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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 19
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erinnerungen an Carrara

(Florenz)

Es ist so wunderhübsch, dieses kleine Carrara, das ein halbes Dutzend Kilometer von der Küste entfernt liegt, auf drei Seiten von dunklen Berggruppen umschlossen. Und niemand, der es zum ersten Male betritt, wird sich einer großen Bewegung erwehren können bei dem Gedanken, daß hier der Stoff geboren ward, in dem Michelangelo und Donatello und Thorwaldsen die kühnen Träume ihres rastlos sinnenden Geistes zur Verwirklichung führten, daß aus diesen Tälern die reine Göttin der Kunst aufstieg wie einst Aphrodite aus den weißen Schaumwellen des Meeres.

Ist es dieser Gedanke, der mir jetzt noch in der Erinnerung diese kleine, bergumschlossene Stadt so reizvoll erscheinen läßt – hier, wo die Kunst ihre jubelnden Kränze von Haus zu Haus geschlungen, wo auf Schritt und Tritt die Spuren den Staunenden grüßen, die das rauschende Bacchanal einer schönheitstrunkenen Zeit zurückgelassen, hier, wo gleich mahnenden Geistern der Verstorbenen die Erinnerungen riesengroß durch die engen Straßen wandeln, wo das Wasser des Arno noch 148 gerötet scheint von dem Blut der Kämpfenden, wo von den Türmen noch die Glocken tönen, die einst dem sterbenden Savonarola den letzten Gruß aus ihrer Höhe gebracht! Und war es nur jener Gedanke von der kunstgeschichtlichen Wichtigkeit des kleinen Carrara, der mich so schnell dort heimisch werden ließ, mir gleich dies Gefühl des Behagens, der Vertrautheit gab, das man sonst nur empfindet, wenn man in das Städtchen kommt, in dem schon der Torwächter als alter Bekannter uns zunickt? War es nur jener Gedanke, oder war es nicht auch diese Abendstimmung, die in der Luft lag, diese Fülle von Lichtkontrasten zwischen dem dunklen Schwarz der Berge und den eilenden Himmelswolken und dem leuchtenden Weiß all des Marmors, der da in Platten und Säulen und Blöcken vor und in der Stadt lag? Und war es nicht auch diese summende Geschäftigkeit in den Straßen, wo die Arbeiter nach Hause zogen und die breitstirnigen Ochsen auf den hochrädrigen, der Römerzeit nachgebildeten Wagen die letzten Marmorlasten zu den Lagerplätzen schleppten, wo alles Leben und Treiben davon erzählte, daß hier nicht wie anderswo ein Bettlervolk auf der Straße saß, auf den Fremden und seine Almosen lauernd, daß hier gearbeitet wurde, schwer und kräftig gearbeitet, und daß alle Habe, aller Besitz dem unwilligen Boden abgerungen waren, mit Hammer und Pulver und Spitzhacke?

Ich glaube, es ist wohl all das zusammengekommen, um mir dort jenes Heimatsgefühl zu geben, als wäre ich längst ein Ehrenbürger und Gemeinderatsmitglied von Carrara. Während ich in dem miserablen kleinen Hotelomnibus hin und her schaukelte, vorbei an den 149 schmucklosen Häuschen mit ihren grünen Fensterläden und an den Leuten von Carrara, die mich alle mit so törichter Verwunderung ansahen, ward mir ganz fröhlich ums Herz, und ich mußte an die fromme Gräfin denken, die in das Fremdenbuch von Ruta die Worte geschrieben hat: »Hier ist es gut sein, hier lasset uns Hütten bauen!« Und ich war fröhlich und guter Dinge, obgleich ich in Avenza, wo die Bahn nach Carrara von der nach Rom führenden Hauptlinie sich abzweigt, die reizendsten Reisegefährten verlassen hatte: einen zierlichen kleinen Hund, der einst in Makarts Atelier gebellt hatte und den dieser Meister der leider allzufrüh verbröckelnden Farbe der jungen Französin vererbt hatte, die nun mit dem Hündchen gen Rom fuhr. Es war ein allerliebstes kleines Geschöpf, dieser Hund aus dem Nachlaß des seligen Makart.

