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Sonntage eines Großstädters in der Natur

Curt Grottewitz: Sonntage eines Großstädters in der Natur - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorCurt Grottewitz
titleSonntage eines Großstädters in der Natur
publisherVorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
year1920
created20050423
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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Dezember.

Es war ein kalter, aber lachender Wintertag, an dem Herr Tanzmann durch die Parkanlagen einer kleinen Stadt dahinschritt. Die sorgfältig instand gehaltenen Wege waren festgefroren und die Blätter, die den Rasen bedeckten, waren mit einem leichten, kaum sichtbaren weißen Reif überzogen. Sie bildeten einen bereits verblichenen bräunlichen Teppich, aus dem sich ein Gewirr von Büschen und Bäumen mit kahlen schwarzen Aesten erhob. Obwohl sie jetzt blätterleer waren, erkannte Herr Tanzmann doch mit leichter Mühe die Buchen mit ihrem schönen, großen, silbrig grauen Stamm, die Pappeln, deren Rinde nach der Krone zu ein trübes Weiß zeigte, die Birken, deren schneeweiße Stämme weithin leuchteten. Er erkannte aber auch die Eiche an ihrer knorrigen Gestalt, an ihrer dicken, rissigen Borke, die Akazien an ihrer eigenartig schräg gefurchten Rinde und an ihren dunkeln Samenhülsen, die Linden an ihren braunen Deckblättchen, aus deren Mitte die runden Fruchtkörner herabhingen. In den Anlagen waren aber auch viele ausländische Bäume angepflanzt, solche aus Nordamerika, aus Sibirien und aus dem nördlichen China und Japan, die um so besser gediehen, je mehr das Klima ihrer Heimat dem norddeutschen glich.

Wie abwechslungsreich der Park nun aber infolge dieser verschiedenartigen Bäume und Sträucher auch war, so vermißte das geübte Auge des Wanderers doch die wunderbare Harmonie, die nur die Einheitlichkeit einer natürlichen Landschaft geben kann. So gern er sich diese Pflanzen aus fernen Ländern einmal ansah, so war ihm doch eine solche Zusammenwürfelung der verschiedensten Länder nicht sehr sympathisch. Es ärgerte ihn, daß eine alte Eiche ihre knorrigen Aeste zwischen die glatten Zweige eines chinesischen Götterbaumes schob, dessen noch hellgrüne Zweigspitzen erfroren waren, weil sie sich offenbar an den schnellen Eintritt der deutschen Winterfröste nicht hatten gewöhnen können. Um den Stamm einer Erle schlang sich der kanadische Baumwürger, und dieser Wucherstrauch aus Nordamerika hatte den europäischen Baum so gründlich umarmt, daß dessen Krone bereits zu verdorren begann.

Na ja, sagte Herr Tanzmann, das kommt davon, wenn man der Natur Gewalt antut und ihre Kinder hierhin und dorthin kommandiert, ohne sich um ihre Lebensinteressen zu kümmern. Die Sache rächt sich eben, entweder gleich oder später.

Auch sonst konnte Herr Tanzmann in dem Park vielfach beobachten, daß der Sinn für Natur in unserer Zeit noch wenig erstarkt war und daß eintönige Künsteleien der reichen Mannigfaltigkeit des Lebens vorgezogen wurden. Da waren weite Rasenflächen auf hohen Bodenlagen, wo in der Natur sich nie dieser Graswuchs hätte entwickeln können. Da waren hier und da Druckständer angebracht, um den Rasen künstlich zu bewässern. Zwar jetzt im Winter hatte diese unnatürliche Wiese eine gelbliche Färbung, und der Graswuchs war niedrig wie auf allen Wiesen, aber es herrschte hier doch eine solche Gleichförmigkeit der Grashalme, die in ödem Gegensatze stand zu dem Reichtum der Naturwiese, auf der auch im Winter sich die mannigfaltigsten Formen von Gras- und Staudenarten abhoben. Am auffälligsten freilich fand Herr Tanzmann die Unnatur dieser Rasenfläche im Sommer, wo sie jederzeit kurzgeschnitten und immerzu in derselben grünen Farbe schimmerte, ohne je den Charakter der Jahreszeit wiederzuspiegeln.

Und wie Herr Tanzmann den Park weiter durchwanderte, an Fontänen vorüberkam, die jetzt nicht sprangen, weil es im Winter nicht lohnte, sie in Gang zu erhalten, an einer Unmasse von Strohpuppen und Holzkästen, unter denen die nicht winterharten exotischen Pflanzen festverpackt ruhten, an Brücken über wasserleere Bäche, da hatte er den unangenehmen Eindruck, daß auch diese Kunst, die Kunst, Landschaften zu gruppieren, sich vom Leben und Volke entfernt hatte, wie viele anderen Künste, und daß sie herabgesunken war zu einer geistlosen Dekoration, zu einem eleganten Salon, in dem sich die elegante Welt ergehen konnte.

