selbst ein Mann wie Jakob Grimm für das angeblich unverdeutschbare appetitlich vorgebracht (S. 122); erinnere sich der Dummheiten gegen Postkarte für Korrespondenzkarte, gegen bewahrheiten für verifizieren, gegen Kleinbahn für Sekundär- oder Vizinalbahn, des noch heute andauernden Gehöhnes gewisser Heimpariser gegen das untadlige völkisch (seit 1875) für national, – und erfülle sich dadurch mit dem festen Willen, beim Verdeutschen weder auf Philister noch auf unvölkische Heimpariser, aber überhaupt nicht auf Einwände von Welschern zu hören. Dies muß hinfort unerschütterlicher Grundsatz aller wahren Freunde deutscher Sprache werden, nicht zuletzt der Sprachvereine: In Fragen deutscher Sprache haben die Welscher keine Stimme. Wer durch ein langes Welscherleben bewiesen hat, daß er das Deutsche weder schreiben will noch kann; wer durch seine unzähligen Fremdbrocken ausspricht, daß er die deutsche Sprache für unfähig hält, seinen Gedankenreichtum auszudrücken, den sollen wir als Sachverständigen in der zartesten und wichtigsten Frage deutscher Sprache zulassen? Auf dessen drollige Warnungen sollen wir hören – vor den gefährlichen Exzessen der Reinheit; vor dem extremen Bade mit dem ausgeschütteten armen Kinde; vor dem outrierten nationalistischen Purismus, der nicht nur die Fingerspitzen, sondern auch die Füße (S. 118) waschen will; vor dem Bruch mit den historischen und kulturellen Traditionen und vor dem Zurückschrauben in die lebensunfähige Primitivität?!

 

Kühnheit im Verdeutschen

Den gewichtigsten Rat fürs Verdeutschen hat Lessing erteilt, als er Boden 1768 ›empfindsam‹ für sentimental (›Yoriks empfindsame Reise‹) empfahl mit dem Zusatz: › Wagen Sie es! Was die Leser fürs erste bei dem Worte noch nicht denken, mögen sie sich nach und nach dabei zu denken gewöhnen.‹ Der feine Purist Lessing hat damit alles in zwei Zeilen gesagt, was wir arme Nachfahren auf 20 Seiten sagen müssen, um besser verstanden zu werden; denn verstanden wurde Lessing mit seiner gemütlich bündigen Kürze weder von Bode noch von den Welschern der folgenden anderthalb Jahrhunderte. Wagen Sie es!: alle echte Wortschöpfung ist, wie alle Kunst, Wagnis; Wortklabasterung wie sentimental ist kein Wagnis, aber eben auch keine Kunst. – Die Leser werden sich gewöhnen: zunächst allerdings werden sie lachen, spotten, Naserümpfen, denn ›empfindsam‹ ist neu und nur deutsch; mit dem öftern Hören wird die Neuheit schwinden, und über ein kurzes klingt ihnen aus ›empfindsam‹ alles heraus, was ja nicht etwa wirklich in sentimental steckt, sondern verschwommen hineingedacht und unklar herausgehört wurde.

Sprache kommt von Sprechen, nicht von Schreiben! Sprache ist nicht gedrucktes Wörterbuch, sondern lebendiger Seelenodem. Zuerst war das Sprechen, lange nachher kam das Schreiben. Goethe, der Meister der Sprache des Sprechens, ging so weit: ›Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache.‹ Noch dies muß den welschenden Verhöhnern jedes guten deutschen Stammwortes gesagt werden: Der Mensch spricht nicht in einzelnen, alleinstehenden Wörtern, sondern in zusammenhängenden inhaltvollen Sätzen, deren Wörter sich in ihrer Bedeutung wechselseitig tragen und ergänzen. Was ist ein Umschlag? Ich weiß es nicht, denn es kann mancherlei bedeuten; aber ich weiß, was es in den Sätzen bedeutet: Ich habe die Rechnung in einen Umschlag gesteckt, – Gestern ist ein vollständiger Umschlag des Wetters eingetreten, – Gegen Zahnschmerz hilft vielleicht ein warmer Umschlag, – Der Elbeumschlag ist eine wirtschaftlich wichtige Einrichtung. Als aber empfohlen wurde, vom Briefumschlag zu sprechen, da lachte Welscher überlegen: Umschlag! was ist Umschlag?, Kuvert muß es heißen! – Welscher hält nämlich Kuvert, oder noch feiner: Kuwähr, für feinstes Französisch, und doch ist es nur das Französisch der Berliner Mulacksgasse. Es stört ihn aber auch nicht, wenn man ihm nachweist, daß die Franzosen das Ding Enveloppe nennen. Entscheidend für den richtigen Welschphilister ist nicht Echt oder Unecht, sondern Welsch, um jeden Preis Welsch, nur nicht das ›fürchterliche modernste Kunstdeutsch‹ Umschlag.

Jede Verdeutschung muß im Satzzusammenhang, nicht für sich alleinstehend auf ihre Brauchbarkeit geprüft werden. Man spreche sich das einzuführende, selbstverständlich gutgebildete, gutdeutsche Wort fünfmal, zehnmal mitsamt dem Satze vor und belausche die Wirkung! Man stumpfe solchermaßen das stärkste, aber oft trügerische, Hemmnis der Ungewohnheit ab! Man horche auf Klang und Flüssigkeit, prüfe Bildkraft und Nachbild, untersuche die Ableitbarkeit für Haupt-, Eigenschafts-, Zeit-, Umstandswort, die Eignung fürs Abschatten durch Vor- und Nachsilben, und vertraue im übrigen auf das gute Glück jedes guten deutschen Wortes.

Die Umgewöhnung des Lesers tritt überraschend schnell ein. Jede leidlich verbreitete Zeitung kann jedes brauchbare Wort in zwei Wochen einbürgern, tut das jedoch leider fast nur mit schlechten Fremdwörtern. Einschreiben und Eingeschrieben hatten in weniger als einem halben Jahr ganz Deutschland vom Rekommandieren gesäubert. Alsbald tritt dann die natürliche Wirkung ein, daß das deutsche Wort vertraut und vertrauter, das welsche ungewohnt, seltsam, putzig klingt, bis zu solchen Wirkungen wie mit Goethes Prostituieren und dem ruhigen Particulier Spinoza. Der gesamte Gefühlsreichtum, den das Welschwort den verdrängten deutschen Ausdrücken ausgesogen hatte, strömt aus Herz und Hirn des Sprechenden in das deutsche Neuwort über, und nach einigen Jahren kann der verrannteste Welscher nicht ohne das deutsche Wort auskommen, erscheint ihm selber das Welschwort lächerlich bis zur Albernheit. Vor 30 Jahren hätte kein Radler von seinem Rade sprechen dürfen; heute sagt der rückständigste Welscher nicht mehr Veloziped. Mit Schuppen oder Unterstand sind wir noch nicht so weit: die Vornehmheit verlangt unbedingt die (die!) Garage. Nur zehn große deutsche Gasthöfe brauchten zu erklären: uns erscheint Hotel nicht mehr Prima, nur Hof oder Gasthof ist erstklassig, und ein Jahr drauf würde der letzte Gasthofbesitzer in Trippstrill die Minderwertigkeit des Hotels einsehen. Wagen Sie es! rät Lessing; ›äußerste Vorsicht bei jedem Eingriff ins Leben der geliebten Muttersprache‹ sagt der Welscher, der sich keiner sprachlichen Gemeinheit schämt, nicht zurückscheut vor dem sich gerierenden Diogenes und potenzierten Sokrates, nicht vor Siegfrieds ethischem Pathos und der territorial atomisierten Nation, nicht vor dem tantifizierenden Komfortismus und Sportismus, nicht vor den eliminierten, isolierten, konzentrierten, prononzierten Gefühlserregern.

Das ganze große Wörterbuch glücklicher Verdeutschungen ist die Frucht äußerster sprachschöpferischer Kühnheit. Man prüfe sie Wort für Wort, die Neubildungen unsrer großen Puristen von Schottel über Zesen, Opitz zu Lessing, Goethe, Campe, Jahn, Stephan, – welch eine verblüffende Fülle von Kühnheiten, die heute keiner der durch anmaßende Welscher eingeschüchterten Verdeutscher mehr wagen würde! Wer dürfte sich heute unterstehen, Abhandlung statt Traktat vorzuschlagen? Welche Waghalsigkeiten waren Lustspiel, Trauerspiel, Schauspiel für Komödie, Tragödie, Drama, Wörterbuch für Lexikon, Leidenschaft für Passion, Staatsmann für Politiker, Schriftsteller für Autor, Stecher (Campe!) für Graveur, Schauspieler und Schauspielerin für Acteur und Actrice, Briefwechsel für Korrespondenz, Jahrhundert für Seculum, Dichtkunst für Poesie, Beschaffenheit für Qualität, Gegenstand für Objekt, gegenständlich für objektiv, und die Hunderte von bereichernden Verdeutschungen, deren jede, jede sich erst im Kampf gegen Sprachstumpfsinn und Anmaßung durchsetzen konnte. Ein einziger Tollkühner, der darob zuerst verhöhnte Ludwig Jahn, hat außer dem lange belachten Volkstum den ganzen Wortschatz für das Turnen neu geschaffen.

Wie viel mehr Gutdeutsches könnten wir heute haben, wenn sich unsre kühnsten reinigenden Bereicherer nicht doch vor dem gelehrten sprachvertaubten Philister gefürchtet hätten, Campe z. B. vor dem unausstehlichen ›Hund‹ Adelung, wie ihn Wieland nannte! Wie gern hätte Campe uns schon damals von der lächerlichen Elektrizität, der drolligen Bernsteinigkeit, befreit! Er setzte an, seufzte, wagte es nicht. ›Sollte man nicht verinseln (für isolieren) und verinselt ( isoliert) wagen dürfen?‹ Hätte er's nur gewagt! Auf Welsch darf man so sagen; wer's auf Deutsch sagt, wird verhöhnt (vgl. S. 64 zu vermittelpunkten).

 

Ansprüche der Welscher ans Deutsche

Vom deutschen Wort verlangt der Welscher das Unmögliche, und da dies nicht zu leisten ist, so lehnt er's ab. Gegen kein noch so sextanerhaft gebildetes Küchenlateinwort ohne Sinn, Verstand, Wohlklang, Gefühlswert hat er je etwas eingewandt; jedes ist ihm recht, jedes vermehrt den Schatz seiner Nüankßenkleinode. Das neue deutsche Wort muß, um dem Welscher vielleicht ein gönnerhaftes Löblein abzugewinnen, aber trotzdem nicht angewandt zu werden, aus Märchenbrunnentiefen aufgeschöpft sein; das Fremdwort darf man vom Kehrichthaufen irgendwelcher Sprache oder Unsprache auflesen: an seinem Herrscherrecht darf kein dummer Purist rütteln. Jeden Begriffsfarbenton muß das deutsche Neuwort genau deckend widerspiegeln; andernfalls wird dringend empfohlen, ›es bei dem bewährten Fremdwort zu belassen‹. Kraftbrühe besagt nichts über die Klarheit der Suppe, also muß Consommé, das weder Kraft noch Klarheit und für den nicht sehr Sprachkundigen überhaupt nichts bedeutet, erhalten bleiben. Deutschkunde sagt kurz und genau, was gemeint ist: Kunde vom Deutschen; das Wortgebilde ist so untadlig wie Erdkunde, Naturkunde, Lateinkunde; es ist deutsch und dazu bestimmt, eine zwar für sehr vornehm geltende, aber sprachlich gemeine fremde Wortdrechselei Germanistik zu verdrängen. Aber nein, ›Deutschkunde ist scheußlich‹, sagt Franz Muncker, der Germanist, dem die Sprachreinheit, so sagt er, sonst, nämlich bei den Andern, sehr am Herzen liegt.

