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Sonntage eines Großstädters in der Natur

Curt Grottewitz: Sonntage eines Großstädters in der Natur - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCurt Grottewitz
titleSonntage eines Großstädters in der Natur
publisherVorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
year1920
created20050423
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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März.

Der Buchenwald vereinigte die Merkmale des Herbstes und des erwachenden Frühlings. Herr Tanzmann stapfte durch das rostbraune Laub, das den Boden mehrere Zoll hoch bedeckte und aus dem die silbergrauen Baumriesen ihre glatten Stämme kerzengerade in die Höhe streckten. Ihre vielverzweigten Kronen waren noch ganz kahl, und wenn man das Gesamtbild dieses Buchenwaldes mit seiner rostbraunen, raschelnden Laubdecke und seinen hechtgrauen, blätterleeren Stämmen auf sich wirken ließ, so bekam man den vollen Eindruck des Herbstes. Aber Herr Tanzmann ließ sich nicht irre machen. Um diese Jahreszeit war er immer sehr poetisch gestimmt und wie ein Spürhund darauf bedacht, die Zeichen des Frühlings zu erspähen. Mit seinem scharfen Blick entdeckte er denn auch sehr bald hier und da ein liebliches, hell veilchenblaues Leberblümchen, das sein zartes Köpfchen auf langem, dünnem Stiele aus der Laubdecke hervorstreckte. Herr Tanzmann betrachtete diese Blume mit besonderer Zuneigung. Sie gab ihm die Gewißheit, daß die Vegetation jetzt mit Macht hervorbrach und sogar schon anmutige bunte Blumen erblühen ließ. Freilich konnte eine Blume, die mitten im dichten Walde wächst, nur zu dieser Jahreszeit blühen, wo die Bäume noch kein Laubdach besitzen, das alles am Boden Befindliche beschattet und erstickt.

Sie sehen daraus, lieber Herr Tanzmann, sagte der Wanderer zu sich, daß man die passende Zeit zum Blühen benutzen muß. Nachher kommt die Finsternis und die Nacht. In Groß-Berlin haben sie es freilich nun soweit gebracht, daß sie auch in der Nacht blühen. Dafür lassen sie aber dann auch am Tage die Köpfe und Nerven welk hängen wie vertrocknete Kohlrüben.

Nun sah er in einem Gebüsch von wildem Gaisblatt auch die zierlichen Anemonen in voller Blüte. Dabei schien die Sonne so mildwarm herab, daß Herr Tanzmann seinen großen Calabreserhut vom Kopfe nahm und sich von den vielen Strahlen bescheinen ließ. Früh war leichtes Frostwetter gewesen, und weißer Reif hatte auf den Fluren gelegen. Aber die Sonne hatte ihn schnell aufgesogen und den Boden weich gemacht. Nun war daraus das lieblichste Märzenwetter geworden, eine weiche milde Luft, die erschlaffte und beglückte, und die Sonne schien in zartem, sanftem Lichte aus dem weißverschleierten Blau des Himmels.

Den wirklichen Eindruck des Vorfrühlings bekam Herr Tanzmann aber erst, als er den Rand des Buchenwaldes erreichte, wo dieser in freies Feld überging. Am Waldrande entlang führte eine breite Fahrstraße mit tiefen grasbewachsenen Gräben. Hier brachen aus dem graugelben Rasen eine Menge grüner Stauden mit den mannigfaltigst gestalteten Blättern hervor. Blüten hatte aber nur das Gänseblümchen, das den Graben mit freundlichen weißen Sternen zierte. Der Waldrand war ein sehr geeigneter Standplatz für eine Menge von Bäumen und Büschen, die im Buchenwalde selbst nicht Licht und Luft genug gehabt hätten und anderswo dem mörderischen Beile des Menschen längst zum Opfer gefallen wären. An dem Waldrande bildeten sie eine dichte natürliche Hecke. Herr Tanzmann konnte bemerken, wie die Knospen von allen diesen Gehölzen schon lebhaft grünten. Die Haselnüsse hatten lange, blühende Kätzchen, und als er mit der Hand an einen Zweig faßte, brach eine gelbe Wolke von Blütenstaub aus den Kätzchen hervor. Ein fesselndes Bild bot eine alte graustämmige Espe, die dermaßen mit chenilleähnlichen Kätzchenblüten bedeckt war, daß die Krone des Baumes wie mit rotbraunen Wollfranzen dicht und phantastisch umwickelt schien.

