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Ludwig Nohl: Spohr - Kapitel 5
Quellenangabe
typebiography
authorLudwig Nohl
titleSpohr
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141008
projectid09a520a9
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3. Allerlei Erlebungen

(1806-1812.)

»Unter Musik verlebte das glückliche Paar auch die Flitterwochen,« erzählt Spohr. Er hatte jetzt nichts Eiligeres zu thun als auch die Natur des Instrumentes zu erforschen, das seine geliebte Frau so zart und kräftig zugleich spielte, und brachte es dabei auf ganz neue Wirkungskräfte desselben. Ja um auch in der Kunst möglichst gemeinsam mit seiner Dorette zu wirken, schuf er eigens concertirende Compositionen für Violine und Harfe und kam dabei, um beide Instrumente thunlichst ihrer Natur nach erklingen zu lassen, auf den Gedanken, die Harfe, die am schönsten in den B-Tönen klingt, einen halben Ton tiefer als die Violine zu stimmen, die am hellsten in den Kreuztönen tönt. Dann wurde eine Nadermannsche Pedalharfe gekauft und ein besonderer Wagen ausgedacht, der alles miteinander, Mann und Frau, Harfe und Violine, bequem bergen konnte: denn die Hauptsache war jetzt auf Reisen Ruhm und Geld zu gewinnen. Da sind denn mancherlei Einzelnheiten zu berichten, die allerdings oft mehr die Culturgeschichte als die Kunst angehen, aber doch, da ja die letztere in ihrer Geltung und Beachtung nur zu sehr von dem Stande der allgemeinen Cultur abhängt, auch hier von einiger Bedeutung erscheinen.

Nach der Geburt eines Töchterchens ging es also im nächsten Jahre 1807 auf die Wanderschaft. »In Weimar spielten wir mit großem Beifalle bei Hofe« erzählt er. »Unter den Zuhörern befanden sich auch Goethe und Wieland. Letzterer schien von den Vorträgen ganz hingerissen zu sein und äußerte dies in seiner lebhaft freundlichen Weise. Auch Goethe richtete mit vornehm kalter Miene einige lobende Worte an uns.« Leipzig gab ihm diesmal »im Ton und Ausdruck, in Sicherheit und Fertigkeit« das Zeugnis einer der ersten der lebenden Violinisten. Dresden und Prag waren gleicherweise über das seltene Künstlerpaar entzückt. Von München vernehmen wir etwas über den so herzensgütigen ersten König von Bayern, den Urgroßvater des in der Geschichte unserer geistigen Entwicklung unübertroffen dastehenden Monarchen, der uns »Bayreuth« geschenkt. »Als wir vortraten, fehlte es an einem Stuhle für Dorette,« erzählt Spohr. »Der König Max, der neben seiner Gemahlin in der ersten Reihe der Zuhörer saß, bemerkte es und brachte sogleich seinen eigenen vergoldeten und mit der Königskrone geschmückten Lehnsessel, bevor noch ein Diener das Fehlende herbeischaffen konnte. In seiner freundlich-gutmüthigen Weise bestand er darauf, daß Dorette sich dessen bedienen solle, und erst dann, als ich ihm bemerklich machte, daß die Armlehnen beim Spielen hinderlich sein würden, gestattete er, daß sie den vom Bedienten herbeigebrachten Stuhl annahm. Nach beendetem Spiele stellte er selbst uns der Königin und ihrer Umgebung vor, die sich auf das zuvorkommendste mit uns unterhielt.« Wir werden sogleich die Kehrseite solchen deutschen Fürstenwesens von damals kennen lernen.

