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Ludwig Nohl: Spohr - Kapitel 3
Quellenangabe
typebiography
authorLudwig Nohl
titleSpohr
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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1. Die Lehrzeit

(1784-1803.)

»Da ging mir die Herrlichkeit der Mozartschen Musik auf.«

Spohr ward am 5. April 1784 zu Braunschweig als Sohn eines Arztes geboren; doch war väterlicher- wie mütterlicherseits die Familie dem Predigerstande zugehörig gewesen und schon früh wurde der Vater nach Seesen versetzt, das am Fuße des gespenstigen Brocken liegt. Die Eltern waren musikalisch, der Vater blies nach damaliger Neigung Flöte, welche Neigung manchmal so groß war, daß das Instrument im Spazierstocke verborgen war, damit an landschaftlich schönen Stellen auch die sentimentalen Empfindungen sich nicht gehemmt fanden. Die Mutter war Schülerin desselben Kapellmeisters Schwaneberger, der als Schüler Salieri's bei der Nachricht, daß Mozart ein Opfer des Neides der Italiener geworden sei, den sonderbaren Ausruf that: »Narrheit! Er hat nichts gethan, um diese Ehre zu verdienen!« Sie sang demgemäß die italienischen Bravourarien jener Tage, die sie sich zum Klaviere sehr fertig begleitete. So war Musik ein Lebenselement des Hauses und der Knabe durfte schon im fünften Jahre in Duetten mit der Mutter an den Abendmusiken theilnehmen. Zugleich kaufte ihm der Vater nach seinem Wunsch auf dem Jahrmarkte eine Geige, auf der er nun die Melodien wiedersuchte, während die Mutter ihm begleitete.

Etwa um 1791 kam nach Seesen ein Emigrant Dufour, der ein fertiger Dilettant war. Der Knabe war bis zu Thränen gerührt, als er den fremden Mann so schön spielen hörte, und ließ den Eltern keine Ruhe, als bis er Unterricht bei ihm erhielt. Dieser entdeckte trotz seines bloßen Dilettantismus so sicher des Schülers Begabung, daß er darauf drang, denselben Musiker werden zu lassen. Bald wurden auch bereits Compositionsversuche gemacht, Duetten für zwei Geigen, und ein schmucker neuer Anzug war der Lohn. Ja sogar an ein Singspiel wagte er sich, natürlich von Weiße, dem Begründer der Gattung in Deutschland, und in der Musik waren Hillers »Jagd« und »Lottchen am Hofe« Vorbild, jedoch nur nach dem oft durchgesungenen Clavierauszuge, denn das kleine Seesen hatte kein Theater. Die Formen und der Ton dieser deutschen Werke sind denn auch zeitlebens für Spohr maßgebend und bannend zugleich geblieben.

Bald kam der Knabe, der nun wirklich Musiker werden sollte, zur Confirmation zu seinem Großvater in das Hildesheimische und erhielt dort guten Unterricht. Doch die Musik mußte in dem nahen Städtchen weiter betrieben werden. Auf dem beschwerlichen Wege dorthin war er einmal bei Regenguß in einer einsamen Mühle untergestanden und hatte dabei die Gunst der Müllerin so sehr gewonnen, daß er von da an stets vorsprechen mußte und mit guten Sachen gelabt ward. Zum Dank phantasirte er ihr dann jedesmal etwas vor und setzte sie einst durch Variirung des Liedes »Du bist liederlich« von Wranitzky, in der all die Kunststückchen vorkamen, durch die später Paganini die Welt entzückte, so außer sich, daß sie ihn an dem Tage gar nicht wieder von sich ließ. So ward die Sprache der Musik zumal auf seiner Geige schon früh seine Muttersprache und die Welt weiß, wie viele der edelsten Schüler er in dem langen Laufe seines Lebens gerade auf diesem Instrumente zu derselben herangebildet hat.