Den sollte man nach Berlin mitnehmen, sagte Herr Tanzmann, ihn auf der Friedrichstraße aufstellen und jeden raten lassen, was das sei. Wie würden sich die Berliner wundern, daß der Baum nicht aus Brasilien oder aus Japan stammt oder gar aus Kiautschou, sondern von einem Waldrande der Mark Brandenburg.

Von der anderen Seite des Weges her, über den Fluren erklang der unermüdlich trällernde Gesang der Lerchen. Die Tierchen schwebten hoch oben in der blauen Luft in kaum sichtbarer Höhe, und aus ihren Kehlen erscholl es wie ewiger Frohsinn und ewiger Frühling. In den Ackerfurchen liefen geschäftige Bachstelzen, mit den Schwänzchen auf und nieder wippend, dahin und suchten Insekten. Nun erklang auch noch der seltsame Refrain eines Finkenmännchens, das immer wieder aus einen entfernteren Baum der Landstraße flog, sobald Herr Tanzmann in seine Nähe kam. Während der Gesang der Lerchen ein ununterbrochenes Trällern war, sang der Fink eine kurze Melodie und wartete dann eine Weile, um das Liedchen von neuem zu beginnen.

Seltsam, dachte Herr Tanzmann, könnte man nicht wirklich glauben, was die Dichter sagen, daß die Vögel nur dazu da sind, den Menschen Lieder zu singen? Aber am Ende waren in diesem Falle die Dichter prosaischer als die Wirklichkeit. Daß die Vögel Liebeslieder singen, um ihre Geliebten zu betören, das ist ja frech und unkirchlich, aber tief künstlerisch empfunden von der Natur!

Die Fluren, an denen der Weg vorüberführte, waren teils Roggenfelder, deren junge Saat jetzt einem wunderschönen grünen Teppich glich, teils Sturzäcker, deren braune Schollen lange unregelmäßige Linien bildeten. Diese Aecker schienen allen Pflanzenwuchses zu entbehren, als Herr Tanzmann aber näher zusah, fand er die Erde bedeckt mit den unzähligen unscheinbaren weißen Blüten des Hungerblümchens.

Da können Sie sehen, Herr Tanzmann, meditierte der Wanderer für sich, es kommt ganz auf den Standpunkt an. Hält man die Nase hoch, so sieht man nichts als ein leeres Feld, bückt man sich aber liebevoll herab, so jubeln Millionen blühender Existenzen einem entgegen – freilich Hungerblümchen !

An der anderen Seite ging der Wald allmählich in eine gemischte Formation über. Es waren viele Kiefern in die Buchen eingestreut, und diese letzteren waren, da wohl der Boden etwas magerer wurde, weniger stark entwickelt als vorher. Einzelne weißstämmige Birken und Ebereschen standen wie Unkraut dazwischen. In der Ferne hörte er einen Specht an einen Kiefernstamm klopfen. Und jetzt wäre er beinahe erschrocken. Mit krachendem Sprunge hatte sich ein Eichkätzchen von einem Ast zum anderen geschwungen, und als Herr Tanzmann nun in die Hände klatschte, konnte er die Akrobatenkünste des flinken Tieres betrachten, welches fliehend mit wunderbarer Geschicklichkeit von Ast zu Ast, von Baum zu Baume sprang. Als darauf fürchterlich schnatterndes Geschrei in der Luft ertönte, da wußte Herr Tanzmann schon genug, noch ehe er die Radaubrüder sah. Aha, die wilden Gänse – natürlich! Er mußte wieder an die Frau Tanzmann denken, seine Mutter, die von Ende Februar bis Ende März, bei jedem neuen Zug von Wildgänsen sagte: Gieb acht, was ich Dir sage. Nun kommt der Frühling ins Land! Er kam auch jedesmal wirklich, darin hatte sie recht; einmal früher, einmal später. Nun flogen die wilden Gänse, in regelmäßiger Keilform, ein Gänserich an der Spitze, schnatternd über den Himmelsbogen dahin.

Grüßt Andree von mir, sagte Herr Tanzmann, wenn ihr wieder in eure nordische Heimat zurückkehrt, und gewöhnt euch das abscheuliche Schnattern ab, das partout zum Frühling nicht paßt!

