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Ludwig Nohl: Spohr - Kapitel 11
Quellenangabe
typebiography
authorLudwig Nohl
titleSpohr
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141008
projectid09a520a9
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9. Wachsende Erfolge

(1824-1840.)

In Cassel sollte Spohr während eines Zeitraums von fast vierzig Jahren unter zwei Regenten die ganzen Wunder jener Reactionszeit erleben, die jedem freigeborenen Deutschen ein Gräuel bis in die Seele war. Doch linderte seinen Widerwillen gegen solche Zustände die aufrichtige Kunstliebe seiner Fürsten sowie deren persönliche Gesinnung für ihn. Konnte er es zum Beispiel nicht durchsetzen, daß die Leibgardisten, die im Theaterorchester mitwirkten, ebenfalls in Civil erschienen, sodaß dasselbe dem Auge ein komisches Bunterlei zeigte, so wurden seine Anträge um Vermehrung dieser Capelle selbst sämmtlich genehmigt, und er rühmt mit Recht, daß dieselbe »durch diesen Zuwachs und ein fleißiges Einüben« eine der vorzüglichsten in Deutschland geworden sei.

Er richtete sich nun bald in einem eigenen Häuschen ein, in dem dann vor allem viel Kammermusik getrieben wurde, und genoß eines Behagens, um das ihn mancher Künstler beneiden konnte, das große Genien wie Mozart und Beethoven nicht gekannt haben. Auch der Ruf, der ihm als Geiger zutheil geworden, harrte bis in seine alten Tage aus und wurde sogar noch durch den des Componisten übertroffen. War dies letztere nun auch kurzsichtige Uebertreibung, da Spohr immer nur, namentlich gegen sein Vorbild Mozart, wie Goethe den Mond besingt, die »Schwester von dem ersten Licht« bleibt, so ist es gerade für die Geschichte unserer Kunst und ihrer Meister von Werth zu sehen, wie meist eben erst die Nachbildner des Großen diesem selbst den Weg bahnen: wie Spohr auch im weitesten Kreise erst den Sinn für ernstere Musik, außerhalb des Religiösen, so hat später Mendelssohn insbesondere für die Auffassung von Bach und Beethoven vorbereitet, deren soviel schwächerer Nachbildner er war. Die Aufnahme Bachs, Mozarts, Beethovens aber hat erst das Verständnis der großen Schöpfungen ermöglicht, die dann wir Heutigen auch auf dem Gebiete des Dramatischen erleben, und wir werden sehen, daß Spohrs ernste Liebe für seine Kunst auch hier das wirklich Neue und Selbsteigene sogar in seinen jugendlichen Anfängen verstand.

Er selbst blieb immer darauf bedacht, die Grenzen seiner Kunst zu erweitern und sie namentlich dem freien geistigen Leben anzunähern. Hatte er früher bereits das Doppelquartett versucht, so schrieb er jetzt eine Symphonie für zwei Orchester, und zwar ward er darauf durch sein Thema geführt, welches lautete: »Irdisches und Göttliches im Menschenleben«. Sein unbefangener Sinn leitete ihn also zu jener Programm-Musik, die im Grunde schon bei Beethoven völlig vorhanden, in Berlioz, Liszt und Wagner herrlichste musikalische Geistesfrüchte tragen sollte. Seinen ferneren Compositionen hängt freilich ein vorwiegend formales Wesen an, das sie eben doch auf die Dauer der Vergänglichkeit weiht. Zu dem Oratorium »Die letzten Dinge«, das ihm Hofrath Rochlitz geschickt hatte, machte er noch »neue Studien des Contrapunktes und des Kirchenstiles«. War aber schon selbst seine beste Oper opernhaft geblieben, so schmeckt in diesen und den folgenden oratorischen Werken Spohrs eben alles nach »Kirchenstil«. Erst unsere Zeit hat diese unverbundene Mischung des strengen Stiles der Alten mit dem melodischen, dem sogenannten Gala-Stile der classischen Zeit überwunden und in dieser Hinsicht wirklich Neues und Eigenes erzeugt. Es sei dafür einzig an Liszts »Christus« und den »Parsifal« erinnert.

Wir lassen nun ihn selbst und seine zweite Gattin die ferneren Begebnisse weiter erzählen.

Im Jahre 1830 kam Paganini, den er ja in Italien persönlich schon kennen gelernt hatte, und gab zwei Concerte. »Seine linke Hand sowie die immer reine Intonation erschienen mir bewunderungswürdig,« sagt er. »In seinen Compositionen und seinem Vortrage aber fand ich eine sonderbare Mischung von höchst Genialem und kindisch Geschmacklosem, wodurch man sich abwechselnd angezogen und abgestoßen fühlte, weshalb der Totaleindruck nach öfterem Hören für mich nicht befriedigend war.« Es mochte ihm diese phänomenale Erscheinung zugleich ein Antrieb sein, seine Violinschule zu schreiben, um so der Künstlerschaft auf seinem Instrumente eine erneute dauernde Grundlage zu geben. Was daraus hervorgegangen, sehen wir heute in entzückter Bewunderung an A. Wilhelmy, durch Davids Ausbildung ein Zögling der Schule Spohrs zu nennen.

