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Spaziergänge

Theodor Wolff: Spaziergänge - Kapitel 10
Quellenangabe
typesketch
booktitleSpaziergänge
authorTheodor Wolff
year1909
firstpub1909
publisherAlbert Ahn
addressBerlin / Leipzig / Paris
titleSpaziergänge
pages278
created20131225
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Auf der Küste

(Cabourg, Trouville, Villers-sur-Mer)

Die Küstenbahn zwischen Trouville und Caen erinnert ein wenig an die Küstenbahn der Riviera zwischen Cannes und Monte Carlo. An der normannischen Linie stehen ganz wie an der Rivieralinie die Villenorte eng nebeneinander, und hier wie dort trifft man in den Bahnwagen meist Leute, die ihre Villa oder ihr Hotel für einen Nachmittag verlassen haben, um die guten Bekannten im Nachbarorte zu besuchen. Trouville mit seinen großen Hotels, Blonville auf einem etwas schattenlosen Küstenfleck, Villers-sur-Mer mit seinen grünen Gärten und Alleen, Houlgate auf einer kleinen Landzunge, Cabourg mit seinem hohen steinernen, den Strand begrenzenden Promenadendamm folgen an der Bahnstrecke schnell aufeinander. Das Land zwischen den Orten ist wellig und grün, Hügel mit kleinen Gehölzen steigen in weichen Bogen aus saftigen Wiesengründen auf, Gärten mit roten Geranienbeeten umschließen die weißen Villen, und satte braune Kühe liegen mit phlegmatischem Wohlbehagen auf den Wiesen. Und ganz wie an der Rivierabahn stehen überall auf den Bahnhöfen die 80 jungen Mädchen, das Tennisrakett in der Hand, die ihre Freundinnen erwarten oder andere Freundinnen zur Bahn begleitet haben und nun mit vielen Küssen Abschied nehmen. Überall findet man auch die frommen Betbrüder, schwarze Landgeistliche und braune Kapuzinerpatres, die zu den Brüdern der benachbarten Klöster auf Besuch fahren; denn in dieser schweren, für die Orden so unheilvollen Zeit muß man enger zusammenhalten und gemeinsam beraten. Den Sünderinnen dieser Küste fehlt es nicht an Beichtvätern.

Ich kam gestern nachmittag nach Cabourg. Ich bin in früheren Jahren dort gewesen, und ich erinnere mich, daß es auf der Strandpromenade damals sehr viel elegante Frauen und sehr viel abenteuerliche Spieler gab. Gestern sah das alles weit unbedeutender und weit harmloser aus. Cabourg ist vielleicht noch leer; die Schulen in Frankreich sind noch nicht geschlossen, die jungen Leute stehen vor dem Examen. Aber es ist nicht das allein. . . . Wenn man die eleganten Frauen sehr oft gesehen hat, nennt man sie geschminkte Schachteln, und in den Spielern, die man zuerst mit den Helden Dumas, Sardous und Octave Feuillets verglich, erkennt man schließlich ganz kleine und ruppige Glücksritter. Wer zum ersten Male in Sevilla in die Fábrica de Tabácos kommt, sieht in jeder schwarzhaarigen Zigarrera eine Carmen. Aber der spanische Führer, der schon tausend Fremde durch diese Säle begleitet hat, lächelt ironisch.

Es ist auch nicht zu bestreiten, daß die französischen Seebäder durchaus nichts übermäßig Glänzendes und Prunkvolles haben. Sie sind mit den belgischen 81 Luxusbädern gar nicht zu vergleichen. Nur die Strandstraße in Trouville hat etwas Großartiges, Pompöses. In den anderen Orten gibt es den wirklichen Luxus und den wirklichen Komfort meist nur in den Privatvillen. Das Grand Hotel in Cabourg ist ein nüchterner Steinkasten, und das Kasino in Cabourg ist ein kleiner Pavillon mit zwei oder drei mäßigen Sälen. Das alles ist ein wenig unmodern, hinter der Zeit zurückgeblieben, das alles scheint aus einer Epoche zu stammen, die uns immer als die Epoche der übertriebensten Pracht, der wahnsinnigsten Verschwendung, der ausgelassensten Offenbachiaden vor Augen steht, und die im Grunde weit einfacher, anspruchsloser und genügsamer war als die Gegenwart. Überall, auf der ganzen Küste, sind die Badebuden so primitiv wie in irgendeinem ganz und gar nicht mondainen Bade. Ihre Ausstattung besteht in dem üblichen erblindeten Spiegel, einer Bank und einem Kleiderhaken. Und man würde es sehr merkwürdig finden, daß die Damen sich in diesen engen Zellen schön machen können, wüßte man nicht, daß aus den kleinsten Zellen oft die größten Lügen hervorgegangen sind.

