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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 3
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Sklaven

(Girgenti)

Oft sind auf den Bildern einer alten naiven Zeit Paradies und Fegefeuer dicht nebeneinander gemalt. Nur eine schmale Wand trennt die Gefilde der Seligen von den Höhlen der Verworfenheit.

So liegen auf Sizilien Zaubergärten, in denen die Lieder der Freude niemals zu sterben scheinen, und traurige Öden eng beieinander. Auch die Scheidewand ist gefallen, und die Reisenden jagen im Bahnzug durch Blumenhaine und Wüsten hindurch und wundern sich über den jähen Wechsel.

Diese Wüsten sind die Gebiete des Schwefels. Dort haftet er unterirdisch am Gestein, geht er in tausend Adern durch die Erde, und über ihm wölben sich rötliche und gelbe Hügel, und die Öfen senden jenen scharfen Dampf hinaus, der in weiten Strecken die Vegetation vernichtet, alles Blütenleben tötet.

Ich hatte vor einigen Wochen in Neapel einen jungen Dänen getroffen, der von Sizilien kam. Man sieht ziemlich viele Dänen in Italien; ich glaube, sie suchen hier nicht die warme Sonne, sie verlassen nur ihr 13 Vaterland, weil dort kein Raum ist für so viel feingebildete Menschen, weil sie alle das Gefühl des Erstickens haben.

Eines Abends, als ich mit diesem Dänen in der breiten Baumallee am Golf spazierenging, und wir schon genug über alle möglichen Fragen der Literatur und des Lebens gesprochen hatten, blieb er plötzlich stehen und sagte: »Wissen Sie, daß es dort drüben in Sizilien Sklaven gibt?«

Er sagte das mit einer Stimme, durch die es wie eine entsetzliche Erinnerung hindurchzitterte, eine Erinnerung, die man abschütteln möchte und doch immer weiter nährt. Und an diese Worte, an den Ton dieser Stimme erinnerte ich mich, als ich vor wenig Tagen in Begleitung des Minenbesitzers nach den Schwefelgruben fuhr.

Dieser Besitzer der größten und ertragreichsten Grube bei Girgenti war ein Deutscher, ein Westfale, mit einer Körperbildung, die ihn befähigt erscheinen ließ, von den zwölf Arbeiten des Herkules zum mindesten sechs auszuführen. Er war vor mehr als zwanzig Jahren als Ingenieur in die Minen gekommen, dann hatte er die Gruben selbst übernommen, das heißt, er hatte für eine gewisse Zeitdauer von den Landbesitzern die unterirdischen Terrains gepachtet. Er war liebenswürdig und gastfrei, aber er besaß auch jene skrupellose Rücksichtslosigkeit, die ebensooft die Kultur zurückdämmen als fördern kann. Doch er wollte ja von Kultur nichts wissen. »Ich bin nicht hierhergekommen, um Kultur zu treiben,« sagte er.

Es war em unfreundlicher Tag, und während wir 14 mit der Bahn von Girgenti nach Grotte fuhren – einem kleinen Dörfchen, das fast nur von Minenarbeitern bewohnt wird –, schlugen sogar ein paar Regentropfen gegen die Scheiben. Und die Blumengärten verschwanden, und die öden Wüstenflächen tauchten auf mit ihren langen Reihen von roten und gelben Hügeln, über denen ein weißlicher, dünner Dunst lag, welcher den ganzen Horizont verschleierte und über immer neue Hügelketten hinzog, über tote Hügel ohne Baum, ohne Strauch, ohne den mildernden Schmuck wuchernder Gräser. Wie Grabhügel waren sie, wie Grabhügel eines riesigen Kirchhofs. Die finstere Göttin des Todes hatte dies Land durchzogen, oder jene wilden Reiter waren hindurchgejagt, die mit langen Sicheln das Leben niedermähen und deren Rosse mit glühenden Hufen das Land versengen.