Im Jahre 1832 entstand seine Symphonie »Die Weihe der Töne«, nach einem Gedichte R. Pfeiffers. »Im ersten Satze hatte ich die Aufgabe, aus den Naturlauten ein harmonisches Ganze zu bilden,« sagt er und fand sich durch einen solchen Preis der eigenen Kunst höchst angezogen. Das Werk fand denn auch bald weite Verbreitung. Im Jahre 1835 schrieb er ebenfalls auf Rochlitz' Anregung das Passionsoratorium »Des Heilands letzte Stunden«. Sein Gemüth war bei dieser erhabensten aller Begebenheiten und Vorstellungen um so tiefer mit betheiligt, als er eben damals seine so sehr geliebte Frau verlor. »Heute noch gedenke ich mit tiefer Wehmuth des Momentes, als ich ihrer Stirne den letzten Kuß aufdrückte!« schreibt er und nennt das Werk selbst die »gelungenste meiner Arbeiten«.

Diese Werke waren es nun, mit denen er, vor allem in England, sich höchsten Ruhm erwarb und so den Höhepunkt seines menschlichen wie künstlerischen Daseins erlebte. Er ward fortan sehr häufig zur eigenen Leitung seiner Compositionen eingeladen, und dadurch wie durch seine fortgesetzten Reisen lernte er die Mehrzahl der mitlebenden Meister seiner Kunst und andere schaffende Geister kennen. Spontini in Berlin, der mit gewissestem Selbstbewußtsein als Heros der musikalisch-dramatischen Welt von damals dreinschauende hochtoupirte Pariser Italiener, hatte ihn schon 1825 zur Leitung der Jessonda eingeladen, die auch dort ihren Beifall fand. Eine Reise ins Seebad führte ihn über Düsseldorf, wo Immermann und Mendelssohn wirkten. Letzterer spielte ihm die ersten Nummern des »Paulus« vor, an denen ihm nur das nicht recht gefallen wollte, daß sie zu sehr dem Händelschen Stile nachgebildet waren. Destomehr schien dem jüngeren Meister ein neues Concertino zu gefallen, in dem Spohr als »Novität« ein eigentümliches Staccato in einem langen Striche angebracht hatte. Er begleitete das Stück auf sehr gewandte Weise aus der Partitur, konnte das Staccato nicht oft genug hören und sagte zu seiner Schwester: »Sieh, das ist das berühmte Spohrsche Staccato, welches ihm kein Geiger nachmacht.« Als er von da zu Immermann ging, schlug ihm dieser einen Besuch bei dem »Sonderling« Grabbe, dem Dichter von »Faust und Don Juan« vor, wobei etwas recht Drolliges passirte. »Als wir bei ihm eintraten und der kleine Mensch mich Koloß zu Gesicht bekam,« erzählt Spohr, »zog er sich schüchtern in eine Ecke des Zimmers zurück und die ersten Worte, die er sprach, waren: ›Es wäre Ihnen ein Leichtes, mich da zum Fenster hinauszuwerfen‹. Ich antwortete: ›Ja ich könnte es wohl, aber darum bin ich nicht hierher gekommen‹. Erst nach dieser komischen Scene stellte mich Immermann dem närrischen aber interessanten Menschen vor.« Im übrigen verlebte er in Mendelssohns wie Immermanns Gesellschaft abwechselnd angenehme Tage. Man sieht, der ältere Künstler stand stets mit lebhaftem Interesse zu den jüngeren.

Im Jahre 1838 machte er auf der Durchreise nach Carlsbad in Leipzig die »längst gewünschte« Bekanntschaft mit Robert Schumann, der, »obgleich im Uebrigen sehr still und ernst« doch mit großer Wärme seine Verehrung für ihn an den Tag legte und ihn durch den Vortrag mehrerer seiner interessanten Phantasiestücke erfreute. So erzählt, da Spohr selbst seit diesem Jahre nichts mehr aufzeichnete, seine zweite Frau, die Schwester jenes früh verstorbenen Dichters Pfeiffer. In demselben Jahre hatte er den erst kürzlich gestorbenen Norweger Ole Bull gehört. »Sein vollgriffiges Spiel und die Sicherheit der linken Hand sind bewundernswerth,« schrieb Spohr einem Freunde, »er opfert aber wie Paganini seinen Kunststücken zuviel Anderes des edlen Instrumentes. Er spielt mit vielem Gefühl, doch nicht mit gebildetem Geschmack.« Kleine Züge von Charlatanerie, die seinem eigenen einfachen Wesen stets so fern gelegen, waren ihm bei Bull nicht entgangen. So erzählte er später öfters unter gutmüthigem Lächeln zu seinem und Anderer Ergötzen, wie derselbe an einer Stelle, die Gelegenheit bot durch eines seiner unübertrefflichen pp. zu glänzen, noch secundenlang den Bogen dicht über den Saiten schwebend gehalten habe, um das Publikum, welches in athemloser Stille dem letzten Verklingen lauschte, glauben zu machen, der Ton dauere noch in einem unerhörten ppp. fort.

