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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 32
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Regen

(Wengen)

Es ist ja gewiß richtig, daß der Mensch nirgends so klein erscheint wie in den Schweizer Bergen, aber die Menschheit erscheint nirgends so groß. Welch ein merkwürdiger und beinahe überwältigender Eindruck, wenn man nach einer längeren Reihe von Jahren wieder in Vitznau steht, in Vitznau am Vierwaldstätter See, und die Züge der Zahnradbahn in fast ununterbrochener Folge vom Rigi herunterrasseln sieht! In diesen offenen Wagen kommen in dichtgedrängten Massen die Touristen herab, die oben auf Rigi-Kulm den Sonnenaufgang genossen haben, und man erkennt den Engländer am Phlegma, den Franzosen an seiner theatralischen Geschwätzigkeit, und den Norddeutschen am wollenen Hemd. Nur einige wenige Personen blicken mit wirklichen Genießeraugen in die äußerst schöne Welt hinaus; die meisten sind übermüdet und starren ziemlich stumpfsinnig vor sich hin, und ungemein viele scheinen aus Furcht, den Sonnenaufgang zu versäumen, die Waschschüssel nicht berührt zu haben. Kaum halt der Bahnwagen in Vitznau, so drängt die Herde dieser nur noch auf 274 Sonnenbäder angewiesenen Touristen zum Dampfer, und die Fahrt geht weiter nach Flüelen, ohne Ruh', ohne Rast und ohne Seife.

Überall, wo ich vorbeikam oder einige Zeit verweilte, waren die Hotels voll zum Bersten, und die Hotelbesitzer segneten diesen unvergleichlichen Sommer. Auf Rigi-Kaltbad erholten sich die Berliner Bankdirektoren von ihrer schweren aber schönen Tätigkeit; auf dem behaglichen Rigi-First saß ein solides, angenehmes Publikum, und in dem bescheiden eingeklemmten Rigi-Klösterli saß ein anspruchsloser und ruhiger Mittelstand. Auf Rigi-Scheidegg, das so frei, von prachtvollen Winden umweht, gegenüber dem herrlichsten Panorama und abseits von der Heerstraße liegt, saßen viele alte rotwangige Herren aus dem Professoren-, dem Richter- und dem Handelsstande, Süddeutsche und Rheinländer, die einander mit liebenswürdiger Eitelkeit erzählten, daß sie zu Fuß nach First oder nach Kaltbad gegangen, und die sich mit heller Entrüstung wehrten, wenn ihre Gattinnen ihnen abends die warmen Mäntel herunterbrachten. In Interlaken aber residierte Don Carlos, königliche Hoheit und Herzog von Madrid, der vielleicht echte, aber unbeglaubigte Souverän Spaniens. Er ist jeder Zoll ein König ohne Land, eine jener Herrschernaturen, die geeignet scheinen, ein ganzes Volk unglücklich zu machen.

Hier in Wengen haben wir heute den ersten richtigen Regentag. Eine graue Nebelflut umwogt die Gletscher der Jungfrau und des Breithorns, und nur hin und wieder zerreißt an einer Stelle der Schleier, und dann zeigen sich, silbern schimmernd, wie aufgelöst und gleichsam schwebend in der Luft, ein Stückchen dunkler 275 Felsgrat und ein Fleckchen von den weißen Gletschern. Aus dem Lauterbrunner Tal steigen breit und phlegmatisch die Dämpfe auf, und unter Mürren, das drüben auf dem schrägen, grünen Abhang so waghalsig balanciert, als müßte es herunterrutschen und den kleinen Mädchen im Lauterbrunnental in die Schürzen springen, hängt ein weißer Wolkenkranz. Und eintönig, träge und ausdauernd fällt ein dünner Rieselregen auf die grünen, gewellten Matten, auf denen weithin zerstreut und mit großen Zwischenräumen die Hotels, die Pensionate, die Bauernhäuser und Sennerhütten von Wengen stehen.

Dieses Wengen ist leider im Begriff, sich zu einem der beliebtesten und besuchtesten Höhenorte in der Schweiz zu entwickeln. Das ist nicht gerade wunderbar, denn es gibt nur wenige Plätze, die zugleich so grünumsponnen, so waldidyllenhaft und doch den höheren Eisregionen so außerordentlich nahe wären. Man braucht nicht einmal die Zahnradbahn zu besteigen, man braucht nur auf dem Wege, der zur Mettlenalp hinaufführt, anderthalb oder zwei Stunden bergauf zu gehen, und man steht mit Ergriffenheit und Hochgefühl vor der riesigen Eis- und Felswand, aus der oben das breite Haupt der Jungfrau, das runde des Mönch und das spitze des Eiger aufragen. Die Fremden finden es in jedem Jahre anziehender, so am Busen der Jungfrau zu wohnen, und die geschäftskundigen Schweizer bauen immer neue Hotels. Mit dieser Bautätigkeit geht es in der Schweiz bekanntlich sehr schnell: ein paar Bretter und Balken werden zu einem großen Kasten mit luftiger Veranda zusammengezimmert, die etwas dürftigen Möbel kommen aus Basel oder Bern, an den Türen 276 auf den Korridoren werden Nummernschilder, und an der letzten kleineren Tür wird ein Schild mit den üblichen zwei Buchstaben befestigt, im Salon werden ein Dominokasten und ein Damebrett auf den Tisch gestellt, und das gemütliche »home« der Fremden ist fertig.

