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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 11
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Insel der schönen Augen

(Korfu)

Es ist nun bald acht Tage her, daß das vortreffliche österreichische Lloydschiff »Uranos« in die Bucht von Korfu einfuhr, sicher und majestätisch, wie es die ganze Adria durchquert hatte. Mit einem gewissen Schmerzgefühl, das ich halb durch die Trennung, halb durch den harten Sitz zu erklären bitte, kletterte ich von dem Klüverbaum herab, auf dem sich's während dieser zwei unvergleichlichen Sonnentage so göttlich gut hatte thronen lassen. Links lag das feste Land mit den schwarzen, unfruchtbaren Albaneserbergen, rechts Korfu, lang, daß kein Ende abzusehen war, halbmondförmig geschwungen, eine einzige große Bucht in seine Arme nehmend. Und in der Mitte der Bucht die Stadt Korfu, mit einem alten, romantischen Kastell, das mit zypressenbewachsenen Wällen ins Meer heraustrat.

Dann stießen vom Land die breiten, ungeschickten Boote ab, in denen die Ärzte und die Hoteldiener zum Schiff fuhren, allerhand Gesindel mit und ohne Fez lungerte in Kähnen ringsherum.

89 Es war sehr warm an jenem Tage, und ich erinnere mich, wie der kleine belgische Chasseur-Kapitän – er selbst nannte sich »le petit capitaine« –, mit dem ich im Wagen fuhr, einmal über das andere »crac!« sagte. Das war so eine militärische Angewohnheit von ihm – er sagte immer »crac!«, wenn er wütend war.

»Crac!« sagte er wieder. Da waren wir auf einem großen Platz angelangt, auf dem es nichts gab als sehr viel Sonne. Niemals habe ich das Sprichwort »Wo viel Licht ist, ist starker Schatten« mehr als Lüge empfunden, als an diesem Tage. Die Sonne fraß sich förmlich ein in die festgestampfte weiße Erde des großen Platzes.

Das war der Exerzierplatz, der hinter dem alten romantischen Kastell lag. Die grünen Wälle des Kastells schlossen ihn nach dem Meere zu ab. Auf der anderen Seite, dem Kastell gegenüber, lagen die beiden großen Konkurrenzhotels, das eine grün, das andere gelb, als hätten sie sich gegenseitig in diese Farben hineingeärgert. Sie hatten Kolonnaden, in denen ein paar primitive Cafés ihre kleinen Tische und Stühle aufgestellt hatten, und gelbe und grüne Jalousien. Sie haben etwas englisch Quäkerhaftes in ihrem Aussehen und rochen nach einfacher Sitte und unmoderner Tugend. Aber hinter diesen alten Fassaden konnte man auch bequeme Lehnsessel und behagliches Stilleben ahnen.

Links von den Hotels nahm die dritte Seite des Platzes das königliche Schloß ein. Zwölf grün geschlossene Fenster über einer dorischen Säulenhalle. Vor dem Schloß ein Laubrondell mit der Statue irgendeines 90 unsterblichen Königs. Nach dem Meer zu ein Garten mit schwarzen Zypressen.

»Crac!« schrie der petit capitaine, und ich sah, was ihn wütend machte. In den Kolonnaden vor den Hotels hatten etwa hundert griechische Soldaten gesessen und die Kehlen angefeuchtet. Aus irgendeiner Ecke des Platzes kam ein scheußliches Trompetensignal. Die Soldaten trotteten auf dem Platz zusammen und stellten sich, so gut es ging, in Reih und Glied. Ein müder Leutnant, dem die Kopfbedeckung schon ganz hinten im Nacken saß, gab seine griechischen Kommandos und ließ schwenken und abbrechen. Aus einem niedrigen Buschwerk kroch die Artillerie hervor: acht lebensüberdrüssige Maulesel, die auf dem haarigen Rücken die Einzelbestandteile zweier kleinen Kanonen schleppten. Rechts und links an jedem Tiere latschte je ein Soldat über den sonnigen Boden. Und die königlich griechischen Maulesel waren gar nicht sehr stolz darauf, so die Träger der artilleristischen Macht von Korfu zu sein. Sie senkten melancholisch die charakteristischen Köpfe und führten auf ihren Rücken die beiden Kanonen nach rechts und nach links, wie es der Führer der Truppe gerade wünschte.