Und nun war ich doch ganz zufrieden, daß ich in dem kleinen Carrara saß und in dem schmucklosen Gasthaus, wo in einer Ecke des Hofes unter dem rötlichleuchtenden Blättergerank eine marmorne Schönheit stand, eine Schönheit ohne Nase. Arme nasenlose Schönheit, auch du hast einst bessere Tage gesehen, auch dir hat Arkadien gelächelt, und wenn du im strahlenden Ballsaal standest, unter den Lichtfluten von tausend Kerzen, und sie alle dich umdrängten und sie alle dir huldigten und die kleinen Liebesgötter aus allen Ecken ihre zierlichen Pfeile auf dich richteten, dann trugst du das Näschen so hoch, dasselbe Näschen, das nun ein rachsüchtiger Bube dir abgeschlagen hat. Es ist kein Herz und kein Näschen so marmorhart, daß es nicht einst doch bezwungen würde.

Aber als wollte die Dämmerung liebevoll den 150 Schönheitsfehler des verlassenen Marmorfräuleins verdecken, so wob sie nun ihr dünnes Schattennetz von Mauer zu Mauer, und wie ein letzter glutvoller Anbeter sang in der Ferne ein carrarischer Knabe eine von den weichen Melodien Toskanas, von denen Gregorovius in den »Figuren« etliche aufgezeichnet hat und die wie der Flug der Schwalbe mit leichten Schwingungen und ohne Rauschen durch die Lüfte streichen. Und die Töne verklangen, und die Schatten sanken, und die Nacht kam, und auf die Nacht folgte, in Carrara wie überall, der Morgen. Er schlich herein und küßte seine Kinder wach. Er konnte mit seinen zarten Rosenfingern die Wolkenheere nicht verscheuchen, die am Himmel schlachtbereit standen, aber er gab mir doch auf seinem Wege ein paar güldene Strahlen zur Seite, wie die lichtumflossenen Erzengel, die den Tobias geleiteten.

In der Stadt hatte das Konzert der Arbeit schon begonnen, dies gewaltige Konzert, in dem die Schläge des Hammers, das Kreischen und Kratzen der Säge, das Rollen der Räder und das Schreien der Treiber anmutig zusammenklangen. Carrara ist die Stadt der großen Geräusche; jedes Haus ist eine Marmorwerkstatt – hier sind die Steine zu Brot geworden.

Durch die Stadt zieht sich ein kleines Flüßchen, das von den Bergen in nicht gar zu hurtigen Sätzen herunterspringt. Aber die liebenswürdige Renommiersucht, die den Italienern innewohnt und die den Bürgern des kleinsten Städtchens den Großmachtkitzel eingibt, hat auch diesem Gebirgsbächlein ein gewaltiges breites Bett erbaut, von hohen, schützenden Dämmen umschlossen. Wie ein Wiegenkind in einem englischen Doppelbett 151 krabbelt nun das Wässerchen zwischen den Dämmen einher, und im Herbst und in den Monaten des Jahres, in denen der Regen es stärkt und kräftigt, treibt es auch gutmütig das Räderwerk der Marmorfabriken, die rechts und links an seinen Ufern sich erheben – es bewegt die langen Sägen, welche die Blöcke zerschneiden, und leistet noch manch anderen guten Dienst.

Ganz draußen vor der Stadt, still und vereinsamt, steht am Fluß ein Häuschen, dem man gleich ansieht, daß es gewissermaßen nicht zu den andern gehört. Es ist eine Lumpenmühle. Dort habe ich lange sinnend gestanden, und ein frohes Gefühl hat mich erfaßt bei dem Gedanken, daß es der italienischen Literatur geradeso ergeht wie der deutschen. Ist es nicht schön und erhebend, zu denken, daß wir alle einmal so zusammenkommen, in einer großen Mühle, und daß in leuchtender Wiedergeburt aus unseren lumpigen Resten das weiße Papier ersteht, auf dem ein Siebenjähriger die ersten Schreibversuche macht? Wie köstlich, sich auszumalen, daß man so mit den beliebtesten Leihbibliothekromanen der Gegenwart wie in einer geistigen Umarmung zu einem Brei gestampft wird und daß es eine Mühle gibt, in welcher – der einzelne mag sich noch so sehr dagegen sträuben – die segensreiche Verschmelzung aller Gegensätze dereinst sich vollzieht! –

Aber nun öffneten sich vor mir die beiden großen Marmortäler. Rechts, wo man an den Bergwänden das weiße Geröll weithin leuchten sah, das Römertal. Dort, sagt Baedeker bedeutungsvoll, brachen schon die alten Römer. Und dann links, ein wenig beschwerlich zu erreichen, weil pfadlose Berghügel sich davorlagern, 152 das Tal von Torano, wo der feinste Marmor gewonnen wird, der Marmor, in dem die alten Götter die verlorene Unsterblichkeit wiedergefunden.

