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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 17
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Mädchenpensionat

(am Lago Maggiore)

Es war an einem wunderschönen Abend, ich stand in Mailand auf dem Domplatz und sah hinauf zu dieser wunderbaren Kirche, die so jungfräulich weiß und edel aus der blauschwarzen Nacht heraustrat; und ich verspürte wieder jenes gewaltige, unnennbare Entzücken, das den erfaßt, der zum erstenmal hineintritt in diesen Wunderbau, wo alles hinaufsteigt zu endloser Höhe, alles emporzufliehen scheint zu der himmlischen Herrlichkeit, und wo hoch droben in dem mattgelben Licht, das durch die Fenster dämmernd hereinzieht, das Kreuz des Erlösers verheißend grüßt. Es ist sehr heilsam, dann auf dem marmorweißen Dach, diesem merkwürdigsten aller Dächer, zwischen den Heiligen und Märtyrern das Standbild des großen Korsen zu sehen. Und dieser kecke Räuber steht nun bald neunzig Jahre hier oben, und der Himmel hat ruhig zugesehen, und kein Donner hat sich erhoben, und kein Blitz hat den Übermütigen hinuntergeschleudert, der hier den Frommen so schamlos auf das Dach gestiegen ist!

Aber ich wollte erzählen, wie ich auf dem Domplatz 135 stand, an einem herrlichen Abend, und zusah, wie die Mailänder und Mailänderinnen hineinfluteten in die Galerie ihres Viktor Emanuel, um die wir sie sehr beneiden müssen, und wie die elegante Welt in geschmackvollen Equipagen zum Theater fuhr, wo man allabendlich die »Cavalleria« spielte, und wie die gelben Pferdebahnwagen ganz überfüllt über den Platz rollten, und wie das elektrische Licht, das in ganz Mailand zur schönen Sitte geworden ist, lauter alten Weiblein und Spittelfräulein leuchtete und so selten einem hübschen Mädchen. Es scheint, die hübschen Mädchen halten's noch nicht mit der Elektrizität, sie halten's noch immer mit dem Mond.

Auf der Mitte des Platzes stand ein Mann mit einem gewaltigen Fernrohr. Es war ein Sterngucker. Ich trat zu ihm heran und begehrte die Venus zu sehen. Der Mann schüttelte den Kopf und meinte, die Venus zeige sich jetzt nicht, aber den Jupiter könnte ich schauen, für zehn Centimes, was ich dankend ablehnte, da ich es nun einmal auf die Venus abgesehen hatte, und der Jupiter für zehn Centimes mich nicht lockte.

Am andern Tage fuhr ich über den Lago maggiore. Der Himmel hatte sich aufgeklärt, und als das Dampfschiff über das blaue Wasser dahinglitt, umleuchtete die Sonne die bergigen Ufer und die bunten Villen und Dörfer. Kleine Nachen mit weißen Sonnendächern schaukelten auf dem glitzernden See, und als wir an Intra vorbeifuhren, zerrann im Westen zwischen den dunklen Bergeshäuptern gerade eine graue, unschöne Wolke, und der Monte Rosa trat hervor, aus weiter Ferne herüberschauend, mit seiner weißen Pracht und 136 seiner fünfzackigen Krone. »Das ist ein großes Glück,« sagte ich, »solche Herrschaften mit fünfzackiger Krone zeigen sich uns selten.« »Ja,« sagte mein Nachbar, ein Handlungsreisender, der aus Gewohnheit und aus Geschäftsrücksichten ein bißchen kalauerte, »er ist sehr stolz; die Leute, die zu ihm wollen, läßt er gewöhnlich abfallen.« . . . »Aber dann,« wandte ich schüchtern ein, »brechen sie das Rückgrat und gelangen zu hohen Ehren.«

Der Bootsmann auf dem Dampfschiff begann zu läuten, und vom Lande her kam ein scheußlicher Ton wie ein Ruf des Nebelhorns: das Ankunftssignal. Man sah wieder einen von den kleinen Orten mit weißen Häusern; vornehme Hotels und Villen mit wunderbaren Gärten schmückten die Hügel und den Ufersaum, und ein steinerner Greis stand an der Einfahrt des Hafens, einer von jenen freundlichen Steingreisen, die entweder Garibaldi vorstellen sollen oder den heiligen Lucas.