Etwas Charakteristisches hören wir von Peter Winter, dem in Mozarts Briefen nicht eben das schönste Denkmal steht. Spohr war oft bei dem Componisten des »Opferfestes«, der ihn in seiner aufrichtig derben Weise seines Beifalles versicherte, und ergötzte sich an dessen originellem Wesen, das die sonderbarsten Widersprüche in sich vereinigte. Winter, gleich Spohr von kolossalem Körperbau und begabt mit riesiger Kraft, war dabei furchtsam wie ein Hase. Die jüngeren Mitglieder der Hofcapelle neckten ihn denn unaufhörlich und hatten namentlich wegen seiner Furcht vor Geistern ihm einmal eine höchst komische Spukgeschichte angethan. Er besuchte im Sommer öfters einen öffentlichen Garten vor der Stadt, kehrte aber, da er sich im Dunkeln fürchtete, stets vor anbrechender Nacht zurück. Eines Tages nun hatten ihn die muthwilligen jungen Leute durch allerlei Künste länger als gewöhnlich aufgehalten, es war schon dämmerig, als er den Rückweg antrat. Da die übrigen Gäste in guter Ruhe sitzen blieben, so fand er seinen Weg, der zwischen düstern Hecken hinlief, schauerlich einsam. Es überfiel ihn daher eine fürchterliche Angst und unwillkürlich fing er an zu traben. Kaum war dies geschehen, so fühlte er eine schwere Last auf seinem Rücken und glaubte nun nicht anders, als es sei ein Kobold auf ihn herabgesprungen. Da er noch Mehrere hinter sich her traben hörte, so schien ihm, als sei die ganze Hölle auf seinen Fersen, und er rannte nur noch stärker. Schweißtriefend keuchend kam er endlich am Thore an. Da sprang der Kobold von seinem Rücken und sprach mit wohlbekannter Stimme: »Ich danke Ihnen, Herr Capellmeister, daß Sie mich getragen haben, denn ich war sehr müde.« Ein Kichern der Andern folgte dieser Rede, während der Gefoppte in seinen gewohnten unbändigen Zorn ausbrach. Eine andere Neigung theilte Winter mit dem großen Contrabassisten Dragonetti, für den Beethoven die mächtigen Recitative der Neunten Symphonie gewagt hat. Wie dieser leidenschaftlich mit Puppen, so spielte Winter stundenlang mit den Figuren des weihnachtlichen Krippenspiels. »Müssen Sie denn ewig spielen? Setzen Sie sich sogleich ans Clavier und machen Sie Ihre Arie fertig!« rief dann wohl seine Haushälterin zu.

In Stuttgart lernen wir einen solchen gekrönten Herkules kennen, der ja auch in Webers Leben eine Rolle spielt, den unmäßig dicken König Karl. »Meine Aufmerksamkeit wurde besonders auf den Spieltisch des Königs gelenkt, an welchem, um es der Majestät bei ihrer Corpulenz bequemer zu machen, ein halbrunder Ausschnitt angebracht war, in welchen der Bauch des Königs genau hineinpaßte,« erzählt Spohr. »Der große Umfang desselben und der kleine des Königreiches haben bekanntlich Veranlassung zu der hübschen Carricatur gegeben, auf welcher der König im Krönungsornate, die Landkarte seines Reiches auf dem Hosenblatte, in die Worte ausbricht: Ich kann meine Staaten nicht überblicken.« Derselbe Potentat, von Napoleon I. le grand cochon genannt, hatte übrigens einen Charakter, der seiner gemüthlichen Erscheinung durchaus nicht entsprach. »Würtemberg seufzte damals unter einer Despotie, wie sie das übrige Deutschland wohl nie gekannt hat,« schreibt Spohr. »So mußte, um einiges anzuführen, jeder, der den Schloßhof betrat, den Weg vom Thore bis zum Portale, es mochte regnen oder schneien, mit entblößtem Haupt zurücklegen, weil Se. Majestät nach dieser Seite hin wohnte. Ferner war jeder Civilist auf Allerhöchsten Befehl gehalten, vor den Schildwachen den Hut abzuziehen, ohne daß diese ihm die Honneurs zu machen brauchten. Im Theater war es durch Anschlag strenge verboten Beifall zu klatschen, bevor nicht der König damit begonnen hatte. Die Majestät steckte aber ihre Hände wegen der strengen Winterkälte in einen großen Muff und brachte sie nur heraus, wenn Höchstdieselben das Bedürfnis fühlten eine Prise zu nehmen. War dies geschehen, dann wurde unbekümmert um das, was gerade auf dem Theater geschah, auch geklatscht. Der Kammerherr, welcher hinter dem Könige stand, fiel sogleich ein und gab dadurch dem loyalen Volke das Zeichen, nun auch seinerseits Beifall zu spenden. So wurden denn fast immer die interessantesten Scenen und besten Stücke der Oper durch einen heillosen Lärm gestört und unterbrochen.«