Das Meer, das den weißen Strand bespült, leuchtet in allen Tönen, vom tiefsten Blau bis zum hellsten Grün. Es war in den letzten Tagen sehr stürmisch, sehr erregt, aber jetzt ruht es schläfrig von seinen Tänzen aus. Im Südwesten hängt ein schwärzlicher Wolkenbaldachin über dem Wasser, und während dort hinten alles lichtlos und dunkel ist, sammelt sich das Sonnenlicht mit verdoppelter Stärke über dem Meeresstreifen vor Cabourg, auf dem Strande, auf den rötlichen Backsteinmauern der Häuser. Die scharfkantige hohe Steinküste, die den 82 Leuchtturm von Havre trägt, scheint die Strahlen aufzusaugen und sie ausatmend zurückzusenden, und die bunten Flaggen, welche den Musikpavillon auf dem Strande von Cabourg umkränzen, leuchten weithin. Zwischen diesen Flaggen weht auch ein schwarzweißrotes Tuch. In Frankreich, wo selbst die Hamburg-Amerika-Paketfahrt-Aktiengesellschaft nur französische und amerikanische Fahnen aus ihren Bureaufenstern hinaushängt, ist diese deutsche Fahne eine Rarität. Man sieht sie mit all dem frohen Hochgefühl, das man empfinden muß, wenn man der Zustände in Deutschland gedenkt.

Die schwarzen Wolken, die im Südwesten standen, haben sich ausgebreitet und bedecken den ganzen Himmel. Es regnet. Es regnet seit einiger Zeit ein bißchen viel. Das Meer ist grau geworden und hat einen Nebelschleier übergeworfen. Man flüchtet in die Häuser oder auf die verdeckte Caféterrasse des Kasinos. Ein paar Familien sitzen dort und essen Eis, ein paar Jünglinge in weißen Strandanzügen und ein paar Demimondainen mit rotgefärbten Haaren kauen gelangweilt an den Strohhalmen, die in den Limonadengläsern stecken. Die Lavallière, nicht die hübscheste, aber die graziöseste und unartigste Schauspielerin von Paris, der früh verdorbene, straßenjungenhafte Orest, die lasterhafte junge Unschuld der »Varietés«, schaukelt in einem blauen Cape mit weißer Kapuze, ein rot- und blaugestreiftes Studentenkäppi auf dem Kopf, neben einer Freundin trübselig auf ihrem Stühlchen. Zwei Automobile fahren vor und wühlen den Straßenschmutz auf, daß die schwärzlichen nassen Klümpchen nach allen Seiten sprühen.

Es regnet unablässig, mit ermüdender Eintönigkeit. 83 Man ißt noch ein Eis, und man betrachtet wieder die schwarzweißrote Fahne, die jetzt schlaff und triefend an ihrer Stange klebt. Und man denkt an Deutschland, das im Zeichen des Verkehrs steht, und wo Handel und Gewerbe vor ihrer Beerdigung in tönende, überschwänglich wohlwollende patriotische Phrasen eingewickelt wurden, wie eine arme Seemannsleiche in ein Fahnentuch eingewickelt wird, ehe sie ins Meer hinabfliegt. Offenbar hat man zuviel Eis gegessen.