Über den Villen, aus dem Grün der Magnolien und Mistelbäume heraus, winkte ein stattliches Haus, und auf schwarzem Grunde strahlten die goldenen Lettern: »Pensionat«. Die Sonne sandte gerade ihren hellsten Schein auf das stattliche Haus und auf die goldenen Lettern, und niemand, der ein Herz hatte für die Verheißungen des Himmels, konnte da widerstehen. Mir fiel ein, daß es in dieser Gegend viele Mädchenpensionate geben sollte, und noch einmal regte sich in mir der Wunsch, die Venus zu suchen, die ich vor dem Mailänder Dom nicht gefunden hatte. Ich trat zu dem Kapitän und klopfte ihm auf die Schulter. »Ist das dort eine Pension für junge Damen – eine Fräuleinpension?« »Ja,« sagte er und strich sich den schwarzen Schnurrbart 137 wie ein Leutnant, der einer schönen Frau etwas Angenehmes zu sagen hat, »ja, das ist eine Fräuleinpension.« Da hielt es mich nicht länger, und ich ließ meinen Koffer an das Land bringen.

Eine freundliche Frau geleitete mich zu meinem Zimmer. »Ist Ihre Anstalt gut besucht?« fragte ich. – »Sehr gut,« meinte sie, »es sünd siebzehn Damen hier.« Sie sprach ein ganz braves Deutsch, nur ihr i klang wie ü. –»Und ich bin der einzige Herr?« – »Allerdüngs, der einzige.«

Mein Herz klopfte doch hörbar. »Aber wird denn das den Damen nicht unangenehm sein?« –»Daß Sü der einzige sünd?« – »Nein, daß ein Herr in diesen stillen Frieden eindringt?« –»Gewüß nücht, die Damen werden süch sehr freuen. Wollen der Herr nun zum Dejeuner kommen?«

Ich ging hinunter, nachdem ich sorgfältig Toilette gemacht. Eine ganz neue Krawatte hatte ich vorgebunden, eine Krawatte, die ich eigentlich tragen wollte, wenn ich in Rom ausginge, den Papst zu schauen. Dann trat ich in den großen Speisesaal, den ein dämmriges Licht durchzog.

Dieses Dämmerlicht verhinderte, daß man sogleich den Saal übersehen konnte. Man sah nur eine lange Tafel, an der wirklich die siebzehn Damen saßen. Ich ließ mich nieder auf meinem Sessel ganz am untersten Ende des Tisches. Und nun blickte ich mich um; ich konnte sie jetzt alle sehen, denn eine jede wandte mir ihr Antlitz zu.

»Was üst Ühnen?« fragte die freundliche Frau, 138 die hinter mir stand, »üst Ühnen der Stuhl zu hart, soll üch Ühnen ein Küssen holen?«

Ich war wohl plötzlich vom Sitz in die Höhe gefahren. »Nein,« sagte ich, »nein, ich brauche kein ›Küssen‹ – von so etwas kann hier gar nicht die Rede sein!«

Ich erinnere mich, in meinen Knabenjahren einmal einen ähnlichen Schreck verspürt zu haben. Damals trug ich im Herzen eine Schwärmerei für die blondhaarige Liebhaberin unserer Bühne. Ich träumte in all meinen Träumen von ihr, und ich machte auch Verse. Da ging ich eines Tages an ihrem Hause vorüber, und aus ihrem Fenster ergoß sich eine strahlende Lichtflut auf die Straße – es war wie bei einer großen Illumination oder bei einer Feuersbrunst. Zahllose Flammen mußten dort leuchten. »Was geschieht denn dort oben?« fragte ich einen Herrn, der aus dem Hause trat. »Ach,« sagte er, »es ist nichts – sie hat Geburtstag und hat nun die Kerzen auf ihrem Geburtstagskuchen angezündet. Nach altem Brauch für jedes Jahr ein Licht. Das sieht nun aus wie eine Illumination.« Damals verspürte ich einen ähnlichen Schreck wie jetzt, wo ich die siebzehn alten Engländerinnen in dem Pensionat am Lago maggiore sah. Glücklicher Paris, der unter drei Schönen wählen durfte! Das ist leichter und vor allem angenehmer, als unter siebzehn Häßlichen die Auswahl zu treffen.