Später habe ich dann alltäglich diese Exerzitien bewundert und immer wieder, zuerst mit wachsendem Erstaunen, dann mit innerer Befriedigung gesehen, wie man hier die Kanonen nicht als Mordinstrumente, sondern als befreundete Wesen behandelt, die man spazieren führen und in die frische Luft geleiten muß. Und der Wunsch erwachte, daß man auch bei uns über kurz oder lang dieses griechische Beispiel nachahmen und 91 Kanonen und andere Friedensstörer gelegentlich an die frische Luft befördern möchte.

Aber an jenem ersten Tage mißfiel mir noch manches, und auch mein kleiner Kapitän sagte noch oft sein »crac!« Ah, diese Hitze war enorm. Es war, als brannte irgendwo ganz in der Nähe die Erde. Und in der ganzen Stadt mit ihrem großen Platz und den weißen, winkligen Straßen gab es keinen Schatten und kaum einen Baum, der geeignet schien, die Rolle des Schattenspenders zu spielen. Das war die Schlemihlstadt – die Stadt, die ihren Schatten verloren hatte!

Es mußte regnen. Es war gar nicht anders möglich – man verbrannte sonst in dem Glutofen dieser Insel. Schon wegen der sieben mageren Engländerinnen, die wie die sieben mageren Jahre des keuschen Joseph an der Table d'hote saßen, mußte sich der Himmel erbarmen. Es war durchaus nötig, daß diese trockenen Tannen einmal begossen wurden.

Wirklich, am zweiten Tage regnete es. Der Himmel hatte ein Erbarmen mit der Insel, dem großen Platz und den sieben Engländerinnen. Es regnete – nicht sehr lange, nicht sehr reichlich, aber fürs erste genug. Es war mit einem Male schön, zu leben und auf Korfu zu sein. Tausend Herrlichkeiten, die man in der ermüdenden Sonnenglut übersehen hatte, fand man nun heraus.

Schon der große Platz sah jetzt ganz anders aus. Das alte Kastell, das sich ins Meer hinausschob und die spitzen Zypressen auf dem Kopf balancierte, schien unendlich pittoresk. Die vielen Popen mir den würdigen weißen Bärten, die im schwarzen Talar, den bekannten 92 Kochtopfhut auf dem Haupt, den ewigen Regenschirm unterm Arm, gemessen herumspazierten, in ernste Diskussionen vertieft, waren wie Heilige, die gerade vom Berg heruntergestiegen waren. Selbst den sieben Engländerinnen schien der Regen gut getan zu haben, wenn auch die weißen Blusen noch wie Segel ohne Wind um sie herumhingen.

Das Beste aber, was ich entdeckte, waren die Augen der Insulaner. Diese schwarzen Korfiotenaugen.

Jeder von uns kennt auch in Deutschland mindestens ein Paar Augen, von denen er schon geschworen und gesungen hat, daß sie die schönsten seien. Auch die schwarzen Augen gedeihen bei uns bis zu einer achtbaren Größe. Aber auf die Gefahr hin, mich mit den Besitzern oder den Bewunderern eines heimatlichen schwarzen Augenpaars zu verfeinden, muß ich erklären: das alles ist nichts gegen die Korfuaugen.

Denn die Korfuaugen haben einen ganz besonderen Charakter. Es sind die Augen von Briganten und von Brigantinnen. Es ist unendlich viel von dem in ihnen, was wir Rasse nennen. Das Schwarz hat nicht einen blanken Glanz, sondern nur den tiefen Schimmer des Ebenholzes. Und das schwarze des Auges breitet sich noch gewissermaßen in das Weiße aus – über diesem Weißen liegt's noch wie ein schwarzer Schatten.

Es sind Augen, in denen etwas auf der Lauer liegt. Verteufelte Augen. Trotzig, hochmütig, voll Leidenschaft und Grausamkeit. Die Augen von Adelsmenschen und die Augen von Räubern.

Der Junge, der uns vor drei Tagen bei Pelleka auf den Berg führte, hatte solche Augen. Pelleka ist ein 93 Dorf, das ziemlich an der entgegengesetzten Seite der Insel, auf den Bergen des Westufers liegt. Eine dreistündige Wagenfahrt durch Olivenwälder, deren schrumplige, bucklige Stämme sich hierhin und dorthin krümmen. Wenn der Weg über die Höhen führt, sieht man vor sich und hinter sich das Meer. Und dann sagt einem der Kutscher, der bis dahin politisiert und auf die Regierung geschimpft hat, daß man am Ziel ist. Barfüßige Bettelbuben kommen von allen Seiten, schreien »Penny!« und fragen, ob sie zum schönen Aussichtsberg führen dürfen.

