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Sportgeschichten

Balduin Groller: Sportgeschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSportgeschichten
authorBalduin Groller
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSportgeschichten
pages94
created20140913
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Keulenschwinger.

Ich – ich habe in der Schule gelernt, daß es ein Zeichen sträflicher Unbescheidenheit sei, einen Brief oder sonst eine schriftliche Arbeit mit »Ich« zu beginnen. Ich habe mir die Regel wohl gemerkt und sie auch lange beherzigt, endlich habe ich aber das Vertrauen zu ihr verloren, nachdem ich im Leben schon ganz hervorragende Flegel kennen gelernt habe, die sich niemals gerade durch ein Ich an der Spitze ihrer geschätzten Zeilen zu erkennen gegeben haben. Da ist wohl auch ein Rückschluß gestattet, und ich kann nun, nachdem ich dieses beachtenswerte Resultat meiner Lebenserfahrungen dem freundlichen Leser zugänglich gemacht habe, diese ungebührlich lange Parenthese schließen – also ich saß in grimmige redaktionelle Arbeit vertieft, als der Diener irgendwen meldete. Den Namen verstand ich wie gewöhnlich nicht; interessierte mich auch nicht; man wird ihn ja noch früh genug erfahren. Ich rufe also über die Schulter zurück: »Ich lasse bitten,« und wüte im übrigen fort in der redaktionellen Arbeit, die mir nebenbei von seiten einer sonst sehr liebenswürdigen Dichterin die Bezeichnung »Barbar« eingetragen hat. Ich hatte vorher noch niemals bemerkt, daß es zu den charakteristischen Merkmalen der 85 Vertreter barbarischer Völker gehöre, Novellen um einige Spalten kürzer zu machen.

Ich wüte also fort, finde aber mit der Zeit die Stille doch einigermaßen unheimlich. Was ist denn aus dem angemeldeten Besuch geworden, warum rührt er sich nicht? Ich wende den Kopf und bin, ich kann es nicht leugnen, etwas betreten. An der Türe steht ein Mann – was, ein Mann! – ein Herkules in Zivil, mit seinem breiten Rücken den Eingang deckend, und dieser Mann, der mich so hermetisch blockierte, war mit zwei Keulen bewehrt.

Mein erster Gedanke war, daß das eigentlich eine ganz unnötige Materialverschwendung sei, da für mich jedenfalls eine Keule vollauf genügend gewesen wäre, und dann überschlug ich rasch im Geiste mein ganzes Sündenregister, um wenigstens die Beruhigung zu haben, zu wissen, warum ich gekeult werden sollte. Die Bemühungen, darüber ins klare zu kommen, gab ich übrigens bald auf. Ich hatte in meiner redaktionellen Laufbahn zweimal die Ehre, auf Pistolen gefordert zu werden – gleich auf Pistolen, die Herren erklärten, es nicht billiger tun zu können – und auch bei jenen Gelegenheiten konnte ich von selbst nicht auf die maßgebenden Gründe für die freundliche Einladung kommen. Jetzt war ich aber doch geneigt, den Pistolen entschieden einen Vorzug vor den Keulen einzuräumen. Eine jede Kugel trifft ja nicht! Allerdings auch nicht jeder Keulenschlag, aber während für die Anzahl der Schüsse gewisse Schranken gezogen sind, hindert nichts, die Versuche mit der 86 Keule so lauge fortzusetzen, bis sie ein befriedigendes Resultat liefern.

An Flucht war nicht zu denken. Erstlich schickt sich das nicht, und zweitens hat das Gemach nur eine Türe, und vor dieser steht der Koloß mit den Keulen. Vielleicht durch den elektrischen Taster am Schreibtisch Sukkurs herbeiführen? Geht auch nicht. Durch die Türe, vor welcher der Mann steht, kommt kein Sterblicher herein, und dann – wer sollte auch kommen? Sauer ist ein ganz guter Redaktionsdiener. Er schneidet die Zeitungen auf, er hält das Archiv in Ordnung, er weiß auch zurückzuschickende Romane postgerecht zu behandeln, man kann ihm mit Beruhigung die Mission anvertrauen, ein Frühstück zu besorgen und es mit Anstand zu servieren, und noch manches andere – aber zum Hinauswerfen ist er nicht aufgenommen, dazu scheinen ihm die Talente gänzlich zu fehlen; und nun erst einem solchen keulenbewehrten Riesen gegenüber. Der Sekretär? Mein Gott, er ist Landsturmmann zweiter Güte, und er hat gesetzlichen Anspruch darauf, nicht vor den Feind gestellt und nicht als Kombattant verwendet zu werden. Auf den »Verantwortlichen« war nicht zu rechnen, er ist zwar Landsturm erster Klasse mit Eichenlaub, aber ich wußte, er hatte gerade sein bestes Gedicht in Arbeit – immer ist das letzte das beste, gut sind sie übrigens alle – und wenn er dichtet, ist er für anderweitige, mehr weltliche Unterhaltungen nicht zu haben, so sehr er auch sonst immer bereit ist, loszugehen.

