Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Wolff >

Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 15
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Friedliche Spaziergänge

(Madrid)

Wir stehen zwischen Krieg und Frieden, wie zwischen Tür und Angel. Man hat die angenehme Überzeugung, daß man bald mitten im Kriege – im Krieg mir Amerika – sein wird, aber man hat die tröstliche Gewißheit, daß man einstweilen noch mitten im Frieden ist. Nichts im äußeren Leben der Stadt Madrid läßt erkennen, was in den Kabinetten der Minister und Diplomaten sich vorbereitet. Alles geht seinen gewohnten Gang, alles ist friedlich, und die Madrilenen arbeiten und faulenzen wie gewöhnlich.

In der breiten Calle de Alcalá, diesen Champs Elysées von Madrid, promenieren in den Schattenstunden des Tages noch immer die Damen und die vielen eleganten beschäftigungslosen jungen Leute. Diese sehr breite Straße steigt niederwärts zur Plaza de Madrid, mit der Fontänengruppe des löwenbespannten Wagens der Kybele. Jenseits des großen Platzes führt eine breite Avenue zu neuen Plätzen und zu neuen geräumigen Straßen. Und von der Plaza de Madrid geht linkswärts der vornehme Paseo de Recoletos, rechtswärts die Allee des Salon del Prado, die zum größten Heiligtum der Stadt Madrid, zum Museo del Prado, führt. Fast all diese Straßen – und sie setzen sich in immer neuen Straßenzügen fort – haben mindestens die Breite der »Linden«. Selten findet man ein Viertel in einer Stadt, wo mit dem Raume so verschwenderisch umgegangen ist. Wenn man die Calle de Alcalá abwärts schreitet, so hat man über sich und vor sich ein weitgedehntes freies Stück des leuchtend blauen Himmels, und besonders am Spätnachmittage haben die weißen Häuserwände dann jene flimmernden, zitternden, unruhig ungewissen Töne, die den südlichen Landschaften so oft einen mystischen Reiz verleihen.

An der Plaza de Madrid prunkt in kolossalen Dimensionen ein weißer Prachtbau. Man ist ein wenig erstaunt, zu hören, daß dieses gigantische Haus die Bank von Spanien ist, und man erinnert sich an jenes Museum in Athen, das patriotische Bürger der modernen griechischen Kunst gewidmet haben, und das von außen so schön und das im Innern so leer ist.

Nach fünf Uhr, wenn die Sonne allmählich anfängt, die goldenen Fühlhörner einzuziehen, wird es in der Calle de Alcalá und in dem Paseo de Recoletos sehr lebendig. Wer einen Wagen hat, macht um diese Zeit eine Umfahrt. Die Zahl der Wagen, die man um diese Stunde sieht, ist weit größer als die Zahl, die man in dem von Equipagen so wenig belästigten Berliner Tiergarten zu irgendeiner Zeit erblickt – aber im Vergleich zu dem, was man in italienischen Städten, in Rom, Neapel und Palermo sieht, ist sie gering. Und 125 von dem großen »Schick« der Pariser Gespanne ist man weit entfernt. Man sieht einige gut bespannte Wagen – aber das meiste hat mehr einen altväterisch ehrbaren als eleganten Anstrich. Der schwere Landauer mit Papa, Mama, drei Kindern und einer Amme erscheint am häufigsten.

Und so sind die Damen in den Wagen und die Damen auf der Promenade mehr mit gut bürgerlicher Einfachheit als mit pariserischer Eleganz gekleidet. Bisweilen – nicht allzuhäufig – sieht man ein schönes Mädchen oder eine schöne Frau – mit jenen schwarzen Haaren und schwarzen Augen und jenem stolzen Gang, von denen die Nachtreter Mussets uns so viel vorgeschwärmt. Aber schöner als die Schwarzhaarigen erscheinen mir die Blonden – vielleicht nur, weil es so gegen die Natur zu gehen scheint, daß eine Spanierin blond ist, und weil ein geheimer Reiz in allem liegt, was so gegen die allgemeine Natur der Gattung verstößt.

Obgleich das Getriebe der Fußgänger und Wagen in diesen Stunden vor Sonnenuntergang recht stattlich ist, vermag es den weiten Raum, den man ihm in so viel Avenuen und Plätzen geöffnet hat, nicht auszufüllen. Es ist wie ein Fluß, dem man ein zu breites Bett gemacht hat, und der rechts und links den steinigen Grund frei hervortreten läßt. Alle diese breiten Straßen liegen zur Hälfte nackt und klar im weißen Sonnenlichte da.

