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Sonntage eines Großstädters in der Natur

Curt Grottewitz: Sonntage eines Großstädters in der Natur - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCurt Grottewitz
titleSonntage eines Großstädters in der Natur
publisherVorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
year1920
created20050423
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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Juni.

Die große, breite Landstraße zog sich mit ihren schnurgeraden Baumreihen meilenweit dahin. Herr Tanzmann stapfte wacker darauf los auf dem weißgetrockneten festen Fahrdamm. Den Freunden, die ihn diesmal hatten begleiten wollen, hatte er sich sanft entzogen.

Nein, Kinder, hatte er gesagt, diesmal ist das kein Weg für Euch, dazu sind Eure Augen und Eure Beine noch nicht reif. Geht Ihr heute lieber nach dem Grunewald oder nach Biesenthal.

Und er hatte ihnen geschildert, wie sie vor Hitze und Staub auf der Chaussee verkommen würden, wie sie auf der endlos langen Fahrstraße nach und nach müde, verdrossen, wütend würden, wie sie ihn erst einen närrischen Kauz, dann einen verrückten Dussel, dann einen hinterlistigen Hallunken nennen würden, der ihnen einen kostbaren Tag gestohlen hätte; wie sie ihn nach zwei Stunden Wanderung schief angucken, später anrempeln und schließlich durchprügeln würden. So wanderte denn Herr Tanzmann allein dahin, an Baum und Baum vorbei, vorbei an Kilometersteinen und Schutthaufen. Zum Glück war der Tag nicht zu heiß. Gewitterregen hatten die Tage vorher die Luft abgekühlt, und ein frischer Nordwest milderte die Strahlen der Sonne, deren Leuchtkraft ohnehin durch einen zarten weißen Wolkenschleier etwas beeinträchtigt wurde.

Herr Tanzmann war einer von den wenigen, die jetzt noch die Poesie der Landstraße kennen. Drei Jahre war er einst zumeist auf diesen Straßen in der Welt umhergewandert, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, fast ohne überhaupt eine Eisenbahn zu benutzen. Ueberall war er nur kurze Zeit geblieben, nur so lange, um wieder mit ein paar Sechsern weiter zu wandern auf der Landstraße. Offen gestanden, er hatte auch manchmal gefochten und die Nacht im weichen Rasen des Straßengrabens süß verträumt, nach altem Handwerksburschenbrauch die Jacke ausgezogen und sich damit zugedeckt. Doch das waren wilde Sachen, die Herr Tanzmann niemandem erzählte, und außerdem war er damals erst achtzehn Jahre alt gewesen.

Die Straße führte zunächst an ebenen Ackerfluren vorüber. Der Roggen stand in Aehren, aus denen die unscheinbaren Blütenteile lose herabhingen. Er hatte bereits eine weißliche Farbentönung angenommen. Das Meer von Aehren wogte schwer im Winde, tiefe Wellen liefen rauschend über das Millionenheer von Halmen. Im Innern dieser hohen geschlossenen Kornpflanzung war kein Unkraut zu sehen, aber am Rande des Feldes bis etwa ein Meter in das Innere hinein standen unzählige blaue Kornblumen, vermischt mit rotem Klatschmohn und violetten Kornraden. Diese Blumen konnte Herr Tanzmann schon von weitem erkennen, wenn er aber an das Feld herantrat, dann fand er unter ihnen noch manches kleine unscheinbare Gewächs, den Ackersteinsamen, den ziegelroten Gauchheil und manchen anderen Freund des Roggenfeldes. Mit den Kornfluren wechselten sauber behackte Kartoffeläcker ab, deren buschige Pflanzen sich in geraden langen Reihen weit hinzogen. Sie waren bereits ziemlich hoch geworden und fingen eben an, ihre weißen Blüten zu öffnen.

Die Ränder der Straße waren mit hohem Gras bewachsen, das jetzt ebenfalls blühte und mit seinen zierlichen Rispen und Aehren im Verein mit weißen Doldenblütlern, blauem Natterkopf und vielen anderen Blumen einen bunten Teppich bildete. Die Pflanzenwelt war nun auf dem Punkte, wo sie die Blätter vernachlässigt, um ihre ganze Kraft auf die Blüten zu verwenden. Herr Tanzmann wanderte zufrieden weiter.

Der Juni bringt es fertig, sagte er zu sich, selbst magerem Sandboden ein Ansehen von Ueppigkeit zu geben. Na, lange wird die Sache ja nicht dauern, eine Woche Hitze und alles ist vertrocknet und verstäubt wie ein Mehlsack.

