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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 7
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fischfang

(Rügen)

Es ist die Stunde, wo die Nachtigallen ihre Lieder beendet haben, wo das Interregnum beginnt zwischen Nacht und Tag, kalt und freudenlos wie jegliches Interregnum. Es ist die Stunde, wo die lächelnden Frauen schlafen, die schönen Augensterne hinter den Lidern sich bergen, die Stunde, wo auch die galanten Könige der Ruhe pflegen, die noch am Abend am Kaminfeuer zu den Füßen der Herrin gesessen. Und merkwürdig – je unglücklicher sie lieben, desto fester schlafen sie! Das Kaminfeuer ist ausgebrannt, nur die kalte Asche ist noch übriggeblieben. Diese Stunde ist's. –

Ein schwarzer Wolkenring wächst aus dem Meer hervor und umrahmt den Horizont, wie eine drohende Mauer am letzten Weltenrande aufgetürmt. Und eng darüber ein roter Streifen, ein kaltes, frostiges Rot, und dann wieder ein schwarzer Ring. Und dieser Wechsel von Schwarz und Rot ist das einzige Farbige, das einzige Leuchtende in dem farblosen, fahlen, grauen Morgen. Kaltes, sonnenloses Licht zwischen dem stillen, grauen Wolkenhimmel und dem glanzlosen Meer, das 51 leise rinnt und sich wiegt, ohne Wellentanz, ohne Fröhlichkeit, wie das Wasser im Eimer sich wiegt. Und auf dem weißen, langlinigen Strand, auf dem der schwarze Seetang Zickzackfiguren zeichnet, liegt dies fahle, fröstelnde Licht, und auf den Dünen mit ihren grünen, zitternden Halmen und auf den Häusern dahinter, in deren Fenstern der rote Himmelsstreif sich spiegelt, und auf dem Kurhaus, rechts am Strand, am Ende der neuen Promenade, das die Aktiengesellschaft gebaut hat. Das alles sieht müde aus und übernächtig, und die Wälder auf den Berghügeln ringsum schütteln sich im Frostschauer und sehnen sich nach der Sonne.

Halb drei Uhr morgens; noch eine Stunde bis Sonnenaufgang. Nun stampfen die Schiffer aus dem Dorf heran, zu den schwarzen Booten am Strand. Sie waten zu vier und zu fünf über die Dünen herunter. Jedesmal sind's Leute einer Kompanie, die miteinander kommen. Vierunddreißig Fischer gibt's im Ort; die bilden sieben Kompanien, und die Fischer einer Kompanie halten zusammen, teilen allen Gewinn und wechseln ab beim Fang. Und der dort kommt, der Alte mit dem weißen Kinn- und Backenbart und der Kappe, in die er kokett ein Sträußchen Jasmin gesteckt, als wolle er den Meerweibern mit dem Schwanennacken gefallen, der Alte mit den blinzelnden blauen Augen und dem roten Gesicht, schwerstieflig und die Jacke über den Arm gehängt, das ist der alte Behrend, der Admiral, der ist der Älteste und eine Respektsperson.

Und dann knirschen die Boote in dem feuchten Sand und schaukeln auf dem Wasser, und die Fischer springen hinein, und fort geht's. Natürlich, unser Boot war 52 das erste. Es war auch eigentlich das vornehmste. Nicht, weil es einen so schönen wasserblauen Rand hatte, sondern weil der Admiral darin saß, mir gerade gegenüber, und ruderte, und dann neben ihm noch ein Würdenträger, der Vorstand der Rettungsstation, ein Fünfziger, mit blondbraunem Bart, auch ein richtiger Achenbachscher Fischersmann, aber zweifellos im Temperament sehr verschieden vom alten Admiral. Denn der Alte nahm das Leben von der besten Seite, er blinzelte immer vergnügt, und der Jasminstrauß am Hut, am Gartenzaun gepflückt, sprach von jugendlichem Frohsinn, und dann auch davon, daß der Admiral dereinst den kleinen Fischermädchen nicht abhold gewesen. Aber den anderen hatten die schweren Sorgen des Daseins ernst gemacht, und als Narben aus dem täglichen Kampf waren ihm tiefe Furchen auf der Stirn verblieben, über den buschigen Augenbrauen. Er sprach fast nichts, und die Lippen blieben fest aufeinander. Doch der Alte mit dem Jasmin erzählte, in dem rauhen, schwerfälligen Platt, und sprach vom Möglichen und Unmöglichen, von dem Fischfang, der immer schlechter wird, von dem Ort, der mächtig aufstrebt und sich dehnt und wächst.

