Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Wolff >

Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 14
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Die neuen Bürger von Whitechapel

(London)

Wenn man aus der City durch Straßenzüge, die alle den Straßen des Berliner Zentrums zum Verwechseln ähnlich sehen, weiter nach Osten vordringt, gerät man in die breite Whitechapel-Road, die, zusammen mit ihrer Fortsetzung, der Mile End-Road, eine unabsehbare lange Straßenlinie bildet. Rechts und links von dieser Whitechapel-Road, die gar nicht armselig aussieht und in der kleine Kaufleute, Handwerker, Hafenbeamte und die Angestellten der Dockkontors wohnen, dehnt sich ein Gewirr, ein unregelmäßiges und winkelreiches Gebiet von schmalen Straßen, von Sackgassen, von gehöftartig zusammengeschlossenen aneinandergepferchten Gebäudereihen aus, das zur Linken, nach Norden hin, fast unbegrenzt scheint und zur Rechten, nach Süden hin, bis zu den Themsekais hinuntersteigt. Man kann stundenlang geradeaus wandern, ohne auch nur einen der Endpunkte dieser Arme-Leute-Stadt zu erreichen.

Diese Stadt ist ganz nach einem Schema gebaut. Die Maurermeister haben meilenweite Flächen mit 115 kleinen, niedrigen Häusern aus Backstein bedeckt – aus einem Backstein, der mit der Zeit schwarz und bröcklig geworden ist. Eine einzige Überlegung hat die Architekten geleitet: möglichst viel Raum zu ersparen, möglichst viele Häuser auf einem Stückchen Boden aneinanderzudrängen. Oft muß man, um von einem Häuserblock zum anderen zu gelangen, durch enge Korridore, unter niedrigen Gewölben hindurchkriechen. Und nur hier und da ist dieses schwärzliche, winklige Gäßchengewimmel unterbrochen – wenn einmal eine Fabrik mit langen, von Mauern umgürteten Höfen, oder eine Gasanstalt, oder, in der Themsegegend, ein Speicher finster und klobig zwischen all den Tausenden von kleinen Häusern steht.

Es ist außerordentlich viel über Whitechapel geschrieben worden, und jeder weiß, daß dieser Stadtteil das größte Quartier des Elends und des Lasters ist, das in der sogenannten zivilisierten Welt heute existiert. Der gebildete Europäer hat mir einigem Grausen von den stinkigen, schmutzigen Wohnlöchern gelesen, in denen die armseligsten Parias dieser Erde, Männer, Weiber und Kinder, dutzendweise beieinander hausen, und von der kläglichen Romantik der Verbrecherhöhlen und der Spielerspelunken. Mein verehrter Freund John Henry Mackay, der längere Zeit in Whitechapel logiert hat, hat in den »Anarchisten« seine unerfreulichen Beobachtungen mitgeteilt. Wer nur einige kurze Streifzüge durch Whitechapel unternommen, glaubt nach den Proben, die er gesehen, sehr gern, daß auch das Schlimmste, was man erzählen konnte, wahr ist. Und er ist höchstens im ersten Augenblick ein wenig 116 überrascht, wenn er statt der mächtigen siebenstöckigen Mietskasernen, die seine Phantasie ihm vorgemalt, all die vielen kleinen Häuschen und etwas wie ein riesiges Dorf voll Elend und Verkommenheit findet.

Der westlichste Teil von Whitechapel, der Teil, den man zuerst zur Rechten und zur Linken hat, wenn man, von der City kommend, die Whitechapel-Road betritt, war von jeher oder doch seit recht langer Zeit das Judenviertel. Aber während noch vor einigen Jahrzehnten dieses Judenviertel nur wenige Straßen umfaßte, ist es jetzt enorm ausgedehnt, und es schiebt sich fast täglich weiter nach Osten hin vor. Die Juden, die vor einer Reihe von Jahren hier aus Polen, aus Rußland und Galizien eingewandert und zu Wohlstand gelangt sind oder ihren mitgebrachten Besitz vermehrt haben, kaufen, oft zu sehr hohen Preisen, immer neue Häusergruppen und ganze Straßenzüge am Ostrande des Judenviertels an und vermieten die Wohnräume an die frisch eingewanderten Familien. Man baut Synagogen und richtet Geschäftslokale an der Whitechapel-Road zu Gebettempeln ein, und man hat hier, im Osten Londons, ein Gemeinwesen geschaffen, dessen neunzigtausend Mitglieder ganz nach ihren eigenen Sitten und nach den Vorschriften des alten Ritus leben können.

