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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 13
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Brief von den Korinthern

(Korinth)

Südwärts von Brindisi trifft man die reisende Altberlinerin mit dem Regenmantel aus dem Leipzigerstraßen-Basar und dem »englischen« blauen Schleier schon selten. Aber ein Exemplar dieser Gattung hatte mich doch erwischt – in dem Speisesaal des Lloydschiffs, das von Korfu nach Patras fuhr – und begann, kurz hinter dem durch Sapphos Liebesleid berühmten Leukadischen Felsen, mich also auszufragen:

»Sie werden natürlich nach Olympia gehen?«

»Nein.«

»Sehr unrecht. Olympia ist doch was Bleibendes?«

»Ja, ich weiß . . . wenn irgendwo gar nichts geblieben ist, so ist das immer ›was Bleibendes‹.«

»Passen Sie nur auf . . . es wird Ihnen für Ihr ganzes Leben leid tun.«

»Kann sein. Gehen Sie denn hin?«

»Wir? nein. Mein Mann ist leidend.«

105 Zum Glück begann das Meer, meine Unruhe zu teilen. Die Dame mit dem Regenmantel, die eigentlich wenig Olympisches hatte, verschwand aus dem Gesichtskreis. Einige andere Passagiere begannen fröhliche Melodien zu pfeifen . . . immer das sicherste Anzeichen dafür, daß die Seekrankheit sich bescheiden gemeldet hat.

Am andern Morgen waren wir in Patras, einem trübseligen Hafennest, das unwürdig genug die Einfahrt zum Korinthischen Busen behütet. Zwei Stunden später dampfte der Zug nach Athen. Er war sehr überfüllt, denn es waren in Patras zu gleicher Zeit zwei große Passagierschiffe angelangt. Aber es gab durchaus gesittete Waggons, ziemlich in der Art der französischen.

Ich hatte mich vor der olympischen Berlinerin retten wollen und war in einen Waggon am andern Ende des Zuges gestiegen. Aber ich war ein bißchen aus dem Regen in die Traufe gekommen. Denn außer drei sehr charmanten Türken, einem Offizier und zwei Ärzten, die vom römischen Kongreß kamen, gab es hier ein Paar, bei dem all die charakteristischen Merkmale der Berlinerin, ins Provinz-Französisch übersetzt, sich wiederfanden. Es waren das ein Bürger aus Nancy und seine Tochter. Da sie mir gegenüber saßen, so hatte ich viel unter ihren Füßen zu leiden, ganz enormen Füßen, die in vorsintflutlichen Stiefeln steckten. Diese Stiefel, die breit ausgetreten waren, und deren Leder mit Rissen und Sprüngen gleichsam geädert schien, erzählten eine Welt. Man spricht von beredten Händen. Hier sah man beredte Füße. Der kleinliche Geiz, die Beschränktheit, der absolute Mangel an savoir vivre – all das, was sich im Gespräch trist genug enthüllte, wurde schon von 106 diesen gigantischen Stiefeln ausgeplaudert. Man sah den Mann mir der Kirchturmsweisheit und die Frau »qui ne se met pas«, jene ganze reizlose Borniertheit der französischen Provinzialen, an denen die witzigen Pariser mit überlegenem Lachen sich ergötzen.

Und während der Bürger aus Nancy jeden der schmutzigen Drachmenscheine, die er beim Wechseln in Patras erhalten hatte, durch eine große Lupe musterte, und während die Bürgerin in einem abgegriffenen Bande aus einer heimischen Leihbibliothek las, kamen links die Wasser des Korinthischen Golfs in fabelhaft schönen Farben bis dicht an den Bahndamm heran. Der Himmel lag rings umher in Wolkengrauen, auf den Bergen an beiden Ufern hingen schwarze Wetter, aber gerade über dem Golf wölbte sich ein Festtagsblau. Kleine, weiße, kokette Wellen jagten sich purzelnd über das Wasser, und die Flut leuchtete in wechselnden Streifen, tiefblau und funkelnd grün, in einem so durchleuchteten, sprühenden Blau und Grün, wie man es nur sehen kann, wenn man Saphire und Smaragden vor die Sonne hält.

