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Sonntage eines Großstädters in der Natur

Curt Grottewitz: Sonntage eines Großstädters in der Natur - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCurt Grottewitz
titleSonntage eines Großstädters in der Natur
publisherVorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
year1920
created20050423
senderJoerg@Krueger-on-net.de (Jörg Krüger)
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Oktober.

Durch den Kiefernhochwald führte ein breiter Fahrweg. Dicke Ahornbäume, in regelmäßigen Abständen gepflanzt, zogen sich an den Rändern der Straße hin und bildeten mit ihrer milden, schwefelgelben Belaubung einen eigentümlichen Kontrast zu dem rauhen Grün der Nadelkronen. Die Frische des Herbstmorgens vereinte sich mit dem Duft des Waldbodens und dem Kiengeruche zu einem Hauche urwüchsiger Kraft, der wiederum in grellem Gegensatze stand zu dem Nebel, der die ganze Natur in einen ungewissen leichten Schleier hüllte und auf etwa hundert Meter Entfernung den Gesichtskreis mit einer dichten Wand versperrte.

Herr Tanzmann prüfte den Nebel mit durchdringendem Blick.

Es gibt hier zwei Möglichkeiten, sagte er zu sich. Entweder der Nebel steigt auf und verdichtet sich oben zu Gewölk, dann bekommen wir einen trüben Tag, oder er fällt als Tau herab, dann wird die Luft rein, und wir bekommen das herrlichste Wetter!

Und nun suchte er durch den Nebel hindurch ein Stückchen blauen Himmels zu erspähen. Wirklich schien es ihm, als ob die weiße Dunstmasse nach oben zu dünner wurde und einen flimmernden und bläulichen Widerschein erhalte. Und während nun Herr Tanzmann an dem taufrischen Grasrande des Weges entlang, an den gelbbelaubten Ahornbäumen vorüber, munter drauf los marschierte, wurde die Nebelschicht nach oben zu immer dünner und dünner, immer lichter und lichter. Allmählich konnte Herr Tanzmann direkt über sich kleine Flecken blauen Himmels erkennen, während die Sonne wegen ihres tiefen Morgenstandes noch ganz verhüllt war, denn in wagerechter Richtung wurde der fallende Nebel immer dichter und dichter; was er an Höhe verlor, gewann er an Undurchdringlichkeit. Herr Tanzmann konnte jetzt kaum zehn Schritt weit sehen, sein Horizont war so eng geworden, daß er nur ein Stück grau-braunen Weges, fünf Meter Grasrand, einen und einen halben Ahornbaum und sechs Kiefern, davon zwei auch nur zum Teil mit seinem Blicke umfassen konnte.

Wir gehen bösen Zeiten entgegen, seufzte Herr Tanzmann. Wir werden immer dümmer und beschränkter. Es liegt ein dichter drückender Nebel über dem Land, der jeden Blick nach vorwärts hemmt. O weh, man wird uns noch ganz die Augen verbinden!

Der Nebel wurde immer noch kompakter. Aber nun zeigte sich ein seltsames Naturspiel. Drüben in einiger Entfernung erblickte Herr Tanzmann plötzlich eine bewaldete Höhe, deren grüne Kiefern von ziemlich hellem Lichte bestrahlt waren. Er war einigermaßen überrascht. Hier unten alles in Nebel förmlich eingewickelt, daß man nur ein paar Schritte weit sehen konnte und da drüben, sicher nur eine halbe Stunde entfernt, dieser Hügel ganz deutlich sichtbar und dabei strahlend und heiter wie ein glücklicher Traum von Zukunft und Hoffnung. War es wirklich nur ein Traum, nur eine Vision? Herr Tanzmann litt nicht an Visionen, träumte nie, trank selten und war überhaupt nicht poetisch veranlagt. Die Sache war, wenn vielleicht auch selten vorkommend, doch ganz klar: Der Nebel war eben so weit gefallen, daß er sich nur bis zu einer geringen Höhe über dem Boden erhob. Alles was darüber hinausragte, war nebelfrei und auch für den sichtbar, der nahe genug war, um die Höhe noch in einem hinreichend großen Sehwinkel durch die nach oben zu nur wenig dicke Nebelschicht zu erblicken.