Es ist ein schmales Tal, engeingeschlossen zwischen zwei Höhenzügen. Über die Höhen zur Rechten gehen, durch manchen finsteren Tunnel hindurchgeführt, die beiden Bahnlinien, die den Marmortransport vermitteln – eine alte und eine junge. Und nun, ein paar hundert Schritt weiter im Tal, taucht der erste Marmorfelsen auf, und gleich der allervornehmste, allerkostbarste. Es ist ein mächtiger Berg, der vom linken Höhenzug ins Tal hineinspringt und das Tal zusammenpreßt, daß es fast die Luft verliert. Die an der Außenseite rötlichen Steinlager türmen sich zu mächtiger Höhe empor, und in ihrer Mitte geht es hinab, wie ein weißer Erdrutsch, wie ein leuchtender, schimmernder steinerner Strom, das Geröll, das kleine Gestein, das die Arbeiter losgeschlagen haben, um zu den eigentlichen Lagern zu gelangen, und das nun in breiter Flut heruntergerollt ist und immer noch mit zürnendem Poltern herunterrollt, ärgerlich, nicht mittun zu dürfen in dem Siegeszug der Schönheit. Oben, hoch oben auf dem rötlichen, wie vom Blitz zerrissenen Felsenberg, über den das dunkle Moos seine weichen Decken gebreitet hat, sieht man wie schwarze Würmchen die Arbeiter herumhuschen, die der weißen Braut die Befreiung aus ihren Fesseln bringen.

Dieser Marmorberg ist »Grestola« getauft worden. Er wird nicht mit Sprengpulver bearbeitet, denn er ist zu fein, und nichts darf von seiner Kostbarkeit verloren gehen. Große Platten birgt er nur selten, und darum wird der Quadratmeter mit der Kleinigkeit von 153 dreizehnhundert Franken bezahlt. Aber er ist zart wie das Mägdlein, das leise zum ersten Stelldichein schleicht, er ist durchsichtig und leuchtend, als hätte in seinem Innern der Berggeist seine Wohnung aufgerichtet, mit tausend strahlenden Flämmchen.

Immer enger wird das Tal, wo nun rechts und links die roten moosbedeckten Marmorfelsen grüßen. Dort, wo es zum letzten Male die Bergwände mutig zur Seite geschoben hat, liegt das kleine Dörfchen Torano. Es sind nur ein paar Häuser, eng zusammengedrängt wie eine Hammelherde beim Gewitter, und doch ist aus diesem winzigen Dörflein eine lange Reihe von Männern hervorgegangen, die in der Geschichte moderner italienischer Kunst mit allen Diplomen und Medaillen verzeichnet stehen.

Welch scharfsinnige Erörterungen können an dies Faktum nur einigermaßen geschickte Psychologen von Fach knüpfen, diese Würmer, die dem Menschen noch bei lebendigem Leibe unter die Schädeldecken zu kriechen streben! Und mit wieviel schmerzvoller Überzeugung können die dornumkränzten Verkannten hier dartun, daß es die Gelegenheit sei, die nicht nur die Diebe, sondern auch die Künstler mache. Die Gelegenheit allein. Denn wie einst der Anblick des Medusenhaupts tötete, so scheint hier der Anblick der Marmorfelsen belebend gewirkt zu haben.

Aber es sind doch nur die kleinen Bächlein, die nicht vom Berg herunter können, wenn ihnen nicht die Gelegenheit dazu gegeben wird; ein ordentlicher Gießbach dringt schon durch und wenn er, wie in Ligurien, all die holprigen Gehwege einreißen sollte. Den Achill 154 konnte man in Mädchenkleider stecken und belügen, er sei ein Jungfräulein – der Tag kam, wo er hinging und den Hektor totschlug.