 

Der Vorgang ist immer derselbe: bei der Namengebung für neue Dinge, neue Begriffe drängt sich sogleich der Welscher vor und bastelt ein beliebiges Unwort mit ismus, ik, istik, ation, isation, ifizieren zusammen. Dieses fremde Unwort genießt fortan alle Ehrenrechte, Vorrechte, Alleinrechte der gesetzlich herrschenden Landes-, Wissens-, Lebenssprache. Keiner darf an ihm rütteln, keiner wagt dran zu rütteln. Das Wort selbst ist fast sinnlos, ergibt bei strenger Prüfung nur eine schwache Andeutung des Begriffs, ist sprachwissenschaftlich Quartanerwerk, – gleichviel, es ist da, es gilt, es gewinnt geheimnisvolle Kräfte, eingebildete nur, aber es ist ein gelehrtklingendes Welscherwort, also ragt es kraftvoll über das niedre nur deutsche Wortgestrüpp hinaus in die Wolken.

Ein Gelehrter ohne deutschen Sprachsinn, Häckel, will seiner Weltauffassung von der Einheit alles Seins einen schlagkräftigen Namen geben. Warum sollte er nicht? Indessen da er ein deutscher Gelehrter ist, so kommt ihm selbstverständlich nicht für einen Augenblick der Gedanke, seine Lehre auf Deutsch zu benennen. Er würde jeden, der ihm diese Möglichkeit andeutete, auslachen, wahrscheinlich einen dummen Puristen nennen. Da ihn auch kein feiner Sprachsinn fürs Griechische behindert, so ›schafft‹ er aus der griechischen Wurzel mon (allein, eins) mit Hilfe des Gummistempels ismus den großartigen Monismus , der durch seine sprachliche Erbärmlichkeit bei Platon und Aristoteles Übelkeiten hervorgerufen hätte. Es bildet sich ferner ein ebenso großartiger Monistenbund, dessen Mitglieder zum großen Teil nichts von der Wurzel mon wissen, sie aber für ebenso zauberkräftig und unersetzlich halten wie die Springwurzel des Märchens. Und nun soll sich einmal ein anmaßender Purist unterfangen, ein gutes verständliches deutsches Wort statt des elenden, unverständlichen sprachlichen Kielkropfes Monismus vorzuschlagen, etwa: Einslehre! Das Gewäsch vom Nichtdecken, von der mangelnden Schärfe, von der Mißverständlichkeit, von der nationalen Einseitigkeit, dem Kunstdeutsch usw.! – was alles im Grunde nichts weiter besagt als: Einslehre ist deutsch und verständlich, Monismus ist nicht deutsch, klingt aber vornehmgelehrt, und im übrigen wünschen wir in unsrer internationalen technischen Terminologie nicht durch puristische Velleitäten molestiert, derangiert und irritiert zu werden.

Ein zweites Beispiel. Ein ärztlicher dichtender Welscher erbastelt ein plattes griechisches Wort Euphorie , das nichts weiter als Wohlsein bedeutet; bezeichnet damit großartig den schmerzlosen Zustand mancher Kranken kurz vor dem Hinscheiden und fragt dann den dummen oder doch gutmütigen Puristen: He? wie willst du das übersetzen?, denn Sprache ist dem Welscher, dem ewigen Pennäler, das Übersetzen. Der Purist fällt drauf hinein, quält sich ab mit den selbstverständlich besseren deutschen Wörtern: Sterbefrieden, Sterbseligkeit, Erlösungsglück, Scheideglück, Sterbeglück, Schmerzlösung, anstatt dem Deutsch- und Griechischverderber zu entgegnen: Zeige mir in einem griechischen Wörterbuch deine Euphorie in der von dir willkürlich erklügelten Sonderbedeutung, so will ich dir's übersetzen; hast du aber nur eine neue Welscherei aus eigner Vollmacht verübt, so mach' ich's wie du, nenne das Ding Virama, sage, es sei Sanskrit, und erwarte den Gegenbeweis. Da Sanskrit noch vornehmischer als Griechisch ist, so hast du nicht zu mucken.

Die Vorgänge mit Monismus und Euphorie sind vorbildlich – Welscher sagt: typisch. Sozialismus ist aus derselben Sprachkrankheit entsprossen: der akademisch gebildete deutsche Arbeiterführer hielt es unter seiner Würde, für die aus Frankreich nach Deutschland dringende Bewegung kühn und kernhaft einen deutschen Namen zu prägen, etwa: Genossung, Gemeinung, Gesellung, sondern stammelte als gelehriger Höriger der Franzosen das französisch-küchenlateinische Wort nach. Im 18. Jahrhundert hatte die deutsche Geisteswelt noch die Sprachkraft besessen, sich ein eignes Wort für die beherrschende Strömung zu bilden: Aufklärung, eine der ganz vereinzelten deutschen Inseln im welschen Weltmeer für alles geistige Leben Deutschlands.

 

Freiheit und Neubildung

Die tiefste, die stärkste, die fruchtbarste Nährwurzel der deutschen Sprache heißt Freiheit; aber Freiheit, die wir meinen: sich aus ihren eignen Lebenssäften immergrün und jugendfrisch zu erhalten, sich ewig neu zu gebären. Keine Sprache eines Volkes, das Träger der Menschheitbildung geworden, kann sich mit dem von der Freiheit erzeugten Wortreichtum des Deutschen messen; keine Sprache hat auch nur annähernd die Bildkraft der deutschen. Der Welscher ist stolzbeglückt, wenn er dem Franzosen sein düpieren, dessen wahre Bedeutung er gar nicht kennt, gehorsam nach-iert, womit sich bekanntlich nichts Deutsches ›deckt‹. Der dumme Purist denkt an Goethes Wort über die deutsche Sprache:

Fass' an zum Siege, Macht, das Schwert,
Und über Nachbarn Ruhm! –

greift einmal, zweimal, dreimal tief hinein in die deutsche Schatzkammer und breitet die im Fluge erhaschten echten Wortkunstwerke, wenige aus der unerschöpfbaren Fülle, nur 60, aus: täuschen, vortäuschen, betrügen, hintergehen, hineinlegen, narren, zum Narren halten, zum Narren machen, prellen, foppen, anführen, nasführen, irreführen, am Narrenseil führen, hinters Licht führen, äffen, dummachen, etwas vormachen, beschwindeln, übers Ohr hauen, betimpeln, übern Löffel barbieren, übertölpeln, meiern, lackmeiern, x für u machen, überlisten, betören, übervorteilen, einseifen, einwickeln, leimen, auf den Leim locken, Schindluder treiben (spielen), falsches Spiel treiben, aufbinden, weismachen, in den April schicken, blauen Dunst vormachen, beschupfen, zudecken, berücken, ins Garn locken, umgarnen, anschmieren, Streich spielen, Schabernack spielen, Sand in die Augen streuen, etwas aufbinden, ködern, ein Bein stellen, Grube graben, Falle legen, Schnippchen schlagen, Wippchen vormachen, Seil um die Hörner werfen, Binde um die Augen, zum Besten haben, beschummeln, hochnehmen, bemogeln.

Der Welscher lächelt überlegen, der Armut des Deutschen spottend, entschieden ablehnend, und bleibt bei dem wundervollen düpieren, kann dieser absonderlichen Nüankße für seine Meisterwerke nicht entraten, erklärt grade sie für unentbehrlich, – obgleich Lessing, der Ärmste, sie noch entbehren mußte.

Riesengroß, hoffnungslos: das ist mein Gefühl der deutschen Sprache gegenüber in den Jahren gewesen, in denen ich z. B. für mein Fremdwörterbuch ›Entwelschung‹ den gediegenen Reichtum des Deutschen dem dürftigen welschen Plunder gegenüberzustellen suchte. Ermattet mußte ich immer wieder die Hände sinken lassen: ein Leben hätte nicht gereicht, die bereit daliegenden Schätze echten Gepräges zu sammeln; dicke Bände nicht, sie alle aufzunehmen. Zornige Scham durchglühte mich all die Arbeitszeit hindurch bei dem Gedanken, daß ein großes geistiges Volk auch nur für kurze Spannen der Verirrung das fremde Katzengold seinem eignen unermeßlichen Kronschatz vorziehen konnte. Es gibt kaum ein einziges Fremdwort, dem nur ein gutes, nein besseres, deutsches gegenübersteht, – ein klangvolles, gefühltes, verständliches. Ich darf den knappen, durch den Krieg ums Dreifache verteuerten Papierraum dieses Buches nicht mit Abschriften aus meinem Fremdwörterbuch › Entwelschung‹ füllen; drum verweise ich den Leser mit dem guten Willen und dem Mut zur deutschen Sprache auf die in jenem deutschen Wortschatz enthaltenen Gegenstücke zu den ›unübersetzbaren, unersetzbaren‹ welschen Modekinkerlitzchen. Einige Proben findet er schon auf S. 72 dieses Buches.

Die Neubildungskraft des Deutschen ist unberechenbar, unabsehbar. Umbildung der Wurzelwörter im Innern, Neubildung durch Vorsilben, durch Endungen, Zusammensetzungen jeder Art, Bildersprache, endlich Neubelebung vergessener Wörter, vernachlässigter Wurzeln: wo ist die Grenze der Möglichkeiten für die ›besten Köpfe, die Sprache zugleich zu reinigen und zu bereichern‹? Im Grimmschen Wörterbuch stehen 510 Zusammensetzungen mit Geist, 613 mit Kunst, 730 mit Land, 287 mit Liebe, – sicher um ein gutes Hundert für jedes dieser vier Grundwörter zu wenig. Allein die Kölner Mundart hat über 15 Sonderwörter für Ohrfeige, das Berlinische mehr als 50 für Prügel und prügeln. Es gibt über 100 Bildwörter für Henken und Hängen (am Galgen!). Das Schweizerische kennt 454 verschiedene deutsche Namen für Äpfel. Sobald es in Deutschland nur erst für vornehmer gelten wird, Deutsch als Welsch zu schreiben, werden sich die Schreiber wetteifernd wundern über den Reichtum ihrer Sprache, an dem sie aus Bewunderung für den welschen Tand achtlos vorübergegangen.

›Aber die Fremdwörter stellen trotz allem Reichtum des Deutschen immerhin eine weitere Bereicherung dar, auf die zu verzichten eine Verarmung wäre‹, – sagt der Welscher, der nur dem Reichtum des Welsch seinen Glanz verdankt. Gewiß, auch gestohlene Flitter sind sozusagen eine Bereicherung; ja mit ihnen läßt sich eine Unsprache ins Unendliche bereichern. Lohnt es aber nicht, zu untersuchen, warum alle Völker, deren Sprachen Weltgeltung im Geistes- oder Güterleben der Menschheit erlangt haben und die wir selbst für so vornehm und überreich halten, daß wir sie bestehlen, warum sie alle auf Bereicherung durch Diebstahl, oder milder durch Zwangsanleihen verzichten, hingegen das deutsche Volk mit all seinen Anleihen bei fremden Sprachen den Zustand seiner so überaus bereicherten Prosa selbst für bejammernswert hält?

