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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 22
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Prinz

(Tunis)

Wie oft, wenn man einen Menschen so ganz bewegungs- und regungslos dasitzen sieht – im Tiergarten auf der Bank, in Heringsdorf am Strand, auf Capri an der Table d'hote – hat man Lust, sich zu fragen: woran denkt der Mann? So wäre es interessant, zu wissen, woran diese Orientalen in den Jahrhunderten ihres Stillsitzens gedacht haben.

Sollte man nicht meinen, Kunst und Literatur hätten bei ihnen zu hoher Blüte gelangen müssen? Wie viel Zeit hatte nicht ihre Phantasie, sich auszubreiten und aufwärts zu steigen! Konnte sie nicht tausend Farben annehmen, zu Gluthitze sich entfachen, zu einer treibenden, schaffenden, gebärenden Glut? Und konnten die Denker nicht jeden Gedanken bis an sein letztes fernstes Endziel ausdenken, konnten sie nicht in dieser unberührten Stille, in dieser gewissermaßen geheiligten Ruhe, in welcher der Pendelschlag der Zeituhr nicht störend die Stunden auseinanderriß, über alle Systeme und über alle kleinlichen Gegenwartsfragen hinweg zu jener ultima Thule, zu jenen großen, reinen, kristallenen Wohnungen 179 des Geistes gelangen, von denen wir anderen, wir Zerstreuten, mit hundert winzigen Interessen Behafteten, nur blasse, zaghafte Träume träumen dürfen?

Und man sehe sich bei ihnen um: wohin sind sie gelangt? Sie haben eine Kunst, eine Architektur, die seit Jahrhunderten sich endlos gleich bleibt und durch keinen einzigen neuen Zug, durch kein neues Strichelchen oder Erkerchen Bewegung in die alten Formen hineintragen will, den höchsten Triumph ihres Könnens in jenem verschnörkelten Gips-Filigran alter Palastdecken feiernd, das nichts ist als ein Produkt der äußersten Geduld, des konsequentesten Fleißes, der beharrlichsten Rechner-Geschicklichkeit. Und sie haben eine Literatur, die nach Mohammeds Zeiten, nach dieser großen, zugleich klugen und törichten Religionsgründung, nur noch tropfenweis gezahlt hat, eine Philosophie, die von Aristoteles sich Schwingen lieh und ihre Flügelfedern an den Toren von Mekka zerbrach. Das Beste, was sie schufen, liegt lange, gar so lange zurück, und da hat doch die Frage ihre Berechtigung: woran dachten sie in diesen Jahrhunderten?

Offenbar dachten sie viel – die Ruhe zwang sie zum Denken – aber sie glichen ganz den Frauen, die in all ihrem Stilleben, von der Natur weit mehr auf Innenleben und Denken hingewiesen als der Mann, doch niemals einen Gedanken bis zu seinen letzten Folgerungen auszudenken, niemals ganz tief, ganz hoch zu denken vermögen. Das hat bei den Frauen besondere Gründe, gute und schlechte, bei den Orientalen aber ist's in erster und letzter Linie immer wieder die Folge des großen mohammedanischen Zwangsverfahrens, dieser 180 Einschnürung in die hundertundvierzehn Kapitel des Koran. Sie wollen aufstehen und stoßen mit dem Kopf gegen das Dach, sie wollen sich umwenden und stoßen gegen die Mauer. Schließlich bleiben sie liegen.

Jetzt aber setzt ihnen die europäische Invasion die Kerzen höherer Erleuchtung direkt auf den Tisch. Viele kneifen die Augen zu, um das Licht nicht sehen zu brauchen, andere wollen mit den Flammen spielen und verbrennen sich die Finger.

Melancholisch und ernst gehen diese schönen Bekenner des Propheten herum, lächeln sieht man sie selten, und dieser Ernst, diese stumme Melancholie, dieser Mangel an Torheit und Lächeln erhöht noch den Eindruck, als ahnten sie ihr Schicksal, als spürten sie so etwas vom Verfall der alten Herrlichkeit, von Decadence. In einen von ihnen war ich ganz verliebt.