Schon in der breiten Whitechapel-Road kann man glauben, in einer jüdischen Stadt zu sein. Es gibt dort mehrere Theater, music-halls, neben deren Eingangstüren Plakate in zweierlei Sprache, englische und hebräische Plakate, kleben. An den Straßenecken verkaufen kleine jüdische Knaben eine in hebräischen Schriftzeichen gedruckte Zeitung, »The Daily Jewish Expreß«. 117 Vor einem Bäckerladen läßt sich die schwarzhaarige vollbusige Besitzerin von ihrem galanten Nachbar, einem jungen Zigarrenhändler, der noch aus Pietät oder Koketterie einen Rest der polnischen Ohrlocken bewahrt hat, den Hof machen. Vor ihren offenen Läden, in denen an großen Haken das Fleisch hängt, stehen mit aufgekrempelten Hemdsärmeln die jüdischen Schlächter. Aber man sieht in Whitechapel-Road doch auch noch Gestalten, die nicht zu diesen Eingewanderten gehören, sieht noch die englischen Kaufleute, die ihren Geschäften nachgehen, die Arbeiter, die von den Docks kommen, die Arbeitslosen, die, von einer unsichtbaren Last gebückt, zur City pilgern, wo sie irgendwo einen Penny zu erhaschen hoffen, die Betrunkenen, die glotzäugig und stier gegen die Wände der Häuser taumeln. Man sieht zwischen den Läden auch noch die Schnapsbuden. Und besonders die Betrunkenen und die Schnapsläden sieht man gar nicht mehr, wenn man dann die gerade Hauptstraße verläßt und in das eigentliche jüdische Viertel hineingelangt.

In einer der Nebengassen – der breitesten – ist gerade Markt. Die Händler haben ihre Tische nebeneinander aufgestellt und ihre Waren ausgebreitet. Der eine verkauft Hosen, der andere Vorhemden und Kragen, der dritte Bänder und Spitzen für die Damen, und der vierte Hüte, die noch beinahe modern sind. Neben einem rotbärtigen, beleibten Mann, der lächelnd und eindringlich einem Arbeiter die schönste der Hosen aufzureden sucht, steht griesgrämig ein magerer, der mir dem Rockärmel einen alten Stiefel blank putzt. Ein Limonadenverkäufer, der eine Brille trägt, schöpft mit 118 der Holzkelle die gelbe Flüssigkeit aus dem gläsernen Faß, und in sauberen Gehröcken, den Zylinder auf dem Haupte, wie Lords, stehen zwei wohlhabende Mitglieder der Gemeinde ein wenig abseits, streichen mit der Hand die vollen, langen Bärte und sehen sich zufrieden und schmunzelnd das Treiben der »kleinen Leute« an.

Wer in die ganz engen Gäßchen und in die Höfe hineinkriecht, entdeckt zahllose pittoreske Winkel. Es kann hier in diesen Winkeln von Reichtum nicht gut die Rede sein, aber man findet wenigstens einen Reichtum an Typen, der fabelhaft interessant ist. Man findet auch noch einen anderen Reichtum: einen ganz ungeheuerlichen, ganz unbeschreiblichen Reichtum an Kindern. Die Kinder hocken im Kreise auf dem Pflaster, sitzen zu Dutzenden vor allen Türen, lungern in ganzen Banden überall herum. Die meisten sind sehr schmutzig. Kleine Knaben, die noch nicht gehen können, rutschen, nur mit einem kurzen Hemd bekleidet, die Treppe, die man im Innern der Häuser sieht, herab und reiben sich, unten angelangt, miauend ihre Rutschfläche.

In dieser jüdischen Stadt, dieser Stadt der Eingewanderten, wird ungefähr alles fabriziert und gehandelt, was der Mensch zum Leben braucht. Es gibt dort Tischler, Schlosser und Schmiede. Aber die meisten der Eingewanderten sind Schneider – sie sind es vielleicht in Rußland und Rumänien nicht gewesen, aber sie sind es in Whitechapel geworden. Die Mehrzahl der Ankömmlinge wirft sich auf diesen Erwerbszweig. Die Londoner Exporthäuser, die große Posten billiger Konfektionsware nach Amerika liefern, haben erkannt, daß sie in Whitechapel für wenig Geld eine Armee von 119 fleißigen Arbeitern zu ihrer Verfügung hätten. Sie lassen durch Zwischenmeister die Arbeit in Whitechapel verteilen und können jetzt in wenigen Tagen Bestellungen ausführen, die sie früher ablehnen mußten und die nach Deutschland gingen. Whitechapel ist ein gefährlicher Konkurrent der deutschen Massenkonfektion geworden.

So günstig es nun auch ist, daß eine feste Arbeitsorganisation geschaffen ist, durch die diese Neunzigtausend ernährt und erhalten werden – die Königliche Kommission, die sich augenblicklich mit der Lage in Whitechapel beschäftigt, sieht gerade in dieser Organisation ein Hindernis für die Erfüllung ihrer Wünsche. Der Strom der Einwanderer soll von Whitechapel ab und zu anderen, zu verschiedenen Punkten Londons hingelenkt werden. Die Hafenarbeiter, die bisher in Whitechapel wohnten, sollen nicht gezwungen sein, immer weiter gen Osten zu wandern, wo sie stundenweit von ihren Arbeitsplätzen entfernt sind. Den kleinen englischen Gewerbetreibenden der Gegend soll ihre frühere Kundschaft erhalten, und drohende Kalamitäten sollen abgewendet werden. Aber die Einwanderer ziehen samt und sonders nach Whitechapel, wo sie nicht nur die Möglichkeit finden, nach ihrer Gewohnheit zu leben, sondern auch die Möglichkeit, ihr Brot zu verdienen. Da man in England niemandem verbieten kann, zu wohnen, wo es ihm beliebt, und da man die Einwanderungsfreiheit nicht beschränken will, so weiß die Kommission nicht recht, wie sie das Problem eigentlich lösen soll.