Als freier Schalter und Walter solches Reichtums wie des Deutschen hat jeder sprachgesunde deutsche Schreiber Recht und Pflicht, Erhalter und Mehrer unsers Schatzes zu sein. Nur der zehnte Teil dessen, was die Welscher sich an Schamlosigkeit im Verwelschen unsrer Sprache unterstehen, an Kühnheit im Verdeutschen gewagt, und das Deutsche gewinnt eine Triebkraft, wie nur in den Hochgezeiten seines Lebens. Die Welscherei selbst läßt die saftvollen Blätter am Baum der Sprache verdorren; der Kampf der Welscher um ihr Schreiberdasein gegen die Erneuerer des Deutschen gräbt diesem die Saugwurzeln ab. Man kann im Deutschsprechen und Verdeutschen nie zu kühn sein, nie so kühn wie die Welscher im Verwelschen. Noch der erfolgloseste Verdeutscher hat mehr lebendiges Sprachgefühl als der glückliche Welscher, dessen höchste Leistung, sein Rekord, ein neuer Ismus, ein neues Ieren ist, wie jeder Tertianer sie beliebig an griechische oder lateinische Wurzeln kleben kann. Selbst ein nur halbgelungenes deutsches Wort ist sprachedler als die ja fast durch die Bank sprachwissenschaftlich unmöglichen Welschwörter. Bahnsteig z. B. ist solch ein nur halbgelungenes Neuwort: Steig müßte es heißen, denn auf dem Bahnhof weiß jeder, daß es sich nicht um einen Gebirgssteig, Wildsteig, Hühnersteig handelt. Und doch, was ist gegen Bahnsteig der lächerliche näselnde Perron, über den jeder Franzose höhnt, weil es nur in Deutschland, nicht in Frankreich Perrongß auf Bahnhöfen gibt.

Von wie herzerfrischender Kühnheit ist des Herzogs Karl August wie etwas Selbstverständliches gewagte Verdeutschung: die Freifranken für die republikanischen Franzosen in einem Brief an Goethe (24. 3. 1793)!

Braucht man einem gebildeten, seine Sprache ehrerbietig liebenden Deutschen zu sagen, daß die äußerste Kühnheit und Freiheit sich in den selbstaufgerichteten Schranken der Besonnenheit und des guten Geschmackes halten müssen? Aber gibt es denn einen noch so kühnen Deutschschreiber, der nicht jedes seiner reindeutschen Wagewörter vorsichtiger bedenkt, als der maßvollste Welscher seine zahllosen Gummistempelabdrücke? Und wo hat je ein erwähnenswerter Verdeutscher Geschmacklosigkeiten begangen, wie sie bei Lichte besehen fast alle Fremdwörter, auch die scheinbar harmlosesten, enthalten, vom sich gerierenden Diogenes (Wilamowitz) und den flanierenden alten Germanen (R. Gottschall), zum ethischpathetischen Helden der deutschen Sage (G. Roethe)?

Will man sich überzeugen, wie gar nicht umzubringen die Lebenskraft der deutschen Sprache trotz der allmächtigen Knechtung durchs Welsch geblieben ist, so genieße man unsre Soldatensprache im Weltkriege, am besten in Gustav Hochstetters Sammlung ›Der feldgraue Büchmann‹ (Berlin 1916, Eysler und Gesellschaft), auf die ich gern noch einmal zu sprechen komme. Unerschöpflich sprudelt darin der Springquell des Lebens unsrer Sprache; und, wie sich von selbst versteht: nicht nur ist jede der kühnen, der verwegensten Neuschöpfungen kerndeutsch, sondern durchweg zeigt sich die Verachtung des aufgedrungenen Welschwortes, das Streben, es irgendwie feldgrau und ehrlich zu machen. Während der heimkriegerisch-heimparisische Verfertiger ›deutscher Reden in schwerer Zeit‹ noch von Aviatikern und Aeroplanen und Biplanen quasselt, sagt der Feldgraue, der in schwerer Zeit wirklich Deutsch spricht, für Flugzeug: Kiste, Taube, Kahn, Koffer, Walfisch, Molle, Bock, Puppchen usw.; für Flieger: Schwalbenvater, Bauernschreck, Purrlejäger ( Pour le mérite!), Wolkenkratzer. Und während der Welschweise bestreitet, daß für Ballon ein sich ganz ›deckendes‹ deutsches Wort gefunden werden kann, deckt der deutsche Kriegsmann seine sprachlichen Bedürfnisse mit: Wasserblase, Preßkopf, graue Leberwurst, Strohsack, Schwartemagen (bayrisch!), Himmelswurst, Quersack, Luftgurke. Bekanntlich gibt es für das Sprachvermögen des kosmopolitisch-internationalen Universalitätswelschers kein denkbares deutsches Deckwort für Telegraphist. Unser feldgrauer Bruder nennt diese ganze Truppe: Drahter; aber wie primitiv, nationalistisch und undifferenziert ist die Sprache unsers feldgrauen Volksheeres gegen das Hochkulturwelsch eines unsrer Intellektuellen! Erst im Felde haben unsre gebildeten Brüder die sprachliche Erbärmlichkeit eines so überaus vornehmen Welschwortes wie orientieren erkannt, und während sich die Heimkrieger tiefsinnig über die Neu orientierung unsers Lebens streiten, macht man sich im Felde durch das anfangs nur verspottete, dann immer fester gewurzelte ›morgenländern‹ lustig. Der ob solcher ›nationalen Verschleimung‹ unsrer Sprache vaterländisch entrüstete Welscher wäre zu fragen, ob orientieren irgend etwas andres besagt als ›morgenländern‹, nur mit dem Unterschiede, daß orientieren eine sprachlich gemeine Verquatschung von Oriens, ›morgenländern‹ eine untadlige Neubildung aus ›Morgenland‹ ist. Neben ›morgenländern‹ gibt es noch ›veröstlichen‹, und mit der Zeit wird man zum einfachen bessern feldgrauen ›osten‹ (Ostung) gelangen.

 

Länge und Kürze

Scheu und schüchtern gemacht durch die unerfüllbaren Ansprüche des Welschers an jedes gute deutsche Wort, das ein schlechtes Welschwort ersetzen soll, bemühen sich die meisten Verdeutscher, mit einem neuen deutschen Wort Wunderdinge zu leisten, den ganzen Schwamminhalt eines welschen Wucherwortes durch ein mühselig erdrechseltes zwei-, dreiteiliges deutsches auszudrücken. Vergebliche Mühe! Lehnt der Welscher ein kurzes deutsches Wort als nicht erschöpfend ab, so verspottet er ein nach seiner Meinung zu langes wegen dessen Schwerfälligkeit.

Auf Kürze oder Länge eines deutschen Wortes kommt nichts oder wenig an, wenn es nur seinen sprachlichen Zweck mit nicht größeren Mitteln erreicht, als nötig sind. Maßgebend ist auch hierfür niemals der Umfang des auszutilgenden Fremdworts, sondern einzig die Aufgabe: das Verständnis für einen Begriff durch ein geeignetes Wort zu vermitteln. Kein Wort irgendeiner Sprache besagt alles, was der entsprechende Begriff enthält; jedes Wort verlangt vom Sprecher und Hörer die Ergänzung durch Erinnerungsbilder, die nicht in dem Worte selbst stecken, sondern nur durch dessen Erklingen im inneren Ohr Leben gewinnen. Nicht Gott noch Volk noch Land noch Tisch sagen das Geringste über ihre Bedeutung aus; alles, was wir bei ihrem Erklingen fühlen, denken, sehen, ist unser Zutun. So geht es dem Welscher mit seiner sogenannten Sprache, so dem Deutschen mit der seinigen; nur daß für den Welscher das Welsch bloß äußerlicher, spät auswendig gelernter Klingklang ist, für den Deutschen sein Deutsch die alle Fibern des Herzens rührenden Glockentöne aus Kinderland. Der Welscher gebraucht Panne, denkt sich etwas Unbestimmtes dabei, hat keine Ahnung, was Panne eigentlich besagt. Der Deutsche gebraucht: Schaden, Pech, Unfall, Sprung, Bruch, Riß, und bei jedem dieser deutschen Wörter stehen deutliche Bilder vor seiner Seele; aber keines sagt, daß es sich um einen Krafter oder Kraftwagen handelt! Das ist auch nicht nötig, denn Sprecher und Hörer sind ›im Bilde‹ und ergänzen innerlich, was zu ergänzen ist.

Allgemeine Lehre hieraus: die gute Verdeutschung kann ohne Schaden, im Gegenteil zu großem Nutzen, alles weglassen, was mühelos im Sprechen und Lesen ergänzt wird. Rad ist besser als Zweirad, Schuppen besser als Kraftwagenschuppen, Glas besser als Augenglas oder Opernglas, Schlangen oder Ketten besser als Papierschlangen oder -ketten ( Confetti), Steig besser als Bahnsteig. Vortrefflich ist die neue amtliche Bezeichnung Geber statt Briefmarken automat; genügend und gut ist Nehmer für Kohärer; besser als Pincenez sind Zwicker, Klemmer, Kneifer, Glas, obwohl sie nichts von der Nase, nichts vom Auge sagen.

Der Welscher fordert für jedes dumm oder ungeschickt geleimte nichtssagende Welschwort eine sich völlig deckende, inhaltreiche, lückenlose Verdeutschung. Der Verdeutscher höre nicht auf ihn, erwidre ihm nichts, sondern spreche Deutsch und vertraue auf den ergänzenden Verstand der gleich ihm Deutschsprechenden. Konversationslexikon bedeutet: Unterhaltungswörterbuch, weiter nichts, und ist eine offenbar ungeschickte, sehr mangelhafte Welschleimerei. Kommt man dem Welscher mit der Verdeutschung ›Unterhaltungswörterbuch‹, so sagt er: weitschweifig, schwerfällig; zähle ich ihm vor, das deutsche Wort hat 7, das Welschwort 8 Silben, so sagt er wieder irgend etwas, denn gegen ein deutsches Wort weiß er immer irgend etwas zu sagen. Schlage ich ›Sachwörterbuch‹ oder gar ›Sachbuch‹ vor, so erklärt er sie für zu unbestimmt; ›Weltwissenbuch‹ nimmt für ihn den Mund zu voll, denn alles Wissen steht nicht darin. Also muß es beim Unterhaltungswörterbuch sein Bewenden haben, jedoch in der Form der Zusammenkleisterung eines küchenlateinischen und eines schlechtgriechischen Wortes: Konversationslexikon!

Es gibt kein Gesetz fürs Verdeutschen, das da lautet: Das deutsche Wort muß das welsche möglichst nicht an Länge übertreffen. Das längste deutsche Wort kann besser sein als das kürzeste welsche, und – umgekehrt. Nirgends auch steht geschrieben, außer bei unwissenden Welschern, daß der Verdeutscher unter keinen Umständen ein Fremdwort durch zwei oder gar mehr deutsche wiedergeben darf. Der Verdeutscher empfängt sein Gesetz einzig von der deutschen Sprache, niemals von einer fremden. Jeder der auf S. 148 stehenden längeren Verdeutschungen von düpieren ist besser als das für jeden Deutschen gefühlsleere kürzere Welschwort. – ›Daß ich's nicht vergesse, bei der Gelegenheit, dabei fällt mir ein, da wir grade davon sprechen, übrigens, nebenbei, grade recht, gelegen, wie gerufen,‹ sind alle besser als das für den Deutschen sinnlose à propos. – Was gehen mich die nur 3 Silben von Experte an, wenn ich den fünfsilbigen Sachverständigen habe? Welscher haben Snob und Gent zu retten gesucht, ›weil diese sich durch Kürze empfehlen‹. In den meisten Fällen genügen ja die ebenso kurzen Schmock und Geck; doch verachte man darum nicht die Zweisilber Affe, Laffe, Fatzke; nicht die Dreisilber: Nachäffer, Zierbengel, Modehengst. So dir aber ein Welscher einwenden sollte, wie mir's geschah: Schmock deckt sich nicht mit Snob, Geck nicht mit Gent, so tu den nur dem Welscher dunkeln, uns Deutschen sonnenklaren Ausspruch: Sage nur fleißig Schmock und Geck, – je öfter sie sich nicht decken, desto mehr decken sie sich doch. Sollte er's nicht glauben, so tröste ihn: Lessing hat's gesagt! (vgl. S. 144)

In wie zahllosen Fällen das deutsche Wort kürzer und schlagkräftiger ist als das welsche, weiß jeder Leser. Krach ist besser als Débâcle, Ring als Syndikat, Stift als Piccolo, Pech als Panne, Brennerei als Spiritusfabrikation.