Ich traf ihn an einem Nachmittag in den Straßen des Basars. Er ging teilnahmlos umher, ein noch junger Bursche, hoch und unbeschreiblich stolz, bartlos, mit einem gelblichen Gesicht, scharfen Zügen und ganz dunklen Augen. Auf einigen Bildern von Horace Vernet kann man ähnliche Gesichter sehen wie dies, das beinahe an die starren Darstellungen der alten Ägypter erinnerte.

Er war ganz weiß gekleidet, unter dem weißen, sorgsam gewickelten Turban sah im Genick ein wenig kurz geschorenes Haar hervor, der weiße Burnus legte sich in prachtvollen langen Falten um seine hohe Gestalt, die Waden, die zwischen dem weißen Gewand und den weißen Halbstrümpfen nackt hervortraten, waren sehr säuberlich gewaschen. Und dieser gelbe, stolze, melancholische Bursche schlenderte gelangweilt umher, mit 181 blasierten, teilnahmlosen, fast traurigen Augen, er ging achtlos an den offenen Läden vorüber, wo auf den Ladentischen zwischen ihrer bunten Ware die Kaufleute hockten, wie bei uns die Marktweiber in ihrem Kohl und Salat, die Fliegen mit Strohfächern abwehrend – er ging vorbei an den Souks der Waffenhändler, wo die langen Kabylenflinten an den Wänden stehen, vorbei an dem Basar der Stoffhändler, der Schneider, die mit bunter Seide prächtige Stickereien auf farbenleuchtende Gewänder setzen, vorbei an den Läden der Goldarbeiter, wo des Abends eiserne Spinde den blanken Kram aufnehmen, der Sattler, welche rote Satteltaschen und grüne Gürtel mir vielfarbigen Arabesken schmücken, der Metallarbeiter, die in ihre breiten Steigbügel die silbernen Verzierungen hineinhämmern. Die Drechsler und die Klempner nahmen die nackten Fußzehen bei der Arbeit zu Hilfe, alle arbeiteten sie mit ganz primitivem Werkzeug.

Dann saßen in ihren Werkstätten die Fezfabrikanten, welche den noch weißen Fez, der in Zaghouan von Frauen aus Schafwolle gewebt wird, über runden Holzformen mit mächtigen Scheren zustutzen und scheren, um ihm dann die rote Färbung zu geben und ihn durch blaue Fadentroddeln zu krönen – sie waren sich der Wichtigkeit ihres Handwerks wohl bewußt und verachteten einen jeden, der einen billigen Fez trug, einen von jenen, die nur fünf Franken kosten und aus Böhmen kommen. Und weiter drüben saßen die Händler der großen Holzschüsseln, in denen Kußkuß gekocht wird, die Händler der biegsamen Strohkörbe, in denen man Rosinen und Mandeln aufbewahrt, der roten Lederpantoffeln, der 182 Lichte, von denen manche die fünffingrige Form einer Hand haben und wie ein ganzer Leuchter sind, und des süßlichen Rosenöls, das wie ein unsichtbarer, öliger Tropfen in dünnen Glasröhren hängt. Buchhändler, Schreibverständige, Händler mit altem Eisen, mit Töpferwaren und Kohlen, alle saßen sie in ihren offenen Läden nachdenklich da; nur die Barbiere hatten die grün und rot bemalten oder auch ganz vielfarbigen Holztüren vor ihren Stuben geschlossen, so daß man nur durch die kleinen Öffnungen in das Innere mit seinen Diwans und seinen Wandbrettern voll Scheren und Salben hineinsehen konnte.

