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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 30
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Kathedrale

(Toledo)

Die Kathedrale von Toledo ist eine der reichsten in Spanien, eine der reichsten in der Welt. In dieser kühlen, etwas zu schweren, etwas unfreien gotischen Kirche irrt man stöhnend herum, wie in einem rechten Kunstspeicher. Die Kunstprodukte von vier oder fünf Jahrhunderten sind hier in ausgewählten Musterproben übereinander gestapelt. Von der geometrischen Arabeskenarchitektur der Mauren, die man im Kapitelsaal bewundern kann, bis zu den üppigen barocken Marmorphantasien des achtzehnten Jahrhunderts, die man mit gemischten Gefühlen auf die älteren, ernsten und naiven Reliefs der Capilla Mayor getürmt sieht, ist von allem eine Probe oder ein Pröbchen da. Besonders schön sind die alten spanischen Holzschnitzereien an den Chorstühlen und Schränken – nicht ganz so harmonisch und formenschön vielleicht wie die gleichzeitig in Florenz entstandenen, aber dafür von einem sehr lebensvollen, sehr energischen Realismus. Die Holzschnitzerei ist eine von den mehreren Künsten, die in Spanien in Verfall geraten sind.

In einer tiefen Seitenkapelle brannten um einen 262 ganz in Gold und Marmor prunkenden Altar sechs rötlich dunstige Lichtlein. Irgend ein heiliges Kleidungsstück, ein Mantel der Maria, glaube ich, wird dort verehrt. Die sechs rötlichen Flämmchen spendeten nur ein schwaches, dämmeriges Licht – eine weiche Trauerstimmung lag über der weltfernen Kapelle, und die Beter und die schwarzumhüllten Beterinnen, die auf dem Boden knieten, den Kopf tief gesenkt, schienen in einen magnetischen Schlaf verfallen. Nur die qualmigen Flämmchen bewegten sich dann und wann, von irgendeinem kaum verspürbaren Windshauch gestreift, der sich vom fernen Kirchenportal hierher verirrt.

Plötzlich erhob sich am andern Ende der mächtigen kühlen Kathedrale ein keuchendes, röchelndes Husten. Es kam wie aus einer zerbrochenen Brust – blechern, grell und hart wie der Ton eines zersprungenen Glases. Es hörte nicht auf und klang gespenstisch bellend durch die gotischen Steinhallen.

Ich ging zu der Seite hinüber, von welcher das Flüstern kam, und sah ein altes, in fadenscheinige Lumpen gehülltes, ausgedörrtes Weiblein, das auf den Knien lag und sich in seiner Pein vor- und rückwärts bog und wand. Von Zeit zu Zeit fiel die arme alte Jammergestalt nach vorn auf die Hände – die Hände preßten sich gegen den kalten Steinboden, als suchten sie ohnmächtig ihn zu umkrallen, und der gebogene scharfe Rücken des Weibleins zuckte unter der Erschütterung auf und nieder. Von Zeit zu Zeit auch richtete die Arme sich auf den Knien auf, bog sich weit zurück und ließ ihr keuchendes Klagelied zum Himmel und zu dem großen Herrn der Kathedrale dort oben hinauftönen wie einen 263 jammernden Hilferuf oder wie den hilflosen Sterbegesang einer zerstörten Orgel.

Es kam keine Antwort von dort oben, aber es kam bald ein Echo von allen Seiten. Aus den Seitenschiffen und aus all den vielen Kapellen kam solches Husten, und ich sah nun überall solche gequälten alten Weiblein, die ihr Elend und ihre Not zu dem Himmel und seinen Heiligen emporheulten. Es klang unheimlich, beängstigend, unsagbar traurig, und es vertrieb mich aus der Kirche.