›Reinheit der Sprache‹, – so sagt der fremdwortfreundliche Deutsche,
Reinheit, sie kümmert mich nicht; Kürze verdienet den Preis!‹
Siehe, nun weißt du, warum er die Not stets Kalamität nennt,
Und von der Mehrheit sagt immer: die Majorität.
Wirt heißt Restaurateur, und Räume sind Lokalitäten;
Taugt eine Sache, so heißt's, daß sie sich qualifiziert.
Wahl? Nein, Alternative; Verwalter? Nein, Administrator.
Ändert er irgend etwas? Nicht doch, er modifiziert.

(W. Gensel).

 

Mundart und Volksmund

›Ohne Mundarten wird der Sprachleib zum Sprachleichnam‹ (Jahn). Gegen das ja immer nur papierne Welsch bediene man sich jedes lebendigen Sprachmittels, und eines der wirksamsten sind Mundart und Volksmund. Noch das niedrigste Alltagswort steht sprachlich höher als der feinstgedrechselte Fremdbrocken, denn jenes ist echt, dieser nur › garantiert echte Imitation‹. Eine deutsche Köchin machte aus der sinnlosen Sauce Béchamel eine Pechhammelsoße und handelte als Sprachkünstlerin. Ratzenkahl für radikal, Reißmatismus für Rheumatismus, Pfotengram (bei Fischart) für Podagra, Kientopp für Kinematograph, österreichisches Reindl für Kasserolle, hamburgische Boltjes für Bonbons, Koje für Kabine, raunzen und frozzeln für räsonnieren und persiflieren, Rausreißer für Pièce de résistance, höchster Spinat (in Wien) für Clou, moselländisches Waschlawarche für Lavoir, das wenig schöne befummeln oder deichseln für das ekelhafte managen, die feldgrauen Veredelungen der gemeinen Welschereien – alles das zeige dem Leser, wo sprachliches Leben fließt.

Noch eine Quelle sei genannt, aus der manches Gute zu schöpfen ist: das Niederländische. Neben allerlei lächerlichen Französeleien hat es in weitaus mehr Fällen den deutschen Wortschatz treuer bewahrt, als das Hochdeutsche. Schauburg für Theater beginnt sich in Deutschland hier und da einzubürgern. Kein Holländer sagt Appetit, es heißt Eetlust; die Chaussée ist Steenweg, das Interesse Belang, das Portemonnaie Geldbeurs, der Tapezierer ein Behanger, neutral ist onzijdig (unseitig), politisch staatkundig, Medizin Geneeskunde, Spirituosen Sterkedranken. Dabei gehören einige dieser Welschwörter zu den vom deutschen Welscher für ganz unentbehrlich gehaltenen.

 

Wie übersetzen Sie ..?

Keinem Freunde deutscher Sprache bleibt die frohlockende Frage eines Welschers erspart: Wie übersetzen Sie ..? folgt irgendein elender Welschbrocken, den der Welscher für eine Perle – Schmock sagt: Brillanten – der Sprache, seiner Sprache, hält. Mich fragte einmal öffentlich ein jetzt verstorbener germanistischer Überwelscher: Zwischen ihm und mir bestehe eine › praestabilierte Harmonie; das ist wirklich kein schöner Ausdruck, aber wie soll ich die Fremdworte ersetzen?‹ Ich habe ihm hierauf öffentlich erwidert, ich sei nicht dazu da, seiner Unfähigkeit im deutschen Ausdruck nachzuhelfen. Wenn er sich bei seiner Welscherei etwas Klares gedacht habe, so müsse er imstande sein, es deutsch auszudrücken; könne er dies nicht, so möge er aufhören, in einer Sprache zu schreiben, die er nicht beherrsche, sondern möge Latein schreiben, was schon Goethe ihm und seinesgleichen empfohlen habe: ›Die Modernen sollen nur lateinisch schreiben, wenn sie aus nichts etwas zu machen haben.

Auch dieser Vorgang ist vorbildlich für das Verhalten fast aller Welscher. Ihre Auffassung vom Wesen der deutschen Sprache, nur der deutschen, keiner andern, ist die, daß man Deutsch spricht – wenn man nicht vorzieht zu welschen –, indem man aus fremden Sprachen zu übersetzen versucht. Die fremde Sprache ist die gegebene, die deutsche die erst zu suchende. Gelingt die Übersetzung nach des Welschers Geschmacke nicht – und sie gelingt niemals –, so ist für ihn bewiesen, daß der dumme Purismus nichts taugt, daß es also bei dem Welschwort zu bewenden hat, selbst wenn es ›kein schöner Ausdruck ist‹, denn jeder deutsche Ausdruck ist noch viel weniger schön. Daß sein aus Unfähigkeit im Deutschen, aus Trägheit, schlechter Gewohnheit, Geschmacklosigkeit, aus dem Dünkel, seine Kenntnis eines Leibnizischen Ausdruckes zu zeigen, tapsig herausgegriffener und hingeschmierter Welschbrocken nichts tauge, keiner Übersetzung wert sei, keinen guten Ersatz finden könne, weil er an sich nicht gut sei, daß er also überhaupt nicht hätte hingeschmiert werden dürfen: all das klingt ihm wie aus einer Welt, die ihm geistig, sprachlich unzugänglich ist. Man lehne jede solche törichte Frage: Wie übersetzen Sie ...? schroff ab: Ich trage gar kein Verlangen, irgendeine mir von Ihnen gestellte Übersetzungsaufgabe zu lösen; ich erkenne das von Ihnen genannte Fremdwort überhaupt nicht als zu Recht bestehend an, ich lehne es ab, es ist für mich nicht da; behalten Sie es nur für sich, wenn es Sie glücklich macht. Ich spreche Deutsch, Sie sprechen Welsch.

Perser nennen es Bidamag buden,
Deutsche sagen Katzenjammer –

so drückt Goethe aus, daß jede Sprache behalten mag, was ihr gehört; denn die Deutschen sagen wohl Katzenjammer, doch ist dieser keine Übersetzung von Bidamag buden.

Fürwahr, wir leben in Deutschland sprachlich in der verdrehten Welt, wie es nicht anders sein kann in dem wunderlichen Volke, das sich hartnäckig weigert, seine eigne Sprache zu reden, vielmehr seine höhere und höchste Bildung im Nachsprechen oder Nachstammeln fremder Sprachen erblickt. Die Blinden führen die Sehenden, die Tauben erklären den Hörenden die Geheimnisse des Wohlklangs und lehren sie die Wahl der wirksamsten Ausdrucksmittel. Es fällt dem Welscher gar nicht ein, ›nur‹ einen seiner Welschbrocken aufzugeben zugunsten der Verdeutschung irgendeines dummen Puristen, da ja keine Verdeutschung sich vollkommen ›deckt‹ mit einem der meisterlichen Kleisterwörter und Gummistempel des Welsch. Trotzdem erteilt der welschende Gegner alles Verdeutschens weise Lehren über die gute und die schlechte Art des Verdeutschens. Und das Seltsamste bei dieser Umdrehung der Rollen ist, daß die Freunde reiner Sprache sich von deren berufsmäßigem Verschmutzer belehren und gängeln lassen.

Eine der feierlichen Warnungen der Welscher an die Verdeutscher lautet: Nur beileibe keine sklavische, keine wörtliche Übersetzung! Auch diese Lehre des Welschers ist grundfalsch; sie beweist nur wiederum seine tiefe Unwissenheit in sprachgeschichtlichen Dingen. Es gibt fürs Verdeutschen keine Regel: Du sollst nicht übersetzen. Im Gegenteil, trotz aller nötigen und nützlichen Freiheit fürs deutsche Sprechen und fürs Reinigen unsrer Sprache vom fremden Unrat hat einer der fruchtbarsten Ratschläge zu lauten: Man versuche, neben allen andern Verfahren, auch durch wörtliche Übersetzung ein gutes deutsches Wort zu finden oder zu schaffen. Alle unsre glücklichen Verdeutscher haben dieses Mittel neben jedem andern benutzt, und in wer weiß wie vielen Fällen mit bestem Erfolge.

Die haltlose Warnung, vor wörtlichem Übersetzen ist sehr alt: man lese nach, was z. B. der sprachstumpfe Adelung gegen Campes glücklichen Griff Gemeinplatz für Locus communis anmaßend vorgebracht hat (S. 142). Unterhaltung ist entstanden durch wörtliche Übersetzung von Entretien; Enteignung durch ziemlich wörtliche Übersetzung von Expropriation; die Vollmacht Zesens in der Fruchtbringenden Gesellschaft ist die wörtliche Übersetzung der Plenipotenz; Mitleid ist die erst im 17. Jahrhundert kühn gewagte wörtliche Verdeutschung von Sympathie; Volkswirtschaft ist die erst 80 Jahre alte wörtliche Übersetzung von Nationalökonomie; Sendung entspricht wörtlich der Mission, Anschauung der Theorie, ausdrücklich und Ausdruck sind genaue Übersetzungen von express und Expression, und Vorhaut ist Luthers wörtliche Verdeutschung von praeputium. Campe hat sehr wohl daran getan, so gute deutsche Neuwörter wie vervollständigen, gipfeln, Öffentlichkeit, Umwälzung, vereinfachen, oberflächlich zu gewinnen durch wörtliches Nachdeutschen von kompletieren, kulminieren, Publizität, Revolution, simplifizieren, superfiziell. Noch mehr: selbst eine falsche wörtliche Übersetzung kann unter Umständen zu einer glücklichen Bereicherung führen: auf dem Laufenden sein oder halten ist entstanden durch die falsche Übersetzung von au courant, was nicht auf dem Laufenden, sondern in der Strömung bedeutet.

Der Grund, warum man den Versuch einer möglichst nahekommenden Übersetzung nicht verschmähen darf, liegt auf der Hand: fast alle in Deutschland umgehenden Welschwörter sind indogermanischen Sprachen entlehnt, und deren innerstes Gefüge ist nicht so völlig verschieden, daß man es nicht zunächst mit dem Nachdenken des in fremder Sprache Gedachten wagen sollte.

 

Wird es besser?

Aller redensartlichen Schleier entkleidet, ist der Sprachzustand in Deutschland dieser: die Herrschaft halten die Welscher in festen Händen, Welsch ist die deutsche Schrift-, vielfach die deutsche Amts- und Umgangssprache; das Deutsche und die Freunde des Deutschen sind in die Verteidigungsstellung gedrückt. Bittend, mahnend, beschwörend müssen sich Einzelne und Vereine verhalten, wenn sie für die deutsche Sprache eintreten. Dieser steht kein forderndes Recht zu, sondern nur die demütige Bittschrift. Daher die ängstliche Scheu der Verteidiger unsrer Sprache vor jedem Anstoß bei deren Verderbern. Daher die Leisetreterei der Sprachreiniger in Wort und Tat gegenüber Denen, die auf ihr geschichtliches und staatlich geschütztes ›Recht‹ zum Verschmutzen der Sprache pochend jeden Andersdenkenden unbeschämt ›dummen Puristen‹ schimpfen. Daher die Sorge, durch die einfache und selbstverständliche Forderung: In Deutschland ist Deutsch zu sprechen!, Anstoß zu erregen bei Denen, die das nicht wollen und nicht können. Der Deutsche Sprachverein hat die edelsten Absichten, arbeitet mit Bienenfleiß seit einem vollen Menschenalter und darüber, wird geleitet von sprachbegeisterten und sprachkundigen Männern, und – muß bei unbarmherziger Prüfung des Sprachzustandes in Deutschland und bei seinem Streben nach der Wahrheit, nicht nach einer Selbsttäuschung, bekennen: an allen für den Sprachzustand eines Landes entscheidenden Stellen wütet das Welsch mit unverminderter Kraft. Unsre schreibende Wissenschaft ist fast durchweg welsch; vereinzelte rühmliche Ausnahmen täuschen keinen kundigen Beobachter darüber, daß die Welscherei in der deutschen Wissenschaft wahrhaft erschreckend zunimmt. Welscher wie Wilamowitz, Karl Lamprecht, Simmel, Th. Ziegler, Poppenberg, Hofmannsthal, R. M. Meyer hatte es in dem Menschenalter vor ihnen nicht gegeben. Die gesamte jüngere Kunstwissenschaft ist welsch. Über Dichtung, Tonkunst, Bühne, Malerei, Bildnerei wird fast nur im verwildertsten Welsch geschrieben.