An all dem ging mein gelber Freund ganz achtlos vorbei; er schenkte den Leuten gar keinen Blick, nicht denen in den Läden und nicht denen, die ihm entgegenkamen: den stumpfnasigen Negern mit ihren schweren, formlosen Wasserschläuchen auf dem Rücken, den Arabern und Juden, welche die eingekaufte Ware in der Kapuze ihres Burnus oder in dem weiten Ärmel heimtrugen, den Kameltreibern, die ihren hochbeladenen Tieren vorausliefen und den Weg freimachten; nur wenn ein Blinder mit seinem Stock tastend herankam, trat er ein wenig zur Seite.

Er gefiel mir sehr, denn er war jeder Zoll ein König, ein Königssohn oder ein Prinz; ich war wirklich ganz verliebt in ihn, und ich ging ihm nach. Und dann dachte ich, daß er vielleicht doch noch einer von jenen Jüngern des großen Harun al Raschid sei oder doch einer von den vielen, vielen irrenden Prinzen Scheherasadens, etwa Ali Ibn Bekkar, der die unvergleichliche Schems Annahar liebte, des Kalifen schönste Sklavin.

183 Und ich wollte ihn schon fragen: »Bist du Ali Ibn Bekkar?« und wollte ihm die Worte sagen, mit denen der alte Dichter die Lieblichkeit der Kalifensklavin gerühmt hat: »Es ist, als wäre sie von Perlenwasser gebildet; ein Mond leuchtet aus allen ihren Gliedern hervor; ihre Stirn ist der Vollmond, ihr Wuchs der Zweig eines Baumes, ihr Atem ist Moschus: kein Mensch gleicht ihr.« Aber dann überlegte ich und dachte, daß es besser sei, ihm weiter nachzugehen.

Wir kamen nun durch die Straßen, wo die Eßwaren in den Läden in Körben, Bütten und Schalen aufgestapelt sind. Da gab es Erbsen, die erst gequollen und dann getrocknet und geröstet werden, roten Pfeffer, der auf langen Stäben aufgereiht in den Läden hängt und fast zu allen Speisen gegessen wird, Apfelsinen, in deren Schale bisweilen mit bunten Tuchstückchen ganze Muster und Arabesken eingelegt werden, Butter, in die man Blumen mit den Stengeln hineingesteckt hatte, Datteln, die zu Dutzenden auf Holzstäbe gespießt waren, Nüsse, Feigen, weißen Käse und gesalzene Wasserrüben, deren Scheiben in Wassernäpfen schwammen. Fenchelwurzel, Kohl, abgepflückte Rosinen und Rüben lagen in ganzen Haufen da, und die herumwandernden Händler verkauften hundert Arten von Süßigkeiten: Hallnah, eine klebrige rote Masse, die ihnen in langen Strähnen, wie rote Wollensträhne, von den Händen niederhing, sirupartig dehnbar und nach Rosenwasser duftend, ein süßes Brot, aus Datteln zusammengebacken, Zuckererbsen und schmutzigweiße Würfel aus Zucker und Mandeln, die mit dem Saft vom Mastyxbaum gemengt sind. Und in den Garküchen, wo auf den Wandbrettern grüne 184 Kaktusfeigen, Eier, Zitronen und Maisbrote in ganzen Kolonnen standen, warfen die Köche Klößchen aus gehacktem Fleisch, Mehl und Ei in das heiße Wasser der Kessel, während in anderen Näpfen und Kesseln roter Pfeffer im Fett gebraten wurde oder gebackene Fische auf den Liebhaber warteten; im Hintergrunde aber standen die großen Holzschüsseln mit dem Kußkuß aus gepfeffertem Gries.

Dies alles beachtete mein gelber Prinz mit keinem Blick. Er ging immer weiter, durch all die Gassen und Straßen, während nur noch ein matter, hinscheidender Nachglanz der untergegangenen Sonne auf all den weißen Häusern und Kuppeln lag. Und in den Vorhallen der Moscheen standen die Schuhe all der Gläubigen, die dort drinnen beteten.

