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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 4
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Auf einer grünen Insel

(Särö bei Göteborg)

Die Insel Särö ist eine der äußersten Inseln in dem großen Schärenarchipel, der den breiten Ausfluß des Götaelf vor Göteborg in zahllose einzelne Seengebiete zerteilt. Särö liegt nicht ganz so dicht am Kattegat wie Marstrand, aber von den Felsenhügeln der Insel kann man bemerken, daß eigentlich nur wenige schmale Schären den Weg zum freien Meere versperren. Marstrand und Särö sind die beliebtesten Badeorte der Schweden. Marstrand ist bekannter, hat die größere Anzahl Badegäste, Hotels und einen gewissen Komfort, aber seit einigen Jahren läßt die Konkurrenz, die ihnen von Särö droht, die Leute von Marstrand nicht schlafen.

Wenn man mit dem schwedischen Dampfer mittags von Kopenhagen oder gegen Abend von Malmö abfährt, erreicht man die Schären des Morgens, etwa um sechs. Besonders wenn das Meer bewegt ist, wenn das Wasser eine tiefe, leuchtende Farbe hat und die Wellen an all den dunkeln Felsenriffen rauschend anprallen, ist das Schauspiel außerordentlich und sehr phantastisch. Die Schären liegen im Wasser wie harthäutige 23 Ungetüme. Bisweilen hat man den Eindruck, als präsentierten schwimmende Elefanten ringsum dem Schiffe ihr Hinterteil. Fischerboote mit großen, gelben Segeln schießen zwischen den Klippeninseln hin. Das Meer ist bald fabelhaft blau und bald fabelhaft grün, und die nackten, blankgewaschenen Schären glänzen rotbraun im Morgenlicht. Selten, ganz selten steht auf einer der kahlen Steininseln ein rotes Blockhaus. Und bisweilen zeigt ein weißer Kreidefleck auf einem Felsen den Steuerleuten den Weg durch das Labyrinth.

Das Schauspiel kann noch ähnlich sein, wenn man dann mittags mit dem kleinen, schwarz und gelb gestrichenen Schärendampfer von Göteborg nach Särö hinausfährt. Ist das Meer erregt, ist das Licht günstig, so kann der Zauber vom Morgen sich am Mittag wiederholen. Aber wenn das Wasser bleigrau und unbeweglich daliegt, wenn das Licht, das – besser als ein alter Alchimist – Kohle in Gold verwandeln kann, nicht mehr mitspielen will, dann können die Schären reizlos, öde und langweilig aussehen, und das, was eben noch eine Chopinsche Sonate war, sinkt zu einer banalen und abgedroschenen Komposition herab.

Nach dieser Fahrt durch den Schärenarchipel wirkt Särö wie eine Überraschung. Särö ist das fruchtbare Eiland in der Felsenwüste, die grüne Insel zwischen den Klippen. Das Wort »Insel« ist hier ein wenig kühn – Särö liegt so dicht vor der schwedischen Felsenküste, daß es fast zum Festlande zu gehören scheint. Ein schmaler Meeresstreifen trennt die Insel von der Küste – ein Meeresstreifen, der zwischen den Wiesen zu einem gewöhnlichen Graben zusammenschmilzt – und ein paar 24 Latten verbinden, was der Meeresstreifen trennt. Die Wälder auf der Insel sind dicht und uralt, die breitstämmigen Buchen stehen neben rötlichen Kiefern, die Wurzeln verkrüppelter Eichen haben das Felsgestein gesprengt, und mitten in dem vollen dunklen Laubgrün erheben sich klobige oder zerrissene, von der Zeit geschwärzte Felskegel. Am Rande eines weiten, zum Meeresstreifen niedergehenden Tales liegen ein Restaurant, die Tennisplätze und einige Holzhäuser. Und ringsumher, den Talkessel umlagernd, und weiter drüben, zwischen den Wäldern und auf der steinbedeckten Küste, stehen die Blockhausvillen der Göteborger Handelsherren, bald beieinander in Gruppen, bald verborgen in einer umwaldeten Einsamkeit.