Die deutsche Presse schreibt Welsch; sie klagt, zumal seit dem Kriege, hier und da sanft übers Welsch – der Andern, aber sie bleibt beim Welsch. Sie hofft, daß das deutsche Volk vom Welsch ablassen werde, natürlich ohne Überstürzung, ohne ins Extrem zu verfallen, ohne die Extravaganzen und Exzesse der Puristen, ohne ›Auswüchse‹ – ›Auswüchse‹ heißen die ganz vereinzelten Verirrungen ins Reindeutsche, so bin ich z. B. offenbar ein Ausgewachsener. Sie hofft und seufzt und – schreibt Welsch. Einige Redakteure heißen jetzt Schriftleiter, einige Chefredakteure Hauptschriftleiter; aus einigen Expeditionen sind Geschäftsstellen, aus Abonnement vielfach Bezug, aus Annoncen Anzeigen geworden, – wer anders als ein extremer Purist kann von der deutschen Presse mehr verlangen?

Der Reichstag spricht im Kriege sein Welsch wie im Frieden. Er spricht über die deutsche Gegenwart Welsch, er spricht über die deutsche Neu orientierung Welsch; hat zu einem Teil die Überzeugung von der größeren Demokratisierung des zukünftigen Deutschlands, zum andern Teil von der gerechteren Parität für alle Konfessionen; ist sicher, daß die alten Konflikte wegen National und Antinational nicht wieder galvanisiert werden, für alle Fälle protestiert man schon jetzt energisch dagegen. Und da man die Budgetkommission jetzt – auf dem Papier, nicht in der Rede – Hauptausschuß nennt, so ist ja die Zukunft der deutschen Sprache im Deutschen Reichstag gesichert, – genau so wie seit dem Ersetzen des Adieu der Schulkinder und der Steuerboten durch ›Wiedersehn!‹

Zwar der Herr Reichskanzler ist bei Démarchen, Désintéressement, absolut aktuell, realen Garantien, die sämtlichen Minister und Staatssekretäre bei ihren wenigen hundert Fremdwörtern geblieben. Aber hat nicht die Gutehoffnungshütte in Oberhausen ein eignes Verdeutschungsbuch für ihre Angestellten ausgearbeitet?, das Haus Krupp 2000 Verdeutschungshefte für die seinigen angeschafft? Haben nicht vier deutsche Unterrichtsverwaltungen ihre ausgezeichneten Ermahnungen aus drei früheren Jahrzehnten erneut in Erinnerung gebracht? Haben nicht die Versicherungsgesellschaften Securitas und Providentia, das Wort Polize durch Versicherungsurkunde ersetzt; der Magistrat von Trudering Deutsch als seine Geschäftssprache erklärt; das Zentralproviantdépôt von Reuß jüngerer Linie die Bezeichnung Lieferant durch Lieferer verbessert? Und wird jetzt nicht fast allgemein in den höheren preußischen Schulen Zoetus statt Coetus, Lyzeum statt Lyceum geschrieben?

 

Gut und Ungut des Deutschen

Ohne alle Spottbitterkeit, die beim Schreiben über deutsche Sprachzustände wirklich schwer zu vermeiden: es wird schlimmer und schlimmer mit dem Deutschen, toller und toller mit dem Welsch. Und hieran trägt keine geringe Mitschuld die Kampfesweise der Verteidiger der deutschen Sprache. Sie sind eben nur Verteidiger; sie fürchten sich vor dem Vorwurf, Angreifer zu sein. Das Höchste, wozu sie sich aufgeschwungen haben, ist der – nicht Kampf-, sondern Abwehrspruch: Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann. Diesem Spruche antworten die Tatsachen, antwortet der Zustand der Sprache in Wissenschaft, Presse und öffentlichem Leben: Kein deutsches Wort für das, was bequem durch ein altes, vornehm durch ein neues Fremdwort ausgedrückt werden kann.

Der Abwehrspruch: Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann, klingt wacker, verständig, jedenfalls unschuldig, ist aber, wie die ganze Geschichte der Sprachreinigung bewiesen hat, kraftlos, unklar, gefährlich. Daß er auf die Welscher gar nicht wirkt, liegt vor aller Augen. Im Gegenteil: er gibt den Welschern das Heft in die Hand. Wer hat zu entscheiden, ob etwas ›deutsch‹ gut ausgedrückt wird? Der Welscher, und der findet es deutsch schlecht ausgedrückt. Er findet den besten Ausdruck des Sprachreinigers schlecht, erklärt den ›unlautern Wettbewerb‹ für ›fürchterliches Kunstdeutsch‹ und bekommt in diesem einen Falle durch die Entwicklung Unrecht; aber er bemakelt auch alle andern guten deutschen Ausdrücke und behält Recht. Jener Abwehrspruch nimmt die Entscheidung aus den Händen der Reinen und legt sie in die der Verschmutzer. Er fordert deren Urteil über Gut und Schlecht im deutschen Ausdruck gradezu heraus, und ihr Urteil lautet je nachdem: Mittelmäßig, mangelhaft, ungenügend.

Man prüfe den für den Gipfel weiser Sprachreinigung gehaltenen Wehr- und Wahlspruch einmal unter diesem Licht: Wäre er im alten Griechenland denkbar gewesen? Wäre er in Frankreich, in Italien faßbar? Hat je ein Grieche, ein Franzose, ein Italiener einen Zweifel geduldet, daß seine Sprache alles Sicht- oder Denkbare auf Griechisch, Französisch, Italienisch gut ausdrücken kann?, je die Möglichkeit zugelassen, daß ein Wort der eignen Sprache nicht gut, daß es mangelhaft sei, schlechter als eins der fremden Sprachen, daß also das fremde Wort das eigne in manchen Fällen verdrängen müsse? Besagt nicht jener bieder bescheiden klingende Wahlspruch mittelbar: Deutsche Ausdrücke müssen zur Gleichberechtigung mit fremden ›gut‹ sein, sonst müssen sie den fremden weichen? Und da der Spruch nichts über die Gemeinheit des Fremdwortes sagt, so bedeutet er zugleich: Nur die Güte des deutschen Ausdrucks unterliegt der Prüfung, die des fremden kommt nicht in Frage. Wird ein deutscher Ausdruck für nicht gut, für nicht ganz gut erklärt – und von wem? –, so gebührt der Vorrang dem Fremdwort, auch dem sprachwidrigst zusammengekleisterten, auch dem abgedroschensten und verschwommensten. Jeder Leser kennt den Richterspruch der zum Urteil über die ›Güte‹ deutscher Ausdrücke aufgerufenen Welscher: ›Diese Verdeutschung ist nicht gut, und solange keine bessere gefunden wird, müssen wir bei dem bewährten Fremdwort bleiben. Unser deutsches Herz blutet, aber was sollen wir tun? Zerbrecht euch nur weiter eure Puristenschädel, wetzet weiter eure artigen Schnäbel an dem bewußten Demantberge, bringt uns neue Bittgesuche, – wir werden alles, dessen dürft ihr sicher sein, wie bisher in wohlwollende Erwägung ziehen; schätzbares Material ist es ja auf alle Fälle.‹

Der berühmte Wahlspruch der sanftgemäßigten Sprachreiniger enthält in all seiner scheinbaren Harmlosigkeit die lebensgefährlichste Falle für die deutsche Sprache: er setzt als selbstverständlich voraus, es gebe so schlechte deutsche Ausdrücke, daß das Fremdwort, also auch das schlechteste der Zehntausende von schlechten, besser sei. Wie stellt man sich die ›Schlechtigkeit‹ deutscher Ausdrücke vor? Was für eine Auffassung von Sprache haben die Männer, die jenen Wahlspruch als die letzte deutsche Sprachweisheit verkünden? Darf von irgendeiner Sprache zugegeben werden, nun gar von den Geistessöhnen dieser Sprache, daß sie ›schlechte‹ Ausdrücke hat, so schlechte, daß man zum Ersatz nach fremden greifen muß? Jede Sprache genügt ihrem Volke, solange es sprachgesund ist, vollkommen für alle Zwecke des weltlichen und geistigen Lebens. Jede Sprache eines sprachgesunden Volkes schafft sich für jedes neue Bedürfnis neue genügende Mittel aus dem eignen Wurzel- oder Wortbestande. Solche Ausnahmen wie Kaffe, Tee, Tabak, Zigarre ändern an dieser Grundwahrheit aller Sprachwissenschaft nicht das geringste. Kein Volksgenosse hat ein begründetes Recht, an einem Ausdruck seiner Sprache zu mäkeln, dessen ›Güte‹ in Frage zu stellen. In keinem andern als dem deutschen Volk hat sich je ein Mensch gegen die ›Schlechtigkeit‹ eines Teiles seiner eignen Sprache zu raunzen unterstanden, oder – es wäre ihm übel bekommen.

Wann allenfalls könnte, dürfte, möchte ein deutscher Ausdruck für nicht ›gut‹ gelten? Wenn ihn ein zu deutscher Sprache Unfähiger oder ein Böswilliger erdrechselt hätte. Der eingefleischte Welscher Karl Lamprecht tat das mit seiner ›Reizsamkeit‹, als ihm selber seine Emotivität und Irritabilität langweilig geworden waren; und irgendein geistreichelnder heimparisischer Schmock rieb sich am ›dummen Purismus‹ durch seinen blödwitzelnden Vorschlag ›Allgemeiner Stellvertreter‹ für Generalleutnant. Sonst aber –?

Wollen wir nicht einmal den ganzen deutschen Wörterschatz auf seine ›Güte‹ untersuchen, alles Nichtgute schleunig ausmerzen und durch Fremdbrocken ersetzen? Bei der Begeisterung der Welscher für deutsche Sprache war solche Untersuchung schon längst notwendig. Beginnen wir mit einigen Ausdrücken, an denen ältere Verdeutscher schuld sind, und beschnüffeln wir sie mit dem Schnüfflergeschmack der zeitgenössischen berufenen Sprachrichter. Da ist die Rechtschreibung der Fruchtbringenden für Orthographie –: ›Dieses ist keine Umdeutschung, sondern alleinig eine unfeine Übersetzung von Schülern.‹ Da schreibt Lessing Marktschreier für Charlatan: ›Ein viel zu heftiges Wort; auch gibt es gar viele Charlatans, die nicht auf Märkten schreien.‹ Schriftsteller statt Autor –: Klopstock, wirklich Klopstock: ›Stellt man denn Schrift? Deutsche, zaudert nicht länger, dies Wort zu verbannen!‹ Mundart für Dialekt – ich muß den Satz auf S. 142 wiederholen –: ›Mundart kann nur eine Art des Mundes bedeuten, nicht eine Art der Sprache.‹ – Bannware für Konterbande: ›Ungeschickt, man denkt an Bannfluch, Bannstrahl‹ (Allgemeine Literaturzeitung).