Dann war das Sonnenlicht ganz aus der Luft verschwunden, und die Laternen, die aus den weißen Mauern an langen, eisernen Armen herausspringen, wurden angezündet, und hier und da sah man in einen der stillen Höfe hinein, wo zwischen verträumten Palmen auch solch eine einsame Laterne brannte. – Und jedesmal dachte ich: nun ist er am Ziel, nun wird er eintreten und ihr sagen: »Deine Stirn ist der Vollmond, dem Wuchs der Zweig eines Baumes, dein Atem ist Moschus: kein Mensch gleicht dir.« Und jedesmal, wenn ich hinter den grünen Haremsgittern an den Fenstern einen kleinen Lichtstrahl erblickte, glaubte ich: nun ist er am Ziel.

Sonderbar, er schritt noch immer weiter. In den Gassen spielten die kleinen Araberbuben mit krummen Stöcken und einer holprigen hölzernen Kugel Treibball und die kleinen Neger veranstalteten einen Ringkampf. 185 Alte Araber gingen mit blechernen Laternen in den Händen in ihr Kaffeehaus, und andere saßen vor ihren Türen, tranken Milch und aßen dazu Datteln. Und wir kamen durch ganz enge Straßen, wo die Häuser mit ihren Mauern oben fast zusammenzustoßen scheinen, durch schweigsame, finstere Gassen, ganz wie gemacht für all die Märchen aus Elf Leila, Tausend und einer Nacht, Straßen, in denen die Steine flüstern unter jedem Schritt, in denen die Luft erfüllt ist mit Klängen und Liedern und Sagen, in denen von den grünen Gittern der Haremsfenster Düfte niedergleiten, Düfte von Rosen, von Jasmin, von soviel Liebe und soviel Schönheit. Und da schien alles so groß und so abenteuerlich, die Tauben, die dunkel durch die dunkle Luft flatterten, waren wie die Vögel des Paradieses, und was konnte phantastischer sein als die tiefschwarzen Neger, die vorüberhuschten und Zweige von weißen Narzissen hinter die Ohren gesteckt hatten?

Endlich kamen wir zu dem europäischen Viertel. Mein gelber Prinz schritt langsam hindurch durch das alte Tor, das früher ein Stadttor war, und ging die breite Avenue de France hinunter, diesen eleganten Boulevard, den die Franzosen angelegt haben. Viele Wagen fuhren hin und her, schwarze und weiße Kutscher lärmten durcheinander, zerlumpte Bettelkinder riefen ihre Zeitungen aus: »La Tunisie!« – »La Tunisie!« – ernste Araber und lustige Französinnen gingen nebeneinander, und an den kleinen runden Tischen vor den französischen Kaffeehäusern saßen Franzosen und Italiener, Araber, Griechen, Engländer – alle Welt!

Mein Prinz bog in eine Seitenstraße ein, dann 186 verschwand er dort in einem der Häuser. Es war ein Café, ein Café chantant, ein richtiges Café chantant! Und als ich ihn dort eintreten sah, mag ich selber so traurig und ernst und melancholisch ausgesehen haben wie er.

Dies also war der Palast, der verschwiegene Märchenpalast, wo er niederknien mochte vor ihr, der kein Mensch gleichen sollte! Mir wurde übel, wirklich und wahrhaftig übel. Es ist keine Kleinigkeit, einen Helden zu verlieren!

Aber ich trat doch ein. In dem großen Saal, wo es nach Bierneigen, Kaffee, Tabak und liederlichen Menschen roch, saßen die Söhne verschiedener Erdteile und die Bekenner zahlreicher Glaubensbücher beieinander. Auf einer niedrigen Bühne am Ende des Raumes schlug eine Alte wütend das Tamburin, ein rotnäsiger Halunke zeigte sein unglückselig Flötenspiel, und ein Halbdutzend Huldinnen sangen einen langweiligen Refrain. Es waren Armenierinnen und Jüdinnen – keine Bekennerin des Propheten darunter.

