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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 18
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Auf der Themse

(London)

Wer kann, verläßt an einem Festtage London und zieht irgendwohin in die Umgegend. Die Geschäfte sind geschlossen, und die jungen Leute benutzen den Feiertag. Überall sieht man sie mit Tennisraketts und Kricketschlägern lospilgern. Auf den Bahnhöfen herrscht ein Gewühl und Gewimmel, und alle Züge sind voll besetzt. Man erblickt nur helle, heitere, leuchtende Farben, denn die Männer tragen weiße Anzüge oder wenigstens weiße Beinkleider und weiße Strohhüte. Und die Misses haben rosa oder blaßblaue oder weiße Mousseline- oder Leinenkleider angetan und große lichte Strohhüte mit bunten Blumen oder Kate-Greenaway-Hüte aus hellem plissiertem Seidenmull aufgesetzt. Manche der jungen Damen haben sich zu sehr mit Rüschen, mit Schleifen, mit Spitzenboas beladen, und das gibt ihnen etwas Skizzenhaftes. Andere haben ganz glatte, leichte Kleider gewählt, die im Boot und auf dem Sportplatz bequem sind.

Wenn man an der Paddington-Station den Zug nimmt und über Windsor weiter westwärts fährt, erreicht 143 man in einer knappen Stunde Maidenhead. Diese kleine Stadt am Flusse ist eins der eleganteren Zentren für den Themsesport. Die Ufer sind bedeckt mit Hotels, mit Villen und mit Bootshäusern, und unten auf dem Flußspiegel bilden in langen Reihen die ruhenden Boote Spalier, Privatboote und die Boote der Vermieter. Man leiht sich eines jener sehr langen, ganz schmalen und ganz flachen Fahrzeuge, die durch fortwährendes Abstoßen mit Hilfe einer langen Stange vorwärtsbewegt werden und in denen man auf dem Boden liegt oder hockt, und man fährt stromaufwärts nach Cookham. Das ist ein etwas kostspieliges, aber auch sehr kostbares Vergnügen.

Zuerst sind die Ufer noch ziemlich flach und uninteressant, und die Fahrt ist nur lustig, weil rings umher zahllose Schiffe von allen Sorten und Größen die Wasserfläche durchschneiden. Aber nach einigen Minuten kommt man zur Schleuse. Man findet das Schleusentor geschlossen und muß mindestens eine Viertelstunde warten. Andere Boote liegen schon wartend da, noch andere kommen nach, und schließlich ist eine gemischte Gesellschaft von großen Dampfjachten, von Motorbooten, von schwerfälligen Gesellschaftsdampfern, von leichten Jollen und »Seelenverkäufern«, von Kanoes und race-boats beieinander. Auf dem Verdeck der großen Dampfer sitzen die Ausflügler beim Lunch, und die Bierflaschen stehen in Regimentern auf dem Frühstückstisch. In den Ruderbooten liegen die jungen Mädchen lang ausgestreckt, von einem japanischen Schirm gegen die Sonne geschützt, und lesen oder tun, als läsen sie, während die jungen Männer, in Hemdsärmeln, ihr 144 Schifflein hin und her manövrieren lassen. Und auf einer großen Jacht steht eine rotblonde Miß neben einem Klavier und singt, während ein Herr sie begleitet, die Sehnsucht ihrer Seele in falschen Tönen hinaus. Auf den Nachbarbooten applaudiert man ein wenig ironisch.

Das Schleusentor wird geöffnet, und nun entsteht ein Vorwärtsdrängen, ein allgemeiner Wettkampf. Jeder will sein Fahrzeug in die enge Schleuse hineinzwängen, die kleinen schlängeln sich zwischen den fauchenden und pustenden Großen hindurch, und in jeder Sekunde gibt es einen Zusammenstoß. Oben auf den Brücken und auf dem Kai neben der Schleuse sitzen die Ausflügler und die Sommergäste und sehen auf das Schiffsgewimmel hinab. Vor dem Hause des Schleusenwächters wachsen feuerrote Geranien und weiße Margueriten. Und dann sind endlich alle Jachten und Jollen, alle Motor- und alle Ruderboote in dem engen Schleusengefängnis untergebracht und harren auf den Augenblick, wo das zweite Tor sich öffnen und wo die Fahrt in die Freiheit hinaus beginnen wird.