Indessen genug von diesem in den Rumpelkammern deutscher Sprachgeschichte modernden Unsinn, der seit frühen Zeiten bis auf Hans Delbrück und seine Geistesgenossen gegen die ›Güte‹ jedes neuen deutschen Wortes losgelassen wurde. Fast noch lehrreicher ist die Untersuchung der Güte alter, nicht durch Verdeutschung entstandener Ausdrücke, an denen der tollste Welscher noch nichts Ungutes herausgeschnüffelt hat. Was dünket euch von Eisbein? Ist das ›gut‹? Warum Eis? Ist das nicht offenbarer Unsinn? Schaffen wir ihn aus der Welt durch: Pied de cochon! – Eine Bahn von Köln nach Kassel: besagt Bahn, daß es sich um eine Bahn von Eisen handelt? Könnte es nicht eine Rennbahn sein? – › Weißsauer‹! Saures Weiß! Was für ein Weiß? Wo ist darin das Geringste vom Schwein, von der Gans? Und das soll ›gut‹ sein? Sagen wir besser: Viande en gelée! Nun schlage aber ein dummer Purist mal ›Eieröl‹ für Remoulade vor! – › Falscher Hase‹: Selbst in seiner äußersten Falschheit erinnert er durch nichts an einen Hasen; also sagen wir Aneignungsfähigen: Haché en forme oder Pain de veau, nicht wahr? – Besteck! Ward je solch Zeug gehört? Was wird besteckt oder bestochen, und womit und wozu? Obendrein spricht ja der Schiffer auch von seinem Besteck und meint etwas ganz andres als der Arzt. Das soll ›gutes‹ Deutsch sein? Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann, freilich, selbstverständlich; wenn jedoch etwas so offensichtlich ungut ausgedrückt ist wie hier, müssen wir da nicht bei einem so ›bewährten Fremdwort‹ wie Etui bleiben? Oder wenn denn doch etwas Neues nötig, aber im Deutschen nachweislich nicht zu finden ist, warum dann nicht Trousse, das von allen Pariser Ärzten längst zu ihrer vollen Zufriedenheit gebraucht wird?

Aug apfel, Perl mutter, Back fisch, Schildwache, Steckbrief, Leit faden, Fenster scheibe (gibt es viereckige Scheiben?) – lauter sinnwidrige Teutschtümelei, nix gut, naplü! – Er wurde durch eine Kugel getötet: dumm Zeug, man schießt nicht mit Kugeln. – Mittag brot, Abend brot, vielleicht gut für Zuchthäusler, aber auch für Kommerzienräte und Gentlemen? Und da eifert man gegen Diner und Souper, uralte ›eingedeutschte‹, liebgewordene fremde Gäste! – Kellner! Geht der vornehme Herr Ober je in den Keller? – Schneider! Als ob er bloß schnitte, nicht weit mehr nähte! Allerdings, hm, Tailleur; aber der leitet sich wohl von Taille ab (was er schon darum nicht tut, weil die deutsche Tallje und die französische Taille in jeder Hinsicht zweierlei sind).

Zwei Brüder heißen Geschwister, ebenso wie zwei Schwestern, und das ist ›gute‹ Sprache? – Schauspieler! Spielt er Schau, spielt er zum Schauen? Er spielt doch überwiegend zum Hören, er handelt, also wie darf ein so ungutes Puristenwort den Acteur verdrängen wollen? – › Glühlicht‹! Kennen Sie ein Licht, das nicht glüht? Heilige Flamme, glüh, Glüh und verlösche nie!, war die etwa ihr lächerliches Glühlicht? – Glühbirne oder gar einfach Birne! Und so etwas wagen uns die Puristen für die Inkandeszenz zuzumuten? Nächstens beglücken uns die gar mit einem Glühstrumpf. – Der Krug im Dorfe! Und mit solcher puristischen Stümperei hofft man Restauration zu verdrängen? Ein Krug, in dem es nur Gläser, allenfalls noch Tassen gibt? Und nun der Krüger, also der Mann des Kruges ohne Krüge!

Was ist eine Grasmücke? Es gibt unzählige Mücken an Gräsern. Was sagen Sie? Das ist gar keine Mücke, sondern ein Vogel? Die Puristen haben offenbar selber eine Grasmücke. (Feiner Witz eines Fölljetongs über Puristerei, was?). – Ein Flügel soll ein Klavier, ein Fortepiano, ein Pianoforte, ein Instrument bedeuten? Das soll ›gut‹ sein? Na seien Sie so gut! (Glänzende Abfuhr der Puristen in einem Fölljetong über Sprach chauvinismus, nicht?) – Hahn soll einen Wasser-, Bier-, Gasauslaß apparat bezeichnen? Wahrhaftig, höchst bezeichnend für die › nationale Verschleimung‹ durch die Puristen. (Denen hab' ich's gründlich gegeben!)

Gerechtigkeit? Na ja, in gewissen Fällen nicht leicht zu verwelschen, obwohl Justiz meist genügt; aber was seh' ich, man will Servitut damit ›verdeutschen‹? Die Verdeutscherei artet wirklich zur echten und gerechten Landplage aus. – Baumwolle! Wächst diese ›Wolle‹ auf Bäumen? Der Purismus ist allerdings, um auf die Bäume zu klettern. (He? das war ein espritvolles, sarkastisches Aperçu und Bonmot!)

Hühnerauge? – Hm, gewissermaßen, wenn man sich's intensiv ansieht und bei metaphorischer Diktion nicht allzu akribos ist, kann man's passieren lassen. Aber Leichdorn? Wollen Sie mit unsrer edlen Muttersprache Schindluder treiben? Ist die zu jeder Dummheit eines Puristen gut genug?

Tischler! Das soll ein ›gutes‹ Wort sein? Macht er nur Tische? Es gibt doch genug solche Professionisten, die nie einen Tisch machen. – Oder Schreiner! Der gleiche Unsinn. Aber nun, hoffe ich, ist es genug mit dieser Musterkarte schlechter deutscher Wörter.

Vom Bedienten, der kein Bedienter, sondern ein Bedienender ist, wage ich dem Manne mit dem feinen Sprachgefühl gar nicht zu sprechen, denn auch der Sprachunsinn hat seine Grenzen, oder auf Welsch: Sunt certi denique fines. Köstliche weitere Proben der zahllosen Ungutheit des deutschen Wortschatzes muß ich leider ohne jede Bemerkung hersetzen: den Ziegenpeter, die Ohrfeige, Maulschelle, Backpfeife samt Katzenkopf, den alten Junggesellen, den Greis, der sagt: ich bin nicht mehr der Alte, das rauchschwache (für schwachrauchige) Pulver, das Köpfen (das doch nur Kopfaufsetzen bedeuten kann, nicht wahr?). Alles das muß sich mit dem bloßen Aufzählen begnügen und ist doch nicht der hundertste Teil des Nichtguten im deutschen Wörterbuch. Hoffentlich gibt ein junger Germanist nächstens den vollständigen ›Wortschatz des schlechten Deutsch‹ heraus, damit die Fremdwörtler ihres Verschönerungsamtes in jedem Falle walten, wo etwas ›deutsch nicht gut ausgedrückt werden kann‹.

Der Verfasser hört mit dem Spott, seiner Notwehr, seinem Rettungsgürtel im Meere des Welscherunsinns, auf, wird wieder so ernst, wie es der Ernst der Frage nach einigem Erholungsscherz fordert, und sagt dem sprachdeutsch gesinnten Leser, mit dem er sich zu verstehen hofft: Jedes gewachsene Wort deiner Muttersprache ist gut. Jedes von einem gebildeten, seine Sprache achtenden und liebenden Deutschen in guter Absicht und nach ernstem Bedacht geschaffene Wort zur Verdrängung eines welschen ist allermindestens so gut oder besser als das Welschwort. Es ist schon darum für jedes sprachgesunde Ohr unvergleichlich besser, weil es sich in Lautwesen, Tonfall, Formgepräge, Beugungsgesetzen der Sprache einschmiegt, die unsre Kinder-, unsre Seelensprache ist; der Sprache, die allein alle unsre Heimatgeschwister verstehen; der Sprache, in der allein wir beten, lieben, schwärmen, träumen, jubeln, weinen, dichten, aber nur mit Mühe lügen können. Ob ein neues Wort bequem oder zuerst durch seine Neuheit unbequem ist, ändert nichts an seinem Vorzug vor dem Fremdwort. Allgewaltig ist die Macht der Muttersprache. Sie glättet jede Schärfe und Schroffe, geschweigt jedes Stutzen und Befremden, läßt uns seinen Sinn noch im Sinnlosen entdecken oder ahnen, schafft aus altem oder neuem Mittelgut Kleinode; macht seltsamste Kühnheiten zu Selbstverständlichkeiten, – kurz, sie ist in Wahrheit die Unsterbliche, von der Rückerts wunderschönes Lied An unsre Sprache singt:

Reine Jungfrau, ewig schöne,
Geist'ge Mutter deiner Söhne,
Mächtige vom Zauberbann,
Du, in der ich leb' und brenne,
Meine Brüder kenn' und nenne,
Und dich selber preisen kann!

Nur in der, nur in dir!

Wir hören kraft der Allmacht unsrer Muttersprache in ›Klopstock‹ nichts vom Klopfen, nichts vom Stock; denken bei ›Schiller‹ an nichts Schillerndes; sehen den Schneider nähen und passen, den Tischler Stühle und Särge machen; vernehmen einen Flügel klingen, eine Mücke singen; empfinden Mundart als Sprachart; sehen den Bedienten sinnvoll bedienen. Daß jedes alte Wort gut ist, beweist sein bloßes Dasein; ob ein neues gut ist, beweisen einzig der Versuch und die Zeit. Gut ist z. B. jedes deutsche Wort, das von deutschbeseelten einsichtsvollen Männern anbefohlen wird. Was wäre aus Stephans, aus unsrer Heeresleitung Verdeutschungen geworden, wenn sie nicht anbefohlen, sondern von einer Prüfung – durch welschende Gelehrte! – abhängig gemacht worden wären? Vor dem anbefohlenen Wort beugt sich der nörgelsüchtigste Welscher; er schimpft eine Weile und – schreibt es dann selbst. Womit ich beileibe nicht sagen will, daß uns ein ganzes deutsches Wörterbuch von Amts wegen anbefohlen werden sollte. Nein, die treue Arbeit sprachkundiger, sprachsinniger, sprachliebender, Deutsch sprechender und schreibender Männer genügt, uns aus dem schmachvollen Zustande deutscher Sprache herauszuretten, wenn die öffentlichen Gewalten ihnen die Macht verleihen, worüber jetzt die Welscher gebieten. Dann wird es bald richtiger heißen: Kein Fremdwort für das, was deutsch gesagt werden kann; deutsch aber kann, deutsch soll alles gesagt werden. So meint es auch der Verein, dessen Ziele die meinigen sind, und dessen Leiter schwerlich anders fühlen als ich. Sie glauben nur, durch vermeintlich kluge Nachgiebigkeit die Welscher hier und da zu einigem Deutsch zu bekehren, da ihnen volles Deutsch unzugänglich ist. Daß diese Kampfesweise erfolglos ist, haben mehr als 30 Jahre selbstloser Mühen gelehrt.