Im Sommer 1839 ging Spohr auf Einladung zu einem Musikfeste nach Norwich. Hier sollte er seinen Ruhm in vollen Zügen trinken. Auf Befehl der Regierung blieb sein Gepäck unvisitirt, dies war ein deutlicher Vorgeschmack. Beim Besuche der Kathedrale, in die ihn der Mayor der Stadt führte, stellten sich am Schlusse des Gottesdienstes die Menschenmassen zu beiden Seiten auf, um sie durchgehen zu lassen und Spohr wie ein Wunder anzustaunen. Seltsamerweise war die Predigt gegen Spohr und sein Passionsoratorium, das hier aufgeführt werden sollte, gerichtet gewesen, es galt der pietistischen Partei für sündlich einen so heiligen Gegenstand zu einem Kunstwerke zu benutzen, und die Predigt beschwor die Andächtigen, sie möchten nicht ihre Seele für eines Tages Vergnügen dahingeben. »Wir erblicken nun auf der Emporkirche dem fanatischen Eiferer gerade gegenüber sitzend den großen Componisten mit glücklicherweise für Englisch taubem Ohre, aber in so würdiger Haltung, mit dem Ausdruck reinen Wohlwollens und soviel Demuth und Milde in den Zügen, daß sein bloßer Anblick wie eine gute Predigt zum Herzen spricht,« sagte ein englisches Blatt. »Wir machen unwillkürlich einen Vergleich und können nicht zweifeln, in welchem von beiden der Geist der Religion wohnt, die den wahren Christen bezeichnet.« Das Urtheil über das Werk selbst aber muß den mehr an formelle Dinge gewöhnten Engländern zugute gehalten werden. Es lautet: »Man kann mit Recht von diesem Oratorium sagen, daß ein göttlicher Hauch es durchweht; mehr als irgend ein Werk der neueren Zeit ist es aus warmem Herzen gequollen und kann nicht ohne Thränen gehört werden.« Die eigene Herzenswärme hat hier doch nicht die alte Form in Fluß gebracht und zu eigener Gestaltung weiter geführt. Uebrigens waren die Zuhörer zu Tausenden herbeigeströmt und der Erfolg war ein »wahrer Triumph der Kunst und ungefälschter Gottesempfindung.« Die englischen Kirchensänger sind aber auch die rechten Kräfte, um solche Werke zur Geltung zu bringen: sie haben »tiefe Andacht und fromme Hingebung« bei solchen Aufführungen. Spohr äußerte dies selbst nach einer Anhörung von Händels »Israel in Egypten«.

Ein weiterer Erfolg dieser Reise war der Auftrag eines Oratoriums für das Norwicher Musikfest von 1842: es entstand dadurch »Der Fall Babylons«. Einen guten Rückschlag hatte solche Aufnahme des Deutschen in England: man besann sich auch in weiteren Kreisen gegenüber der damals noch allherrschenden französischen und italienischen Kunst dann und wann wieder der eigenen deutschen. Es sei davon unter vielen nur das eine Beispiel gegeben. Die Hamburger Zeitung schreibt 1840: »Am Sonnabend zog die ganze sanglustige Gesellschaft italienischer Operisten fröhlich zum Thore hinaus, am Sonntag nahm der deutsche Meister Spohr den Dirigentensitz ein, um seine herrliche Jessonda zu leiten. Dort viel Geräusch, Lustigkeit, auch etwas Zank und Aufsehen, submisse Höflichkeit, hier Ruhe, edle Würde, ehrliche Denkungsart, Anstand und bleibendes Verdienst!« In demselben Jahre war Wagners »Rienzi« schon vollendet und wurde nicht lange hernach in Hamburg aufgeführt, erschien aber leider noch als für dieses Publikum »zu hoch gegriffen«. Dennoch haben eben Spohr und Weber dafür gesorgt, daß der Faden einer wahrhaft deutschen Kunst wenigstens niemals völlig abgerissen ward. Aber auch ein Beispiel jener liebenden Hingebung deutscher Fürsten an deutsche Kunst, wie sie ja in denkbar höchstem Maße später R. Wagner erfahren sollte, erzählt Spohr. Er mußte den Fürsten von Hohenzollern-Hechingen in Donaueschingen eigens aufsuchen und es hat etwas tief Wohlthuendes zu lesen, wie dieser ihn empfing. Er konnte sich nicht mäßigen, hielt Spohr stets am Arme oder an der Hand fest und flüsterte nicht nur ihm seine begeisterten Empfindungen zu, sondern ließ sie oft ganz laut werden. In Deutschland gehören die Fürsten in der That zum Volke, Spohr ist einer derjenigen Künstler gewesen, die wenigstens auf ihrem Gebiete diese Empfindung wach erhalten haben. Welch herrliche Früchte sollte uns dies bringen!

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