* * *

Als ich durch die arabischen weißen Straßen, deren übertünchte Häuserwände nur dann und wann durch ein kleines Fenster und nur selten durch einen mit roten und gelben Blumen geschmückten Balkon unterbrochen werden, zum Hotel zurückkehrte, traf ich einen Berliner. Ich war ihm schon früher im Pradomuseum zu Madrid begegnet, wo er an den Bildern Goyas ausrief: »Goya? Wer ist Goya? Kenne ich nicht!« Jetzt rief er mir schon von fern entgegen: »Was sagen Sie zu Toledo? Eine kolossale Sache, was?« Und nachdem er in seinem Gedächtnisschubfach nach irgendeinem treffenden Wort gesucht hatte, setzte er hinzu: »Eine Einheitlichkeit der Stimmung –!«

Im Interesse dieser »Einheitlichkeit der Stimmung« war es mir lieb, daß er mit dem Nachmittagszuge abfuhr. Aber im übrigen hatte er recht – es ist »eine kolossale Sache«. Und außer der römischen Campagna wüßte ich nichts, ums von einer so einheitlich ernsten, so monumental ernsten Stimmung umzogen und 264 umwoben wäre wie dieses Toledo auf seinem harten, starren, vom dunklen Tajo umrauschten Felsenkegel. Nur daß der Ernst der Campagna ein etwas melancholischer und doch göttlich heiterer Ernst ist, während der ernste Zauber Toledos bedrückend und bitter ist, ohne einen einzigen versöhnenden und mildernden Zug.

Man ist, wenn man in Spanien reist, zuerst ein wenig überrascht, in diesem Lande, wo der Peterspfennig noch immer einen der hauptsächlichsten Exportartikel bildet, das äußere Leben eigentlich wenig vom Pietismus beeinflußt zu sehen. Man findet mehr Leichtigkeit, mehr helle Lebensfärbung, als man erwartet hat. In dem charakterlosen Madrid läßt die pariserische Eleganz, in dem lichtfunkelnden Süden lassen die graziösen Formen die Erinnerung an das Spanien der Inquisition nicht recht aufkommen. Und in Wahrheit ist ja die Frömmigkeit heute nur noch bei den Frauen in Spanien ganz wurzelfest und waschecht – die meisten Männer gehen eigentlich nur noch zur Beichte, weil es selbstverständlich ist, daß man auch manchmal beichtet, wie man sich ja auch manchmal wäscht. Sie waschen bisweilen ihre Seele und ihren Körper, aber sie legen auf diese Zeremonien keinen besonderen Wert.

Man muß nach Toledo gehen, um den Geist der alten spanischen Inquisition in aller Unmittelbarkeit zu verspüren. In dieser Stadt der streitbaren Bischöfe hat man den Kreuzzug gegen die Mauren Granadas gerüstet, und nirgends hat man die Juden so schmackhaft zu braten verstanden wie hier. Besonders gründlich briet man, wie es scheint, diejenigen, die nicht rechtzeitig die eiserne Geldtruhe aufgesperrt hatten, denn die 265 Inquisition beruhte, wie so viele andere große historische Erscheinungen, im Grunde auf einer Finanzspekulation, und die Torquemadas der Inquisition waren die Ferdinand Cortez des spanischen Mutterlandes.

Auf dem Kollegiumsbänkchen zu Füßen des berühmtesten Professors saugt man nicht so viel geschichtliche Weisheit ein wie auf einem jener natürlichen Felsensitze auf dem linken Ufer des Tajo, im Angesicht dieser in steinerner Höhe ragenden merkwürdigen Stadt. Der schwarze Tajo stürzt vorüber und sucht sich zur Linken den Weg zwischen den Felswänden. Immer neue steinerne Kulissen schieben sich dort vor, dunkelgrau, hier und dort von einem Fleckchen dunklen Grüns überzogen. Aus kantigen Felsen, die im Wasser liegen, wachsen kleine Häuschen heraus – sie scheinen eins, scheinen verwachsen mit dem Fels, auf dem sie stehen. Zur Rechten schneidet die alte, steinerne Alcantarabrücke mit ihrem schweren Wachtturm die Aussicht ab. Unter ihrem mittelsten Bogen erscheint ein leuchtendes Stückchen Ufergrün – der einzige helle und heitere Farbenton in dieser grandios eintönigen, starren Hymne des Steins.