Schließlich geht man in den Spielsaal. Die »Petits Chevaux« galoppieren über das zirkusrunde Feld. Der Mann, der sie in Bewegung setzt, ruft phlegmatisch die Nummer des Siegers aus. Etwa dreißig Personen sitzen und stehen am Spieltisch. Die Spieler sind von zweierlei Geschlecht, aber die Tugend ist einerlei.

Eine noch junge, sehr hochgewachsene, weiß gekleidete und rosig geschminkte Dame erhebt sich alle fünf Minuten von ihrem Sessel, geht zu einem alten Herrn, der an der Wand auf einem Sofa zu schlummern scheint, rüttelt ihn leicht am Arm und sagt: »Bébé, noch fünf Francs!« Der Alte, der sehr sorgfältig gekleidet ist und wie ein völlig vertrotteltes Überbleibsel des Ancien Régime aussieht, öffnet müde die Augen, betrachtet einen Augenblick lang die Spitzen seiner braunen Stiefel, als wolle er sich vergewissern, daß er wirklich wach sei, und holt dann mit einer mechanischen Handbewegung ein Fünffrankenstück aus der Tasche seiner weißen Weste. Die Dame kehrt zum Spieltisch zurück, und Bébé träumt weiter.

Der Kroupier, der einen schönen schwarzen Vollbart hat, tröstet mit liebreichen Worten eine Nachbarin über 84 ihre Verluste. Aus dem Nebensaale, in den sich das Orchester geflüchtet hat, kommen die Klänge des »Rigoletto«-Potpourris. Auf einem großen Wandbilde tummeln sich allerhand Nymphen. Es sind die einzigen lustigen Weiber im Saale.

Der Mann am Spieltisch ruft eintönig die Zahlen der Sieger. Die hochgewachsene Dame rüttelt wieder ihren Freund wach und sagt: »Bébé, noch fünf Francs!« Bébé greift gedankenlos in die Westentasche. Und der Regen trommelt gleichmäßig und ohne Unterlaß gegen die Scheiben.

* * *

In Trouville stehen schon sehr viel rot und weiß gestreifte Zelte auf dem ebenen Strande. Sie bilden eine ganze Zeltstadt, und es sind ihrer fast zu viel. Kleine Knaben, die man nach einer sehr unerfreulichen Mode fast mädchenhaft herausgeputzt hat, und deren lange blonde Locken sich bis auf die Schultern niederringeln, bauen Burgen, welche die nächste Flut verschlingen wird. Die Mütter sitzen unter den Zelten und schwatzen. Das alles ist weniger eine pikante Salonkomödie, als ein schlichtes bürgerliches Lustspiel.

Die ganz eleganten Leute bleiben in ihren Villen und Hotels und zeigen sich nur auf dem holzbelegten Promenadenweg und abends im Kasino. Es weilen sehr viel berühmte Nationalisten auf dieser Küste. Lemaître und Maurice Barrès sind in Villers-sur-Mer, Rochefort mit seiner schönen Frau und Boni de Castellane mit seiner reichen sind in Trouville. Rochefort ist dieser Strand in früheren Jahren schon einmal verderblich 85 geworden. Er stand wie Menelaus am Ufer, während die schöne Helena sich mit Paris einschiffte und der Chor ermunternd sang: »Va, pars pour Cythère . . .« Aber die Motte kehrt immer wieder dorthin zurück, wo das Licht steht.

Es wurde im vorigen Jahre am Strande der Grundstein zu einem neuen großen Hotel gelegt, das eine belgische Gesellschaft erbaut und das ein billiges Hotel werden soll. Der Bau ist nur bis zum ersten Stockwerk gediehen, und die öden, nackten Mauern stehen verlassen da. Man glaubt zuerst, der Bau solle unvollendet bleiben, die Gesellschaft sei verkracht, aber die Arbeit ruht nur während der Saison. Dieses billige Hotel wird vielen Leuten mißfallen, denn ein Trouville zu kleinen Preisen ist kein Trouville mehr.

