Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Curt Grottewitz >

Sonntage eines Großstädters in der Natur

Curt Grottewitz: Sonntage eines Großstädters in der Natur - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCurt Grottewitz
titleSonntage eines Großstädters in der Natur
publisherVorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
year1920
created20050423
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
Schließen

Navigation:

Februar.

Es war ein milder trüber Tag, an dem Herr Tanzmann diesmal seine Schritte hinaus ins Freie lenkte. Der Himmel war gleichfarbig grau, und die Luft so dicht mit Wasserdampf gesättigt, daß der Horizont wie mit Nebel verschleiert lag, und die Feuchtigkeit sich auf die Kleidung und den grimmigen Bart des Herrn Tanzmann setzte.

Das ist schon die Frühjahrsüberschwemmung, sagte dieser gelassen. Heute Maiwärme und morgen Eis und so fort ein Vierteljahr. So ist das nun in unserer gemäßigten Zone. Man kommt nicht von der Stelle. Verwünscht gemäßigte Zustände bei uns!

Er schritt jetzt zum Ufer eines langgestreckten Sees hinab, wo die hohen, dürren Schilfstengel eine stille seichte Wasserbucht dicht überzogen hatten. Der See lag, mit anderen Seen eine weite Wasserkette bildend, im Innern einer langen Thalniederung, welche, an ihren tiefsten Stellen mit Wasser ausgefüllt, in das große Spreethal mündete. Diese Niederung schnitt tief in das Land ein, und ihre Längsränder, die an einigen Stellen kilometerweit von einander entfernt waren, mußten die Uferwände eines ehemaligen recht bedeutenden Wasserlaufes sein, der seine Fluten in das freilich noch beträchtlich breitere Strombett der alten Spree gewälzt hatte.

Schade, sagte Herr Tanzmann, von all der Wasserherrlichkeit nur noch ein paar armselige Seen und die paar Flüßchen, wie die Dahme und die Spree, in deren ausgetrocknetem Flußbett jetzt Groß-Berlin Seehafen-Träume hegt. Jawohl, als die einzige sichere Erbschaft von dem alten Spreestrome haben wir nur noch den modderigen, wackeligen Untergrund, den Hausschwamm und die Ratten!

Als er am See-Ufer entlang ging, bot sich ihm die Gelegenheit, einen Blick in die Erdzusammensetzung des ehemaligen Stromrandes zu tun. Es befanden sich in jener Gegend eine Menge Ziegeleien, deren Schächte wie steile Felsenschluchten tief in die Erde eingegraben waren. An ihren Wänden konnte man deutlich die Lagerung der einzelnen Erdschichten erkennen. Es waren verschiedenartige Zonen von Sand, Kies, Lehm, Mergel und Ton, alles Produkte der großen Eiszeit, welche nordisches Steinmaterial hierher geführt und mannigfach umgeändert hatte.

Herr Tanzmann sah es zwar als eine besondere Böswilligkeit der Natur an, daß sie den sterilen Sand obenauf gepackt und den kostbaren Ton gerade nach unten vergraben hatte, aber er ergab sich drein, da er es doch nicht ändern konnte. Zum Glück für ihn fand er eine Strecke weiterhin die Erdverhältnisse mehr nach seinem Wunsche. Dort breitete sich neben dem See eine Wiese aus, deren dürrgelbe Grasfläche von kleinen Gruben hier und da unterbrochen war. Die Wiese war zwar jetzt außerordentlich naß, so daß Herr Tanzmann sie nicht zu überschreiten wagte. Er kannte diese moorigen Seewiesen, die mit ihrem schwankenden Boden selbst im Hochsommer kaum zu betreten waren. Eine dieser Gruben lag jedoch ziemlich nahe am Rande. Ihre schwarzen Wände bestanden aus einem guten recht sandfreien Torf, der ein sehr molliges Heizmaterial abgeben mochte. Man konnte in dem Torfe noch deutlich die Pflanzenüberreste, selbst große Wurzeln und Baumstämme erkennen, die einst auf dieser sumpfigen Wiese gewachsen, umgefallen und dann in den kohlenartigen Zustand übergegangen waren. An den oberen Rändern der schwarzen Wände wurde die Erde moorig. und aus dem Moor ragten die Wiesengräser und Kräuter hervor, die jetzt eine winterlich gelbe Farbe zeigten.

Da können Sie sehen, Herr Tanzmann, sagte der Wanderer zu sich, wie die Kohle früher gewachsen ist. Ganze Wälder versumpften und wurden unter Gestein und Schutt begraben wie da drüben der Ton. Das schwere Gewicht preßte sie zusammen zu einer harten Masse, während unser neuzeitiger Torf nur seicht eingebuddelt und deshalb eine schwammige, leichte Ware ist, wie alles Moderne.