87 Der Kraftmensch an der Türe kam mir übrigens merkwürdig bekannt vor, ich wußte nur nicht gleich, wo ich ihn hintun sollte. War es der wilde Mann vom preußischen Wappen, der farnesische Herkules? – sein Bild muß ich schon irgendwo gesehen haben!

Während mir alle diese Gedanken mit Blitzesschnelle durch den Kopf schossen, verharrte ich in unheimlichem Schweigen. Die Natur verteilt ihre Gaben, sie häuft sie nicht. Wenn sie einen mit so kolossaler Muskulatur bedenkt, ist sie nicht verpflichtet, ihn auch noch mit der Gabe besonderer Beredsamkeit auszustatten. Also mußte ich mich entschließen, das Schweigen zu brechen: »Mit wem habe ich die – Ehre?« Ich wollte sagen »Vergnügen«, aber ich brachte es doch nicht heraus. Man darf mir das auch nicht verargen – ich bitte, zwei Keulen! Eine Beruhigung kam mir übrigens bald: Der Mann dichtet nicht! Ich konnte ihn also auch nicht auf ein lyrisches Hühnerauge getreten haben. Das war doch schon etwas; denn ein grimmiger Dichter – man muß wissen, was das heißt! Darüber geht nichts, höchstens eine grimmige Dichterin.

»Ich bin der Jagendorfer,« lautete die Antwort.

Ich muß sagen, daß mich diese Antwort einigermaßen mit Beschämung erfüllte. Vor vierzehn Tagen hatte ich sein Bildnis in unserer Zeitung veröffentlicht. Er produzierte gerade wieder einmal seine erstaunlichen Kraftleistungen in Wien, und ich dachte mir, daß es für viele unserer Leser von Interesse sein werde, das Porträt des stärksten Mannes von Österreich, eines der allerstärksten Männer der ganzen Welt kennen zu 88 lernen, vielleicht von nicht geringerem Interesse, als etwa das Bildnis des Generalissimus Serdar Ekrem Abdul Kherim Pascha zu Pferde. Es hätte einem Herrn Chefredakteur wohl angestanden, das schuldlose Opfer eines Porträts im Blatte nach jenem doch zu erkennen. Die Beschämung war leider nicht tief genug, um alle anderweitigen Besorgnisse zu verscheuchen. Wir hatten erst vor kurzem einen bedenklichen Anstand wegen eines Porträts – wie, wenn der stärkste Mann Österreichs, der Champion zweier Hemisphären (und mehr haben wir deren nicht), von irgendeiner Textesstelle nicht ganz befriedigt gewesen sein sollte? Der Text war in bester Absicht geschrieben worden, wer aber wird je alle Geheimnisse einer Künstlerseele erforschen können? Ich erinnere mich noch ziemlich genau des Begleitartikels: Oberarm 42, Unterarm 36 cm stark, Brustumfang 113 cm. Das waren allerdings imponierende, aber für den gegenwärtigen Moment etwas ungemütliche Details.

Nachdem Herr Jagendorfer seine oben in extenso mitgeteilte Rede nicht ohne einige Zeichen der Befangenheit beendigt hatte, nahm er beide Keulen in die Linke und streckte mir die rechte Hand entgegen. Ich begreife vollkommen, wenn ein vorsichtiger Kapitalist die Barschaft, die er bei sich trägt, erst zählt, bevor er sich von einem Zahnarzt, dem er nicht traut, narkotisieren läßt; vielleicht wird man auch mich begreifen, wenn ich mit gemischten Empfindungen auf die Hand – welch eine Hand! – blickte, aber mein Entschluß war gefaßt.

