Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Ludwig Nohl: Spohr - Kapitel 12
Quellenangabe
typebiography
authorLudwig Nohl
titleSpohr
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141008
projectid09a520a9
Schließen

Navigation:

10. Der fliegende Holländer

(1842-1843.)

»Ich bin der hiesigen Vexationen so müde, daß ich mich in meinen alten Tagen noch entschließen könnte, von hier wegzugehen,« schreibt im Jahre 1843 von Cassel aus Spohr an seinen Schüler und Freund, den so hervorragenden Theoretiker Moritz Hauptmann, welcher Cantor an derselben Thomaskirche zu Leipzig war, die mehr als zwanzig Jahre der große Sebastian Bach mit seinem Schaffen erfüllt hatte. »Eine Veranlassung böte mir ein Antrag, die durch Dionys Weber erledigte Stelle als Director des Prager Conservatoriums zu übernehmen. Ein solcher Wirkungskreis könnte mir schon zusagen.« Rücksicht auf seine Familie veranlaßte ihn jedoch den ehrenvollen Ruf abzulehnen; auch wußte er, daß durch seinen Abgang Cassel eine »musikalische Steppe« werden würde.

Um so mehr trachtete er dasselbe stets weiter zu jener Oase auszubilden, die es für Wahrung des deutschen Stiles in der Musik seit Jahrzehnten war. Hatte er zum Beispiel auch die Matthäuspassion dort eingebürgert, indem er diese »großartige, überaus schwierige Musik« so sicher einstudirte, daß sie in würdiger Weise vorgeführt werden konnte, so achtete er ebenso aufmerksam auf jede Regung in der deutschen Oper. Denn was erzählt Richard Wagner im Gegensatz zu Hamburg und dem dort nach Dresden zuerst aufgeführten »Rienzi«? »Hiergegen machte ich wieder andere Erfahrungen mit dem fliegenden Holländer,« heißt es in den »Drei Operndichtungen« von 1852. »Bereits hatte der alte Meister Spohr diese Oper schnell zur Aufführung gebracht. Dies war ohne Aufforderung meiner Seits geschehen. Dennoch fürchtete ich Spohr fremd bleiben zu müssen, weil ich nicht einzusehen vermochte, wie meine jugendliche Richtung sich zu seinem Geschmacke verhalten könnte. Wie war ich erstaunt und überrascht, als dieser graue, von der modernen Musikwelt schroff und kalt sich abscheidende ehrwürdige Meister in einem Briefe seine volle Sympathie mir kundthat und diese einfach durch die innige Freude erklärte, einem jungen Künstler zu begegnen, dem man es in allem ansehe, daß es ihm um die Kunst Ernst sei! Spohr der Greis blieb der einzige deutsche Kapellmeister, der mit warmer Liebe mich aufnahm, meine Arbeiten nach Kräften pflegte und unter allen Umständen mir treu und freundlich gesinnt blieb.«

Wir besitzen zum Glück über dieses Ereignis und Verhältnis die zuverlässige Aufzeichnung von Spohrs Umgebung, müssen uns jedoch vorher einigermaßen deutlich machen, in welchem Verhältnis Spohr zu der damaligen »modernen Kunst« stand. Auch dazu verhelfen uns seine eigenen Thaten und Aeußerungen. Spohr hatte nämlich im Jahre 1839 eine »Historische Symphonie im Stil und Geschmack vier verschiedener Zeitabschnitte« geschrieben: erster Satz Bach-Händelsche Periode 1720, Adagio Haydn-Mozartsche 1780, Scherzo Beethovensche 1810, Finale allerneueste Periode 1840. Das Werk fand sehr verschiedenartige Aufnahme. Am schärfsten und geistreichsten sprach sich Robert Schumann in seiner bahnbrechenden »Neuen Zeitschrift für Musik« darüber aus.

»Daß gerade Spohr auf diese Idee verfällt,« sagt er, »Spohr, der fertig abgeschlossene Meister, Spohr, der nie etwas über die Lippen gebracht, was nicht seinem eigensten Herzen entsprungen, und der immer beim ersten Klange schon zu erkennen, – dies muß wohl uns allen interessant erscheinen. So hat er denn seine Aufgabe gelöst, wie wir es fast erwarteten: er hat sich in das Aeußere, die Formen verschiedener Stile zu fügen angeschickt, im Uebrigen bleibt er der Meister, wie wir ihn lange kennen und lieben, ja es hebt gerade die ungewohnte Form seine Eigentümlichkeit noch schreiender hervor, wie denn ein irgend von der Natur Ausgezeichneter sich nirgends leichter verräth, als wenn er sich maskirt. So ging Napoleon einstmals auf einen Maskenball und kaum war er einige Augenblicke da, als er schon – die Arme in einanderschlang. Wie ein Lauffeuer ging es durch den Saal: ›Der Kaiser!‹ Aehnlich konnte man bei der Symphonie in jedem Winkel des Saales den Laut ›Spohr!‹ hören. Am besten, schien es mir, verstellte er sich noch in der Mozart-Haydnschen Maske. Der Bach-Händelschen fehlte viel von der nervigen Gedrungenheit der Originalgesichter, der Beethovenschen aber wohl alles. Als völligen Mißgriff möchte ich aber den letzten Satz bezeichnen. Dies mag Lärm sein, wie wir ihn oft von Auber, Meyerbeer und Aehnlichen hören. Aber es giebt auch Besseres, jene Einflüsse Paralysirendes genug, daß wir die bittere Absicht jenes Satzes nicht einsehen. Ja Spohr selbst darf sich nicht über Nichtanerkennung beklagen. Wo gute Namen klingen, klingt auch seiner, und dies geschieht täglich an tausend Stellen.«