Das Boot schießt hurtig hinaus. Vier kräftige Ruder in gleichem Takt, das bringt vorwärts. Am Horizont noch immer der schwarze Wolkenring und das kalte Rot darüber, und am Himmel die grauen Wolkenschleier, die dünner und dünner werden und langsam zerfließen und das Blau hindurchlassen. Aber noch nirgends ein warmer Strahl, überall das fahle, frostige Licht, und die Wasser kriechen kalt auf den weißen Strand mir seinem schwarzen Tang, und durch den 53 Wald rauscht die Klage nach der Sonne, wie die Klage des Troubadours nach der Geliebten, die so lange weilt. In dem grünlichen Wasser neben dem Boote her schwimmen in kurzen, meterlangen Pausen die Korkscheiben des Netzes, das wir gestern hier voll Fleiß gesenkt. Mehr als tausend Ellen nach altem Fischermaß zieht sich das Netz hinaus. Eigentlich freilich sind's dreißig Netze, durch Taue verbunden. Einen Meter tief hängen sie hinab, Steine ziehen sie hinunter, Korkplatten halten sie oben. So bleiben sie straff gespannt, und die Herren Heringe können hineinspazieren in die Maschen. Das heißt, wenn's ihnen gerade gefällig ist und sie Sehnsucht haben nach des Wirtes Tisch.

Links drüben, am letzten Ende des rundgebogenen Strandes, über das weißschimmernde Saßnitz hinaus, bei Stubbenkammer, liegen im grünen Nebel zwölf Schiffe der deutschen Flotte vor Anker. Wie schwarze Schatten grüßen sie dort. Und rechts auf den gelblichen Bergen drängen sich die alten Kronen des Waldes, eng, wie dunkles Moos, das über die hellen Felsen kriecht. Und da sieht man auch ganz deutlich die kleine lichte Stelle in dem dunklen Baumgewirr, wie eine runde Tonsur, wo die drei Bänke stehen und wo der Ausblick so herrlich ist, so wunderbar herrlich, wie selten am Meeresstrand. Ja, wenn man dort oben steht, in der Mittagssonne, und die Bäume rauschen ringsum, lange, seufzende, melancholische Lieder, und das Meer murmelt herauf, dann vergißt man die Kirchenglocken und die Mittagsklingel des Hotels. Weit, unendlich weit wogt die See, leise gekräuselt, grün, mit ganz kleinen weißen Schaumspitzen, die auftauchen und verschwinden wie 54 weiße Schwäne oder Arme und Nacken lustverlangender Nixen, und dazwischen funkeln aus dem Grün des Meeres große blaue Flecken, als sei hier blaue Farbe vom Himmel herniedergetropft oder als sei all die Tinte, die zum Lob dieser ewigen Schönheit aus Poetenfedern geflossen, hier ausgespritzt. Und weiterhin mehren sich die blauen Flecken, und zuletzt fließt alles zusammen, grün und blau, und ein dunkelleuchtendes Meer wogt hinaus, um am Horizont mit dem blausonnigen Himmel sich zu küssen. Links schlingt der weitgebogene Strand den Arm um das Meer, weiß und schimmernd im Sonnenschein, erst breit mit Dünen und den Hügeln und Häusern, und dann schmäler im weichen Halbkreis, bis Stubbenkammer hinaus. Und über den letzten Hügeln, die schon im Meer ihre Glieder baden, liegen die dünnen, schimmernden Sonnennebel wie traumhaft zerrinnende Luftschleier.