Jetzt aber ging überhaupt die Herrschaft des Nebels zu ende. Denn nun drangen auch die Strahlen der Sonne siegreich durch. Von ihr erwärmt, gingen die kleinen Nebelbläschen in dünne Wasserstäubchen über, die eine Zeitlang in der Luft umherwogten, und dann nach und nach zur Erde fielen. Und nun glänzte die Sonne am milden, blauen Oktoberhimmel, und die recht kühle Morgenluft erwärmte sich rasch. Am Grase des Wegrandes und des Waldbodens strahlte der Tau, und Habichtskraut und Glockenblumen öffneten ihre gegen die nächtliche Kälte zusammengezogenen Blüten von neuem der leuchtenden Sonne.

Dem Kiefernwalde sah man nur wenig die Spuren des Herbstes an. Hier und da freilich erinnerten die braunen Wedel des Farnkrautes, die roten Blätter an den Brombeersträuchern und das gelbe Laub einer Birke an die vorgerückte Jahreszeit. Aber im ganzen hatte er in dem Immergrün seiner Nadelkronen auch jetzt denselben Charakter unvergänglicher Frische, den er das ganze Jahr hindurch zeigt.

Das Bild der Natur änderte sich jedoch sofort, als die Straße den Wald verließ. Herr Tanzmann sah vor sich ein weites Gelände brauner Sturzäcker und lichtgrüner Saatfelder, auf denen der vor wenig Wochen gesäete Roggen eben in dünnen Halmen hervorgebrochen war. Das ganze Gelände lag ziemlich hoch, nur an einer Seite senkte es sich in sanftem Abhang nach Wiesen herab, deren saftiges Herbstgrün von schwarzen Torftümpeln unterbrochen war. Herr Tanzmann wandte sich auf einem Seitenwege nach diesem Abhange hin, wo inmitten von buntbelaubten Bäumen ein kleiner Hof sichtbar wurde. Herrn Tanzmann schlug das Herz etwas schneller, als er sich dem kleinen Hause näherte. Hier wohnte Frau Tanzmann, seine Mutter. Die Hütte sah noch immer so traulich aus wie früher, als er selbst hier wohnte. Das verhältnismäßig hohe Ziegeldach, die grünen Läden zur Seite der kleinen Fenster, die drei Sandsteinstufen vor der braunen Haustür, alles war wie früher. Vor dem Hause zog sich eine Mauer aus Findlingssteinen hin, die ganz mit purpurrotem wilden Wein umzogen war. Herr Tanzmann trat durch die kleine Holztür, die neben dem großen Tor lag, in den Hof, wo vor der Scheune und dem Stallgebäude Hühner, Gänse und anderes Federvieh sich tummelte. Ein großer schwarzer Hund kroch knurrend aus seiner Hütte und bellte den Ankommenden laut an, unterbrach sich jedoch schnell und machte mit den Beinen und dem Kopfe wiegende, bewillkommnende Bewegungen. Herr Tanzmann streichelte das Tier, um dann nach Dorfgebrauch durch die Hintertür in das Wohnhaus einzutreten. Frau Tanzmann war gerade in der Küche und schabte Mohrrüben. Als sie ihren Sohn bemerkte, fiel ihr das Messer aus der Hand, sie sprang auf und rief: »Herr Tanzmann, Du!«

Dann rannte sie an das Waschbecken, wusch die Hände, trocknete sie ab und streckte ihm dann die Rechte entgegen. Und während Herr Tanzmann sie herzlich begrüßte und sie fragte und auf sie einredete, sprach sie fast kein Wort, lief einmal zu ihren Mohrrüben, dann rückte sie ihre Blumentöpfe mit den Küchenkräutern am Fenster zurecht, dann stocherte sie mit dem eisernen Haken in dem Feuer der Maschine herum, aus dem ein gemütlicher Torfgeruch hervorstieg. Herr Tanzmann kannte sie, sie war in voller Aufregung, und man mußte ihr Zeit lassen, um ihres Gefühles der Freude, die sie nicht ausdrücken konnte, mit diesem seltsamen Gebaren Herr zu werden. Er wußte aber, wie ihr am besten beizukommen war. Er wies auf die Kartoffeln hin, die in einem Korbe neben dem Küchenspind standen.