Von Grotte aus, wo auf dem Bahnhof die Wagen mit den gelben Schwefelwürfeln standen – je leuchtender das Gelb, desto feiner ist im allgemeinen der Schwefel – gingen wir zu Fuß hinab, eine halbe Stunde durch Morast und über loses Gestein. Es hatte aufgehört zu regnen, aber alles lag trübselig da, noch trübseliger in diesem matten, glanzlosen Licht des Regentages. Unterwegs erfuhr ich alles Nötige und Wissenswerte – daß Sizilien etwa 300 000 000 Kilogramm Schwefel im Jahr exportiert, daß in letzter Zeit der Export stark zurückgegangen war, weil der große Abnehmer Amerika Minen in Japan entdeckt haben will, daß die Preise jetzt aber wieder stark in die Höhe gehen, daß die Erträge der gesamten Minen fast nur für die Bereitung von Schwefelsäure aufgewendet werden, während die 15 Schießpulverbereitung nur einen winzigen Bruchteil in Anspruch nimmt, und schließlich, daß Deutschland in der Reihe der Käufer nur den vierten Platz behaupten kann. Und ich hörte, daß die meisten Gruben Siziliens noch sehr primitiv arbeiteten, daß aber die Arbeit mit großen Maschinen sich hier, wo der Grund immer nur auf einige Jahre gepachtet werde, nicht rentieren könne.

Dann sah ich die Öfen, von denen es auf der Grube zwei Arten gab. Die Öfen nach dem alten System waren nichts als große Gruben, die mit dem schwefelhaltigen Gestein gefüllt und oben angezündet werden. Langsam fließt dann der Schwefel unten in Röhren ab – fünfundsiebzig Prozent gehen bei dieser einfachen Schmelzmethode verloren. Die Regierung aber will das Anzünden dieser Gruben während des Winters nicht mehr dulden, da die gewaltigen Dämpfe das Saatland bis in endlose Weiten vergiften.

Die neuen Öfen sind tiefe, brunnenartige Erdlöcher, von denen ein jedes zweiundvierzig Kubikmeter Schwefel fassen kann. Etwa sechs von ihnen stehen untereinander in Verbindung; der Inhalt des einen wird angezündet, und die entwickelte Hitze teilt sich den andern unterirdisch mit. Der Schwefel schmilzt innerhalb vierundzwanzig Stunden in einem jeden der Öfen, und hundert Zentner Schwefel fließen aus einem jeglichen als braune Flüssigkeit sirupartig in bereitgestellte Würfelformen.

Und dann kamen uns die Maultiere entgegen, in langen Karawanen, sie gingen mit ihren langsamen, vorsichtigen Schritten und bewegten die großen Ohren; jedes von ihnen trug in den Rückentaschen zwei von den gelben, schweren Würfeln zum Bahnhof.

16 Als wir zum Eingang der Grube kamen, mußten wir die Jacken zurücklassen, der Hitze wegen. Wie Rauch stieg die warme Luft von unten empor, und dieser Luft, die dick schien wie eine Wolke, entwanden sich Menschen, Männer, die den Körper bis zum Gürtel hinab entblößt hatten und Tücher mit Schwefelgestein auf dem Haupt trugen. Es waren die Helden meiner Tragödie.

Erinnerst du dich, Leser, wie der kluge Narr, des armen Königs Lear Begleiter, aus Edgar Glosters Höhle hinausstürzt auf die Heide, wo der Regen rauscht und der Sturmwind heult, und der tollgewordene König die machtlosen Arme emporstreckte – erinnerst du dich an des Narren Schrei: »Ein Geist, ein Geist«, an das Entsetzen in seiner Stimme und in seinen Augen, die dort unten den falschen Irren, den entblößten Höhlenbewohner gesehen hatten? Mir war, während ich in jene Schwefelgrube niederstieg, als hörte ich den Schrei, als sähe ich den Narren an mir vorüberstürzen, bleich und entsetzt, kaum fähig zu rufen: »Gevatter, ein Geist, ein Geist!«

Waren es Geister, die sich dort langsam aus der dunklen Höhle emporrangen, arme Tantaliden, die man hier ewig an die Finsternis und die Last der Felsen geschmiedet hatte, weil sie von der Tafel der Götter zu essen begehrten? Wie eine gewaltige Schlange von Menschenleibern ringelte es sich aus der Tiefe empor, röchelnd und schweißbedeckt – wie die Kette im Ziehbrunnen stieg es in die Höhe, aber diese Kette hatte Glieder, menschliche Glieder.