 

Alte und neue Lehnwörter

So willst du also jedes fremde Wort ohne irgendwelche Ausnahme aus der deutschen Sprache ausgetilgt sehen? – Es gibt keinen noch so leidenschaftlichen Freund reiner deutscher Sprache, der solches fordert. Nur die unwissendsten und unehrlichsten unter den Welschern, die um ihre geistige Lebensluft, das Welsch, bangen, wenn Deutsch die Bildungssprache in Deutschland würde, die erfinden für leichtgläubige sachunkundige Leser eine ganze Narrenzunft, die jedem alten oder neuen Wort mit fremdstämmiger Wurzel den Tod geschworen. Es gibt, außer im Hirn und im schlechten Gewissen einiger anmaßender und sich um nichts als um ihr Welsch kümmernder Fremdwörtler, heute keinen einzigen bekannten oder nennenswerten ›Puristen‹, der die Beseitigung jedes Fremdwortes fordert oder zurzeit für möglich hält. Für mich wie für jeden Sprachforscher, der sich über so ernste Fragen belehrt, bevor er mit Verantwortlichkeitsgefühl von ihnen spricht, gibt es gewisse Wörter fremden Ursprungs, die von dem berechtigten allgemeinen Verdammungsurteil über die Welscherei nicht betroffen werden.

Da sind zunächst die vielen, etwa 200, unentbehrlichen alten Lehnwörter, die, meist römischen Ursprungs, vor einem Jahrtausend oder mehr als Bezeichnungen für Dinge, die den alten Deutschen fremd gewesen, in ihr völkisches Leben aufgenommen wurden. Solche entliehene Altwörter sind z. B.: Kirche, Priester, Kloster, Fenster, Keller, Tisch, Kirsche, Pfirsich. Wahrscheinlich gehören auch so urdeutsch klingende Wörter wie Pelle und kosen zu dieser durchweg anständigen und saubern Gesellschaft. Gemeinsam ist ihnen allen, im Unterschiede von den heutigen welschgebliebenen Welschereien, die vollkommen deutsche Wortform, deutsche Betonung, deutsche Aussprache. Selbst ein Fremdsprachunkundiger sieht und fühlt die Sprachkluft zwischen Altlehnwörtern des deutschen Volkes wie: Krone, Kreuz, Mauer, Essig, Öl, Münze – und Neuwelschereien der Gelehrttuer und der Heimpariser wie: Analyse, Synthese, spezialisieren, interessieren, Revirement, Milieu. Noch bei den scheinbar zutiefst eingedrungenen Fremdwörtern aus späterer Zeit als der des echten Lehnwortes hört das gesunde deutsche Ohr sofort die Fremde heraus: sie verraten sich außer der Form durch ihre von der deutschen abweichende Tonverteilung über die Wortsilben: Kultúr, Politík, Kritík, Religión, Natión, Literatúr, und werden dem feinen Gehör immerdar fremd klingen. Ein fremdes Wort unverändert in seiner undeutschen Form, Lautfolge, Betonung ins Gefüge deutscher Rede roh hineinzustopfen, wäre dem gesunden Sprachgefühl der alten Germanen unerträglich gewesen. Von der Germanistik ahnten sie noch nichts, die es fertig bringt, das Germanische durch eliminieren, isolieren, konzentrieren und durch das wunderkräftige ethische Pathos so anmutig zu bereichern. Kein einziges altes Lehnwort wurde aus eitler Geckerei aufgenommen, der Hauptquelle aller heutiger Fremdbrocken.

Völlig ausgerottet hat selbst die jedes Sprachgefühl abstumpfende Gelehrtenwelscherei nicht die Gabe deutscher Zunge zum wirklichen Eindeutschen neuer Lehnwörter. Allerdings Schundzeug wie assimilieren, spezialisieren, realisieren, objektivieren, Objektivität, Subjektivität, Emotivität, Irritabilität, Inkompatibilität werden in alle Ewigkeit fremde Bankerte im deutschen Hause bleiben. Sie werden mit der Zeit vermuffen, vermultern, vermodern, wie tausend ähnliche, und nach einem Jahrhundert wird man schaudernd oder lachend sie auf dem Müll der Sprache finden, wie apprehendieren, Apprehensionen, turlupinieren, sich prostituieren, effilieren, die zu Goethes Zeiten für überaus fein und unentbehrlich galten. Wohl aber gibt es eine sich noch immer mehrende Zahl von Wörtern fremden Ursprungs, Halblehnwörter nenne ich sie, die durch ihre Form, Aussprache, Betonung fest und fester Wurzel im deutschen Sprachmutterboden schlagen und so lange freundlich geduldet werden dürfen, bis ihr Schicksal sich endgültig entschieden hat. Ich meine Wörter wie: Rest, Liste, Kasse, Bluse, Brosche, Bresche, Nische, Bombe, Takt, Büste, Stil, – das man aus mehr als einem Grunde Stiel schreiben sollte, – Front, Pult, Rente, Rasse, Rampe, Gruppe, Truppe, fix, Vase (Wase zu schreiben), schassen, Park, Scheck, Streik. Kein Freund deutscher Sprachreinheit braucht diese und manche Wörter ähnlichen Gepräges ängstlich zu meiden, so wenig wie gewisse Warennamen: etwa Mull, Barchent, Schirting, Muslin, Baresche, Taft, die fast auf gleicher Sprachstufe stehen wie Kaffe, Tee, Tabak, Zigarre. Auch ihnen allen gemeinsam ist der Ursprung aus der Bequemlichkeit des täglichen Lebens, nicht aus der sich blähenden Gelehrttuerei. Freilich ist allgemein zu bemerken: eine Notwendigkeit besteht nicht für jedes dieser Halblehnwörter. Genau so gut, wie die Franzosen eben nur Stirn ( Front) sagen, können wir's, und Zins ist ebenso gut wie Rente.

Wie weit hierüber hinaus der Freund reiner Sprache noch gehen will, kann ihm vertrauensvoll überlassen werden. Er wird die edle Freiheit gesunden Sprachlebens nicht überschreiten, denn ihn verlocken nicht die dürftigen kleinen Eitelkeiten des auf seine ›akademische Bildung‹ stolzen Vornehmtuers, noch die Heimpariserei von Schreibern, ästhetischen oder politischen, die im Grunde nur kosmopolitisch gebildete Hausknechte wie Raimunds unsterblicher Habakuk (S. 49) sind oder hätten werden sollen. Nichts ist mehr einzuwenden gegen fremdstämmige Wörter wie Soldat, Kamerad, Rakete, Granate, Musik, Konzert, Drama, Theater, Phrase. Nur sollte dem Welscher, der sich auf solche hundert unschuldige Bequemlichkeiten als Rechtfertigung seiner zehntausend Geckereien berufen will, so derb wie möglich heimgegeigt werden.

Noch weiter, viel weiter reicht die Freiheit, die Weite und Breite – aber nicht die Latitüde! – im Gebrauch fremder Wortgebilde, die von dem Wellenspiel mannigfachster Bildungsströme in zwei Jahrtausenden deutscher Geschichte an unsern Strand gespült wurden. Wohl oder übel werden wir jetzt und noch lange dulden müssen: Religion, Literatur, Politik, liberal, sozial. Keines dieser Fremdwörter ist unentbehrlich oder gar unübersetzbar; für jedes habe ich mühelos in meinen Schriften zuweilen ein besseres, weil weniger schwammiges, gebraucht, ohne je Mißverständnis oder nur Staunen zu erzeugen. Religion im höchsten Sinne z. B. ist grade in einer feierlichen, einer › religiösen‹ Dichtung unmöglich! ›Wir heißen's Frommsein‹ sagt Goethe in seiner herrlichen ›Elegie‹ von 1823. ›Glauben an Gott‹ schreibt Frau Rath in ihrem ergreifenden Klagebrief über den Tod ihrer einzigen Tochter; ›Glauben an Gott‹ heißt es in einem berühmten Bekenntnisworte Bismarcks im Felde vom 8. September 1870. Aber mit feinstem Bedacht läßt Goethe Gretchen ihren Faust fragen: ›Wie hast du's mit der Religion?‹, denn so hat sie das Ding in der › Religionsstunde‹ zu nennen gelernt.

 

Nützliche Fremdwörter

Viele, gar viele Fremdwörter muß der gegen sich selbst äußerst strenge Sprachbehandler dem großen unbekannten Schreibervolk nachsehen und darf sie nicht krittelnd schelten. Ach, wollten sich unsre Welscher in Wissenschaft und Zeitung mit diesen läßlichen Fremdlingen – 50, 100, selbst 200 – begnügen, wie wohl stände es um ihre und ihres Volkes Sprache! Und kein Gedankenblitz, kein Farbenrausch, kein Gefühlstaumel brauchte bei nur 200 Fremdwörtern unsern ›Schönfunkenfarbenbrunnenmeistern‹, den Zauberern der sprachlichen Kalospinthechromokrene, aus Mangel an Ausdrücken verloren zu gehen. Sie sollen nicht verzichten auf die mancherlei geistreichen, drolligen, überraschenden, prickelnden, witzigen Wirkungen solcher Prachtstücke wie: Staatshämorrhoidarius, Prinzipienreiter; nicht auf solche Geschichtswörter wie Reptilien, Reptilienfonds, skrofuloses Gesindel; nicht auf Kunstausdrücke wie Sonate, Symphonie, Oratorium – aber wohl auf Ouvertüre; nicht auf so unentbehrliche Schlagwörter wie Philister und philisterhaft; nicht auf spaßig gemeinte wie Probiermamsell, Klappmatismus, Wuppdizität, oder auf bequeme Aushilfen wie Galoschen; auf Halblehnwörter von der Art wie Natur, Charakter, Kalender, Musik; feste Neuwörter: Gamaschendienst und Manschetten haben; aber nicht Gamaschen, sondern Überstrümpfe; nicht Manschetten, sondern Stulpen. Quadrat ist überflüssig, wir haben Geviert; aber gegen Quadratschnauze, Quadratlaatschen ist nichts einzuwenden. Der Sprachgebildete mag den musenlosen Seifensieder, den Gevatter Schneider und Handschuhmacher getrost Banause nennen, denn es ist für ihn ein Fachwort. Zum Ausspotten eines Selbstsüchtlings sind Gemütsathlet, zum Abtun eines ohnmächtigen Geschmäcklers Ästhet nicht übel. Selbst Milieu, etwa in der Form Mirljöh, Nüance als Nüankße, Feuilleton als Fölljetong sind für den lobenswerten Zweck, die Welscherei so lächerlich erscheinen zu lassen, wie sie's verdient, gar nützlich. Schema F, heiliger Bürokratius, Zitateles, Fressabilien – alles noch lange beizubehalten. Material ist oft gemein und stets entbehrlich, ›schätzbares Material‹ im Munde des Spötters wirksam und einwandfrei. Nichts zu sagen ist gegen solche Späßchen wie Rederitis, pyramidal, schauderös; gegen solche Spielereien wie Luftikus, ein Vokativus, Schwachmatikus, in Schwulibus oder Schwulitäten.

All dergleichen, natürlich nur am rechten Platz, wird ja gewissermaßen in Gänsefüßchen gedacht, gesagt, geschrieben; hat mit der unheilvollen Welscherei nichts zu tun; verschmutzt die deutsche Sprache nicht, sondern vermag sie gelegentlich heiter zu erfrischen. So sind die mancherlei Fremdwörter aufzufassen, die unsre Dichter zu bestimmten durchaus berechtigten Kunstzwecken benutzen: zur Verspottung, zur Witzwirkung, besonders zur Wiedergabe der Zeit- und Gesellschaftsfarbe. Welscher, die sich für ihre fremdbrockligen Plattheiten auf solche Dichterfeinheiten zu berufen erdreisten, fertige man gebührend lateinisch ab, wie auf S. 139 steht, denn in diesem Falle ist das Deutsche zu höflich. Das ist ja grade so kennzeichnend für das innerste Wesen des Fremdwortes, daß es sich ausgezeichnet für jede Form des Spottes eignet: man fühlt seine Minderwertigkeit, Brüchigkeit, Anrüchigkeit, Putzigkeit; weiß, daß es im Grunde selber ein Hohn auf Sprache und echte Bildung ist, – wie denn von jeher die Lustspieldichter sich der Fremdwörterei im Munde ihrer Narren bedient haben, um diese und ihr eitles Narrenteiding zu verspotten. Zur Selbstschilderung eines zeitechten Gecken, eines Schmocks, Snobs, Ästheten, Gents, Zavaliers, Zitateles, Gemütsathleten sind ja die Fremdwörter, je mehr je besser, unschätzbar. Namentlich sollte kein Freund deutscher Sprache mit einem Welscher anders als im tollsten Welsch streiten, wenn er sich überhaupt die hoffnungslose Mühe geben will, einen Menschen zu überzeugen, daß die einzige Sprache, die er beherrscht, keinen Pfifferling wert ist.