Jetzt kam er nach Braunschweig, wo der Erbprinz Karl Ferdinand ein bescheidenes französisches Theater nebst Kapelle hielt. Sein Lehrer ward ein Mitglied derselben, der Kammermusikus Kunisch, dem er viel verdankte, weil derselbe sehr gründlich war. Ebenso war es mit dem Harmonieunterrichte bei dem Organisten Hartung, der zwar wenig freundlich war, aber doch die beste Grundlage legte: denn er blieb der einzige Lehrer, den Spohr je in der Theorie seiner Kunst gehabt hat. Er half sich in der Folge mit gedruckten Werken und guten Partituren, die ihm Kunisch aus der Theaterbibliothek verschaffte. Bald bereiteten ihm seine kleinen Compositionen denn auch Eintritt in die Concerte der Stadt und er konnte seinen Eltern mit Stolz von eigenen Einnahmen melden. Dadurch kam er denn auch in das Theaterorchester und hörte viel gute Musik. Sein Lehrer ward dann der erste Geiger desselben, Concertmeister Maucourt, und dieser bildete ihn bald zu einem so tüchtigen Solospieler heran, daß er ihm vorschlug, sein Glück als reisender Künstler zu suchen. Er schickte ihn nach Hamburg, den Vierzehnjährigen! Daß der Knabe darauf einging, beruhte auf den Ueberlieferungen des Vaters, der nach norddeutscher Wikingerart im höchsten Grade kühn und unternehmend gewesen war. Um einer Strafe zu entgehen, war derselbe von der Schule entflohen und hatte sich dann auf kümmerliche aber immer höchst selbstständige Weise zu seiner jetzigen ärztlichen Stellung emporgearbeitet. Dieser fand also in dem Unternehmen des Sohnes trotz der Mutter Kopfschütteln nichts Besonderes. Er empfahl ihn an einen alten Freund in Hamburg, allein derselbe empfing ihn mit den Worten: »Ihr Vater ist doch immer noch der Alte! Welche Tollheit, einen Knaben so auf gut Glück in die Welt zu senden!« Dann setzte er ihm die Schwierigkeit eines Concertes in der großen von Künstlern überlaufenen Handelsstadt auseinander. Spohr wußte kaum die Thränen zurückzuhalten und rannte ohne nur die übrigen Empfehlungsbriefe abzugeben, voller Verzweiflung nach Hause. Ja bei seiner geringen Baarschaft sich, den großen schlanken Jungen, schon in den Händen jener Seelenverkäufer sehend, von denen ihm der Vater ein warnendes Bild entworfen hatte, wanderte er spornstreichs zu Fuße nach Braunschweig zurück.

In seiner Beschämung, namentlich dem energisch kühnen Vater gegenüber, sann und sann er auf Mittel, auf anderem Wege zu seinem Ziele der entsprechenden Ausbildung zu gelangen, und verfiel endlich zu seinem Glücke auf den Herzog Ferdinand, der selbst einst Violine gespielt hatte. »Er ist ein sehr angenehmer schöner freundlicher Herr,« schreibt Mozarts Vater nach einer Begegnung in Paris im Jahre 1766 über den damaligen Erbprinzen. Und der Encyklopädist Grimm sagt in einer Correspondenz von dort über den zehnjährigen Knaben: »Das Unbegreiflichste ist jene tiefe Kenntnis der Harmonie und ihrer geheimsten Wege, die er im höchsten Grade besitzt und wovon der Erbprinz von Braunschweig, der gültigste Richter in dieser Sache sowie in vielen andern, gesagt hat, daß viele in ihrer Kunst vollendete Kapellmeister stürben, ohne das gelernt zu haben, was dieser Knabe in einem Alter von neun Jahren leiste.« (Mozart. Nach den Schilderungen der Zeitgenossen. Leipzig, 1880). Zu den »anderen Sachen« gehörten des Prinzen glückliche Unternehmungen des Jahres 1760 gegen dieselben Franzosen, deren Verehrer und Nachahmer er sonst in fast allen Dingen war und deren Neigung zur Beschützung der Kunst er denn auch theilte. »Hat er dich nur erst eines deiner Concerte spielen gehört, so ist dein Glück gemacht!« dachte sich also auch unser junger Künstler und beendete in heiterster Stimmung den öden Marsch durch die Lüneburger Haide.