Besser paßte dazu schon das Gaukelspiel eines Fuchs-Schmetterlings, den die warmen Märztage zu einem vorzeitigen Ausflug veranlaßt haben mochten. Er schien einer der windigsten Gesellen seiner Art zu sein. Ohne Beständigkeit sah er sich ein paar Gänseblumen am Wegrande an, dann flog er an Herrn Tanzmanns Nase vorbei und dann in weitem Bogen über den Weg und dann war er verschwunden. Er war absolut nicht mehr aufzufinden, obwohl Herrn Tanzmanns Augen ihre ganze Ehre einsetzten, ihn zu entdecken. Ohne Zweifel hatte er sich ins Gras geduckt, die Flügel mit den glänzenden Oberseiten zusammengeklappt, daß er aussehen mochte, wie ein welkes Blatt. Nun sollte ihn einer unter den tausenden von Blättern, die im Grase des Wegrandes lagen, herausfinden!

Beim Suchen im Grase bemerkte Herr Tanzmann, daß auch das kleine Getier schon lebendig geworden war. Schwarze Spinnen huschten über das gelbe Gras, und aus der Oeffnung eines kleinen sandigen Erdhügels trugen kleine geschäftige Ameisen Sandkorn um Sandkorn heraus.

Da wo der Wald zu Ende ging, stand ein altes Försterhaus, mit dem eine Gastwirtschaft und eine Schmiede eine kleine Ansiedelung bildeten. Der Garten des Försterhauses zeigte bereits die ersten Spuren der Bestellung. Er war sauber aufgeräumt und die Beete frisch gegraben. Aus dem schwarzen Erdreich guckten bereits die ersten Blätter der Erbsen und Radieschen hervor, die vor einigen Wochen gesäet sein mochten. Herr Tanzmann mußte lebhaft an seine Kindheit denken, wo er jeden Tag einige junge Radieschenpflanzen ausgerissen hatte, um nachzusehen, ob sie schon eßreif wären. Ehe es aber wirklich soweit kam, waren gewöhnlich die Radieschen zum Entsetzen der Frau Tanzmann schon alle herausgezupft. Sie glaubte dann, die Engerlinge hätten sie abgefressen, setzte die Brille auf, was sie immer bei feierlichen Gelegenheiten tat und sagte: Es kommt eben, wie es kommt. Und kommt nichts, na so kommt eben nichts !

An den Rändern der Beete standen buschige Stachelbeersträucher, die bereits im zarten Grün der Blätter prangten. Die Johannisbeeren waren noch weit zurück, aber auch an den Fliedersträuchern hatten sich die ersten kleinen Blätter aus den Knospentrieben abgewickelt. Das Auffälligste an dem Garten aber waren die schönen blauen Scillablüten und die gelben Krokus; die anderen Zwiebelgewächse, die Tulpen und Hyazinthen, die Kinder wärmerer Gegenden, hatten nur eben erst ihre dicken Triebsprossen aus der Erde gesandt.

Das Försterhaus war mit Epheu umwachsen und von alten hohen Tannen umrahmt, die diesem Heim Sommer und Winter dasselbe malerische, ein wenig ernsthafte Aussehen verliehen. Eine alte ehrwürdige Ulme, die an der Straße stand, und die jetzt blühte, bot mit dem zarten hellbraunen Schimmer ihrer Aeste ein merkwürdiges Gegenstück zu den düsteren Tannen. Herr Tanzmann stand bewundernd vor diesem alten Baume, dessen Krone jetzt, ohne daß sie Blätter hatte, doch vollständig dicht mit unscheinbaren, aber freilich sehr zahlreichen Blüten besetzt war.

Es ist doch seltsam, dachte Herr Tanzmann, daß niemand unsere Laubbäume zu ihrer Blütezeit malt. Sollten die Maler nie blühende Ulmen und Pappeln gesehen haben, oder sollten sie wissen, daß jeder, der so etwas auf dem Bilde zum erstenmale sehen würde, sagen könnte: Bäume mit rehfarbenen, purpurnen und grauen Blättern! Der Kerl ist wohl verrückt!

In den Zweigen der Ulme führten ein paar schwarz-weiße Elstern ein fürchterlich skandalöses Gezänk auf, so daß die Spatzen auf dem Staketenzaun des Försterhauses aufhorchten und ein paar Rotschwänzchen sich in die Dachluken flüchteten.

Das fehlt bloß noch, sagte Herr Tanzmann entrüstet, daß solches Galgenzeug hier noch die Singvögel und den Frühling vertreibt und entstellt.

Im ersten Frühjahr war er immer sehr empfindlich und verlangte nur leise Tone und leichte anmutige Farben. Es half ihm aber nichts. Kaum war er aus der Ansiedelung hinaus, so vernahm er von neuem ein aufdringliches Schreien und Schnattern. Und in regelmäßiger Keilform, ein Männchen an der Spitze, zog ein neuer Schwarm Wildgänse nordwärts über den Himmelsbogen dahin.

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