Das Wasser, das in der Torfgrube stand, war fast ganz mit einer dünnen, grünen Decke von Wasserlinsen bedeckt, kleinen Pflänzchen, deren ganzer Leib aus einem einzigen linsengroßen Blatte bestand. Herr Tanzmann dachte bei ihrem Anblick an die Frau Tanzmann, seine Mutter, oder noch mehr an ihre Enten, die diese Wasserlinsen höher schätzten, als Recht und Gerechtigkeit, und jeden Morgen heimlich ausrückten in den Wassertümpel, wo man sie ohne Stulpstiefel und die Gefahr, im Moore zu versinken, nicht herausbringen konnte. Und die Frau Tanzmann stand dann wie eine Henne, die Enten ausgebrütet hat, am Teichrande und lockte und lockte und schrie sich heiser: Hüle, Hüle, Hüle! Die »Hüleken« kamen aber nicht, sondern blieben bei den Wasserlinsen und hielten große schnatternde Reden, bei denen freilich auch nichts herauskam.

Herr Tanzmann ging um die Wiese herum und kam zu einer Stelle, wo die alte Talwand dicht und ziemlich steil an den jetzigen Uferrand des Sees heranstieß. Hier machte der See ein Knie, hier war er auch tief, während an dem gegenüber liegenden flachen Ufer gelbes Schilf wieder auf eine stille Bucht mit seichtem Wasser hinwies. Ohne Zweifel wurde die Uferwand von der Wasserströmung auf der steilen Seite immer weiter abgerissen und der abgeschwemmte Boden nach den schilfigen Stellen des Sees getragen. Herr Tanzmann konnte ganz genau erkennen, wie sehr der See Seit der jüngsten Erdepoche bis auf die Gegenwart das umliegende Gebiet verändert hatte. Da an einer Seite hatte er viele Morgen Landes angespült und der angeschwemmte Boden war sofort als Wiese, an der oberen Seite sogar als »Kohlgarten« in Anspruch genommen worden. Dagegen hatte der See an anderen Stellen sich redlich Mühe gegeben, den Ackerboden hinwegzureißen.

Was doch die Natur für ein alter Revolutionär ist, sagte Herr Tanzmann, hier reißt sie ein und dort spendet sie wie ein Verschwender. Man hätte sie längst eingesperrt, wenn man das dazu nötige Geld nicht für andere ähnliche Kulturzwecke brauchte!

Eine Strecke weiterhin war der Seerand mit Gebüsch bewachsen. Weiden, deren schneeweiße Filzkätzchen bereits zur Hälfte aus den dicken Knospen hervorlugten, gemahnten schon an den kommenden Frühling. Ueberhaupt konnte Herr Tanzmann zu seiner Freude sehen, daß bereits das erste Leben in die Natur zurückkehrte. Hier und da regten sich auch an anderen Bäumen und Sträuchern die Knospen. Eine gigantische Schwarzpappel, die an einem zum See führenden Wege stand, und eine graustämmige Espe, die mit ihren Ausläufern ein wüstes Gesträuch bildete, hatten ebenfalls bereits ihre dicken Blütenstände hervorgesandt.

Das ist der allererste Frühling, sagte Herr Tanzmann. Der kommt noch vor dem Vorfrühling. Aber von dem weiß nur der Neunhundertneunundneunzigste von Tausend. Und nur wer so ein alter Zukunftsspintisierer ist wie Sie, Herr Tanzmann, hat seine Freude daran mitten in der Winterleere des Februar.

Unter dem Gesträuch befand sich ein breiter Schneeballstrauch, über und über mit knallroten Früchten behangen, die sich vom Herbst her gut durch den Winter gerettet hatten. Der Heckenrosenbusch, der daneben stand, hatte dagegen seine Hagebutten bereits fast alle abgeworfen oder den Vögeln abgegeben. Herr Tanzmann konnte nur noch zwei davon erbeuten. Er sah sie an, drückte die Kerne heraus und ließ die fleischige Schale zwischen den Zähnen verschwinden, eine Leidenschaft, die er noch von der Zeit her hatte, wo er bei der Frau Tanzmann wohnte, seiner Mutter, und ein tüchtiger achtjähriger Galgenstrick war. O, wie oft war ihm dann ein solches verwünschtes kratziges Härchen, mit denen die Fruchtkerne eingehüllt waren, im Halse stecken geblieben, Dann war guter Rat teuer. Frau Tanzmann empfahl: Wasser trinken, aber das Härchen kratzte weiter, dann empfahl sie: ein Stückchen »Brotkirste« essen, aber das Härchen kratzte weiter in Herrn Tanzmanns Kehle. Erst wenn sie mit der großen Flasche Himbeersaft aus dem Keller hervorkam, wurde das Härchen und der junge Herr Tanzmann sanftmütiger.