Aehnlich schreibt von diesem letzten Satze Mendelssohn an Spohr selbst: »Mir ist dabei immer zu Muthe geworden, als wäre die neuere Zeit, gerade weil Sie sie in Musik ausdrücken, anders und großartiger hinzustellen gewesen. Ich dachte, es würde dem Ganzen dadurch die Krone aufgesetzt werden, wenn nach den drei ersten einfachen Sätzen nun ein letzter nach Ihrem eigenen Sinn durchgeführt recht ernsthaft und vielsagend käme, der in sich selbst den Hauptgedanken der Symphonie ausspräche.« In Wien dagegen hatten gerade die »leichte pikante Manier« und »fröhlichen Rhythmen« dieses Satzes am besten gefallen. Ebenso begreiflicherweise in England, und dadurch erfahren wir Spohrs eigentliche Meinung. »Die Berichte von London lassen mich hoffen, daß ich die frühesten Perioden, wozu ich förmliche Vorstudien gemacht hatte, sowie die beiden mittleren gut charakterisirt habe, nur über die neueste war man dort getheilter Meinung. Einige glaubten zu erkennen, daß ich in diesem Satze die allerneueste Schule, dort spottweise die metallene genannt, habe persifliren wollen, andere aber, Freunde dieser Schule, fanden, daß dieser Satz klar darthun solle, daß die allerneueste Musik in ihrer Wirkung doch alles Frühere übertreffe. Da diese Widersprüche die allerneueste Musik am besten charakterisiren, so kann ich auch mit der Wirkung dieses letzten Satzes wohl zufrieden sein.«

Daß ihm das an allen Ecken und Enden Geist, Ausdruck und Leben Gewordene dieser soeben erblühenden modernen Musik nicht völlig klar geworden, ersehen wir daraus, daß er es an demjenigen Künstler nicht erkennt, der zuerst dasselbe wenigstens in der sinnenhaften Darstellung in höchster Vollendung hinstellte und dadurch sogar Wagner wieder ganz neue Aufschlüsse über Bach wie über Beethoven gab, – an Liszt, der 1841 auch in Cassel war. Es verlautet da nur von dem »stürmischen Beifall des begeisterten Publikums«, von »großem Genuß«, von »unübertroffener Meisterschaft«, von der Bewunderung seines »Vom Blatt-Spielens in höchster Vollendung«, – von dem absolut Neuen dieser plastischen Vortragsweise ist keine Rede, und gar die eigenen Compositionen, die Liszt vorführte, werden keiner näheren Erwähnung würdig gesunden, obwohl darin doch sogleich ein ganz neuer, höchst poetischer Stil sich ankündigte. Wenn wir nun wissen, daß Spohr auch den letzten Werken Beethovens, namentlich der Neunten Symphonie, dem eigentlichen Ausgangspunkte der modernen Epoche, nie hat »Geschmack abgewinnen können«, so ist die Aufnahme des »Holländers«, der ganz unmittelbar an diesen Beethoven anknüpft, ebenso verwunderns- wie anerkennenswerth: sie bleibt ein Beweis, daß dieser Künstler in der That, wenn es darauf ankam, sich auch über die Grenze des eigenen Urtheils zu erheben und das Neue freudig gelten zu lassen wußte.

Es heißt also in der Biographie weiter: »So war nun Spohr dem auch ihm als zweite Heimat liebgewordenen Cassel erhalten und er fuhr fort, mit dem gewohnten Eifer seinen Berufsgeschäften obzuliegen. Da galt es denn abermals ein schwieriges Werk einzustudiren, nämlich den ›fliegenden Holländer‹ von Richard Wagner, den Spohr zur Festoper für den zweiten Pfingsttag von 1843 vorgeschlagen, nachdem er von Dresden viel Rühmliches darüber vernommen und bei Durchsicht des eingeschickten Textbuches dasselbe in jeder Beziehung so befriedigend gefunden hatte, daß er es ein kleines Meisterstück nannte und bedauerte, nicht zehn Jahre früher ein ähnliches ebenso gutes zur eigenen Composition gefunden zu haben. Als er dann in den Proben die Oper genauer kennen gelernt, schrieb er darüber: ›Dieses Werk, obwohl es nahe die Grenze der neu-romantischen Musik à la Berlioz streift und mir unerhörte Arbeit wegen seiner immensen Schwierigkeit macht, interessirt mich doch im höchsten Grade, da es augenscheinlich in reiner Begeisterung geschrieben ist und nicht wie so vieles der modernen Opernmusik in jedem Takte das Bestreben, Aufsehen zu erregen oder gefallen zu wollen, heraushören läßt. Es ist viel Phantasie darin, durchaus edle Erfindung, ist gut für die Singstimmen geschrieben und zwar enorm schwer und etwas überladen instrumentirt, aber voll neuer Effekte, und wird gewiß, wenn es erst in den größeren Raum des Theaters kommt, vollkommen klar und verständlich werden. Ende dieser Woche beginnen die Theaterproben, auf die ich besonders gespannt bin, um zu sehen, wie sich das phantastische Sujet und die noch phantastischere Musik in Scene ausnehmen werden. Insoweit glaube ich schon mit meinem Urtheil im Klaren zu sein, daß ich Wagner unter den jetzigen dramatischen Componisten für den begabtesten halte. Wenigstens ist sein Streben in diesem Werke dem Edlen zugewendet und dies besticht in jetziger Zeit, wo alles darauf ausgeht, Aussehen zu erregen oder dem gemeinsten Ohrenkitzel zu fröhnen!«