Mein Prinz saß ganz vorn, dicht neben der Bühne. Er hatte das rechte Bein heraufgezogen, und die nackte, saubere Wade lag auf dem linken Knie. Er war ungeheuer ernst, und mit seinen schwarzen Augen sah er zur Bühne hinauf.

»Ist es erlaubt?« fragte ich auf Französisch und trat an den Tisch. Er verstand kein Französisch, aber er begriff und nickte; dann setzte ich mich. Es saß noch ein Spahi mit uns am Tisch, ein prachtvoller Kerl mir glanzweißen Zähnen.

Verschiedene der Schönen auf der Bühne zeigten 187 sich im Bauchtanz. Schließlich trat eine hervor, jung und rund, durchaus keine Schönheit, aber mit einem gewissen Geschick – übrigens einem ganz ordinären Geschick – in den Bewegungen. Der Spahi machte mir ein Zeichen, aber zuerst verstand ich nicht.

Das Mädchen tanzte, ohne Lust am Tanz und ohne großen Aufwand an Grazie, gelangweilt und temperamentlos, fast mit einem sichtbaren Wunsch, gelangweilt, blasiert zu erscheinen. Oh, man sollte nur nicht glauben, daß ihr das Vergnügen mache! Und wenn sie es dennoch tat, dann sollte man sich bei ihr bedanken – recht sehr bedanken!

Von dem Moment an, wo sie aufgetreten war, hatte mein gelbes Gegenüber den Blick nicht von ihr abgewendet. Und alle zwei Minuten warf er ein wenig den Kopf zurück, um ihr zu winken – dann verstand sie sofort und sprang von der Bühne herunter; jedesmal griff er mit einer ruhigen, schwerfälligen Bewegung in den Gürtel und holte drei Franken hervor, die er ihr in die Hand legte. Sie sagte nicht einmal danke, und er lächelte nicht und war auch nicht betrübter als vorher. Das wiederholte sich zwölf- oder dreizehnmal, er sprach kein Wort mit ihr und warf nur ein ganz klein wenig den Kopf zurück, wenn er sie herunterrufen wollte.

Der Spahi sah mich an, grinste und zeigte die weißen Zähne. »Alle Abend?« fragte ich ihn.

Er nickte. »Alle Abend.«

»Und wer –?«

»Kommt aus Algier; verliebt.« Und er deutete mit dem Zeigefinger auf die Stirn.

»Reich?«

^

188 »Sehr reich. Und alle Abend – –«

Mein verliebtes Gegenüber hatte kein Wort verstanden. Er fuhr fort, ernst und feierlich seine Freundin herunterzuwinken, jedesmal warf er nur den Kopf zurück, und jedesmal, als ob es so sein müßte und fast gedankenlos, gab er ihr die drei Franken, ohne ein Wort, ohne ein Lächeln. Armer Prinz, er hat nie eine moderne Psychologie der Liebe gelesen und ahnt nicht, daß diese Weiber die Großmut verachten und daß die Dankbarkeit eine Tugend ist, die, wie manche andere Tugend, in Café chantants jetzt immer seltener wird –!

Schließlich trat sie auch zu mir und sagte in allerbestem Französisch: »Der Herr kommt aus Paris – will der Herr nicht auch –?« – »O gewiß,« sagte ich und holte ein Zehn-Centimes-Stück aus der Tasche.

Da reckte sie sich auf ihren Lackstiefelchen in die Höhe, so hoch sie konnte, schüttelte den Kopf und sah mit unendlicher Verachtung auf mich armseligen, ungalanten Europäer herab; und während ich mein Zehn-Centimes-Stück einigermaßen ruhig wieder in die Tasche schob, las ich in ihren Augen ganz deutlich die höhnischen Worte: »O dieses Europa, wie ist es doch in der Dekadenz!« 189

 

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