Bei solcher Tyrannei der königlichen Launen war es den Stuttgartern daher ein großes Erstaunen, als sie hörten, was nach seiner königlich freien deutschen Art Spohr bei seinen: Auftreten im Hofconcerte sich ausbedungen und bewilligt erhalten hatte. Gleich der Herzogin von Braunschweig ließ König Karl nur während des Spieles Concert sein. Spohr nahm sich die Freiheit, für sich und seine Frau zu erbitten, während ihres Spieles das Kartenschlagen aufzuheben. »Wie? Sie wollen meinem gnädigsten Herren Vorschriften machen? Nie werde ich es wagen, Ihm dies vorzutragen!« rief einen ganzen Schritt zurücktretend der erschrockene Hofmarschall. »Dann muß ich auf die Ehre verzichten bei Hofe gehört zu werden,« entgegnete einfach der Künstler. Wie es nun angefangen ward, dem hohen Herren, dessen Heftigkeit auch C. M. von Weber zu erfahren hatte, solch Unerhörtes vorzutragen, vernehmen wir nicht. Nur hörte Spohr, Se. Majestät werde die hohe Gnade haben, nur müßten die Musikstücke der Beiden einander sogleich folgen, damit Se. Wohlbeleibtheit nicht öfter incommodirt würde.

So geschah es denn auch. Während der Ouverture und der Arie liefen die Bedienten geräuschvoll hin und her, um Erfrischungen anzubieten und die Kartenspieler riefen ihr »Ich spiele! Ich passe!« so laut, daß von der Musik und dem Gesänge nichts Zusammenhängendes zu hören war. Dann kam der Hofmarschall, um Spohr anzukündigen, daß er sich bereit halten solle. Zugleich benachrichtigte er den König. Alsbald erhob sich dieser und mit ihm alle Uebrigen. Die Bedienten stellten zwei Stuhlreihen auf, der Hof ließ sich nieder. »Unserem Spiele wurde in großer Stille und mit Theilnahme zugehört,« heißt es weiter. »Doch wagte niemand ein Zeichen des Beifalles laut werden zu lassen, da der König damit nicht voranging. Seine eigene Theilnahme an den Vorträgen zeigte sich nur am Schlüsse derselben durch ein gnädiges Kopfnicken, und kaum waren sie vorüber, so eilte alles wieder zu den Spieltischen und der frühere Lärm begann von neuem.« So wie dann der König das Spiel beendet hatte und den Stuhl rückte, wurde das Concert mitten in einer Arie abgebrochen, sodaß der Sängerin die letzten Töne förmlich im Halse stecken blieben. Die Musiker, an solchen Wandalismus gewöhnt, packten ruhig ihre Instrumente in die Kasten. »Ich war im Innersten empört über eine solche Entwürdigung der Kunst,« endigt Spohr, und wir wissen, daß im Jahre 1814 in Wien Beethoven und im Jahre 1876 in Bayreuth Wagner Kaiser und Könige zu Gästen hatten. Spohr aber war ihnen ein würdiger Vorgänger gewesen.

»In Stuttgart lernte ich auch zuerst den so berühmt gewordenen Carl Maria von Weber kennen, mit dem ich dann bis zu seinem Tode stets in freundschaftlicher Verbindung blieb,« erzählt Spohr weiter. »Ich erinnere mich noch sehr gut damals einige Nummern aus der Oper ›Der Beherrscher der Geister‹ bei ihm gehört zu haben. Diese kamen mir aber, da ich gewohnt war, bei dramatischen Arbeiten stets Mozart als Maßstab anzulegen, so unbedeutend und dilettantenmäßig vor, daß ich nicht im entferntesten ahnte, es werde Weber einst gelingen können, mit irgend einer Oper Aufsehen zu erregen,« – ein neuer Beweis, wie schwer es ist, eines Menschen besondere Begabung zu erkennen.