»Na, sind die Kartoffeln alle ausgebuddelt?«

»Ja,« sagte sie, »damit sind wir schon lange fertig.«

»Diese hier sind nicht schlecht; sind sie alle gut geraten?«

»Es könnte schon besser sein,« antwortete sie. Sie gehörte zu denen, die niemals zugeben, daß etwas gut ist, wohl aus Besorgnis, daß sie es »berufen« könnte. Herr Tanzmann mußte deshalb fragen:

»Waren viele faule darunter?«

»Das ja gerade nicht,« meinte sie.

»Sind viel kleine dabei?«

»Ach, das nun gerade auch nicht.«

Herr Tanzmann schloß daraus, daß ihre Kartoffelernte vorzüglich gewesen fein mußte.

Dann kam er auf die Runkelrüben zu sprechen, wobei seine Mutter von einer völligen Mißernte sprach. Durch Kreuz- und Querfragen erfuhr er aber, daß nur das Kraut durch einige Septemberfröste etwas beschädigt worden war. Mit den Pflaumen war sie auch nicht zufrieden, die wären alle madig gewesen. Doch mußte sie auf Herrn Tanzmanns geschickte Fragen zugeben, daß sie ein paar Zentner mehr verkauft hatte als andere Jahre und daß sie einen recht annehmbaren Preis bekommen hatte. Bei diesen Gesprächen aber wurde sie zusehends munterer und lebendiger, denn nun sah sie, daß ihr Sohn in der Stadt nicht hochmütig geworden war und noch ein Interesse für Kartoffeln, Runkelrüben, Hof, Garten und Feld bewahrt hatte. Trotzdem guckte sie ihn noch manchmal mißtrauisch an und einmal nahm sie ihn zur Seite und sagte leise:

»Du, Herr Tanzmann, Du kannst mir's offen eingestehen: Kommst Du noch manchmal heraus aus Berlin... ins Freie?«

Als ihr Sohn ihr nun feierlich versichert hatte, daß er noch der alte Sonntagswanderer sei wie immer, war sie zufrieden und nun plauderte sie weiter über allerlei. Herr Tanzmann ging in Haus und Hof umher, um alles zu besichtigen. In der guten Stube trug sie ihm dann ein Frühstück auf, alles Produkte ihrer Wirtschaft: Bauernbrot, das sie selber gebacken, Butter und Käse von ihrer Kuh, sodann Rettige und ein Glas Johannisbeerwein, den sie so köstlich bereitete. Und während Herr Tanzmann mit dem Appetit aß, der ihm eigen und durch die Wanderung noch verstärkt war, zeigte sie ihm ihre Zimmerblumen, Palmen, Kakteen und blühende Gewächse aller Art, von denen sie die meisten selber aus Samen gezogen hatte. Dann gingen sie hinaus in den großen Garten, ein Mittelding zwischen Nutzland und Wald. Denn Frau Tanzmann, in ihrer Liebe für die Natur, hatte von jeher eine Leidenschaft gehabt, die verschiedenartigsten Pflanzen, Bäume, Sträucher, Blumen, Nutzgewächse in ihrem Garten anzusiedeln, und so lagen regelmäßige Gemüserabatten neben Blumenrondells, ein dichter, etwa einen Morgen umfassender Laubwald erhob sich inmitten von Grasflächen, Obstbäume wechselten ab mit wilden Strauchgruppen.