Eine Bittschrift war bald entworfen. Der Herzog nahm sie auf seinem Spaziergange denn auch von dem treuherzigen schlanken jungen Menschen nach seiner gewohnten Leutseligkeit entgegen. Nach einigen furchtlos beantworteten Fragen über Eltern und Lehrer erkundigte sich der Fürst nach dem Verfasser der Bittschrift. »Nun wer anders als ich? Dazu brauche ich keinen Andern!« – »Nun, komm morgen aufs Schloß, dann wollen wir über dein Gesuch reden!« schloß mit Lächeln und Freude die Unterredung ab. Präcis elf Uhr stand er vor dem Kammerdiener. »Wer ist Er?« fuhr dieser ihn ziemlich unfreundlich an. »Ich bin kein Er. Der Herzog hat mich hierher bestellt und Er hat mich anzumelden!« lautete die Antwort der Entrüstung. Der Kammerdiener ging und ehe die Aufregung sich gelegt hatte, stand der junge deutsche freie Mann vor seinem Fürsten. »Durchlaucht, Ihr Kammerdiener nennt mich Er, das muß ich mir ernstlich verbitten!« platzte er heraus. Der Herzog lachte laut und sagte: »Nun, beruhige dich nur, er wirds nicht wieder thun.« Nach einigen unbefangenen Antworten Spohrs ertheilte er dann den Bescheid, er habe sich bei Maucourt nach ihm erkundigt und sei begierig ihn zu hören, es könne im nächsten Concerte bei der Herzogin geschehen. Ueberglücklich eilte der junge Künstler nach Haus, um sich aufs emsigste vorzubereiten.

Die nächste Scene führt uns nun so recht in das ancien régime, wo auch die Kunst, vor allem die Musik noch die gefällige Magd des Vergnügens war, aus der erst männlich große Erscheinungen wie Beethoven, Liszt und Wagner die Muse, die Prinzessin, die Königin gemacht haben. Doch erkennen wir, daß auch unserem jungen Künstler das Gefühl dieser Würde nicht fehlte, die das Innere des Menschen selbst zu erheben, zu adeln geschaffen und geeignet ist.

In den Concerten der Herzogin wurde nämlich Karten gespielt und um dies nicht zu stören, mußte das Orchester ohne Pauken und Trompeten und immer piano bleiben, ja es war demselben noch ein dicker Teppich untergebreitet, sodaß das »ich spiele, ich passe« lauter war als die Musik. Diesmal waren allerdings Spieltische und Teppich verschwunden und dem Herzog gefiel des jungen Künstlers Talent so sehr, daß er ihn zum Kammermusikus ernannte. Allein in der Folge trat auch die alte Pein wieder hervor. Jedoch einmal, als Spohr dort ein neues Concert probirte, vergaß er, ganz erfüllt von seinem Werke, das er zum erstenmal mit Orchester hörte, völlig des strengen Verbotes und spielte mit aller Kraft und allem Feuer, sodaß er selbst das Orchester mit fortriß. Plötzlich wurde er mitten im Solo von einem Lakai am Arme gefaßt, der ihm zuflüsterte: »Die Frau Herzogin läßt Ihnen sagen, sie sollen nicht so mörderisch darauf losstreichen.« Wüthend über diese Störung spielte er womöglich nur noch stärker, mußte sich aber dafür einen Verweis vom Hofmarschall gefallen lassen.

Der Herzog lachte über den Vorfall, erinnerte sich dabei aber seines Versprechens, ihn mit der Zeit zu einem großen Meister zu senden. Dies ward natürlich jemehr Spohrs Wunsch, je tiefer er in den Geist seiner Kunst eindrang. Zuerst lernte er nun jene leichten französischen Operetten kennen, später aber auch Cherubinis »Wasserträger«. »Ich erinnere mich lebhaft der Abende, als die deux journées zum erstenmal gegeben wurden, wie ich ganz trunken von dem gewaltigen Eindruck, den dieses Werk auf mich gemacht hatte, mir noch am Abend die Partitur geben lies und die ganze Nacht darüber saß und wie es hauptsächlich diese Oper war, die mir den ersten Impuls zur Composition gab,« so erzählt er selbst. Dann kam aber eine deutsche Truppe. »Da ging mir die Herrlichkeit der Mozartschen Opernmusik auf und nun war für meine ganze Lebenszeit Mozart mein Idol und Vorbild,« sagt er. »Ich erinnere mich noch deutlich der Wonneschauer und des träumerischen Entzückens, mit welchem ich zum erstenmal Zauberflöte und Don Juan hörte und wie ich nun nicht ruhte, bis ich die Partituren geliehen bekam, über denen ich dann halbe Nächte brütete.« Dies war um die Wende des Jahrhunderts, als Mozart zuerst auch in weitere Kreise drang. Allein nicht lange und es kamen die schönen ersten Quartette Beethovens und er schwärmte sogleich für sie nicht weniger als bisher für diejenigen Haydns und Mozarts. Zugleich hörte er bald darauf den ausgezeichneten Geiger Seidler, für den später Beethoven das Tripleconcert entwarf, und den außerordentlich fertigen Knaben Pixis, der bald in der Welt glänzen sollte. So erfüllte der Herzog nur einen heißen Wunsch, als er den jungen Kammermusikus nun auch einen letzten Lehrer wählen ließ. Spohr nannte ohne Zaudern Viotti in London, allein dieser antwortete, er sei – Weinhändler geworden und nehme keine Schüler mehr an. Nach ihm war Ferdinand Eck in Paris damals am berühmtesten. Jedoch dieser hatte soeben eine reiche Gräfin entführt und war jetzt ein vornehmer Herr geworden. Er schlug aber seinen Bruder Franz vor, der gerade Deutschland bereiste. Dieser wurde nun, nachdem er sich in Braunschweig hatte hören lassen, erwählt und nahm im Frühjahr 1802 den achtzehnjährigen Jüngling mit sich auf die Reise, die sogar nach Petersburg gehen sollte.