Vorbei! Noch ist die Sonne nicht emporgetaucht und der Wald streckt ihr verlangend die Arme entgegen und schüttelt sich in der kalten Morgenluft. Die Ruder klatschen gleichmäßig im Wasser, leise spritzt die Flut empor, und weiße Schaumperlen fallen ins Boot. Und es ist noch immer das stumpfe, weißliche Grau, ohne Wärme und ohne leuchtende Töne, das über allem liegt, wie es die nordischen Maler bisweilen zu treffen wissen, dies kalte Grau der Luft, aus dem die Nachtnebel gewichen sind und das noch kein Sonnenschein durchströmt. Und nun die Ruder empor und ins Boot. Wir sind dort angelangt, wo am Ende des Tausend-Ellen-Netzes die kleine rote Fahne auf dem Wasser sich wiegt. Keine Regimentsfahne hat einen so schwierigen Posten. 55 Das Einziehen der Netze beginnt. Neben dem Netztau schaukelnd, an dem die Korkplatten ruhig schwimmen, gleitet das Boot langsam zurück. Der weißbärtige Admiral mit dem Jasmin am Hut kniet auf der Ruderbank, über den Bootsrand gebeugt, und nimmt die Netze aus dem Wasser heraus. Er ist wirklich noch so jugendlich, dieser alte Admiral! Er kann's gar nicht erwarten, bis die Netze im Boot liegen, und jedesmal zählt er die Fische, die er durch das grünliche Wasser hindurch im Netze schon sieht: »eins – zwei – drei«. Und dann hebt er das Netz empor und schleift es ins Boot und drückt die Heringe zusammen, die mit den Schwänzen umherschlagen und im Garne zappeln. Es sind ihrer nicht allzuviel. Zwanzig im Netz, aber bisweilen nur drei und vier. Aber der Alte bewahrt seinen Galgenhumor, und während sein ernster Nebenmann sorgenvoll schweigt, zählt er lustig weiter: »eins – zwei – drei –.« Und immer vorwärts geht's an den Netzen entlang, die durch die grüne Flut heraufschweben wie langes, graues Feenhaar, in dem kleine Fische als Spangen funkeln und schimmern, Silber und Email.

Ein schwierig Gewerbe, die Fischerei auf Rügen! Der Ertrag des Heringsfanges wird immer geringer, und es ist ein Ereignis, wenn hier einmal ein Lachs in die Remouladensauce gerät. Die Fischer ziehen darum am selbigen Tage noch auf den naheliegenden Schmachtensee zum Fang, wo die Schleie hausen, die hier das Pfund zu vierzig Pfennig an die Händler verkauft werden und dann nach Berlin in die Küchen der Frauen und Jungfrauen wandern. Und auch der Winter hat hier seine Freuden. Da fertigen die meisten Fischer ihre Netze an, 56 die mit den Herbststürmen nicht selten ins Jenseits hinüberziehen. Fährt solch ein Netz mit der Flut davon, so ist das allemal ein Schaden von gut fünfundfünfzig Mark, achtzehn bis neunzehn Taler nach ehrsamer Fischerrechnung. Ganz geschickte Leute, wie mein alter Freund Holberg, schaffen wohl auch während der langen Wintermonate kleine Kunstwerke, allerhand seltsamen Kram. Dieser Holberg, der von dem dänischen Dichter nichts geerbt hat als den Namen und der gar keine Phantasie besitzt, aber über eine unendliche Geduld verfügt, weiß im Innern von dünnhalsigen Flaschen kleine, zierliche Webstühle zu bauen, die er dort kunstreich mit langen Zangen zusammensetzt. Er hat das während der Kriegsjahre gelernt, auf dem windumwehten Leuchtturm von Arkona, wo einer von den wachhabenden Lotsen sich darauf verstand. Mein guter Holberg hat damals gewettet und sich verschworen: das Ding mache ich nach! Vier Wochen lang ist er jeden Abend ins Bett gestiegen mit dem Gedanken: wie wird das gemacht? bis er sich's schließlich erklügelt hatte; und vier andere Wochen hindurch hat er dann über dem Ding gesessen, und als die fünfte begann, ist's fertig gewesen, sauber und zierlich. Und kein Mensch begreift, wie der kunstvolle Webstuhl durch den dünnen Hals in die Flasche gekommen ist.