Der Park ging allmählich in einen hohen Buchenwald über. Hier wurde Herrn Tanzmann wieder wohl. Er schüttelte sich und sprang sechzig Zentimeter hoch in die Lust und schlug dann mit seinem Stock in das raschelnde Laub, daß die Blätter wirr umherflogen. Die Wintersonne lachte am weißlich-blauen Winterhimmel. Ihre Kraft war zwar nicht groß genug, um den starr gefrorenen Boden auch nur einigermaßen zu erweichen, aber ihre Strahlen milderten doch die Strenge der klaren Luft. Selbst unter der dichten Decke, die das rostbraune Buchenlaub über den Boden breitete, war die Erde gefroren. Es lag eine heitere Ruhe über diesem Walde, wie aus dem rostfarbenen Grunde die silbergrauen glatten Buchenstämme gleich gewaltigen runden Säulen ohne jede Verästelung in die Höhe strebten. Erst hoch oben, gewissermaßen nach langer, solider Arbeit, breiteten sie behaglich ihre Aeste und Zweige nach allen Seiten aus. Unter den Buchen konnte kein Unterholz aufkommen, aber gerade hier bei diesen Baumriesen vermißte man es nicht, die Eintönigkeit dieses Hochwaldes mit seiner rostbraunen Decke und seinen silbergrauen Stämmen hatte etwas feierlich Erhabenes. Herr Tanzmann wanderte lange in dem Walde umher und ließ die Kraft auf sich wirken, die von diesen starken, stolzen Bäumen ausging. Dabei herrschte eine absolute Ruhe in diesem Walde, nur das Laub raschelte unter des Wanderers Tritten. Bisweilen vernahm er ein Knarren, wenn zwei Aeste im leisen Windzug sich gegen einander rieben. Einmal hörte Herr Tanzmann einen lauten plärrenden Vogelschrei, den er zunächst einer Elster zuschrieb. Er stand einen Augenblick still und gewahrte, wie ein Holzhäher nahe über ihm vorbeiflog. Er konnte den schönen Vogel gut beobachten, an seinem grauen Gefieder stachen die hellblauen Flecken leuchtend hervor. Noch lange, nachdem der Häher verschwunden war, konnte Herr Tanzmann die Stimme des geschwätzigen, zänkischen Vogels vernehmen. Dann war es wieder still.

Nach einiger Zeit gelangte Herr Tanzmann an einen kleinen Fluß, dessen Ränder mit dicken ins Wasser hinabhängenden Eisschollen überzogen waren. Seine Ufer waren mit Erlen und Weiden dicht besetzt, denen sich hier und da ein Gebüsch von Hollunder, Faulbaum und Wildrosen anschloß. Die Erlen waren mit schwarzen Samenkätzchen dicht behängt, und die schlanken Zweige der Weiden leuchteten in einem hellen rötlichen Gelb. In diesem Uferbuschwerk trieben sich eine Menge Vögel umher. Besonders die Meisen führten ein lebhaftes Spiel auf. Die verschiedenen Arten, die gelb und schwarz gefärbten Kohlmeisen, die niedlichen Blaumeisen und die unscheinbaren Sumpfmeisen mit ihrem schwarzen Kopfe wetteiferten mit einander an Beweglichkeit und Seiltänzerkunststückchen. Die flinkesten waren aber die Sumpfmeisen, die nicht einen Augenblick ruhig sitzen konnten. Sie waren in ewiger Bewegung, hüpften von Ast zu Ast, schaukelten sich in den dünnsten Zweigen und drehten sich an ihnen nach allen Richtungen, so daß mitunter die Beine nach oben und der Kopf nach unten hingen. Selbst wenn sie eine Portion Insekteneier an der Rinde eines Astes entdeckt hatten, pickten sie die Mahlzeit unter stetem Wiegen und Schaukeln ihres kleinen luftigen Körpers aus.

O je, wenn Sie ein Vöglein wären, Herr Tanzmann! sagte der Wanderer zu sich. Sie würden gewiß nicht jeden Winter hier bleiben, sondern öfters mal nach dem Süden ziehen, wie die Buchfinken, die auch mitunter wandern und mitunter nicht. Freilich, jeden Winter weg wie die Schwalben, nein, das auch nicht. Sie würden den Tropenkoller bekommen, Herr Tanzmann, und übermütig werden. Nein, nein, für uns Nordländer ist so eine Abkühlung von Zeit zu Zeit unentbehrlich!