In dem Hotel, in dem ich nicht ohne Mühe und auch nicht ohne ein nachträgliches Bedauern ein Zimmer gefunden habe, wohnen Angehörige der verschiedensten Nationen. Wie gewöhnlich sind die Engländer und besonders die Engländerinnen aus den älteren Jahrgängen in der Mehrzahl; aber es gibt auch Deutsche aus allen Gauen, viele Franzosen, zwei reizende Amerikanerinnen, ein Ehepaar aus Wien und mehrere Italiener. Eine französische Provinzfamilie, lärmend, unmanierlich und renommiersüchtig wie die meisten französischen Provinzfamilien auf Reisen, hat einen geistlichen Kindererzieher, einen Abbé, mitgeschleppt, der bei Tisch seine Kauwerkzeuge überanstrengt und die Erziehung seiner Zöglinge dem Himmel anbefiehlt. Da es heute regnet, so waren naturgemäß die Hotelbewohner an der Table d'hote noch mehr als sonst geneigt, über das mangelhafte Essen zu klagen, und besonders Personen, die sich zu Hause wahrscheinlich mit Bouletten und aufgewärmtem Kohl begnügen, erklärten, daß ihnen vier Gänge zu wenig wären.

Es ist in Wengen bei Regenwetter durchaus unmöglich, sich auf die elenden, weich zerfließenden Wiesenwege hinauszuwagen, und so erwacht denn an solchen Tagen in Menschen, denen man nichts dergleichen ansieht, ein tiefes Bildungsbedürfnis. Die einen unterhalten sich über gelehrte Fragen, die anderen verlangen 277 nach Lektüre, und da nur die allerwenigsten ein Buch in den Koffer gepackt haben, so herrscht an dem sogenannten Bibliothekschrank ein erheblicher Andrang. Auf einem Sofa im Rauchzimmer sitzt die Wienerin in einem seidenen Kleide, das weder zu den Bergen noch zu dem Regen paßt, und läßt sich von ihrem Gatten, der die Sache auch nicht näher kennt und scheue Blicke um sich wirft, über die Entstehung der Gletscher informieren. Dabei wiederholt sie immer wieder, kühn und eindringlich, diesen ziemlich merkwürdigen Satz: »Aber schau amal, Herz, i denk mir, a Gletscher hat doch halt eine Basis!« Ein Herr aus Sachsen verteidigt die Gurken, die ein anderer angegriffen hat, und erklärt: »Das ist wirklich ein Vorurteil, daß die Gurken im Sommer schädlich sein sollen, man muß sie nur gehörig ziehen lassen, das ist schon was Gutes!« In Spanien hat ein Finanzminister – ich weiß nicht mehr, welcher – vor einiger Zeit die Entdeckung gemacht, daß infolge der Steuerunterschlagungen der Grundbesitzer der Umfang gewisser spanischer Provinzen bisher viel zu niedrig angegeben worden. Immer, wenn ich die vielen Sachsen sehe, die in der Schweiz herumreisen, frage ich mich, ob nicht auch in die deutschen Rechenbücher ein Fehler sich eingeschlichen, und ob nicht auch Sachsen ungleich größer ist, als man bis heute angenommen.

Seit einigen Minuten hat der Regen aufgehört, auf die Matten von Wengen niederzurieseln. Wunderbar finster, blautönig, mit den weißen Eisfeldern auf dem schwarzblauen Gestein, treten unter den dunklen Wolkenmassen das Breithorn und die benachbarten Gletscherberge hervor, und über dem grünen Waldhügel 278 zeigt sich mit seltsam tiefem Braun und blendendem Weiß die Jungfrau. Überall auf den Hügeln und Höhen liegt dichter, frisch gefallener Schnee, und der Herr aus Sachsen, der nicht wie andere Sachsen beim Anblick großer Naturschönheiten schmunzelt, sondern bedächtig die Augenbrauen in die Höhe zieht, erklärt das für ein gutes Zeichen. Schon erscheint auf dem aufgeweichten, verwahrlosten Wiesenwege das erste lebende Geschöpf, ein Wesen offenbar weiblichen Geschlechts, in einem mit Klammern rundherum aufgeschürzten Reformkleide und mit einem jener immergrünen Schleier auf dem Hütchen, die von den Modejournalen als letzte Pariser Neuheit empfohlen worden sind. Aber bei diesem Anblick verhüllt die Jungfrau wieder ihr Haupt, alle Gletscher wickeln sich in die Nebelwolken ein, die aus dem Lauterbrunner Tal in betrübender Ausdauer aufsteigen, und es beginnt aufs neue zu regnen.

 


 

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