Der Ort auf dem Strande schläft noch seinen stillen, leidlosen Morgenschlaf, träumend und ruhig, noch ruhiger als am Tage. Aber diese schwermütige Ruhe flieht nun bald mit den letzten Nebelstreifen, sie flieht vor der Sonne, die dort drüben erwacht, am Horizont, grad unter der schwarzen Wolkenmauer, und vor der Saison, die nun auch heranzieht mir zahllosen Gästen 57 und Lärm und Vergnügen, und die jetzt nur wenig Vorläufer erst gesendet hat, melancholische Ruhesuchende und renommierende Touristen und die flachshaarigen Schüler aus Bergen, die gestern in zwei Leiterwagen kamen und mitten im Juni so schön das alte, verheißungsvolle Liedlein sangen:

»Der Mai ist gekommen,
Die Bäume schlagen aus –«;

nur den Takt zu halten verstanden sie nicht recht, und während auf dem ersten Leiterwagen der Mai noch kaum gekommen war, hatten auf dem zweiten die Bäume schon ausgeschlagen. Aber sonst ging es ganz gut.

Und nun kommt die Sonne. Der rote Streifen ist verschwunden, langsam verblaßt und zerronnen, aber unten, wo das murmelnde Meer den schwarzen Wolkenrand bespült, bricht eine purpurne Glut sich durch, nur schmal, dicht über dem Wasser, wie ein Feuerschiff. Über der Wolke zittert ein himmlisches Rosa, stärker und stärker, die schwarze Mauer erhält einen leuchtenden, goldigen Rand, und lange, schmale Sonnennebel, wie schmale Streifen von Sonnenstaub, wachsen fächerförmig hervor, am Himmelsgewölbe hinauf. Und wie vor dem alten klassischen König sich alles vergoldete, so wird nun alles am Himmel zu funkelndem Segen vor der göttlichen Majestät, die dort emporzieht. Die kleinen weißen Wölkchen, die am Himmel die Herrin erwartet hatten, werden zu flüssigem Gold, das herniedertropft und nun auch auf der schwarzen Wolke die Goldglut entzündet, daß die dunkle Mauer aufflammt an allen Ecken und Enden und wie eine alte Jubelbraut erscheint, die zum goldenen Ehrentag sich behängt.

58 Die Sonne steigt höher, noch immer hinter der Wolkenmauer. Aber je höher sie emporzieht, desto mehr ermattet das Gold der Wolken, und alles umher verblaßt, wenn sie selbst erscheint mit ihrer unvergänglichen, göttlichen Schönheit, die über allem leuchtet und zu allem lacht. Ein weiches, lichtes Blau, vergleichbar jenem auf den Bildern der italienischen Kirchenmaler, breitet sich wie ein Teppich vor ihr aus auf der Himmelsbahn, die grünen Wogen steigen zu ihr empor, die Wälder auf den Hügeln beugen sich vor ihr und grüßen sie mit Rauschen, wie der Troubadour die lange ersehnte Geliebte begrüßt. Aber den weißen Admiral mit dem Jasmin auf dem Hut kümmert das alles nichts, er kniet auf der Bootsbank und zählt: »eins – zwei – drei.« So kommen wir ans Land. 59

 

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