Nur dann und wann ein kleines weißes Segel. Nur dann und wann, hier auf dem peloponnesischen, drüben auf dem aiolisch-phokischen Ufer, ein unscheinbarer Küstenplatz. Weinfelder, wo die kurzabgeschnittenen Stöcke knorrig sich aus dem gelben Boden hervorwinden. Dazwischen überall uralte Oliven mir ihrem graugrünen Laub. Und allmählich verbreitert sich der Golf, so daß das jenseitige Ufer entschwindet, in Nebelwolken untertaucht, bis der Zug, am Ende des Golfs, in Neu-Korinth einfährt.

107 Auf dem winzigen Bahnhof stieg ich aus und konstatierte mit einer gewissen Freude, daß alle Passagiere, die Berlinerin und die Nancyer Bürgersleute nicht ausgenommen, nach Athen weiterfuhren und daß ich der einzige war, der zu den Korinthern ging. Das war sehr gut. Und was nicht gut war, das war nur das Wetter. Denn die Wolken zogen sich zusammen, und das geängstigte Blau wurde immer kleiner, ließ sich nach und nach besiegen.

Man bekommt auf dem Bahnhof ein erträgliches Essen, und der dicke Bahnhofswirt, der ein wenig französisch parliert, hat in der Stadt ein Haus, wo sich's nächtigen läßt. Es ist ein werdendes Hotel, wie Neu-Korinth eine werdende Stadt ist. Baedeker sagt, die Gründung der Stadt reiche »kaum vierzig Jahre hinauf«. Der Fremde, der hier feierlich einzieht, glaubt in einer Stadt zu sein, die erst gestern aufgebaut wurde. Die Feuchtigkeit trieft von den Wänden all der kleinen einstöckigen Häuser herab. Gut ein Dutzend dieser Gebäude ist wieder eingestürzt, und die Trümmer liegen herum. Überall sieht man vom Mauerwerk den Kalk abbröckeln. Das Ganze erinnert an jene überhastet gegründeten Kolonien im Kreise Teltow bei Berlin.

Das ist's, was heute Korinth heißt. In der Nüchternheit dieser Umgebung ist es schwer, die Traumfäden zu jenem Korinth hinüberzuspinnen, das die Stadt der griechischen Schwelger und Lebemänner war und dessen fast zu blendender Glanz den Neid Athens erregen konnte. Schwer, jenes spätere Korinth sich heraufzuzaubern, das der zürnende Apostel Paulus brieflich von Sittenverderbtheit und weltlichen Lastern zu heilen 108 trachtete. Und ich hätte es fast vorgezogen, statt in dem »modernen« Hotel in einer jener wurmstichigen Hütten zu wohnen, die zwischen den letzten Säulentrümmern in der eigentlichen »alten Stadt«, am Fuß von Akrokorinth, sich zu einem elenden Dorf zusammenschließen.

Dieses Alt-Korinth erreicht man nach einer einstündigen Wagenfahrt. Ein Dutzend kleiner Gehöfte, von Kaktushecken geschützt. Drei oder vier Budiken, ein Schuster, der gerade das Leder zu den landesüblichen roten Schnabelschuhen zurechtschneidet – ein Schneider, der vor der Tür sitzt und ein paar tödlich verwundete Hosen zu heilen sucht – ein Bäcker, der in einem hohen Holzgefäß den Teig quirlt. Überall spitzschnauzige Hunde, die aus den Türen hervorschießen und ein nichtswürdiges Gebell erheben. Auf einer Anhöhe sieben dorische Säulen, die letzten Zeugen der alten Herrlichkeit.

Aber über dem Dorf, alles überragend, alles beherrschend, ein unvergänglicher Riese, der sich den Wind der Zeiten gleichmütig um die Ohren pfeifen läßt, der hohe Felsenberg von Akrokorinth. Er hat bis zu seiner halben Höhe hinauf das Grün der Wiesen und das Laub der Oliven hinanklettern lassen. Dann wehrt er es ab. Und streng und frei – »schroff« mögen ihn die Leute nennen – nur er selber, ragt er dann aufwärts, die zerfallenden Mauern der Burg wie eine Krone auf dem Scheitel tragend.

