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Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleSpaziergang nach Syrakus
authorJohann Gottfried Seume
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12378-8
titleSpaziergang nach Syrakus im Jahre 1802
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1803
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Palermo

Wir hatten einige Tage auf leidlichen Wind zum Auslaufen gewartet: endlich kam eine starke Tramontane und führte uns aus dem Zauberplatze heraus. Es war gegen Abend, die sinkende Sonne vergoldete rundumher die Gipfel der schönen Berge, der Somma glänzte, der Vesuv wirbelte Rauchwölkchen, und die herrliche Königsstadt lag in einem großen, großen Amphitheater hinter uns in den magischen Strahlen. Rechts war Ischia und links Kapri; die Nacht senkte sich nach und nach und verschleierte die ferneren Gegenstände in tiefere Schatten. Ich konnte in dem Abendschimmer nur noch deutlich genug die kleine Stadt auf Kapri unterscheiden. Die gemeinen Neapolitaner und Sizilianer nennen mit einer ihnen sehr gewöhnlichen Metathesis die Insel nur Krap. Sie ist jetzt ziemlich kahl. Ich hätte von Neapel aus gern eine Wasserfahrt dahin gemacht, um einige Stunden auf dem Theater herumzuwandeln, von welchem zur Schande des Menschenverstandes ein sybaritischer Wüstling einige Jahre das Menschengeschlecht mißhandelte; aber ich konnte keine gute Gesellschaft finden, und für mich allein wären nach meinen übrigen Ausgaben die Kosten zu ansehnlich gewesen. Überdies war es fast immer schlechtes Wetter. Zur Überfahrt hierher hatte ich mich auf ein Kauffahrteischiff verdungen, weil ich auf das Paketboot nicht warten wollte. Der Wind ging stark und die See hoch, aber ich schlief gut: man erkannte gleich daraus und aus meinem festen Schritt auf dem Verdeck, daß ich schon ein alter Seemann sein müsse. Da es Fasten war und die Leute lauter Öl aßen, wollte sich der Kapitän mit dem Essen für mich nicht befassen: ich hatte also auf acht Tage Wein, Orangen, Brot, Wurst und Schinken für mich auf das Schiff bringen lassen. Den ganzen Tag ging der Wind ziemlich stark und gut; aber gegen Abend legte er sich und die See ward hohl. Doch hatten wir uns gegen Morgen, also in allem sechsunddreißig Stunden in den Hafen von Palermo hineingeleiert. Das war eine ziemlich gute Fahrt. Auf der Höhe hatten wir immer die Kanonen scharf geladen und ungefähr vierzig große Musketons fertig, um gegen die Korsaren zu schlagen, wenn einer kommen sollte. Denn Du mußt wissen, der Unfug ist jetzt so groß, und die neapolitanische Marine ist jetzt so schlecht, daß sie zuweilen bis vor Kapri und sogar bis vor die Stadt kommen, um zu sehen, ob sie etwa Geschäfte machen können, wie sich auch die Spielkaper in den deutschen Bädern ausdrücken. Das ist nun freilich eine Schande für die Regierung, aber die Regierung hat dergleichen Schandflecke mehr.

Wir kamen hier ich weiß nicht zu welchem Feste an, wo in der Stadt so viel geschossen wurde, daß ich die Garnison wenigstens für zehntausend Mann stark hielt. Aber ich habe nachher die Methode des Feuerns gesehen. Sie gehört zur einheimischen Frömmigkeit und ist drollig genug. Man hat eine ungeheure Menge kleiner Mörser, die man in der Reihe nacheinander geladen hinstellt; absatzweise stehen etwas größere, die wie Artillerie donnern. Sie sind alle so gestellt, daß, wenn am Flügel angezündet wird, das Feuer regelmäßig schnell die ganze Fronte hinunter greift und am Ende mit einigen großen Stücken schließt. Von weitem klingt es wie etwas großes; und am Ende besorgt es ein einziger alter, lahmer Konstabel. Unser Hauptmann von der Aurora ließ sich mit seiner Artillerie stark hören.

