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Spanische Novellen

: Spanische Novellen - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleSpanische Novellen
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
illustratorH. A. Glatz
year1908
translatorElse Otten und Rosa Speyer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090419
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Der Taler

Eduardo de Lustono

 

Es war im Sommer 1877, als ich mich mit meiner Familie in dem reizenden Dorf X. aufhielt – zu dem Distrikt Castilla la Viesa gehörend, dessen Dörfer im allgemeinen wenig Anziehendes besitzen. Dieses Fleckchen Erde aber bildete eine Ausnahme.

An einem schönen Junimorgen begab ich mich, von meiner Jagdpassion getrieben, auf einen Bergabhang, der meiner ungefähren Schätzung nach einige Kilometer von X. entfernt liegen mußte. Ich durchquerte ihn nach allen Richtungen, und dachte erst an die Rückkehr, als ich mich todmüde fühlte.

Mir ist es stets sehr schwer gefallen, mich in einer mir völlig unbekannten Gegend zu orientieren. So irrte ich denn auch stundenlang in allen Richtungen umher, um über tausend verschiedene Wege endlich doch wieder an meinen Ausgangspunkt zu gelangen.

Meine Kräfte waren völlig erschöpft, Hunger und Durst quälten mich, und ich gab schon die Hoffnung auf, in dieser Nacht mein müdes Haupt unter einem schützenden Dach bergen zu können, als ein glücklicher Zufall mir zu Hilfe kam.

Ich befand mich in einer Art Lichtung; da hörte ich hinter meinem Rücken ein Geräusch von leichten Schritten. Ich wandte mich um und erblickte einen Mann mit halbergrautem Haupthaar, in der Kleidung eines reichen Bauern, der ein doppelläufiges Gewehr über der Schulter trug.

Als er an mir vorbeiging, begrüßte er mich mit den üblichen Worten:

»Gott schütze Euch!« und wollte ruhig seines Weges ziehen, als ich ihn also anredete:

»Wollen Sie mir, bitte, sagen, wie ich am schnellsten nach X. gelange?«

Überrascht blickte der Mann mich an und beeilte sich, mir zu antworten:

»Wissen sie wohl, mein Herr, daß dieses Dorf vierzehn Kilometer von hier entfernt liegt?«

»Vierzehn Kilometer!« rief ich mit einem schweren Seufzer aus.

»Sind Sie hier fremd?«

»Jawohl.«

»Und Sie wollen wohl dort übernachten?«

»Ganz recht – aber ich sehe, daß ich meine Absicht werde aufgeben müssen, denn ich bin schon den ganzen Tag umhergestreift und so müde, daß ich unmöglich noch so weit gehen kann.«

»Wenn Sie mir folgen wollen, zeige ich Ihnen ein Unterkommen, wo Sie die Nacht verbringen und dann morgen mit frischen Kräften weiterziehen können.«

Dieser Vorschlag wurde mir in so freundlicher Weise gemacht, daß ich keinen Augenblick zögerte, darauf einzugehen.

Wir durchschritten nun eine schöne Ebene, durch die sich ein munteres Flüßchen schlängelte; es war ein ziemlich ausgedehntes Ackerland mit mehreren Mühlen und fröhlichen Gruppen weißer Häuschen, die sich gegeneinander lehnten, wie Schafe, die sich aus ihrer Herde verirrt.

Wir begegneten vielen Bauern und Feldarbeitern, die uns höflich grüßten, und den Namen meines liebenswürdigen Führers mit besonderer Hochachtung aussprachen.

»Ein schönes Land, dies!« sagte ich zu ihm.

»Sind Sie zum erstenmal hier?«

»Ja, zum erstenmal, trotzdem das Dorf, in dem ich mich jetzt vorübergehend aufhalte, verhältnismäßig nahe liegt.«

»Ich freue mich, daß es Ihnen hier gefällt, denn die Früchte alles dessen, was Sie hier mit den Blicken umfassen, kann ich Ihnen darbieten.«

»Das alles gehört Ihnen?« fragte ich ihn überrascht, da das Aussehen dieses Mannes wahrlich nicht auf solche Reichtümer schließen ließ.

»Jawohl, mein Herr.«

»Und jene Windmühlen, deren Flügel man dort in der Ferne sich drehen sieht?«

»Sind mein! Ebenso wie jene kleinen Meiereien und das Vieh und die Wiesen ringsumher.«

Nachdem wir drei Viertelstunden marschiert, erreichten wir ein ärmlich aussehendes Dorf, dessen Bewohner uns ohne Ausnahme herzlich begrüßten. Auch hier wurde meinem Begleiter Señor Manuel überall die gleiche Ehrfurcht erwiesen.