Trotz der fast unübersteiglich scheinenden Schwierigkeiten, von denen man noch zwanzig Jahre später bei der ausgezeichneten Capelle in München unter Wagners eigener Leitung eine Probe hatte, brachte Spohr schließlich eine Aufführung zu Stande, die nichts zu wünschen übrig ließ und auch beim Publikum die günstigste Aufnahme fand. Zur wahren Genugthuung gereichte es ihm dann, sogleich selbst hierüber an Wagner zu berichten, worauf dieser hochbeglückt Folgendes erwiderte:

»Mein hochverehrter Herr und Meister!

Von der Freude, ja von dem Entzücken, das mir Ihr so außerordentlich liebenswürdiger Brief bereitete, mußte ich mich wirklich erst etwas erholen, ehe ich daran gehen konnte, Ihnen zu schreiben, und mein dankbares Herz gegen Sie auszuschütten ...

Um Sie in den Stand zu setzen, sich die außerordentliche Bewegung erklären zu können, die Ihre Nachrichten in mir hervorbrachten, muß ich Ihnen zunächst kaltblütig auseinandersetzen, welches meine Erwartungen auf den Erfolg dieser Oper waren. Bei den großen und ungewöhnlichen Schwierigkeiten, die sie darbietet, konnte ich mir nur wenig davon erwarten, sobald bei einer Bühne, möge sie auch die besten musikalischen und dramatischen Kräfte aufweisen können, nicht an der Spitze ein Mann stünde, der mit besonders energischer Fähigkeit und gutem Willen sich von vornherein meines Interesses gegen alle Hindernisse annähme. Daß Sie, mein hochverehrter Meister, wie kein anderer die Eigenschaften zu so energischer Ueberwachung besäßen, wußte ich, – ob aber meine Arbeit Ihnen würdig erscheinen konnte, sich ihrer mit solch entscheidendem Interesse anzunehmen, dies war der gewiß sehr natürliche Zweifel, der, je näher die Zeit der mir angezeigten Vorstellung rückte, mich immer entmutigender einnahm, sodaß ich es gestehe, wenn ich in meinem Kleinmuthe nicht wagte, nach Cassel zu gehen, um mich nicht persönlich und zu meiner Beschämung von der Wahrheit meiner Befürchtungen überzeugen zu müssen.

Nun sehe ich aber wohl, daß ein Glücksstern über mir aufgegangen ist, da ich die Theilnahme eines Mannes gewinnen konnte, von dem schon eine nachsichtige Beobachtung mir zum Ruhme gereicht hätte: – ihn selbst mit der fördernden und entscheidendsten Thätigkeit sich meiner Sache annehmen zu sehen, das ist ein Glück, welches mich gewiß vor Vielen auszeichnet und welches mich denn wirklich zum ersten Male mit einem Gefühle des Stolzes erfüllt, das bis jetzt noch nie, durch kein Zujauchzen des Publikums in mir hervorgerufen werden konnte.«

Selbst die von Spohr gemachten Ausstellungen, in welchen er dessen »wahre Theilnahme« erkannte, nahm Wagner mit gleicher Dankbarkeit und Freundlichkeit aus, sowie er sich in allen seinen späteren Briefen stets mit der wärmsten Anhänglichkeit und Verehrung gegen ihn aussprach.

Der wahre »Glücksstern« freilich sollte Wagner erst zwanzig Jahre später aufgehen, als ein deutscher König sich mit der »förderndsten und entscheidendsten Thätigkeit« seiner annahm. Und was jedenfalls im Gegensatz zu unserer heutigen Auffassung Spohr hauptsächlich an dem Werke anzog, war das in demselben noch waltende operngesanghafte Element, um dessentwillen er das »Phantastische« und namentlich das ausgesprochen Dramatische gern mit in den Kauf nahm. Ehre aber auch hier seinem Andenken, daß er wahrhaft ernste Bestrebungen deutscher Kunst von Anbeginn thätig unterstützte!

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.