Welche Sprache unsre Fachleute im engsten Fachkreise sprechen und schreiben wollen, geht die deutsche Bildung nichts an. Erst wenn sie das Wissenswerte aus ihren Sondergebieten ihrem Volk als allgemeinen Bildungsstoff mitteilen wollen, haben sie sich der gebildeten saubern Volkssprache zu bedienen. Wenn z. B. unsre Germanisten so wenig einfachstes Stilgefühl haben, daß sie die Lächerlichkeit einer Germanistik in ungermanischem Kauderwelsch nicht empfinden, so mögen sie ganz unter sich ruhig weiter ihr Küchenlatein, Tertianergriechisch, Kellnerfranzösisch reden und schreiben, mögen sich mit Goethes Psyche, Goethe intime, Goethes lyrischem Oeuvre, Siegfrieds ethischem Pathos und seiner Note personnelle großartig dünken. Wenden sie sich aber in deutschen Rundschauen oder Zeitungen an gebildete Leser, oder sprechen sie im Auftrag eines deutschen Staates zu deutschen Jünglingen über deutsche Sprache und Dichtung, so haben sie sich sprachlich sauber – nicht ›schmierig‹, Herr Professor Birt! – zu halten, gleichwie es keinem Hochschullehrer erlaubt ist, ungekämmt, ungewaschen, schmutzig gekleidet oder abgerissen einen staatlichen Lehrstuhl zu betreten.

 

Die Goldprobe des Welsch

Der Leser hat den berechtigten Wunsch nach einem zuverlässigen Ratgeber für sein Verhalten einem Fremdwort gegenüber, das dem Grenzgebiet zwischen Gemein und Erlaubt angehört. Die allgemeine Regel lautet: Das Fremdwort ist minderwertig bis hinunter zur Albernheit und Pöbelei. Die Ausnahmen von dieser Regel nicht durch die Willkür des Einzelgeschmackes, sondern durch einen unfehlbaren Prüfstein zu erkunden, ist jedem Freunde deutscher Sprache, der keiner Übertreibung verfallen will, gewiß von Nutzen. Solchen Prüfstein gibt es; mit seiner Hilfe kann jeder leicht die Goldprobe an jedem Welschwort vornehmen. Über die Sprach- und Stilgemeinheit solcher Welschereien wie: Individualität, Interesse, eliminieren, isolieren, komponieren bestehen unter sprachgesunden Menschen keine Meinungsunterschiede. Zweifel herrschen nur über scheinbar oder wirklich edlere Fremdwörter, die nicht so sehr der Gelehrttuerei wie der Überlieferung und Bequemlichkeit entspringen. Die strengste Goldprobe besteht darin: Jedes Fremdwort, das beim Gebrauch in der erhabenen oder künstlerischen Rede durchaus lächerlich wird, ist als innerlich wertlos zu verwerfen. Natürlich hat der Welscher eine seiner Trugphrasen auch hiergegen zur Hand; auf S. 106 steht sie: das Gerede von der erlaubten ›Unsauberkeit und den schmierigen Flecken an Kleid und Händen im Tagewerk‹. Mit dem die schmierige Welscherei solchermaßen beredt verteidigenden Professor Theodor Birt glauben die meisten Welscher: deutsche Prosa darf hingeschmiert werden, sie ist ›Sprache im Arbeitskittel, Betrieb der Alltäglichkeit‹; nur die Dichtung braucht sprachsauber zu sein, nur der Dichter ›feiert Sonntag, säubert sich und erscheint mit strahlendem Gesicht und blanken Händen, in frischer Wäsche im Kreis der Seinen‹. Könnte der boshafteste Purist eine hohnvollere Schilderung des ›schmierigen‹ Gewerbes der welschenden Wissenschaft geben als dieser offenbar genau unterrichtete Sachverständige?

Der Freund deutscher Sprache, der überzeugt ist, alles Schreiben für Andre ist saubres Werk, will Schmierigkeit oder Reinlichkeit jedes zweifelhaften Fremdwortes erkennen, und das mache er so: Er prüfe die ihm liebsten Dichterstellen auf ihre Fremdwörter und setze da, wo keines steht, eines ein! Er wird seine Freude erleben.

Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter im Milieu der Welt. –

Womit zu vergleichen: ›Kein Talent, doch ein Charakter‹ bei Heine. Und doch gilt Milieu für das Feinste vom Feinen – in der Schmockwelt.

Immerzu, immerzu,
Ohne Pause, ohne Ruh. –

Dabei ist Pause schon Halblehnwort.

Und hinter ihm in wesenloser Sphäre
Lag, was uns alle zwingt, das Ordinäre . –

Du sprichst ein großes Wort lakonisch aus. –

Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Psyche suchend –

was doch für die Griechin Iphigenie viel stilgemäßer ist als die arme plumpe Seele.

Willst du genau erfahren, was dezent (oder: bon ton ),
So frage nur bei edlen Frauen an. –

Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet,
Chanson , das aus der Kehle dringt,
Ist Lohn, der reichlich lohnet –

denn haben wir nicht, dank unsrer Moderne, › Deutsche Chansons‹ (vgl. S. 33)?

Auf Klippen und Wolken
Fotöllchs sind bereitet
Um goldene Tische.

Was ist dagegen zu sagen? Sind Fauteuils nicht unvergleichlich feiner als Stühle?

Mein schönes Fräulein, darf ich riskieren ,
Meinen Arm und Geleit Ihr zu offerieren ?

Hat je ein Welscher sich vor der Gemeinheit von riskieren und offerieren gescheut? – Und warum sollte man Ulrich von Hutten nicht ausrufen lassen: ›Ich hab's riskiert !‹? Ich habe mit eignen Ohren Minister, Professoren, sogar Chefredakteure so vornehm sprechen hören.

Denn ein Momang, gelebt im Paradiese,
Wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüßt.

Moment ist gemein? Ei warum nicht gar! ›Unsre Sprache strebt in ihren geheimsten Momenten zur Reinheit‹, sagt in einer Kaisergeburtstagsrede, also gewiß einem feierlichen Momang, der Berliner Professor ordinarius für Germanistik Gustav Roethe, der Mann mit dem ethischen Pathos der altdeutschen Helden und der atomisierten Nation.

Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerz kalmierest  –

So wandert er am leichten Stabe
Dorthin vom Gotte inspiriert  –

Doch eine Würde, eine Höhe
Entfernte Familiarität  –

Wenn Diskussionen sie begleiten,
So fließt die Arbeit munter fort –

Mir hilft der Geist! Ich sehe Rat mir schon
Und schreibe getrost: Im Anfang war Aktion !

Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Preis der Müh,
Ehrt den König seine Würde,
Ehret uns die Industrie .

Was ist Händefleiß gegen Industrie?

Und an Deutschlands Sich gerieren ,
Mag sich einst die Welt kurieren .

Herr von Wilamowitz, der Todfeind des dummen Purismus, würde sich ernstlich verbitten, daß man seinen sich gerierenden Diogenes gemein nennte.

So nimm nun mein totales Wesen hin! (Tasso, 5, 4).

Ist daran etwas auszusetzen? Schreibt nicht der feinste Welscher total? Spricht nicht die ganze welschende Goethephilologie von Goethes Totalität?

Was ist feiner: Werkstatt oder Atelier? Zweifellos Atelier, denn nur um der Feinheit willen schreibt es der Welscher; also z. B.:

In seinem Atelier Sonntags früh
Steht unser teurer Meister hie.

Ein Schuhmacher und Poet dazu wie Hans Sachs hat so gut wie ein andrer Anspruch auf ein vornehmes Atelier.

Entschlafen sind nun wilde Triebe
Mit jedem vehementen ( violenten, petulanten, extravaganten) Tun.

Und wie nüankßenreich!

Gibt es Nobleres als nobel? Also:

Nobel sei der Mensch, hilfreich und gut –

Ein nobler Mensch zieht noble Menschen an –

Auch in der sittlichen Welt ist Noblesse –

Aurelie erklärt im Wilhelm Meister das französische perfid für unersetzlich. Warum hat Schiller sich's nicht gemerkt und besser geschrieben:

Die Falschheit herrscht und die Perfidie
Bei dem feigen Menschengeschlechte –?

Allerfeinstes Welsch ist heute in der Kunstsprache: Intérieur; also, nicht wahr? –:

Ins Änkteriöhr der Welt dringt kein erschaffner Geist,
Glückselig, wem sie nur das Extériöhre weist.

Man unterlasse nicht, auch an der dürftig deutschen Sprache der Bibel diese Verfeinerungsarbeit zu üben, also: ›Im Anfang kreierte Gott Himmel und Erde‹, oder ›Was Gott komponiert hat, soll der Mensch nicht separieren‹, oder noch feiner, weil griechisch: ›Eine Synthese Gottes widerstrebt der Analyse des Menschen.‹

Endlich unterwerfe man die Ieren- Sprache dieser Goldprobe und sehe zu, was herauskommt. Man wird finden, daß von den reichlich 2000 Zeitwörtern auf ieren keine 5 die Probe bestehen, die einzig über Brauchbarkeit oder Gemeinheit entscheidet: nämlich ob sie in der edlen Menschensprache, also in Predigt, Feierrede, Dichtung möglich sind. Regieren gehört zu den ganz wenigen durch mehr als halbtausendjährigen Gebrauch veredelten:

Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie,
Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts.

Untersuchungen dieser Art eignen sich trefflich zu einem höheren Gesellschaftsspiel für belesene Freunde deutscher Sprache!

Der Welscher wird einwenden: Dichtung und Prosa sind zweierlei, und jede fordert ihre eigne Sprache, – was natürlich ein dummer Purist, z. B. ich, auch dann nicht weiß, wenn er selber Dichtung und Prosa geschrieben. Die Wahrheit ist diese: der Welscher zieht ja für all sein Geschreibe, alltägtägliches wie erhaben-wissenschaftliches, das Welsch als das Subtilere, Nüankßiertere, Differenziertere vor. Der Gedanke, daß es das Gemeine, Platte, Alberne sein könne, liegt ihm meilenfern, diametral. Nun zeigt ihm die unerbittliche Wahrheit der Kunst, ja schon des flitterlosen Lebensernstes, daß das Welsch in der Adelsprache des deutschen Menschen nicht etwa nur um einen Grad weniger edel, künstlerisch, bedeutsam als das Deutsche, sondern daß es elendester Schund und Bafel ist, den ein gebildeter Mann zu gebildeter Rede überhaupt niemals in den Mund und in die Feder nehmen darf. Sprich Deutsch! heißt die an jeden Deutschen zu richtende Grundforderung würdigen deutschen Lebens, – Sprich Deutsch! sage jeder Deutsche zur deutschen Obrigkeit, die über ihn gesetzt ist, – Sprich Deutsch und Lehre Deutsch! laute die Mahnung an die deutsche Schule von der niedersten zur allerhöchsten. – Sprich Deutsch! rufe man jedem deutschen Schreiber von Buch oder Zeitung zu, der das hohe Amt auf sich nimmt, seine Volksgenossen durch Schrift zu fühlen, zu belehren oder zu unterhalten.

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