Zwei Amerikaner mit weißen Sonnenhelmen und kurzen Gebirgshöschen trotteten vom Berg herab. Mich 109 nahm ein anderer Esel auf seinen guten Rücken. An einem Brunnen vor dem Dorf, den ein schöner römischer Bogen überwölbte, wuschen die Mädchen und Frauen von Alt-Korinth schwatzend die Hemden ihrer Gatten und Brüder. Hier ähnelte die Tracht der Frauen den Kostümen der Süditalienerinnen. Nur, daß in Italien das Nationale des Kostüms immer mehr vor dem uncharakteristischen »fränkischen« Stadtkostüm den Rückzug antritt, während in Griechenland das stolze Selbstbewußtsein jeden Bauern und jede Bäuerin lehrt, am Altererbten festzuhalten.

Rings um den Fuß des Berges legen sich Wein- und Korinthenfelder. Aber auch Korn gibt es – in schmalen Feldstreifen – und Wiesen. Ah, und was für Wiesen! Wiesen, die so rot sind von Mohnblumen, daß sie wie ein einziger Blutsee den Berg hinunterzufließen scheinen. Wiesen, wo allerhand gelbe Wucherblumen in dieses Rot sich mischen, so daß ein greller Farbenkampf entsteht, an dem das Auge trunken wird.

Ich erinnere mich nicht, vorher solche Mohnblumen auf Wiesenflächen gesehen zu haben. Sie haben nicht das zahme, jüngferliche Blaßrot unserer nordischen Mohnblume, sie sind von einer fast schmerzenden Glut und von jenem Schwarzrot, das manchmal der »afrikanische« Mohn hat, den man bei uns in Blumenhandlungen antrifft. Es ist, als hätten sie unendlich viel von der südlichen Sonne in sich hineingetrunken und ständen nun da mit glühenden Köpfen, wie berauschte Bacchantinnen.

Langhaarige Ziegen traten überall neugierig an den Weg, und die schlecht erzogenen Hunde bellten.

110 Da begann es zu regnen. Erst schüchtern, als wollte der Himmel nicht wehe tun, dann erbarmungslos. Das arme Maultier ließ den Kopf hängen, der Treiberjunge zog sich die Jacke über die Ohren. Ich saß auf dem Eselrücken unterm Regenschirm und versuchte, möglichst gut Figur zu machen. Denn schließlich ist es etwas, gen Akrokorinth zu reiten. . . .

Nach einer reichlichen Stunde waren wir nahe beim äußeren Burgtor. Der Esel wurde an eine alte Säule gebunden, und der Hütejunge und ich kletterten zum Berggipfel. Das währte dreiviertel Stunden. Von Zeit zu Zeit hörte es auf zu regnen . . . kurze Pausen in dem großen rauschenden Konzertstück. Der Berg war sehr steil, und all das lose Geröll war blank und glatt in diesem Regen. Eine Gelegenheit, sich Hals und Beine zu brechen, wie sie so bald nicht wiederkam.

Die Festungswerke, Mauern und Tore, stammen aus dem Mittelalter. Die verschiedensten Nationen, besonders wohl Türken und Venezianer, haben an ihnen gebaut. Die Mauern sind zum Teil eingefallen, die Tore, die sich sehr wuchtig und solide ausnehmen, sind gut erhalten. Die Befestigung ist sehr ausgedehnt.

Was man von hier oben aus alles sehen soll, las ich mit gemischten Gefühlen unterm Regenschirm im Baedeker. Graue Regennebel verhüllten fast all diese Herrlichkeit. Aber die Täler lagen unten, mit den grünen und gelben Feldstreifen, die über weiche Hügel gingen. Wie vom Himmel gefallenes Heldenblut die roten Mohnwiesen. Dahinter ein gutes Stück vom korinthischen Busen. Und dann auf der andern Seite, unter dem 111 einzigen Fleckchen Blau, das am Himmel zu sehen war, in dem einzigen Sonnenstrahl, der über die Erde ging, die blauschwarzen Felsen von Salamis. Sie allein traf ein kleines, liebkosendes Lächeln der Sonne Homers . . .