89 »Herr Jagendorfer! Ich werde meine Hand in die Ihrige legen, in die wahrhaft große Hand eines Ehrenmannes, ich mache aber darauf aufmerksam, daß ich für gewisse kleine Scherze niemals die rechte Empfänglichkeit habe aufbringen können. Ich möchte Sie weiters darauf aufmerksam machen, daß es in der Tat kein geschmackvoller Scherz wäre, wenn Sie jetzt Ihre Hand zuschnappen lassen wollten, um die meinige zu Brei zu zermalmen. Was auch in dem Artikel gestanden haben möge, er ward in loyaler Absicht veröffentlicht, und was Sie auch vorhaben mögen, er berechtigt Sie zu keiner illoyalen Handlung. Auch die eine Bemerkung müssen Sie mir noch gestatten, daß auch für mich meine rechte Hand eine gewisse Wichtigkeit hat – ich bin der zeitgenössischen Literatur noch einige Werke schuldig – und somit lege ich meine Hand und mein Geschick in Ihre Hand – es hat alles Platz darin.«

Der große Moment ging glücklich vorüber. Ich habe mit Staunen einmal gesehen, wie man einen herabsausenden, viele hundert Centner schweren Dampfhammer spielend so regulierte, daß er ein Ei im Becher nur so viel eindrückte, als es nötig war, damit es von irgendeinem Gaste bequem verzehrt werden konnte. Jetzt wunderte ich mich auch über den Dampfhammer nicht mehr.

Herr Jagendorfer war in freundlicher Absicht gekommen, er wollte sich bedanken, für die Berücksichtigung, welche seine Persönlichkeit und seine Leistungen im Blatte gefunden.

90 Und die Keulen?!

Die Keulen sollten eine zarte Aufmerksamkeit vorstellen, sie bildeten den Ausdruck einer dankbaren Gesinnung, sie waren ein freundliches Geschenk. Ich muß sagen, daß ich über diese zarte Aufmerksamkeit gerührt war. Es waren indische Keulen, und ich hatte bis dahin an indischen Keulen, sowie an Keulen überhaupt bitteren Mangel gelitten. Nun hatte die Not ein Ende, ich war glücklicher Besitzer zweier Keulen, zweier indischer Keulen!

Die Idee war zu sinnig; ich hatte bis dahin nicht geahnt, daß man einem mit indischen Keulen eine so reine, unschuldige Freude bereiten könne. Wie ihm der Gedanke nur gekommen sein mag? Ist er am Ende ein eifriger Leser unseres »Briefkastens der Redaktion«? Und hat er aus diesem erfahren, daß junge Dichterinnen schon an uns Bestechungsversuche gewagt haben durch Naturalien, als da sind: Nußtorten und Maiglöckchensträuße, und nicht ganz ohne Erfolg gewagt haben? Denn Nußtorten und Maiglöckchensträuße wurden mit Dank angenommen, und nur die Gedichte nicht.

Mit dem sinnigen Geschenke allein war es aber nicht abgetan. Indische Keulen haben nur einen sehr problematischen Wert, wenn man sie nicht zu schwingen versteht. Herr Jagendorfer war in der liebenswürdigen Absicht gekommen, mir auch gleich eine Lektion im Keulenschwingen zu erteilen. Nichts einfacher und natürlicher. Jeder Gebildete sollte Keulenschwingen können; in keiner deutschen Familie sollten indische 91 Keulen fehlen, auf keinem Familientisch – doch ich muß mich besinnen, sonst schlüpft mir noch eine Pränumerationseinladung auf unser Blatt aus der Feder oder ich erkläre unversehens, daß indische Keulen ungemein unterhaltend und belehrend, und, wenn Sie mir noch lange zuhören, auch prachtvoll illustriert sind, daß sie vierteljährlich zwei Gulden kosten, und daß es unter sotanen Umständen beinahe entehrend ist, nicht Abonnent der »Neuen Illustrierten Zeitung« zu sein. Ein so freundliches Anerbieten konnte, durfte nicht abgelehnt werden. Die Keulenschwingerei beginnt also; erst mit der rechten Hand, dann mit der linken, dann mit beiden Händen zugleich. Die Unterhaltung ist, ich kann es nicht leugnen, vielleicht sehr gesund, aber auf die Dauer etwas ermüdend. Und gerade die Dauer ist es, von welcher Herr Jagendorfer nur ganz unklare Begriffe zu haben scheint. Er zeigt eine Übung, und ich darf sie dann nachmachen. Er kommandiert, und ich schwinge, und er kommandiert und kommandiert. Ich warte aufs Abblasen, das Signal bleibt aus, es wird fortkommandiert. Mir knacken alle Knochen im Leibe, und ich beginne, die Englein im Himmel singen zu hören, aber es wird weiter kommandiert. Ich möchte den geehrten und berühmten Gast nicht durch eine etwaige Disziplinlosigkeit kränken und schwinge weiter, aber das eine nehme ich mir fest vor, niemals mehr das Bildnis eines Athleten zu veröffentlichen und ihn dadurch zu einem Ausbruch dankbarer Gefühle zu reizen. Davon, daß man bei der ewigen Keulenschwingerei auch müde werden könne, hat Herr Jagendorfer offenbar keine 92 Ahnung, obschon ich mich sonst von seinem ahnungsvollen Gemüte zu überzeugen Gelegenheit hatte. Als wir nämlich zu dem Programmpunkte »Rückwärtsschwingen mit Drehung aus dem Handgelenke« kamen, da bemerkte er prophetisch, daß ich mich bei diesem Anlasse bei nicht ganz exakter Ausführung mit der indischen Keule auf das Schulterblatt schlagen werde – und sein ahnend Herz betrog ihn nicht! Was nützt die Erkenntnis, daß der schlechteste Gebrauch, den man von indischen Keulen machen könne, der sei, sich selbst mit ihnen auf die Schulterblätter zu schlagen, wenn man sein Schicksal doch nicht abwenden kann?