Auch die Bäume der Chaussee erregten seine Zufriedenheit. Sie waren in üppigem Triebe. Der beim Wegebau verwandte Lehm, die stete Zertrümmerung der Granitsteine, die einen nahrstoffreichen Boden bildete, und der Düngerabfall der Zugtiere gab diesen Bäumen den denkbar günstigsten Standplatz. Es waren schöne, breitkronige Ahornbäume, phantastisch verzweigte Ulmen und auch vereinzelte Schwarzpappeln und Eichen darunter.

Er war in eifrige Betrachtung über das Wesen und die Gestalt dieser einzelnen Baumgattungen vertieft, als die Klingel eines Radfahrers dicht hinter ihm schrillte, so daß er aufgeschreckt zur Seite fuhr. Herr Tanzmann war empört. Als ob der Mensch nicht ausweichen konnte, wo doch Platz genug vorhanden war! Und da er nun einmal aufgebracht war, ließ er seinem Zorn freien Lauf.

Ihr seid mir schon die windigsten Gesellen, ihr Radler, sagte er, krummbucklige Tretfüßler, schwindsuchtsberechtigte. Ihr Naturverfahrer, die ihr an Baum und Strauch und Wald und Wiese unachtsam vorüber rast mit dem einzigen Gedanken an die Kilometerzahl, die ihr zurücklegen müßt, ihr armseligen Kilometerphilosophen. Ihr blinde Streber, die ihr die Herrlichkeit der Welt nach Meilensteinen und Radumdrehungen berechnet und keuchend, atemringend, schweißtriefend Euer Tagespensum abhaspelt, bloß um wieder zehn Meilen Radfahrt hinter Euch zu haben. Ein herrliches Möbel, Eure Drehmaschine, die Euch das letzte bißchen Naturempfinden ausdreht und mit Euch durchbrennt, ehe Ihr nur anfangen könnt, Euern Verstand zu sammeln. Ja, ja, Ihr habt Recht, Euch gehört die Zukunft, so katzenbuckelnd, mit dem einzigen Wunsche sich vorwärts zu drehen, so macht man Karriere!

Die Chaussee durchschnitt jetzt eine kleine Talsenkung, die aber doch so tief lag, daß der Grundwasserstand den Feldbau nicht mehr lohnend machte. Die Talsohle bildete daher eine kleine Wiese, die durch die Landstraße in zwei Teile geteilt war. Auf der einen Seite, die am wenigsten naß zu sein schien, war das Gras bereits gemäht und lag, einen würzigen Heugeruch verbreitend, in Haufen geordnet da. Ein Maulwurf hatte hier, unter dem Rasen wühlend, kleine Erdhügel aufgeschüttet. Auf der anderen Seite der Chaussee stand das Wiesenland noch im üppigsten Graswuchse. Die Blütenstände des Sauerampfers gaben dieser Wiese einen rötlichen Grundton, in dem die Hahnenfußblüte und Doldengewächse gelbe und weiße Schattierungen hervorbrachten. Den hohen Grundwasserstand konnte Herr Tanzmann nicht nur an dem satten dunklen Grün der Gräser wahrnehmen, er erkannte ihn auch an den schilfig breiten und rohrartigen Gräsern, Binsen und Seggen, die sich hier bemerkbar machten. An der tiefsten Stelle wurde das Wasser sichtbar, ein schmutziges, mit grünen Algen durchsetztes Sumpfwasser, aus dem Weidengestrüpp, einige Erlen und Faulbaumgebüsch hervorragte. Das war der Tummelplatz eines Heeres von Stechmücken, die im Nu Herrn Tanzmann umschwärmten, und ehe er sich ihrer erwehren konnte, ihre dünnen Saugrüssel in das Fleisch seiner Hände und seines Gesichtes einbohrten. Herr Tanzmann konnte feststellen, daß die Stiche ihm ziemlich unangenehm waren, während er früher, wie er noch bei der Frau Tanzmann war, seiner Mutter, sich nie etwas aus Mückenstichen gemacht hatte, auch kaum von ihnen belästigt worden war. Diese Tatsache gab ihm nun wieder genügende Veranlassung, böse Worte über die Verweichlichung in Berlin und die Naturentfremdung der Städter auszustoßen. Trotz der Mückenplage und des nassen Bodens trat der Wanderer etwas näher an den kleinen Buschwald heran. Er sah, wie das Laub der Erlen von blauen Blattkäfern ganz und gar zerfressen wurde, und wie auch die Weiden und das Faulbaumgestrüpp von allerhand Insekten heimgesucht wurden. Das stimmte ihn wieder versöhnlicher.