Als ich nach Sonnenuntergang wieder in Neu-Korinth anlangte – ein wenig ramponiert –, war der Himmel klar geworden. An den Tischen vor dem sogenannten Kaffeehaus, einem weißgestrichenen, verräucherten Hausflur, saßen die Politiker von Neu-Korinth. Auf den Balkons standen die hübschen Jungfräulein der Stadt und verabredeten miteinander den Abendspaziergang. Über alle dem lag die Friedensstimmung, die man in Dämmerstunden in den kleinen Gebirgsstädten trifft. Und der stille Golf von Korinth ruhte zwischen den schattenumsponnenen Bergen wie ein oberbayerischer Gebirgssee.

Ich ging ein bißchen zu ihm hinunter und beschaute den Kanal, mit dem Franzosen und Griechen nun glücklich den Isthmus durchbrochen haben. Obwohl er seine dreiundzwanzig Meter breit ist, sieht er eigentlich recht schmal aus. Das mag daran liegen, daß er sehr lang ist . . . sechs Kilometer. Oder daran, daß seine beiden Ufereinfassungen sehr hoch sind . . . nämlich etwa sechzig bis siebzig Meter im Durchschnitt. Oder schließlich auch daran, daß er mit seinen dreiundzwanzig Metern doch nur eine winzige Fortsetzung des unabsehbar breiten Golfs ist.

Augenblicklich ist die Schiffahrt durch den Kanal wieder eingestellt. Zum nicht geringen Entsetzen der Aktionäre hat sich ergeben, daß der in zwölf langen 112 Jahren gebaute, endlich so feierlich eröffnete Kanal noch nicht die gehörige Tiefe hat. Das ist nun ein Jammer. Denn bereits haben hier, mit Rücksicht auf den Kanal, die Hotelpreise die gehörige Höhe.

In dem Bahnhofsrestaurant bekam ich zum Abendbrot einen gewiß schon vor längerer Zeit erwürgten Vogel, der immerhin einer von den korinthischen Kranichen des Ibykus gewesen sein kann. Aber dazu einen guten Wein, der den wohlklingenden Namen »Parnaß-Wein« führte, und dessen Lieferanten sich »Solon & Co.« nannten. Und es war schön, daß wieder die Weisheit so nahe beim Wein war.

Spät am Abend aber drückte ich mich noch an den Häusern entlang durch die Straßen. Zwei oder drei Laternen versuchten die Stadt zu erhellen. Aus einem geöffneten Fenster kam ein schwerer Weihrauchduft. Und hinter dem Fenster lag, bei zwei müden Lichtern, eine tote Frau.

Ein Hund lief bellend vor mir her. Es war nur ein ganz gewöhnlicher Hund, von einer gemeinen Rasse, aber ich nannte ihn einen canis graecus. . . . Denn schließlich war auch er ein Sohn Griechenlands. Und dieser Boden hier, mochte man ihn tausendmal umwühlt, mochte man alles, was er getragen, niedergerissen haben, war griechischer Boden. Eines war, das man ihm nicht rauben konnte: den Duft der Erinnerung.

In einer Seitengasse hatten drei kleine Buben einen kleinen Holzstoß aufgerichtet und angezündet. Die Mütter und Schwestern standen dabei und lachten. Ein Mann kam und hielt einen Speisenapf über das Feuer. 113 Die Flammen schlugen phantastisch empor; und die Leute amüsierten sich in südlicher Fröhlichkeit.

In dem Dunkel der Nacht unterschied man doch noch, im Lande drin, hoch über den Dächern, die Schattenumrisse von Akrokorinth. Und ich ging ins Hotel und las in der »Braut von Korinth«:

»Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.« 114

 

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