Ich wurde auf der Sanität, wohin ohne Unterschied alle Ankommende müssen, mit vieler Artigkeit behandelt, und man ließ mich sogleich gehen, wohin ich wollte, da die andern, meistens Neapolitaner, noch warten mußten. Mein erster Gang, nachdem ich mich in einem ziemlich guten Wirtshause untergebracht hatte, war zu dem königlichen Bibliothekar, dem Pater Sterzinger, an den ich von dem Sekretär der Königin aus Wien Briefe hatte. Der Güte dieses wirklich sehr ehrwürdigen Mannes danke ich meine schönsten Tage durch ganz Sizilien. Er gab mir durch die ganze Insel Empfehlungen an Männer von Wissenschaft und Humanität, in Agrigent, Syrakus, Katanien und Messina. Der Saal der Bibliothek ist unter seiner Leitung in herrliche Ordnung gebracht, und mit allen sizilianischen Altertümern sehr geschmackvoll ausgemalt worden, so daß man hier mit einem Blick alles Vorzügliche übersehen kann. Es finden sich in der hiesigen Bibliothek viele Ausgaben von Wert, und mir ist sie im Fache der Klassiker reicher vorgekommen als Sankt Markus in Venedig. Eine Seltenheit ist der chinesische Konfuzius mit der lateinischen Interlinearversion, von den Jesuiten, deren Missionsgeschäft in China damals glückliche Aussichten hatte. Hier habe ich weiter noch nichts getan als Orangen gegessen, das Theater der heiligen Cecilia besehen, bin in der Flora und am Hafen herumgewandelt und auf dem alten Erkte oder dem Monte Pellegrino gewesen.

Von hier aus, sagt man mir, ist es durchaus nicht möglich, ohne Führer und Maulesel durch die Insel zu reisen. Selbst die Herren Bouge und Caillot, an die ich von Wien aus wegen meiner fünf Dreier hier gewiesen bin, sagen, es werde sich nicht tun lassen. Ich habe nicht Lust mich jetzt hier länger aufzuhalten, lasse eben meine Stiefeln besohlen und will morgen früh in die Insel hineinstechen. Da ich barfuß nicht wohl ausgehen kann und doch etwas anderes zu schreiben eben nicht aufgelegt bin, habe ich mich hingesetzt und in Sizilien einen Sizilier, nämlich den Theokritus, gelesen. Der Cyklops kam mir eben hier so drollig vor, daß ich die Feder ergriff und ihn unvermerkt deutsch niederschrieb. Ich will Dir die Übersetzung ohne Entschuldigung und Präambeln geben und werde es sehr zufrieden sein, wenn Du sie besser machst; denn ich habe hier weder Apparat noch Geduld, und wäre mit ganzen Stiefelsohlen wohl schwerlich daran gekommen. Also wie folget:

Nicias, gegen die Liebe, so deucht mich, gibt es kein andres
Pflaster und keine andere Salbe als Musengesänge.
Lindernd und mild ist das Mittel, doch nicht so leicht es zu finden.
Dieses weißt Du, glaub' ich, sehr wohl, als Arzt und als Liebling,
Als vorzüglicher Liebling der helikonischen Schwestern.
Also lebte bei uns einst leidlich der alte Cyklope
Polyphemus, als heiß er in Galateen entbrannt war.
Nicht mit Versen liebt' er und Äpfeln und zierlichen Locken,
Sondern mit völliger Wut, und hielt alles andere für Tand nur.
Oft, oft kamen die Schafe von selbst zurück von der Weide
Zu der Hürd', und der Hirt saß einsam und sang Galateen
Bis zum Abend vom Morgen schmelzend im Riedgras am Ufer,
Mit der schmerzlichen schmerzlichen Wunde tief in dem Herzen,
Von der cyprischen Göttin, die ihm in die Leber den Pfeil warf.
Aber er fand das Mittel; er setzte sich hoch auf den Felsen,
Schaute hinaus in das Meer und hob zum Gesang die Stimme:
Ach Galatea, Du Schöne, warum verwirfst Du mein Flehen?
Weißer bist Du als frischer Käse und zarter als Lämmer,
Stolzer als Kälber, und herber als vor der Reife die Traube.
Also erscheinest Du mir, wenn der süße Schlaf mich beschleichet;
Also gehst Du von mir, wenn der süße Schlaf mich verlässet;
Fliehest vor mir, wie ein Schaf, das den Wolf den grauen erblickte.
Mädchen, die Liebe zu Dir schlich damals zuerst in das Herz mir,
Als mit meiner Mutter Du kamst Hyazinthen zu sammeln
Auf dem Hügel, und ich die blumigen Pfade Dich führte.
Seitdem schau ich immer Dich an, und kann es durchaus nun,
Kann es nicht lassen; doch kümmert es Dich beim Himmel, auch gar nichts.
Ach ich weiß wohl, liebliches Mädchen, warum Du mich fliehest:
Weil sich über die ganze Stirne mir zottig die Braue,
Von dem Ohre zum Ohre gespannt, die einzige lang zieht,
Nur ein Auge mir leuchtet und breit mir die Nase zum Mund hängt.
Aber doch so wie ich bin hab' ich tausend weidende Schafe,
Und ich trinke von ihnen die süßeste Milch, die ich melke:
Auch geht mir der Käse nicht aus im Sommer, im Herbst nicht,
Nicht im spätesten Winter; die Körbe über den Rand voll.
Auch kann ich pfeifen, so schön wie keiner der andern Cyklopen,
Wenn, Goldäpfelchen, Dich und mich, den Getreuen, ich singe
Oft in der Tiefe der Nacht. Ich füttre elf Hirsche mit Jungen,
Alle für Dich, und für Dich vier junge zierliche Bären.
Komm, ach komm nur zu mir; Du findest der Schätze viel mehr noch.
Laß Du die bläulichen Wogen nur rauschen am Felsengestade;
Süßer schläfst Du bei mir gewiß die Nacht in der Grotte.
Lorbeer hab' ich daselbst und schlanke, leichte Zypressen,
Dunkeln Epheu zur Laube und süß befruchteten Weinstock,
Frisches Wasser, das mir der dicht bewaldete Aetna
Von dem weißesten Schnee zum Göttertranke herabschickt.
Sprich, wer wollte dagegen die Wogen des Meeres erwählen?
Und bin ich ja für Dich, mein liebliches Mädchen, zu zottig,
Ei so haben wir eichenes Holz und glühende Kohlen;
Und von Dir vertrag ich, daß Du die Seele mir ausbrennst,
Und, was am liebsten und wertsten mir ist, das einzige Auge,
Ach warum ward ich nicht ein Triton mit Flössen zum Schwimmen?
Und ich tauchte hinab, Dir das schöne Händchen zu küssen,
Wenn Du den Mund mir versagst, und brächte Dir Lilienkränze,
Oder den weichesten Mohn mit glühenden, klatschenden Blättern.
Aber jenes blühet im Sommer und dieses im Spätjahr,
Daß ich Dir nicht alles zugleich zu bringen vermöchte.
Aber ich lerne gewiß, ich lerne, oMädchen noch schwimmen,
Kommt nur ein fremder Schiffer zu uns hierher mit dem Fahrzeug,
Daß ich doch sehe, wie lieblich es sich bei euch unten dort wohnet.
Komm, Galatea, herauf, und bist Du bei mir so vergiß dann,
Wie ich hier sitzend am Felsen, zurück nach Hause zu kehren:
Komm und wohne bei mir und hilf mir weiden und melken,
Hilf mir mit bitterem Lab die neuen Käse bereiten.
Ach die Mutter nur ist mein Unglück, und sie nur verklag' ich;
Denn sie redet bei Dir für mich kein freundliches Wörtchen,
Und sieht doch von Tage zu Tage mich magerer werden.
Sagen will ich ihr nun, wie Kopf und Füße mir beben,
Daß auch sie sich betrübe, da ich vor Schmerzen vergehe.
O Cyklope, Cyklope, wo ist Dein Verstand hingeflogen?
Gingst du doch hin und flechtest Dir Körbe und mähetest Gras Dir,
Deine Lämmer zu füttern, das wäre fürwahr doch gescheiter.
Melke das Schäfchen, das da ist; warum verfolgst Du den Flüchtling?
Und Du findst Galateen; auch wohl eine schönere Andre.
Mädchen die Menge rufen mir zu zum Scherze die Nacht durch;
Alle kichern mir nach; so will ich denn ihnen nur folgen:
Denn ich bin auf der Welt doch wohl auch wahrlich ein Kerl noch.
Also weidete Polyphemus und sang von der Liebe,
Und es ward ihm leichter als hätt' er Schätze vergeudet.

Ist es nicht Schade, daß wir das zärtliche Liebesbriefchen des Polyphemus an seine geliebte Galatee von dem Tyrannen Dionysius nicht mehr haben? Es wurde, glaube ich, durch einen Triton bestellt. Die sizilischen Felsen machen alle eine ganz eigene idyllische Erscheinung; und wenn ich mir so einen verliebten Cyklopen Homers oder Virgils in schmelzenden Klagen darauf sitzend vorstelle, so ist die Idee gewaltig possierlich. Das gibt übrigens auch, ohne eben meine persönlichen Verdienste mit den Realitäten des Polyphemus zu vergleichen, eigene nunmehr nicht unangenehme Reminiszenzen meiner übergroßen Seligkeit, wenn ich ehmals meine teuer gekaufte Spätrose der kleinen Schwester meiner Galatee geben konnte, und wenn ich drei hyperboreische Meilen auf furchtbarem Wege in furchtbarem Wetter meinen letzten Gulden in das Schauspiel trug, um aus dem dunkelsten Winkel der Loge nicht das Schauspiel sondern die Göttin zu sehen. Ich hatte mit meinem Cyklopen gleiches Schicksal und brauchte mit ziemlichem Erfolg das nämliche Mittel.

Eben hatte ich die letzten Verse geschrieben, als man mir meine Stiefeln brachte; und diesem Umstande verdankst Du, daß ich Dir nicht auch noch seine Hexe oder sein Erntefest bringe.

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