Aber überall an den Häusermauern stehen, hocken und kauern die Bettler. Das ist wie ein langes Spalier von in Lumpen gehüllten Männern, Weibern und Kindern, von Krüppeln, die ihre entblößten Armstumpfe 126 zeigen, von Blinden, die ihre Bitten vor sich hinleiern. Christoph Columbus sogar auf seiner hohen Säule am Endpunkte des Raseo de Recoletos streckt die Hand aus, als wollte er sagen: »Ein armer Entdecker, der das Unglück gehabt hat, Amerika zu entdecken, bittet um eine kleine Gabe.«

Alle Eingeborenen versichern, daß mehr gebettelt werde, als nötig sei. Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke, denn wenn man all diesen Jammer für völlig berechtigt halten müßte, so könnten einem die Haare zu Berge stehen über diesen Reichtum an Elend und über diese Vielköpfigkeit der Madrider Familie Lazarus. Die Spaziergänge in den Madrider Straßen gleichen ein wenig Hospitalbesuchen, was manchen in seiner Verdauung stören dürfte, obgleich man sich bekanntlich an nichts so schnell gewöhnt wie an das Leiden anderer.

Warum man das Betteln nicht verbietet? Weil es an Armenhäusern und Spitälern fehlt. Die konstitutionelle Freiheit, die den Spaniern verbürgt ist, beginnt mit der Bettelfreiheit.

* * *

Einer meiner Bekannten hat mir erzählt, daß neulich ein kleiner Bettelbube, dem er ein Zehn-Centesimostück gegeben, die Münze prüfend auf dem Pflaster habe aufspringen lassen, ehe er sich bei seinem Wohltäter bedankt. Ein so vorsichtiger Betteljunge ist mir noch nicht begegnet, aber das Probieren der Münze auf dem Steinpflaster ist eine Sitte, die in Madrid von jung und alt geübt wird. Sie haben eine große Geschicklichkeit 127 darin, die Münze so zu werfen, daß sie sehr hoch springt und in die Hand zurückfliegt.

In diesem bei jung und alt beliebten Spiel drückt sich das liebenswürdige Mißtrauen aus, mit dem der Spanier zu allem emporblickt, was ihm vom Staate kommt. Warum soll die Münze nicht falsch sein? Trau, schau, wem? Und nichts ist bezeichnender für das Vertrauen, welches der spanische Beamtenkörper genießt, als die Einrichtung, wonach die Schalterbeamten auf den Telegraphenstationen nicht Geld, sondern nur Briefmarken annehmen dürfen, die sie vor den Augen des Publikums auf die Formulare kleben müssen. Wer in der Tat bürgt dafür, daß die Depesche weiterbefördert würde, wenn man bares Geld auf den Schaltertisch legte?

Eine der schönsten falschen Münzen, die je im Umlauf waren, ist die spanische Verfassung. Es scheint, daß man vergessen hat, sie auf ihren echten Klang hin zu prüfen, ehe man sie annahm.

Es steht in dieser Verfassung bekanntlich alles, was gut und nützlich ist, und von weitem sieht die Sache auch wunderhübsch aus. Es gibt, wie man weiß, eine Art von allgemeinem Stimmrecht, eine allgemeine Wehrpflicht, eine anscheinend gerechte Steuerverteilung und eine Preßfreiheit. Aber man komme nur nicht näher heran! Denn dann sieht man, daß das allgemeine Stimmrecht eine fröhliche Komödie ist: jedes Parteikabinett, das liberale wie das konservative, hat eine vieltausendköpfige Klientel, die es bei seinem Regierungsantritt in alle Stellen und Ämter setzt und die für gute Wahlen sorgen muß. Das allgemeine Wehrgesetz 128 hat eine Hintertür, durch welche die Besitzenden, nachdem sie eine Ablösungssumme gezahlt, sich hinausdrücken. Und die gerechte Steuerverteilung existiert für die Freunde und Vettern der politischen Beamten so wenig, daß jeder, der in den oberen Regionen einen freundlichen Gönner hat oder ein wichtiger Wähler ist, nur versteuert, was ihm gerade beliebt. Eine vor zwei Jahren in der Provinz Granada vorgenommene Neuabschätzung ergab die erbauliche Tatsache, daß statt für 1 203 533 Hektare nur für 601 353 Hektare Grundsteuer gezahlt wurde. Man hatte in der Hauptstadt Madrid die Leute von Granada bis dahin für nur halb so reich gehalten, wie sie in Wirklichkeit waren.