Wir gelangten an ein Haus, das, ganz aus Stein gebaut, mit seinen von der Zeit geschwärzten Mauern einen wahrhaft großartigen Eindruck machte. Es war so recht das Haus des Landwirtes, mit allem, was dazu gehört: einem Taubenschlag, einem großen Weinkeller, Hühnerhof und geräumigen Ställen.

Eine korpulente, gesunde Frau begrüßte uns.

»Nicolesa, ich bringe dir einen Gast mit,« sagte mein Begleiter zu ihr.

»Seien Sie in unserem Hause willkommen,« antwortete sie mit liebenswürdigem Lächeln.

»Der Herr wird für diese eine Nacht bei uns fürlieb nehmen müssen, aber wir wollen versuchen, es ihm so behaglich wie möglich zu machen.«

Nicolesa ging knixend davon, wohl um alles zu meinem Aufenthalt Erforderliche herrichten zu lassen.

Währenddessen wurde uns in dem im unteren Stockwerk gelegenen Saal eine angenehme Erfrischung gereicht und ein derbes Bauernmädchen richtete den Tisch zum Abendessen her. Die Mahlzeit war köstlich und schmackhaft. Señor Manuel und seine Frau taten alles, um mir den Aufenthalt im Hause so angenehm wie möglich zu machen.

Nachdem die Mahlzeit beendet und das Dankgebet gesprochen, wie es in Kastilien noch üblich ist, wandte sich Don Manuel mit folgenden Worten zu mir:

»Mir will's fast scheinen, als hatten Sie es nicht erwartet, hier mitten in den Bergen wohlhabende Menschen zu treffen.«

»Allerdings!«

»Und doch haben Sie erst den kleinsten Teil meines Besitztums gesehen.«

»Was, Sie nennen noch mehr Ihr eigen?«

»Jenseits des Flusses liegen Kornfelder, die meine Getreidekammern jedes Jahr übervoll machen; weiter hinauf ein Weinberg ... und noch weiter ...«

»Sie sind also wohl der Krösus des Landes?«

»So ungefähr, so ungefähr,« antwortete der andere lächelnd, und fügte dann gleich darauf hinzu:

»Und wenn ich Ihnen sage, wie ich all diese Reichtümer erworben habe, werden Sie sich erst recht wundern.«

»Haben Sie dies alles denn nicht geerbt?«

»Nein, mein Herr, ich habe eins nach dem anderen erworben.«

»Da müssen Sie unendlich viel gearbeitet haben, um es so weit zu bringen.«

»Wollen Sie mir wohl glauben, daß ich alles, was ich besitze, nur einem einzigen Taler verdanke?«

»Einem Taler!« rief ich aus, fest davon überzeugt, jener Mann wolle sich über mich lustig machen.

»Zwanzig Reales, nicht mehr und nicht weniger.«

Señor Manuel schien an meiner Überraschung eine rechte Freude zu haben. Das war entweder ein Geheimnis, oder er sagte nicht die Wahrheit, oder er führte mich gründlich an der Nase herum, eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Ich hatte vor ein paar Stunden Mühlen, Weinberge, Meiereien, ausgedehnte Getreidefelder und herrliche Waldungen gesehen ... Und das alles sollte dieser Mann mit einem einzigen Taler erworben haben?

Nachdem Señor Manuel sich an dem Anblick meiner Überraschung geweidet, sagte er zu mir:

»Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, wenn Sie mir Gehör schenken wollen.«

»Aber natürlich, natürlich; ich interessiere mich außerordentlich dafür, da ich glaubte, die Zeit der Wunder läge längst hinter uns.«

»Ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen. Wunder geschehen heute so gut, wie in früheren Zeiten, nur geben die Menschen sich nicht mehr die Mühe, ihrem Ursprung nachzuforschen. ... Aber nun lassen Sie mich Ihnen erzählen, wie ich zu meinen Reichtümern gelangt bin.«

»Mein Vater erbte von dem seinigen dieses Haus und ein ansehnliches Vermögen, das er nicht zu vermehren verstand, – um nicht zu sagen, daß er es vergeudete. Ich war das einzige Kind. Als er starb, war ich siebzehn Jahre alt. Das väterliche Erbe bestand aus diesem Hause und tausend Reales, die ich in dem Schubfach eines Tisches fand; tausend Reales in Talerstücken, sorgfältig in einen Zettel eingewickelt, den er mir nach seinem Tode zu lesen befahl. Ich willfahrte natürlich seinem Wunsche, und nahm voller Staunen Kenntnis von dem Inhalt, der also lautete:

›Mein Sohn, unter diesen Geldstücken, der einzigen Erbschaft, die ich Dir hinterlassen kann, ist eines, das fest mit Dir verknüpft ist und sozusagen Dein Leben verkörpert. In dem Augenblick, da Du es aus der Hand gibst, wirst Du sterben.‹

»Sie können sich denken, wie bestürzt ich war. Meinem Vater wäre es unmöglich gewesen, mich jemals zu betrügen. Er hatte mir eine Summe hinterlassen, über die ich in Wahrheit nicht verfügen konnte, da ich mich unter keinen Umständen von dem Taler trennen mochte, der so eng mit meinem Leben verknüpft war; und doch sah ich keine Möglichkeit, ihn aus allen anderen herauszufinden, und befand mich nun in der kritischen Lage eines Mannes, der mit seinen Schätzen vergraben ist und, von Gold und Kassenscheinen umgeben, Hungers sterben muß. Wie ich die Münzen auch wandte und drehte, um zu sehen, ob ich nicht irgend ein Zeichen fände, das mir bedeutete, welchen der Taler ich behalten sollte: alles vergebens. Ein Geldstück sah genau so aus wie das andere: dieselbe Prägung, dieselbe Jahreszahl.

Von meiner frühesten Kindheit an hatte mich mein Vater gelehrt, niemals an seinen Worten zu zweifeln; ich konnte daher nicht glauben, daß mein Vater mich auf seinem Totenbette hatte mystifizieren wollen. Unzweifelhaft hatte er die Wahrheit gesagt. Irgendeine Münze verkörperte durch einen geheimen Umstand mein Leben; ich konnte also in keiner Weise über jenes kleine Vermögen verfügen, da es der fatale Zufall dann gewiß gewollt hätte, daß der erste Taler, den ich ausgegeben, gerade der wäre, von dem ich mich niemals hätte trennen dürfen.

Sie können sich nicht vorstellen, was für Qualen ich erlitt. Ich betrachtete jene glänzenden Silbermünzen nur noch mit einer gewissen Scheu. Irgendeine unter ihnen mußte mich unvermeidlich an den Tod gemahnen ... Die erste Nacht nach jener verhängnisvollen Entdeckung sann und grübelte ich unaufhörlich, um beim Morgengrauen zu folgendem Entschluß zu gelangen: ich durfte nicht leichtsinnig mit meinem Leben spielen, und so konnte ich nichts anderes tun, als die ganze Summe sorgfältig aufbewahren, damit der bewußte Taler nicht etwa in profane Hände geriete ... und ... arbeiten, so hart arbeiten, als besäße ich nicht einen Heller.

Schon gleich am folgenden Tage machte ich mich mit aller Energie an die Arbeit, bei der ich mir weder Ruhe noch Erholung gönnte. Nach wenigen Jahren schon hatte ich mir ein nicht unbeträchtliches Vermögen erworben, das dank meinem Fleiß und meinem guten Stern immer größer ward. Ich muß hier noch hinzufügen, daß Nicolesa vom ersten Tage unserer Ehe an die Verwalterin alles dessen wurde, was ich besaß.

Eines Tages bekam ich Lust, die Talerstücke, aus denen mein väterliches Erbe bestand, wieder einmal in Augenschein zu nehmen. Die Münzen waren verschwunden. Ich stieß bei dieser Entdeckung unwillkürlich einen Schrei aus.

»Nicolesa, Nicolesa!« rief ich laut, »was bedeutet das? wer hat die Taler genommen, die ich wie einen kostbaren Schatz behütete?«

»Ich, Mann, rege dich nur nicht so auf,« antwortete mir meine Frau. »Ich habe ganz vergessen, es dir zu sagen. Eines Tages hatte ich eine Rechnung zu bezahlen, und mir fehlten tausend Reales; du warst gerade nicht zu Hause, und ich schwankte keinen Augenblick, die Talerstücke zu benützen.«

»Wie lange ist das her?«

»Mindestens ein Jahr.«

»Ein Jahr, und ich lebe noch!« Da begriff ich mit einem Schlage alles.

Mein Vater hatte bei seinem Tode dieses Mittel angewandt, um mich zur Arbeit anzuhalten, und auf diese Weise meine Zukunft zu sichern. ... Und Sie sehen, wie gut es ihm gelungen ist. Darum sagte ich Ihnen vorhin, daß ich alles, was ich jetzt mein nenne, einem einzigen Taler verdanke.«

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