Und nun, hinter dem Dörfchen Torano, wo all diese großen Männer und all diese schönen Betrachtungen geboren wurden, läuft in unzähligen Windungen, leise aufsteigend, das Tal immer weiter und weiter, drängt es sich zwischen den Bergen hindurch, zwischen diesen roten, von Regen und der Zeiten Bedrängnis bisweilen pechschwarz gewordenen Felsen, vor denen die losgesprengten Blöcke liegen, so groß wie die Häuser von Carrara. Dort, wo solche Blöcke herausgesprengt sind, sieht man, wie in sauberen, regelmäßigen Schichten, größer oder kleiner, die Marmorlagen stufenförmig übereinander ruhen. Hier und dort hat man auch den schon angebrochenen Fels wieder verlassen, weil die Blöcke sich als zu klein und geringwertig erwiesen haben. Nur die Großen kommen zur Herrschaft, wie überall in der Welt.

All diese Berge, die weit, ach, so unendlich weit ihre rotdunklen Rücken wölben und unter schroffen Vorsprüngen die kleinen verwitterten Häuschen der Wärter und die halboffenen Lagerschuppen bergen, sie alle haben Herzen von Marmelstein, und zwar von jener Abart, die weniger fein als »Grestola«, aber doch mitunter noch recht achtunggebietend ist. Und zu ihrem Ruhme und zu ihrer Ehre muß ich sagen, daß aus ihrem Gestein all die marmornen Garibaldis entstanden, die auch des kleinsten italienischen Marktfleckens Schmuck und Zierde sind, und daß aus diesem wetterharten Marmor »ordinario« der große Michelangelo seinen kecken David 155 herausgeklopft hat. Denn »Grestola« ist nur ein Stubenhocker, er hat eine delikate Natur und erträgt nicht viel freie Luft – »Ordinario« aber ist stark und hart wie ein Riese und lacht über die Zeit, die wie der hurtige Wind an ihm vorüberrauscht.

All diese Marmorberge hat die Kommune von Carrara verkauft, an allerhand kluge Leute, vor allem an einen Herrn aus England und an einen Herrn aus Frankreich. Carrara, das auch einen stattlichen Ausfuhrzoll erhebt, ist reich geworden, und die klugen Leute sind auch reich geworden. Und man braucht auch noch gar nicht zu befürchten, daß dieser Marmorsegen eines Tages ein Ende nehmen wird, denn es ist, als wäre er unerschöpflich, wie das Lied von der Liebe und die Lyrik in Deutschland.

Nun geht durch die Täler der Warnruf des Horns, der so bang und melancholisch klingt und die Sprengung ankündet, und dann erschüttert ein Krachen die zitternde Luft, die Mine ist explodiert, und man hört die Blöcke ins Tal stürzen, und hört, wie das kleine Geröll eilfertig hinterherrasselt. Die Arbeiter schauen für einen Augenblick auf, dann greifen sie wieder zur Spitzhacke und kümmern sich um nichts in der weiten Welt, als um den schimmernden Block.

Es sind fleißige und freundliche Leute, diese Arbeiter von Carrara, sie haben eine große Vorliebe für grüne und rote Regenschirme, aber sie sind anspruchslos, wie fast alle Italiener. Wohl ein halbes Dutzend von ihnen habe ich an der Erde liegen sehen, lang hingestreckt, die Lippen an ein winziges Regenpfützchen haltend, aus dem sie den Labetrunk schlürften, wie Diogenes, der 156 auch den Becher fortwarf. Und unwillkürlich sind mir die beiden rührenden Gestalten in die Erinnerung gekommen, die ich jüngst in Wien auf der Straße gesehen –: ein Gassenkehrer, der einen schmutzigen Zigarrenstummel gefunden hatte und ihn nun glücklich zu bergen trachtete, und ein alter, gebückter Hausierer, vergilbt wie ein mittelalterliches Pergament, der ganz demütig fragte: »Herr Nachbar, haben's nicht für mich auch ein Stümpfchen?« Warum hast du diese zwei nicht gesehen, herrlicher Jean Paul, mit deinem weinenden Lächeln, oder du, besserungsfroher Anzengruber, mit deinem Sonnenherzen – es waren zwei Kerle für euch, und ihr hättet sie so durchleuchtet mit warmem Licht, daß sie für zwei Welten, eine Mit- und eine Nachwelt, dagestanden hätten wie die himmlischen Apostel der Genügsamkeit! 157

 

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