Bei den braun und blau gekeulten Schulterblättern hat es aber leider nicht einmal sein Bewenden gehabt. Wir kamen zum Schluß zu einigen reizenden kleinen Spielereien, die nach dem Plane des illustren Meisters so eigentlich mehr die Erholung nach der ernsthaften Arbeit bilden sollten. So eine allerliebste Spielerei besteht beispielsweise darin, daß man eine Keule so in die Luft wirft, daß sie sich einigemal herumdreht, und daß man sie dann wieder geschickt und graziös mit der Hand auffängt. Es ist aber ein mißlich Ding, so eine sich in der Luft drehende indische Keule aufzufangen. Sie fällt einem entweder auf die Fingerspitzen, oder auf die Fußspitzen, und ich habe bisher vergeblich darüber nachgedacht, was vorzuziehen sei. Nach den Erfahrungen, die ich bei dieser Gelegenheit gesammelt habe, glaube ich es aussprechen zu dürfen, daß das Problem des schmerzlosen Keulenschwingens für Laien doch noch nicht vollständig gelöst sei.

93 Ich muß anerkennen, daß sich im ganzen Verlaufe der Übungen gar keine Spuren der Ermüdung zeigten – bei Herrn Jagendorfer. Es hätten sich gewiß bei ihm solche Spuren nicht gezeigt, auch wenn er selbst die Keulen geschwungen hätte, anstatt des Regenschirmes und des Schürhakens, womit er dozierte, während ich die Inder schwang, aber ich habe es leider noch nicht bis zur Championship gebracht. Er zeigte auch keinerlei feige Angst, wenn die Keulen einmal bei dem reizenden Wurfspiele ausnahmsweise, anstatt auf meine Fußzehen, gleich direkt auf die Parkette niedersausten, während ich überzeugt bin, daß der Hausherr, wenn er Zeuge dieser niedlichen Unterhaltung gewesen wäre, seine Aufregung nur schwer hätte bemeistern können. Er hätte uns wahrscheinlich sofort die Aufsag gegeben, und das hätte mir leid getan. Denn wir haben zwei sehr gute Nebengeschäfte: den Rothschild und die Länderbank. Das sind unsere Nachbarn zu beiden Seiten, und ich plaudere vielleicht kein Redaktionsgeheimnis aus, wenn ich verrate, daß diese Nebengeschäfte immer noch besser sind – einerlei, es ziemt sich doch nicht, einer Zeitung die Kündigung zuzuziehen, weil der Herr Chefredakteur Keulen schwingen muß.

Inzwischen ist die Welt nicht stille gestanden. Dichter und Dichterinnen strömen weiter zu, und ich höre bis hinein die seltsame Entschuldigung: »Unmöglich, der Herr Chefredakteur muß Keulen schwingen!« Ich habe leider nicht gesehen, mit welcher Miene dieser neue Entschuldigungsgrund aufgenommen worden ist. Leider bin ich auch nicht sicher, ob der Diener nicht, 94 wenn ich einmal eine Stunde ungestört bleiben will, jetzt konsequent die Ausflucht gebraucht: »Herr Groller ist sehr beschäftigt, er tut Keulen schwingen.« Also man weiß es, ich habe dringend Keulen zu schwingen. So kommt man zum Keulenschwingen und gleichzeitig zu dem Rufe eines bedeutenden Keulenschwingers. Was ein solcher Ruf beglückend ist! – –

 

Ende.

 

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