Die Höhle war ganz schmal, gerade breit genug, um zwei Menschen eng nebeneinander gehen und steigen 17 zu lassen. Es ging schräg in die Erde hinab, auf schlecht gehauenen, erbärmlichen Felsenstufen, die ganz glatt waren von dem niedergeronnenen Schweiß der Menschen und der tropfenden Feuchtigkeit der Wände. Man konnte nur gebückt gehen, und rings an den Felsen sah man die gelben Adern des Schwefels wie lange Ströme und Flüsse mit tausend Verzweigungen, die durch das Gestein dahinschossen und sich immer wieder teilten und zusammenfanden.

Auf sechshundert Stufen geht es so hinab, einhundertundfünfzig Meter weit! Und wir stiegen und stiegen, und neben uns, eng an uns, kletterten diese nackten Menschenleiber aufwärts, ringelte sich diese Schlange empor, und es gab gar keine Lücke zwischen ihnen, nicht die kleinste Lücke, es war ein Elend ohne Pause, ohne Ruhe, ein Elend in Ewigkeit, das Elend, das stumm war und doch dort hinaufzuschreien schien, wo zwischen den Felsen längst der kleinste Schimmer himmlischen Lichts erstorben war.

Vierzehnmal am Tage, vierzehnmal stiegen sie diesen Weg, kletterten sie empor zwischen den engen, feuchten Wänden auf diesen elenden sechshundert Stufen, die Steinlasten auf dem Kopf, den Blick immer nur auf die nächste Stufe gerichtet. Nie sahen sie etwas anderes als immer nur diese eine nächste Stufe, und sie krochen auf Händen und Füßen, mit krummen Rücken, an denen die Knochen weit herausstanden, und mit stumpfen, leeren Gesichtern.

Sie trugen kleine Öllämpchen zwischen den Steinen auf dem Haupt, und der flackernde, dürftige Schein der 18 Flammen huschte gelb über die nächste Stufe und umspielte ein wenig die Gesichter. Die meisten zeigten seltsamerweise ganz deutlich den Negertyp mit breiter Nase, aufgeworfenen Lippen und starken Backenknochen; andere hatten den Arabertyp bewahrt, alle aber erinnerten an vergangene Zeiten, an jene alten Zeiten, da in dem großen Erdkessel Sizilien die Menschenrassen und Völkerstämme so seltsam durcheinandergekocht und gemengt wurden.

Ich sah mich um, denn ich mußte einen Augenblick ruhen. Ein großer schwarzer Hund drängte sich an der Wand vorbei und sprang in die Tiefe, und hinter mir sah ich den Grubenbesitzer, der langsam niederstieg. »Wieviel haben Sie von diesen Unglücklichen?« fragte ich. »Ja,« sagte er, »gegenwärtig beschäftigt die Grube siebenhundert, aber bald werden es zweitausend sein.«

Siebenhundert – zweitausend! Und in den anderen Gruben dort rings im Land noch zahllose Hunderte, zahllose Tausende, alle des Lichts beraubt, zu Tieren erniedrigt, um das große Gottesgeschenk betrogen! Tausende, die längst vergaßen, daß sie Menschen sind, Menschen mit dem Anrecht auf den warmen Liebesblick des Himmels, mit dem Anrecht auf jene Sonnenstrahlen, in denen jenseits dieser Öde der Garten Eden in prunkenden Farben gebreitet liegt, mit dem alten, schönen Spruch: Seid glücklich!