Als das Tor sich dann wirklich öffnet, werden Fahrt und Bild ganz unsagbar schön. Die Ruderer, die neue Kräfte gesammelt haben, rudern mit verdoppeltem Eifer, die Dampfboote suchen das Versäumte nachzuholen, und alles fliegt und flitzt pfeilschnell davon. Die Themse ist nun breit, und auf dem blauen, von der Sonne silbern gesprenkelten Wasser schwimmen, auf- und niedertauchend, die grünen Flußgräser. Eine weiße Schwanenmutter zieht furchtlos, begleitet von ihren struppigen grauen Küken, zwischen all den Schiffen durch den 145 Strom. Auf den Ufern lassen die Bäume eng nebeneinander ihre blaugrünen vollen Kronen bis zum Wasser niederhängen, so daß es aussieht, als säume ein ununterbrochener gewölbter grüner Wall zu beiden Seiten die glitzernde, von den Booten durchfurchte Themse ein. Und etwas weiter landeinwärts sind die Hügel mit anderen grünen Wällen bedeckt, mit einem kräftigen, saftigen, dunklen Grün, und nur die scharfkantigen, roten Dächer der Landhäuser bilden eine Abwechslung in dieser strotzenden und scheinbar undurchdringlichen Laubfülle.

Vom Deck einer weiß gestrichenen und golden verzierten Dampfbarkasse kommt eine sonderbare, ein wenig heisere Musik. Ein großer phonographischer Apparat leiert dort einen englischen Marsch herunter. An einer Stelle, wo der Fluß fast einen See bildet, haben vier Hausboote nebeneinander Posto gefaßt, jene Boote, die wie schwimmende Villen sind und in denen Familien wie wandernde Flußzigeuner – nur etwas komfortabler und luxuriöser – leben. Vier hier sind bläulich weiß, und auf ihren langen Veranden und ihren flachen Dächern wachsen in Kästen rote und gelbe Blumen. Hinter dem Glasperlenvorhang einer Loggia decken Dienstmädchen mit weißen Häubchen den Frühstückstisch.

Die Sonne liegt jetzt schwerer und brennender auf dem Wasser, und die Ruderer flüchten mit ihren Booten zu den Ufern unter die schützend vorgebeugten Baumkronen. Der Nachen wird an einem Baumstamm befestigt, die Futterkörbe werden ausgepackt, kleine Tische werden aufgeklappt. Hier im Freien hat das Primitive seinen Reiz, und eine Dame im Spitzenkleid und mit 146 sieben Perlenschnüren, die im Hause keinen Finger rühren würde, zerlegt hier das gebratene Huhn und preßt die Zitrone in das Limonadenglas. Junge Mädchen aber, die sonst nicht still sitzen dürfen, liegen schmachtend im Boot auf weich wattierten Kissen, lassen sich von dem Freunde oder Vetter bedienen und danken mit einem sentimentalen Augenaufschlag. Und der Flirt, diese seltsame Erfindung der jungen englischen Heuchlerinnen, der Flirt, von dem niemand weiß, wie weit er gehen darf, und noch weniger, wie weit er geht, blüht und gedeiht in den zahllosen schattigen Verstecken am Ufer.

Das Leben der Bootfahrer auf der Seine und auf der Marne bei Paris ist sehr berühmt geworden, weil der geniale Guy de Maupassant es so oft geschildert hat. Verglichen mit dem Leben auf der Themse, ist es nur dürftig und ärmlich. Die kleinen blassen Montmartremädchen und die jungen Pariser machen auf der Seine und Marne sehr viel Lärm, aber man merkt doch, sie sind nicht in ihrem Element. Das Bild, das man, im schmalen Kahn durch das Wasser gleitend, auf der Themse vor sich hat, ist unvergleichlich in seiner Farbenschönheit, seiner Eleganz und seiner Gesundheit. Und während das Boot immer weiter gleitet, und während die Bäume ihre Zweige noch tiefer über die flirtenden Paare neigen, hat man, mit Entzücken gemischt, eine leise Regung des Neides. 147

 

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