Zum Glück, dachte er, werden wir Menschen nicht allein gepeinigt, jedes Tier, jede Pflanze hat Peiniger, die Eiche soll gegen hundert verschiedene Arten von Blutsaugern haben. Warum sollte sich der Mensch also nicht mindestens zehntausend leisten können?

Die Chaussee war hier in der Bodensenkung mit schönen fiederblättrigen Eschen bepflanzt, es befanden sich auch einige Linden darunter, deren unscheinbare Blütendolden einen weithin duftenden Wohlgeruch verbreiteten. Die Landstraße zog sich dann wieder in langsamer Steigung einige Meter aufwärts zu dem vorherigen Bodenniveau. Wieder führte sie an Roggenfeldern und Kartoffeläckern vorüber. Dann berührte sie eine kleine Ortschaft, die zu dieser Zeit ganz in Akazien gehüllt erschien, deren große, weiße Schmetterlingsblüten einen Starken, Süßen Duft ausströmten. Die Gärten waren bereits merklich verstaubt, und der abgeblühte Flieder machte einen welken Eindruck. Indes die neuerwachte Rosenpracht, herrliche Nelken und Feuerlilien gab ihnen doch bereits ein üppiges sommerliches Aussehen. An Scheunenwänden und anderen vernachlässigten Plätzen standen große Hollunderbüsche, dicht besäet mit großen, weißen Blütenscheiben. An regelrecht aufgestellten Stangen rankten die Bohnen bereits anderthalb Meter hoch empor, und weißblühende Zuckererbsen stützten sich auf dürres Reisig, das man, um ihnen Halt zu geben, in die Erde gesteckt hatte. An den Johannisbeersträuchern färbten sich bereits die Früchte rot und ließen an eine baldige Ernte denken. Das war die Zeit, wo Herr Tanzmann früher als Knabe im Garten der Frau Tanzmann Obst zu ernten anfing. Er hatte damals die Gewohnheit, die Früchte immer einige Zeit früher abzunehmen, als sie reif waren. Grüne Stachelbeeren aß er zum Entsetzen der Frau Tanzmann mit großer Vorliebe, er aß sie, ohne eine Miene zu verziehen, während sie bei dem bloßen Gedanken daran einen sauren Geschmack im Munde fühlte. Nun gab es aber sehr viele Sträucher im Garten, und wenn Herr Tanzmann nicht täglich seinen Freund Mewis, der nebenan die Gänse hütete, eingeladen hätte zu gemeinsamer Arbeit, so wären die Stachelbeeren sicher reif geworden, ehe sie abgeerntet gewesen wären.

Der Wanderer setzte seinen Weg weiter fort. Wieder führte die Landstraße an großen Korn- und Kartoffelfeldern vorüber, bis sie nach einiger Zeit einen kleinen Kiefernwald durchschnitt. Es war ein etwa vierzigjähriger Baumbestand, der aber durch eine plan- und verständnislose Privatwirtschaft sich in schlechtem Zustande befand. Der Boden war ganz mager, da ihm die Waldstreu, die herabgefallenen Nadeln, Jahr für Jahr entzogen worden war, die Bäume waren verkrüppelt, und der Bestand wies große Lücken auf. Eine dürre, trockene Luft herrschte über dem armen Boden, in dem nur ein dürftiges, gelblichgrünes Moos einigermaßen gedieh und höchstens hier und da eine magere Grasnelke ihren rötlichen Blütenkopf auf langem, dürrem Stiel erhob. An den Privatwald schloß sich ein staatlicher Forst an. Das Bild war sofort ein ganz anderes. Gerade, hohe Stämme schossen fast üppig aus dem grünen Boden hervor, auf dem selbst junge Ahornbäumchen und Eichen, die sich offenbar von der Chaussee her ausgesäet hatten, einige Jahre ein wenn auch kümmerliches Leben fristen konnten. In großen Lagern hatten sich niedere Heidelbeersträucher und Erdbeerpflanzen angesiedelt, die voller Früchte hingen. Herr Tanzmann setzte sich an den Waldesrand neben einen blühenden Brombeerstrauch und tat sich an den köstlichen blauen und roten Beeren gütlich. Er hatte das volle Gleichgewicht seiner Seele wieder erlangt, und als ein Radler keuchend an ihm vorbeistürmte, winkte er ihm freundlich grüßend zu.

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