So bleibt, unangetastet und unverfälscht, eigentlich nur die Preßfreiheit. Aber auch sie kommt nur zwei Dritteln der Bevölkerung zugute, da in Spanien ein Drittel des Volkes noch immer nicht das Lesen gelernt hat. Es gibt keinen Schulzwang. Eine Verfassung aber, in der es keinen Schulzwang gibt, ist wie ein Haus ohne Fenster, wie ein Haus ohne Licht. Es klingt seltsam, aber es ist wahr: die wirkliche Freiheit beginnt mit einem Zwange, dem Schulzwang.

* * *

»Madrid, princesse des Espagnes«! . . . die flinkfüßigen Verse, in denen Alfred de Musset diese Stadt gefeiert hat, versteht man vielleicht besser, wenn man sie in Paris und in Berlin liest, als wenn man sie sich in Madrid ins Gedächtnis ruft. »La blanche ville aux sérénades« . . . Gott weiß, daß das kein Bild von dem gibt, was Madrid heute ist! Die wahre Romantik – 129 die allerbeste – lebt in jeder großen Stadt, denn nichts ist so mysteriös und so geheimnisvoll wie das Getriebe einer von tausend Interessen bewegten Menge, das Gewühl der Straßen. Aber die besondere romantische Dekoration, welche die französischen Romantiker um 1830 brauchten, suche ich vergebens in Madrid. Die rotgefütterten schwarzen Verschwörermäntel vieler Männer und die Spitzentücher einzelner Damen sind wahrhaftig die einzigen Requisiten der Romantik, die man entdeckt.

Nun ist es ja sehr möglich und sogar wahrscheinlich, daß Madrid um 1830 etwas anders und um einiges spanischer aussah als heute, wo es nur noch eine moderne Stadt mit meist breiten und oft zu breiten Straßen ist. Wo heute nur noch alte Bettler die steifen Finger zitternd über die Guitarre gleiten lassen, mögen damals wirklich die süßen Töne einer Serenade zu dem Balkon der Schönen emporgestiegen sein. Nicht nur Mussets Madrider Poesien, sondern alle alten Beschreibungen und die Tapetenbilder des großen Goya im Prado-Museum sprechen davon. Aber eine besonders romantische Stadt kann Madrid nie gewesen sein, und wenn Musset Madrid »princesse des Espagnes« nannte, so war er in Madrid verliebt, weil er eine Madriderin liebte.

Diese Stadt ist aus einem Rechenexempel hervorgegangen, und das sieht man ihr an. Der bittere Rechenmeister Philipp II., der wie Napoleon ein Genie der Zentralisation war und alles, was ihm die Einheitlichkeit seiner Quadrate störte, mit Feuer und Schwert ausrottete, dieser große, mit blutiger Feder addierende Rechenmeister verlegte seinen Hof nach Madrid, weil 130 es der mittelste Punkt auf der Karte Spaniens war. Es lag ihm wenig daran, daß der Manzanares weniger poetisch war als der Guadalquivir, daß die Erde hier lustlos und ohne Reiz schien – er war kein Poet, und wenn er ein Phantast war, so war er nur ein Phantast der Geometrie. Er wählte Madrid, das mitten in den Sand gebaut war, wie Berlin mitten in den Sand gebaut ist – und es ist seltsam, wie gewisse Strecken, besonders an der Ostgrenze des Madrider Stadtgebietes, an die schöne Gegend zwischen Tempelhof und Südende erinnern.

Dieses Madrid sollte das starke Zentrum sein, das alle Fäden des weiten Gewebes der Verwaltung zusammenhalten sollte, der Wachtturm, von dem aus man das Reich durchspähen sollte, in dem die Sonne nicht unterging. Aber selten hat eine Stadt die Mission, zu der sie erwählt worden, so wenig erfüllt. Das Werk des großen Rechenmeisters hat keinen Bestand gehabt, wie die Werke aller derjenigen, die mit toten Ziffern statt mir lebendigen Kräften rechnen. Was hinter den Stirnen seiner Untertanen vorging, was der Inhalt ihrer Seelen und Herzen war, hatte der weltliche Großinquisitor von diesem Mittelpunkt des Reiches aus erkennen wollen. Und seine Nachfolger in derselben Stadt wären schon glücklich und zufrieden, wenn sie wüßten, was und wieviel die Taschen ihrer Untertanen enthalten. 131

 

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.