Ich wählte denjenigen aus, der das malerischst geflickte Hinterteil und die schönsten Augen hatte. Er hieß Alexandros – Alexander der Pellikaer. Vierzehnjährig, schlank, mit einer unbewußten Koketterie sich in den Hüften wiegend, eine gelbe Blume zwischen den Fingern drehend. . . . Ein Prachtbube, der den hübschen Kopf in den Nacken warf und unendlich stolz darauf war, daß die Wahl auf ihn gefallen. Er trieb all die Bettelkinder zurück und suchte fast zärtlich nach den besten Wegen für uns. Als er schließlich die Drachme bekam, wurde er rot bis über beide Ohren. Wie im Süden Italiens, so findet man hier nicht selten solche Kinder – immer nur Kinder –, die von jener adligen Lebensschönheit etwas bewahren, einer Lebensschönheit, von der bei uns nur die Museen erzählen.

Pelleka selbst ist ein armseliges, erbärmliches Gebirgsdorf. In den ärmsten dieser Steinhütten sieht man nicht einmal Hausgerät. Ein Stein bildet den Stuhl, ein größerer den Tisch. Ein paar Lumpen in der Ecke sind das Lager. Nur die große Amphora für 94 den Wein fehlt nirgends. Und dieser süße Korfuwein, den der Wirt dort oben in der Dorfschenke beunruhigend billig hergibt – mit etwa fünfundzwanzig Pfennig für die Flasche – ist deliziös. Freilich mehr Dessert- als Trinkwein.

Und dann sah ich ein anderes schönes Augenpaar vor wenig Abenden im Korfuaner Theater. Man gab zum erstenmal in der Saison, und gar sehr zu meiner Freude, den guten »Rigoletto«. Das kleine, alte Theater – man mauert jetzt gerade an einem neuen – war ausverkauft. Fast nur Einheimische, sehr wenig verirrte Fremde. Aber in den Logen die Korfiotinnen, die Gattinnen und Töchter der reichgewordenen Wein- und Ölhändler der Insel. Fast alle in weißen Kleidern und mit unauffälligem, diskreten Schmuck.

Da sah ich, daß es wirklich eine gewisse klassische antike Schönheit gibt, die noch heute ein Anrecht auf mehr als respektvolle Bewunderung hat. Es gab hier viele Gesichter, in denen der alte griechische Schönheitstyp wieder zu leben schien, aber es gab eines, in dem dieser Typ zu einer Vollendung gediehen war, mir einem gewissen Etwas gewürzt – man möchte sagen, gepfeffert, mit etwas ganz Modernem oder ganz Unmodernem, einem Reiz, der den Griechinnen der alten Statuen und Bilder doch gefehlt hatte. Es konnte antike Erbarmungslosigkeit oder moderne Frivolität sein. Und es lag in den Augen. . . .

Es war eine junge Dame aus der reichen Korfuaner Gesellschaft, in weißem Kleid, mit breiten Puffärmeln. In den Ohren ganz kleine Brillanten, am Gürtel ein paar Blumen. Das Profil streng griechisch. Ein schmaler, 95 länglicher Kopf, dessen Silhouette durch die rückgerichtete griechische Frisur noch verlängert wurde. Der Teint matt, der Mund vielleicht ein bißchen zu groß. Das Bedeutungsvolle im Gesicht waren die herrschsüchtige Nase und die Kleopatraaugen.

Ja, es konnte Kleopatra sein; oder besser noch Salambo, jene karthagische Jungfrau Flauberts, die mit heiligen Schlangen koste. In das Griechische des Ausdruckes hinein hatte sich etwas Orientalisches, Wildes gemischt. Und auch das hatten die Augen getan.

Nur wenn einer der Kavaliere Korfus in die Loge trat und die Aufführung bewitzelte, ging ein etwas fades, wienerisch leichtes Lächeln über dieses Gesicht. Dann war es nicht mehr Salambo, dann konnte es ein junges Mädchen sein, das am Ring in Wien wohnte und halb geschmeichelt, halb blasiert den Komplimenten eines Salonlöwen lauschte.

Aber es war doch wieder einmal schön gewesen, zu sehen, daß das Griechenland von einst auch noch ein wenig da war, daß es nicht nur in den Statuen der Museen lebte. Denn wer hätte nicht immer mit einem Seufzer der Erleichterung das Märchen vom Pygmalion gelesen, in dem endlich einmal eine von den schönen Statuen, die wir durch Veranlagung und gute Erziehung zu lieben verpflichtet sind, zum Leben erwachte? 96

 

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