Als ich am Abend in das reizende, so grünumlaubte und so harmlose Villers-sur-Mer und in das freundliche kleine Hotel du Casino zurückkehrte, verkündeten Plakate an den Zäunen, daß um acht Uhr eine wirkliche Pariser Truppe im Kasinosaale mehrere Einakter spielen und alte und neue Lieder singen würde. Schon strömten die sonst so verwöhnten, aber hier draußen in der Natur so kindlichen Pariser zum Kasinosaal. Was gleichfalls strömte, war der Regen.

Der Kasinosaal ist von dem Pavillon, welcher den Lese- und Spielsaal und die notwendigsten Nebenräume birgt, durch einen kiesbedeckten, von Blumenbeeten umhegten Konzertplatz getrennt. Als ich die Tür zu einem dieser Nebenräume – dem kleinsten, intimsten und notwendigsten – öffnete, bot sich ein seltsamer und unerwarteter Anblick dar. Vor der viereckigen, sonst anderen 86 Bedürfnissen dienenden, kastenförmigen Sitzgelegenheit, die einer großen hölzernen, jetzt vorsichtig verschlossenen Sparbüchse glich, stand ein Herr, offenbar der jugendliche Liebhaber der Truppe, und schminkte sich. Er wandte sich lächelnd zu mir um und sagte mit einem freundlichen Bedauern: »Sir müssen schon verzeihen, wenn ich Sie behindere, aber wir haben keinen passenderen Ankleideraum gefunden.« Und in der Tat, ein passenderer war nicht denkbar. Auf dem Kasten ruhte eine geöffnete Schachtel mit einer reichen Kollektion von Schminksorten, und so waren auch alle Farben Indiens hier vereinigt.

Ich wollte die Vorstellung nicht besuchen, aber in der Balkontür meines Zimmers stehend, gerade über dem Konzertplatz, wartete ich begierig auf das Zeichen zum Anfang. Ein Knabe, der in einem Badeorte durch die Leinwandritzen eines Sommertheaters blickt, nassauert nicht mit größerem Vergnügen. Durch die Scheiben des Konzertsaales sah man das zahlreich versammelte Publikum. Der Regen fiel klatschend auf die Dächer und auf den Kies. Im Pavillon zur Rechten bezeichnete ein kleines Milchglasfenster den geheimnisvollen, intimen Ort, wo die Künstler sich rüsteten.

Der Regisseur, der vor der Bühne stand, gab ein Klingelzeichen. Das Publikum räusperte sich, die Ouverture begann. Aus der Tür des Pavillons traten der jugendliche Liebhaber und die jugendliche Sängerin heraus. Sie spannten ihre Schirme auf, blickten verzweifelt auf die Pfützen und balancierten auf den Zehenspitzen hinüber. Sie verschwanden in dem Eingange hinter der Bühne, und die Ouvertüre schwieg. Und gleich darauf drang, gesungen von der jugendlichen Sängerin, 87 ein Lied aus dem Theatersaale empor – eins der hübschesten Lieder, die der sentimentale Chansonnier Paul Delmet komponiert hat: »L'Etoile d'Amour«. Es gibt, so sagt das Lied, einen Stern der Liebe, wo die wahre Seligkeit wohnt. Die Sängerin kennt ihn, und sie schildert seine Freuden. Klar und silberrein klang die Strophe durch die Regennacht:

»Là, jamais de soucis, jamais de coeurs moroses;
Les femmes, pour charmer, ont pris l'âme des fleurs.
Elles n'ont qu'un chagrin, c'est voir mourir les roses;
Jamais leur clair regard ne se voile de pleurs.
«

»Dort gibt es keine Sorgen, keine grämlichen Herzen,
die Frauen haben, um zauberisch zu wirken, die Seelen der Blumen angenommen.
Sie haben nur den einen Kummer: daß die Rosen sterben;
nie verschleiern Tränen ihren klaren Blick.«

Die jugendliche Sängerin sang weiter, und ihr Lied lud die Liebenden ein, sich zu dem sorgenfremden Stern zu flüchten. Und wie ein mild leuchtender Lichtfleck grüßte durch das Dunkel das kleine Milchglasfenster. 88

 

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