Aber drüben auf dem rechten Ufer, auf diesem fast senkrecht aufsteigenden Felskegel, liegt die weißgraue Stadt. Weißgrau, öde und tot, als wäre ein giftiger Wüstenwind über sie hinweggefahren. Sie hat nicht jene frische Greisenhaftigkeit der alten Burgruinen des Nordens, die ein saftiger Efeu umrankt. Sie hat etwas Versandetes, etwas Ausgedörrtes, etwas gespenstisch Fahles.

Rechts, über die lange Alcantarabrücke, sind die Männer, Weiber und Kinder fortgezogen, welche die 266 Inquisition aus der Stadt verjagt hat. Sie trieben ihre kleinen Maulesel vorwärts und sahen sich nicht um. Aber von dem Wachtturm rief man ihnen drollige Abschiedsgrüße nach, und von der Kathedrale her läuteten die Glocken.

Die Glocken auf dem Turm läuteten fortwährend. Sie läuteten bei der Verbrennung und bei der Austreibung der Juden und bei dem Kreuzzug gegen die Mauren. Die größte und mittelste hat eines Tages vor Freude so laut gejauchzt, daß sie einen breiten Sprung davongetragen hat. Und je mehr die Glocken läuteten, desto reicher wurde die Kathedrale – und desto ärmer wurde die Stadt.

Denn das ist das sehr Merkwürdige und das sehr Lehrreiche: in dem Maße, wie die Kathedrale sich verbreiterte, sich blähte, sich vollfraß und reich und mächtig wurde, in dem gleichen Maße wurde die Stadt schwindsüchtig und blutarm. Die Kathedrale wuchs und wuchs, und die Einwohnerzahl der Stadt sank von zweimalhunderttausend auf siebzehntausend hinab. Die Kathedrale war der große Schwamm, der alles Leben und allen Reichtum ringsumher in sich aufsaugte, sie war der Moloch, der allmählich die fromme Stadt verschlang.

* * *

Besonders schön ist der Blick auf Toledo, wenn die erste weiche Dämmerluft sich um die weißgraue Stadt und um all dieses harte Gestein gelegt hat. Es ist die »heroische Landschaft« großen Stils, wie man sie zum Entzücken unserer Großväter malte – ehe unsere 267 modernen Landschafter entdeckt hatten, daß die Natur eine Seele habe. Aber es ist auch die beseelte Landschaft – beseelt mit einer traurigen, kranken, todmüden Seele.

Sie Sonne geht unter, und ein rötlicher Dunstschein bleibt über dem vom Dämmernebel eingewobenen Toledo, wie der feurige Widerschein eines fröhlichen Autodafés. Und die Glocken der Kathedrale läuten wieder, voll und wuchtig.

Aber plötzlich ist es, als dränge, grell und störend, durch das Glockengeläute ein anderer Ton hindurch. Ein blecherner, hustender Ton: das röchelnde Husten, das aus der zerbrochenen Brust des armen Weibleins kam. Dieser mißtönige Laut wird stärker und stärker – er kommt nicht mehr aus einer Brust, er kommt aus tausend zerbrochenen Brüsten, kommt aus der ganzen ausgesogenen, ausgemergelten, in ihrer Kraft zerbrochenen Stadt, kommt von all den Höhen, aus dem ganzen Lande – weit her aus dem fernen Cordova, wo nur die herrliche, von pfäffischer Barbarenhand mißhandelte Moschee noch die vergangene Größe meldet – aus dem dahinsiechenden Granada, dessen ehemalige heitere Schönheit sich in den Resten der Alhambra verkündet. Und der Todeshusten der hingemordeten Städte und das triumphierende Läuten der Glocken klingen harmonisch ineinander. 268

 

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