Einstweilen verhört diese Kommission alle möglichen Personen, die in Whitechapel wohnen, und die sich über 120 die Verhältnisse dort äußern. Wenn man diese Äußerungen liest, ist man sehr angenehm überrascht über die ruhige Objektivität und die gesunde Vernunft, mit der jeder Vorgeladene spricht. In Ländern, in denen es einen Antisemitismus gibt, lassen sich die einen von ihren Vorurteilen fortreißen, scheuen sich die anderen, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Antipathie und Empfindlichkeit machen es beinahe unmöglich, ernsthaft zu diskutieren, und die Klügsten halten es für verständig, gewisse Fragen nicht zu berühren, gewisse Worte nicht zu gebrauchen. In England sind wenigstens diese Vorurteile und diese Heuchelei noch unbekannt. Und man debattiert über die Lage in Whitechapel genau so leidenschaftslos und geschäftsmäßig, als debattierte man über eine Hafenanlage oder ein Finanzprojekt.

Ein Arzt, der in Whitechapel wohnt, hat in diesem leidenschaftslosen, geschäftsmäßigen Ton der Kommission den Entwicklungsgang geschildert, den die Eingewanderten gewöhnlich durchmachen. Wenn diese Leute aus Rußland oder Rumänien anlangen, haben sie mit gesitteten Menschen nur wenig gemein. Sie sind bedeckt mit Schmutz und Ungeziefer und können weder schreiben noch lesen. Aber sehr bald, nach den ersten Jahren schon, vollzieht sich eine Wandlung. Die große Stadt, in die sie plötzlich hineingeraten sind, tut ihre Wirkung. Die bisher Ahnungslosen beginnen, die Anforderungen, die Vorzüge, die Versprechungen der neuen Welt zu ahnen. Die Alten bleiben in den Winkeln von Whitechapel, aber die Jüngeren wagen sich von Zeit zu Zeit nach London hinein, wo sie das Treiben der City erst 121 anstaunen und dann begreifen. Ganz stetig und natürlich entwickelt sich der Eingewanderte, und wer gestern ein Bürger von Whitechapel war, wird morgen ein Bürger von London werden.

Es muß unendlich interessant sein, diesen Prozeß zu studieren, diese große Schleif- und Bildungsarbeit, die sich an einer ganzen Bevölkerung vollzieht, zu beobachten. Der Prozeß geht überraschend schnell, weil die Atmosphäre in England besonders günstig ist. Der Londoner Himmel ist nicht immer mild, aber er ist milder als der Himmel Rumäniens, die Gassen in Whitechapel sind eng, aber man ist dort freier als in dem weiten Rußland. Den Engländern ist gewiß viel vorzuwerfen. Aber sie nehmen noch heute die Vertriebenen auf. Whitechapel, das oft die Schande Englands genannt worden ist, ist in gewissem Sinne auch Englands Ruhm.

Am letzten Sonnabend nachmittag hatte ich den Tower besucht, der bekanntlich jeden Besucher bitter enttäuscht. Als ich dieses ehemalige Staatsgefängnis verlassen hatte, geriet ich in einen kleinen, grünen Square, der unter den Mauern des Tower einigen Schatten spendet. Ich wußte im Augenblick nicht, daß ich mich ganz in der Nähe des Judenviertels befand, und war zuerst ein wenig überrascht über das Publikum im Square. In der Mitte, auf dem Rasen, spielte, wie an jedem Sonnabend nachmittag, die königliche Marinekapelle. Ringsherum standen in dichtem Kranze die alten und die jungen Leute des Viertels. Unglaublich viele Frauen, die schon vier oder fünf Kinder hinter sich herschleppten, waren wieder im Begriff, nach dem Worte zu handeln: »Seid fruchtbar und mehret euch!« 122 Und auf der Bank unter der Buche saßen die langbärtigen Greise wie die Patriarchen.

Die jungen Leute lächelten und winkten einander zu. Mütter und Väter ließen ihre geputzten Kinder nach den Walzermelodien hopsen. Die Türme des Tower blickten eher schützend als fürchterlich auf das Bild hernieder. Männer und Frauen, die Patriarchen unter dem Baum und die hopsenden Kinder schmunzelten und lachten vergnügt in dem Sonnenlicht, und die königliche Marinekapelle spielte ihnen Weisen, die sie in Rußland und Rumänien nicht gehört hatten. 123

 

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.