Er schritt weiter an dem Ufergebüsch entlang. Der Himmel hatte sich allmählich mit einem trüben Schleier umzogen, hinter dem die Sonnenstrahlen nur noch verschwommen hervorblicken konnten. Die Vögel im Untergebüsch wurden stiller und verkrochen sich. Doch auf dem Flusse flog dicht über dem leichten Wellengekräusel ein Sägetaucher dahin. Mit seinen weißen Schwingen weit ausgreifend, suchte er die Wasserfläche ab, um irgend einen Fisch zu erspähen. Jetzt mochte er eine Beute entdeckt haben, mit einem Ruck ließ er sich senkrecht aufs Wasser herab, verschwand in demselben und kam erst ziemlich lange danach wieder an die Oberfläche. Herr Tanzmann konnte aus der Entfernung nicht genau erkennen, ob der Vogel etwas erbeutet hatte, jedenfalls schwamm er eine Weile auf dem Wasser, um dann wieder aufzufliegen und sein Spiel von neuem zu beginnen.

Jetzt erhob sich ein Wind und brachte von Norden her ein niedrig ziehendes, schweres, bleigraues Gewölk.

Es riecht nach Schnee, meinte Herr Tanzmann.

Früh war Ostwind gewesen, nun hatte er sich nach Norden zu gedreht. Die Sonne verschwand ganz und gar, und eine gleichfarbig graue, alles einhüllende Wolkenmasse legte sich über die Erde. Jetzt fielen bereits einzelne kleine Schneeflocken, vom Winde umhergetrieben, es wurden ihrer aber mehr und mehr, und schließlich kamen sie in endloser wirbelnder Masse, um lautlos auf den Boden zu fallen, die Blätter zu bedecken, die Zweige und Aeste der Bäume, die Kleider des Herrn Tanzmann, die Eisschollen am Rande des Flusses. Nur das Wasser nahm die Flocken in sich auf und ließ sie in sich verschwinden. Aber auf dem Lande sammelte sich der weiche, lose Schnee unglaublich schnell an, in kurzer Zeit bedeckte er den Boden in einer Höhe von mindestens zwanzig Zentimetern.

Herr Tanzmann stapfte etwas mühsamer als vorher, aber wohlgemut dahin. Das Ufergebüsch, der Fluß, an dem in etwa halbstündiger Entfernung die kleine Stadt liegen mußte, zu der er zurückkehren wollte, würden ihm leicht den Weg zeigen, obwohl er in dieser Gegend noch nicht gewesen war. Er verkannte keineswegs die Gefahr, die dem Menschen droht, wenn er in unbekannter Gegend von einem Schneewetter überfallen wird. Er kannte genug Beispiele, wo selbst Briefträger und Botenfrauen, die doch ihren Weg genau kannten, bei Schneestürmen umgekommen waren. Er wußte, wie sehr sich die Gegend infolge von hohem Schnee verändert, wie alle Wege verschwinden, wie man jeden Anhaltspunkt, jede Richtung verliert, die man doch so genau zu kennen glaubte. In finsterer Nacht vollends, wo man sich selbst auf einer Chaussee nicht von einem Baum zum andern findet, ist die Situation am unheimlichsten. Und dazu der hohe Schnee, aus dem man sich bei jedem Schritte mühsam erhebt, um dann von neuem in ihm zu versinken, bis man in Schweiß gerät, die Beine schlaff und schwer werden und eine unsägliche Müdigkeit den ganzen Körper ergreift. Wie einen dann die Angst packt und dann die Verzweiflung, wie der Schweiß erkaltet, die vom Schnee durchnäßte Kleidung kalt und steif wird und man voraussieht, daß man es nicht lange mehr treiben wird, wenn nicht ganz plötzlich die Rettung irgend woher kommt, – Herr Tanzmann hatte es selbst schon durchgemacht, darum erinnerte er sich dessen jetzt sehr lebhaft.

Zum Glück war er damals gerettet worden, sonst lebte er ja jetzt nicht mehr. Als aber jetzt der Schnee immer höher wurde und der Wind die ganzen Flocken vom Fluß her auf dem Weg zusammenhäufte, den er gehen mußte, da wurde ihm die Arbeit des Laufens bereits etwas sauer. Diesmal sollte ihm indes nicht lange das Leben schwer gemacht werden. Er wollte bereits seine Lippen zu einem inbrünstigen Fluche öffnen, da ließ der Schneefall nach, die Wolken zogen sich zusammen, und es hellte sich wieder auf. Sogar die Sonne ließ es sich nicht nehmen, noch einmal unseren lieben (?) Herrn Tanzmann zu bescheinen und ihm die Freude zu bereiten, eine echte Winterlandschaft zu bewundern, eine weite glänzende Schneedecke, aus der die schwarzen Baummassen ihre weißbedeckten kahlen Aeste emporstrecken.

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