Nun ging er schnellen Schrittes weiter an einem kleinen Graben entlang. Dieser verband den See, den er eben verlassen, mit dem anderen, zu dem er sich jetzt wenden wollte. Da, wo der Graben in den zweiten See mündete, stand ein kleines, einsames Gehöft. Eine schwarze Baummasse umrahmte die kleinen Gebäude aus Fachwerk und Lehm. Die Dächer waren mit dem Schilf gedeckt, das der Besitzer des Hofes selbst aus dem See geschnitten und auf seine Gebäude gelegt hatte. Herr Tanzmann kannte ihn, es war sein alter, lieber Freund Mewis, der hier, eine halbe Stunde von dem am jenseitigen Ufer liegenden Dorfe entfernt, sein Land in altgewohnter Weise bebaute.

Mewis stand gerade im Garten und schnitt mit seinem blitzenden Taschenmesser an seinen Obstbäumen herum, und zwar gründlich. Als er den Wanderer kommen sah, setzte er das Messer ab, steckte es schnell ein und rief fröhlich hinüber:

Kiek mal, der Herr Tanzmann ! Na nu, Du oller Junge?

Daran erkannte Herr Tanzmann, daß sein Freund noch der Alte geblieben war, im übrigen hatte er daran sehr gezweifelt, da er ihn inmitten einer Anpflanzung junger, geradstämmiger Obstbäume sah, die er offenbar, aller ländlichen Gewohnheit zuwider, aus einer Baumschule bezogen hatte.

Menschenskind! rief ihn Herr Tanzmann an.

Ja, sagte Mewis, die habe ich mir voriges Jahr zugelegt. Ich will doch mal sehen, ob's nicht mit dem Obstbau geht.

Und hast die Bäume da in den Sand hineingescharrt, was?

Na, versteht sich, wohin denn sonst?

Mewis, Mewis, sagte Herr Tanzmann, Du bist noch gerade so dumm, wie vor Jahren, als ich das letzte Mal von Dir ging.

So? sagte Mewis.

Gibst Du Deinen zwei Pferden Sand zu essen, gibst Du Deinen drei Kühen (oder wie viele Du jetzt hast) Sand, gibst Du Deinen Schweinen Sand?

Das ja gerade nicht, sagte Mewis kleinlaut.

Und Deinen Bäumen willst Du Sand geben, Du nichtswürdiger Kerl? Da hast Du nun den Seeschlamm vor Deiner Tür und den Schutthaufen mit Kalk und Lehm hinter der Scheune. Und das hast Du Deinen Bäumen vorenthalten! Da kann ich Dir schon sagen, von denen wirst Du auch nicht eine Handvoll Aepfel ernten.

Ja, sagte Mewis, möglicherweise kann das stimmen, die alten Bäume haben auch nie was Rechtes getragen.

Da siehst Du's. Wer was leisten soll, der muß auch was zu essen kriegen. Das ist die erste und letzte Weisheit in der Natur.

Mein Vater, Herr Tanzmann, sagte Mewis feierlich, hat die Bäume auch stets so gepflanzt.

Na ja, daran siehst Du, daß Dein Vater auch nicht klüger war wie Du. Das ist eben das schlimme, Ihr Landbewohner seid noch nicht genug Herren der Natur, Ihr steht noch zu sehr unter ihr, und wir Großstädter, wir sind zu sehr außerhalb von ihr, und das ist freilich vielleicht das allerschlimmste!

Du, Herr Tanzmann, ein Großstädter? Sagte Mewis jetzt mit wachsender Ueberlegenheit. Du, ein Großstädter? Du stammst doch auch aus dem Niederbarnimer Kreise wie wir anderen.

Herr Tanzmann schwieg gekränkt. Sie schritten durch den Garten, in dem bereits die ersten Unkräuter, die rote Taubnessel, das gelbe Kreuzkraut und die Vogelmiere ihre zu dieser Zeit sehr unauffälligen, unscheinbaren Blüten entfaltet hatten. Von einem alten Kastanienbaum ließ ein Finkenweibchen ein munteres Pink-Pink-Pink erschallen. Dann kamen sie an eine kleine, mit Buchsbaum eingefaßte Rabatte, in der die Schneeglöckchen bereits unzählige, zartweiße Blüten getrieben hatten.

Ach, das ist wirklich schön! sagte Herr Tanzmann. Mitten im Februar schon solche Blumen, wie sie der Sommer kaum schöner hervorbringt. Kannst Du Dir denken, Mewis, wie man sich über solche lachenden Frühlingsvorläufer freut, wenn man mitten aus der düsteren Großstadt kommt?

Mewis sagte nichts, sondern pflückte einige der Blumen ab und steckte sie Herrn Tanzmann ins Knopfloch. Damit war der Frieden zwischen beiden wieder hergestellt.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.