Schon in Hamburg begann der Unterricht. »Aber ach wie sehr wurde ich gedemüthigt! Ich, der ich einer der ersten Virtuosen Deutschlands zu sein geglaubt hatte, konnte ihm nicht einen einzigen Tact zu Dank spielen, sondern mußte jeden wenigstens zehnmal wiederholen, um nur einigermaßen seine Zufriedenheit zu erlangen,« beginnt das Tagebuch dieser Reise. Allein ein wahrhaft eiserner Fleiß, der Uebung bis zu zehn Stunden des Tages nicht scheute und dem »herkulischen Körperbau« auch zumuthen durfte, ließ ihn bald nicht blos die volle Zufriedenheit des Lehrers erlangen, sondern allmählich jene souveräne Fähigkeit gewinnen, die als Franzose sein Lehrer nicht besaß: jedem Style der Meister aller Zeiten und Länder gerecht zu werden. Dazu verhalf ihm eben das Anhören aller möglichen Musik und verschiedener anderer damals berühmten Geiger, – darunter Fränzl, – Klavierspieler – darunter Field, – und Sänger. Es trieb ihn dabei zugleich der Ehrgeiz. Denn die ihm Mißgünstigen in Braunschweig hatten geäußert, er werde sich wohl ebensowenig auszeichnen wie die übrigen jungen Leute, die der gütige Herzog bisher bei ihren Studien unterstützt habe. Inzwischen vernachlässigte er aber weder seine allgemeine Bildung noch das Componiren, ja schon in diesem Jahre entstand sein Violinconcert Op. 1, und seiner reinmenschlichen Entwickelung half manches kleine Herzensabenteuer nach, wie sie die Biographie gar unbefangen und unschuldsvoll berichtet. Und wie sehr ihm schon jetzt der volle Ernst in dem Dienste der heitersten aller Künste in Fleisch und Blut übergegangen war, beweist die Aeußerung, als in Danzig nach der dumpfen Anschauung solcher Stände in Bezug auf Kunst eine Dame die Frage hinwarf, ob er nicht doch besser gethan haben würde dem Berufe des Vaters zu folgen, zu dem dieser ihn anfangs bestimmt hatte. »So hoch der Geist über dem Körper steht, so hoch steht auch Der, welcher sich der Veredlung des Geistes widmet, über Dem, der nur den vergänglichen Körper pflegt!« lautete seine Entgegnung.

Die mancherlei kleinen Abenteuer und bunten Bilder, die Spohr selbst von dieser russischen Reise berichtet, haben wir hier zu übergehen. Einen wesentlichen Vorschub leistete seit dem Aufenthalte in Petersburg der Schönheit seines Tones, die ja so weltberühmt wurde, noch ein Geschenk: ein »artiger allerliebster junger Franzose,« der Violinspieler Remi tauschte in einem Gefühle der liebenden Freundschaft für Spohr an dessen Geburtstage mit ihm seine Geige aus, sodaß dieser eine echte Guarneri erhielt. Sein Entzücken über den »himmlischen Ton« war grenzenlos, sollte aber, wie wir noch hören werden, nicht lange dauern. Am 1. Juni 1803 ging es nach Deutschland zurück. Der Abschied von Remi war sehr schmerzlich, der von dem Lehrer, der in Petersburg blieb, ein sehr betrübter. Er sollte denselben nicht wiedersehen: Leichtsinn und Liebesleidenschaft führten ihn in Petersburg zu schlimmsten Erlebnissen, er starb nach wenig Jahren im Irrenhause. Am 5. Juli war Spohr wieder in Braunschweig und fand sich von allen Seiten aufs herzlichste ausgenommen: die Lehrzeit war überwunden, der fertige Künstler stand da.

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