Man sieht das alles zuerst mit etwas gemischten Gefühlen. Die grünen Bäume sind ja sehr schön. Aber man hätte beinahe Lust, wie das Berliner Mädchen zu fragen: »Mutter, was jehen Ihnen die jrienen Bäume an?«, denn eigentlich hat man nicht gerade die grünen Bäume gesucht. In dieser Schärengegend sucht man kahle Klippen und Wasser. An kahlen Klippen ist ja auf dieser Insel, und besonders am Rande der Insel, kein Mangel, aber sie sind hier keinesfalls das Charakteristische. Und mit dem Wasser ist es hier eine eigene Sache – man sieht ja das offene Meer, wenn man auf diesen oder jenen Hügel steigt, man sieht es auch vom Weststrande aus, aber gebadet wird am Südstrande, in einer Bucht, in die keine Welle eindringt. Im Grunde ist diese Insel ein Seebad für Wasserscheue.

Die Familien von Göteborg gehen im Sommer hierher, weil sie die Klippen das ganze Jahr hindurch 25 sehen, und weil sie nun mal was anderes sehen wollen. Man erinnert sich an die Geschichte von dem Bauern, der beim König zu Tische geladen ist und Pellkartoffeln mit Hering bekommt. Der König hat noch nie Pellkartoffeln mit Hering gegessen, er hat das Gericht probieren wollen und findet es delikat. Der Bauer, der schon viel Pellkartoffeln mit Hering in seinem Leben geschluckt hat, ist betrübt. Die Reize von Särö schmecken dem Fremden zuerst wie Pellkartoffeln mit Hering.

* * *

Aber man söhnt sich sehr bald mit dieser grünen Insel aus. Man findet sehr bald, daß die Wälder wirklich eine seltene Pracht und Schönheit haben. Man sieht, wie gegen Abend oft ein seltsamer Lichtdunst über der Insel lagert, der die vollen Baumkronen noch voller und grandioser erscheinen läßt und den Felsenhöhen einen unbestimmten, fremdartigen Duftglanz gibt. Man wandert zum Festlande hinüber. Man kommt an stillen Holzvillen und rot gestrichenen Bauernhäusern vorbei, klettert über viel Gestein, sieht in einer engen Schlucht die großartigste aller Buchen, die sich zwischen haushohen, gigantischen Felsen mit mächtiger Lebenskraft hervordrängt, und steigt, kriecht und turnt zu einem der hohen, schroffen Felskegel empor. Dann sieht man vor sich, tief unten, das kleine grüne Särö, dahinter das tiefblaue Meer mit den dunkeln Schären, und landeinwärts eine unendliche Felsenwüste, die von der untergehenden Sonne mit einem violetten Schimmer bedeckt wird. Ein weißgetünchtes Kirchlein leuchtet zwischen dem 26 dunkeln Gestein. Kein Laut stört die große Abendruhe der Steinwüste, kein Mensch ist sichtbar, und nur die vielen schwarzen Kugelhäufchen, die eine Schafherde zwischen den Heidekrautbüscheln und dem Wachholder zurückgelassen hat, deuten an, daß hier schon früher denkende Wesen geweilt haben.

Es gibt etwas auf Särö, was ebenso schön ist wie die Wälder und die Felsen, und das sind die Menschen. Es sind meist Göteborger Familien hier – lauter wohlhabende Familien und einige reiche. Der ganz große Reichtum ist in Schweden – wie in Dänemark – selten. Die Wohlhabenheit ist – wie in ganz Skandinavien – fast allgemein. Der Handel von Göteborg ist sehr bedeutend. Die Göteborger könnten Millionärvermögen ansammeln, wenn sie wollten. Aber sie wollen nicht. Wenn sie so viel haben, daß sie vergnügt leben, gut essen und sehr viel trinken können, dann werfen sie die Arbeit in den Winkel. Sie wollen nicht ewig auf dem Bureauschemel hocken, sie wollen ihr Leben genießen; sie sind die Epikuräer des Nordens. Und in ganz Schweden ist es so, in Stockholm so gut wie in Göteborg.