Nun kann der eine der Ärmsten neben mir nicht mehr weiter. Er setzt sich nieder auf die Stufe und keucht, daß sein ganzer Körper wie in einem aufringenden Stöhnen erschüttert scheint. Es ist ein Kind, ein Knabe, gewiß 19 kaum zehnjährig. Es ist verboten, diese Kinder unter zwölf Jahren hier einzuspannen, es gibt auch einen Schulzwang und Gesetze, aber ich habe Knaben gesehen, die kaum acht, neun Jahre zählen konnten, und ich weiß, daß kein Lehrer ihnen nachsteigt, um sie aus der dunklen Höhle heraufzuholen in die Schulstube. Und wer dieses Leben nicht ertragen kann, der stirbt in den ersten zwei Jahren, die andern aber steigen weiter, immer zwischen den engen Wänden, immer nur den Blick auf die nächste Stufe gerichtet, auf die matt und gelblich der Schein des Öllämpchens fällt. Vierzehnmal am Tage gehen sie ihren Weg, ihre sechshundert Stufen, als Knabe, als Jüngling, als Mann, bis der Tod kommt, und auch der Tod reißt keine Lücke in diese Kette, die endlos immer von neuem sich zusammenschmiedet.

Als wir so hinunterstiegen neben diesen kriechenden, keuchenden Leibern, konnte ich den Gedanken nicht los werden: warum rächen sie sich nicht? Er kam nicht als eine Furcht, er kam fast wie eine Hoffnung. Warum rächen sie sich nicht? Warum wirft sich diese gewaltige Schlange nicht gegen uns und erdrückt uns an dem Felsen, warum nehmen sie nicht Rache an denen, die auch nur Menschen sind und doch wieder hinaufsteigen dürfen zum Licht und dort wohnen dürfen, in Gärten und Sonnenschein – warum rächen sie sich nicht? Warum stürzten sie nicht mit einem einzigen Schrei, der wie der Schrei nach Luft und der Schrei nach Rache, wie Triumph und Jauchzen wäre, nach oben, warum werfen sie die Last nicht von sich, warum lassen sie das Menschentum in sich treten und knechten, warum schlagen und beißen und zerschmettern sie nicht, warum wehren 20 sie sich nicht einmal –? Oh, daß sie sich wehren möchten! daß sie die Schuld nicht endlos sich häufen ließen!

Aber sie kriechen mit stumpfen Gesichtern weiter, ihre Augen suchen nur die nächste Stufe, und wenn die Glieder ermatten, dann kommt der Aufseher und kneift liebkosend das Fleisch. Und dann grinsen sie alle, und auch der Ermattete kriecht wieder keuchend empor.

Als ich nachher in dem Zimmer des Grubenbesitzers saß, und er Wein und Speisen auftragen ließ, die, nur von Papier umhüllt, in dem heißen Schwefel gekocht waren, hörte ich, daß diese Unglücklichen nicht von dem Besitzer selbst, sondern von den eigentlichen Bergarbeitern angeworben würden. Jeder der Arbeiter, die je nach dem Fortgang ihrer Arbeit bezahlt werden, ist verpflichtet, das losgeschlagene Gestein nach oben befördern zu lassen. Er hält fünf, sechs, oft zehn solcher Träger, die er manchmal mietet, häufig aber als Kinder kauft.

»Sind diese Leute nicht militärpflichtig?« fragte ich.

»Ja, aber sie kommen gern wieder zurück. Sie sind an diese Arbeit gewöhnt.«

Sie kommen gern – ist das nicht das Grausigste in dieser Tragödie? Sie sind als Kinder, als sie noch keinen Willen hatten, als sie sich nicht wehren, nicht widersetzen, nicht sträuben konnten, in diese Erdhöhlen, in diesen gräßlichen Zwang gebannt worden. Sie haben dort unten in der Finsternis gelebt, und da ist das Licht in ihnen selbst erstorben. Langsam ist es ausgelöscht worden, bis in ihnen selbst die große, sonnenlose Nacht anbrach. Sie vergaßen, daß sie als Menschen geboren wurden, und immer sehnen sie sich dorthin zurück, wo 21 sie nicht Menschen zu sein brauchen, wo sie Tiere sein dürfen. Und sie wehren sich gar nicht, und sie rächen sich nicht, denn es ist so tot in ihnen, und sie wissen längst nicht mehr, daß es etwas anderes geben kann, etwas Besseres und Freieres, als dahinzukriechen, mit der Last auf dem Haupte, und mit den Blicken immer nur die eine nächste Stufe zu suchen, auf die der gelblich matte Schein des kleinen Öllämpchens fällt. 22

 

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