Die Rückkehr nach Gotha brachte die beiden Künstler wieder in gewohnte Verhältnisse. Dorette hatte von Heidelberg das Zeugnis bekommen, sie spiele »mit einer Zartheit, Leichtigkeit und Anmuth, mit einer Sicherheit und Stärke, mit einem Ausdruck, der hinreißend sei,« und so war es nur natürlich, daß sobald wie thunlichst wieder Concertreisen stattfanden. Diese und das Dirigiren von Musikfesten erweiterten Spohrs Ruf immer mehr. Dazwischen aber unterbrach er auch seine Compositionsthätigkeit nicht. Ein paar Opern und das »jüngste Gericht« entstanden in dieser Zeit bis zum Jahre 1812. Die ersten hatten wohl den Beifall der Zuhörer, aber behielten ihn sowenig wie das Oratorium bei dem Componisten selbst, und dies, obwohl er dazu vorerst die nöthigen Vorstudien in Marpurgs »Kunst der Fuge« gemacht hatte. Doch für einige Chöre und Fugen des Werkes sowie für die Partie des Satanas behielt er eine solche Vorliebe, daß er sie fast für das Großartigste erklärte, was er je zu Stande gebracht. In den Chören des »Faust« und in der Gestalt des Mephistopheles sollte beides mehr für die Dauer wiedererscheinen.

Endlich im Herbst 1812 führte ihn ein wohlbegreifliches Sehnen auch nach Wien. Er fühlte sein Herz klopfen, als er über die Donaubrücke fuhr. Denn zu gleicher Zeit war der »größte Geiger der Zeit«, Rode aus Rußland zurückgekehrt und concertirte in Wien. Die Aufnahme entsprach aber auch hier feinem edlen Können, ja ward entscheidend für sein ferneres Dasein. »Spohr ist unstreitig im Angenehmen und Zarten die Nachtigall unter allen jetzt lebenden Violinspielern,« sagte die Musikzeitung. Dagegen vermißte man bei Rode das »was alle Herzen elektrisirt, den Zauber der alles entzückt und begeistert.« Er selbst fand Rode, den auch Beethoven damals kennen lernte und beim Zusammenspiel als »wenig musikalisch« erkannte, »sehr zurückgegangen« und spielte ihm eines Tages, sowie einst Liszt es mit Chopin gethan, eine seiner eigenen Compositionen genau in der Weise vor, wie er sie zehn Jahre zuvor so oft von ihm gehört hatte, die aber jetzt zu einer Manier verschlissen war, die nahe an Carricatur grenzte. »Nach beendetem Spiele brach die Gesellschaft in großen Jubel aus und so mußte mir denn auch Rode Schicklichkeitshalber ein Bravo zurufen,« erzählt er. »Doch sah man deutlich, daß er sich durch meine Indelikatesse verletzt fühlte. Und dies mit vollem Recht. Ich schämte mich bald derselben und erwähne des Vorfalles nur, um zu zeigen, wie sehr ich mich damals als Geiger fühlte.«

In dem Augenblicke nun, als er »in hohem Grade mit Wien zufrieden« weiter reisen wollte, trug ihm Graf Palffy, aus Beethovens Leben bekannt genug, die Stelle als Capellmeister seines Theaters an der Wien auf drei Jahre an. Da nun nicht bloß sein Gehalt dadurch sich verdoppelte, sondern auch die besten Kräfte an das Theater gezogen waren und Spohr selbst das Orchester herstellen sollte, so schlug er ein und sah sich bald an der Spitze einer der ersten Capellen Deutschlands, deren Mitglied eben damals auch sein Schüler Moritz Hauptmann ward. Die Trennung von Gotha war schwer, besonders die Frau Herzogin wollte es nicht begreifen, daß das so aufrichtig geliebte Künstlerpaar sie dauernd verließ. Doch das sichere Gefühl in größeren Verhältnissen auch selbst zu wachsen, ließ ihn alle Schwierigkeiten überwinden, und man darf ruhig sagen, ohne Wien wäre wohl Spohr, der große Geiger, aber nicht der Spohr erstanden, der auch außerhalb der Grenzen seines Instrumentes etwas gilt. Zudem ward jene Zeit von 1812–15 auch in der Musik noch einmal Wiens große Zeit: die Kriege und der Wiener Congreß gaben Anlaß zu sehr hervorragenden öffentlichen Kundgebungen auch in der Musik und diese fanden zu ihrer würdigen Erfüllung den richtigen Mann, – Beethoven.

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