Dieser Grundsatz: »leben und leben lassen«, tritt überall bestimmend auf. Die glücklichen Kinder in diesem glücklichen Lande haben drei runde volle Monate lang Sommerferien. Und auch im Rest des Jahres ist an Ferien kein Mangel. Es ist ein Hochvergnügen, diese Kinder hier auf Särö zu sehen. Sie schwimmen, tanzen, radeln, turnen, spielen Tennis, und das alles mit einer Gewandtheit und einer Grazie, von der man entzückt ist. An jedem Morgen wird in einem Turnsaal große Turnstunde abgehalten. Erst üben sich die Knaben, dann 27 die Mädchen. Eine Lehrerin paßt auf. Schon in Kopenhagen ist man bei den Kinderfesten im Tivoli erstaunt über die Vollendung, mit der die Sechs- und Siebenjährigen tanzen. Die Kopenhagener Kinder erhalten von ihrem vierten Jahre ab Tanzunterricht. Bei den Tanzfesten, die auf Särö jeden Sonnabend abend stattfinden, tanzen die kleinen Jungen und Mädchen bisweilen schwedische Nationaltänze. Es gibt in Schweden eine große Vereinigung, welche bestrebt ist, die Liebe zu diesen alten Volkstänzen wachzuerhalten. Die kleinen Jungen und Mädchen tanzen mit Liebe und mit Kunst.

Es ist gar kein Wunder, wenn sie bei dieser Lebensweise gesund und geschmeidig werden. Aber sie werden nicht nur gesund, sie werden auch frei, liebenswürdig, anstellig und manierlich. Die Schweden geben ungeheuer viel auf äußere Eleganz. Die Männer haben vorzügliche Schneider, die Damen haben einen natürlichen, angeborenen Schick, die Kinder sind immer sauber, adrett und gut frisiert. Alle haben tadellose Manieren. Jeder kleine Knabe im Matrosenanzug benimmt sich wie ein Prinz, oder wie ein Prinz sich benehmen sollte, und die Großen sind höflich, gefällig und gastfrei. Sie haben eine liebenswürdige Herzlichkeit, der erste wie der letzte. Vor vierzehn Tagen – ehe ich ankam – weilte der König auf Särö. Er besuchte hier einige der Villenbesitzer und aß abends zwanglos mit allen Badegästen im Restaurant. Er ließ sich die meisten vorstellen, klopfte Walter Leistikow auf die Schulter, und diese beiden ausgezeichneten Menschen, von denen jeder in seinem Fache Vorzügliches leistet, verstanden sich aufs beste. Der König ist hier ebenso nett wie seine Untertanen. 28 Mit einem Worte: all diese Leute betragen sich wie Kulturmenschen.

Wer viel in der Welt herumgereist ist, wird fast immer herausgefunden haben, daß man weit angenehmer mit den Angehörigen der kleinen Staaten als mit den Angehörigen der großen Nationen verkehrt. Jene sind meist freundlich, bescheiden und zuvorkommend, diese sind sehr oft protzig, eingebildet und vorlaut. Bei den kleinen Völkern, die nicht herausfordernd auftreten können, findet man noch die gute Lebensart. Die größten Nationen erzeugen die größten Flegel.

Diese kleinen Völker haben eigentlich in der heutigen Zeit eine Kulturmission. Die großen tranken alle mehr oder minder am chauvinistischen und nationalistischen Größenwahn, sie leben in Ideen, die mit den allgemeinen Kulturideen nicht das mindeste gemein haben. Gegenüber dieser Steigerung und Überhitzung des Nationalitätsgedankens könnten die kleinen Nationen den etwas in Vergessenheit geratenen Menschheitsgedanken hochhalten. Wenn die kleinen Nationen nicht die Krankheiten der großen erben wollten, dann könnten sie in dieser bisweilen etwas verblendeten Welt die Rolle des Warners, des Lehrers, des weisen Mentors spielen. Sie könnten den größeren nicht nur gute Manieren zeigen, sondern auch manchen guten Gedanken. Sie könnten wie die Erzieher an den Fürstenhöfen sein, die man ja auch aus den kleinen Geschlechtern zu wählen pflegt. 29

 

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