Es war ein prächtiger Garten bei diesem Spital für magere Engländerinnen, und es wuchsen Bäume von allerlei Art dort, nur der Baum der Versuchung war nicht vorhanden. Es gab auch eine Bibliothek im Hause, mit dem bekannten Vikar, der nicht sterben kann, 139 und einem gewiß ausgezeichneten, aber hier ganz unnötigen Buch über Kindererziehung. Aber als schönster Schatz dieser Sammlung bei der Abreise vergessener Bücher erschienen mir die Gedichte des Herzogs Eugen Erdmann von Württemberg, illustriert durch Mathilde Herzogin Eugen von Württemberg, in denen die trostreichen, in ihrer Einfachheit so überzeugenden Worte sich finden, die ich gern über das Tor des Hauses geschrieben hätte:

»Das einzig Große ist das Reine,
Ein Silberstrahl vom Himmelslicht.«

Diese Verse gaben mir Kraft und Mut, auszuharren.

Ich harrte lange aus. Der Morgens ging ich hinab zum See, wo die Wäscherinnen auf ihren niedrigen Waschbänken mitten im Wasser knieten, und ich wartete, bis sie aufblicken würden, was dann auch nur wieder eine Enttäuschung war. Mittags ging ich auf den Marktplatz, wo die vornehmen Mailänder und Mailänderinnen mit dem Oberbürgermeister spazieren gingen, und ich sah zu, wie die Schiffer ihre Kähne ausbesserten, oder wie kleine dunkle Buben kunstvoll Körbe flochten, umgeben von einer staunenden Korona von Zuschauern.

Am letzten Tage schritt ich quer durch die kleine Stadt, wo überall auf den Balkongittern die Wäsche zum Trocknen hing, und über die Wiesen und Felder ins Freie hinaus. Über den dunklen Bergeswiesen dort zur Seite lag ein leichter Sonnennebel, ein ganz gewöhnlicher brauner Falter tanzte vor mir her durch die weiche Luft, wie ein alter Bekannter aus deutschem Land, und von dem Kirchlein auf dem Hügel kam ein dünner, 140 wimmernder Glockenklang. Und da lag der kleine Friedhof mit seiner weißübertünchten Steinmauer und der heiligen Maria über dem Portal, der sie ein Bernsteinkettchen um den Hals gehängt hatten, wie einem Kinde, das die ersten Zähne bekommt.

Das Gitter am Portal war verschlossen, aber mein brauner Falter flog rücksichtslos darüber hinweg, zu den bunten Blumen auf den Grabhügeln. Es standen zwei Kinder an dem Portal, ein Mädchen mit schwarzen Zöpfen und ein kleinerer Bursche. Und als ich vorbeiging, sah ich, wie das Mädchen mit dem Finger durch das verschlossene Friedhofsgitter auf eines der Gräber deutete, und ich hörte, wie es sagte: »Du, dort liegt der Vater!«

Und auf dem Grab stand ein schöner Rosenstrauß, und von den Rosen kam ein wunderbarer Duft zu den Kindern. Ich schritt weiter und sah, wie auch die Kinder weitergingen. Der braune Falter kam wieder über die Kirchhofsmauer und flatterte vor mir her durch die Sonnenluft. Ein lustiger Italienerbube trottete heran, der seines Dorfes Lieder pfiff und auf dem schwarzlockigen Kopf einen Amor balancierte. Es war nur ein kleiner Gips-Amor, aber er hatte Pfeil und Bogen, das ganze Rüstzeug.

Ich blieb stehen und blickte mich um. Da sah ich, wie das kleine Mädchen mit dem Brüderchen zu dem Heiligenbild getreten war, das am Wege errichtet war; der Bube mit dem Amor auf dem Kopf aber stand zur Seite, die Hände in den Hosentaschen, er pfiff nicht mehr, er sah zu, wie die Kleine betete. Und zwischen dem Gebet schielte sie bisweilen ein bißchen zur Seite, 141 und dann nickte er ihr zu; aber schnell und ernsthaft betete sie gleich weiter.

Der braune Falter hatte sich auf die Steinsäule neben dem Heiligenbild gesetzt, als hätte er gefunden, wonach er umhergeflattert. Er bewegte leise die Flügel in dem warmen Sonnenschein. Ich aber ging nach Hause. Es war doch schön, zu wissen, daß auch die Liebe war wie das Glockengeläut, das hier nimmer aufhört.

Als ich abends in meinem Pensionat saß, zwischen einem kleinen Hund und einer großen Katze, erzählte ich der dürren Engländerin, mit der ich das Glück hatte, Domino spielen zu dürfen, die Geschichte von dem kleinen Mädchen und dem Amor aus Gips.

Sie aber schüttelte den Kopf. »Oh,« meinte sie, »das ist nicht gut. In meiner Jugend war man doch anders.«

»Ja,« sagte ich, »aber was ist da zu machen? Jedes Jahrhundert hat eben seine eigenen Sitten.« 142

 

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