Jetzt prangte der Garten in den prächtigsten bunten Farben des Herbstes. Vorn in der Nähe des Hauses blüten noch die Spätlinge der Blumenwelt, duftende Levkojen, gelbe Ringelblumen und hohe buschige lilafarbige Herbstastern. Dann kamen große Beete Sonnenblumen, die ihre gebräunten Riesenköpfe senkten. Frau Tanzmann zog sie der Kerne wegen, mit denen sie ihre Hühner fütterte. Jetzt naschten bereits Spatzen und Meisen von den ölhaltigen Samen der Blumen. Die Gemüsebeete waren bereits leer und zum Teil umgegraben, nur der Grünkohl, Rosenkohl und Sellerie grünten noch in regelmäßigen Reihen. Hinter der Scheune, deren nach Süden gerichtete Wand mit Wein überzogen war, befand sich ihr »Treibhaus«. Hier in diesem Winkel, der vor rauhen Winden geschützt war, und zu dem die Sonne den ganzen Tag über ihre Strahlen niedersenden konnte, herrschte jederzeit eine um mehrere Grad höhere Temperatur als im übrigen Garten. Hier standen Pfirsich- und Aprikosenbäumchen noch im fast vollen grünen Schmucke ihrer Blätter, hier befanden sich einige Apfelpyramiden, voller herrlicher großer Früchte, hier prangten noch knallrote Tomaten an ihrem etwas durch die Kälte verunzierten Kraut, hier wuchsen Artischoken, Eierpflanzen und andere Kinder eines südlichen Klimas, die hier in diesem warmen Winkel recht gut gediehen. Sogar einige Tabakpflanzen bemerkte Herr Tanzmann hier. »Na, na, Mutti,« sagte er lächelnd, »Du rauchst wohl gar neuerdings?«

»Ei behüte und bewahre!« rief sie entsetzt. Und sie entschuldigte sich lange und bemühte sich, ihm klar zu machen, daß sie die Pflanzen »man nur so wachsen sehen möchte.« So mußte sie sich oft entschuldigen, denn ihre Freundinnen vom nahen Dorfe, die sich häufig bei der erfahrenen Frau Rat holten oder ihr Gesellschaft leisteten, wollten freilich nichts gelten lassen, als was Nutzen brachte. Herr Tanzmann streichelte ihr sanft die Wange und sagte:

»Mutterchen, bei mir brauchst Du Dich nicht zu entschuldigen, Dein Sohn ist ein so kurioser Kerl, daß er oft meilenweit rennt, um irgend ein schäbiges Unkraut zu sehen.«

»Na ja, ich kenn' Dich ja,« sagte sie. »Ich will Dir aber eine Lehre geben, Herr Tanzmann: Man lernt in der Natur nie aus, ich nicht und Du nicht!«

Sie wandten sich nun dem Teil des Gartens zu, der mehr einer waldigen Landschaft glich, aber einer Landschaft, die die Kennzeichen der verschiedensten Gegenden in sich vereinigte. Da kamen sie an einer großen Buschgruppe vorüber, in der die verschiedenartigsten Herbstfarben, gleichsam vereint, einen wunderbaren Effekt machten. Das feuerrote Laub der amerikanischen Scharlacheiche vermischte sich mit dem hellen Gelb einiger Ulmen und dem Braun eines breitkronigen Kastanienbaumes, und darunter bildeten Hartriegel mit dunkelviolettem Laub, eine Oelweide mit silbergrauen Blättern und Essigbäumchen mit rot-gelb-grün changierendem Laube ein farbenfreudiges Buschwerk. Trotz der schillernden Buntheit hatten die Farben dieser Blätter doch jene milde weiche Nuancierung, die das Herbstkolorit zum Ausdruck des ruhigen Entsagens, des wehmütigen Hinsterbens macht...

Frau Tanzmann ging mit ihrem Sohne weiter durch einen kleinen Birkenhain. Die weißen Stämme der schlanken Bäume reckten sich, oft wunderlich gebogen, hinauf in den blauen Oktoberhimmel, und das zierliche gelbe Laub umfing ihre Zweige wie in gebrochener Kraft.

»Du warst lange nicht hier, Herr Tanzmann,« sagte sie. »Wirst Du nicht einmal wieder ganz zurückkehren hierher zu mir, mein Sohn?«

»Ich weiß es nicht,« sagte er trübe. Und er dachte an die Stadt, an deren Steinmauern er nun einmal gebunden war. Vielleicht würde er doch einmal zurückkehren, später, später, wenn er einmal gefunden, was er suchte. Dann würde er zu diesem stillen Frieden zurückkehren. Aber jetzt, jetzt suchte er keinen Frieden.

Sie setzten sich beide auf eine Bank unter einem alten Haselbusch, und während sie ihm von all den lieben Stätten des Gartens erzählte, die er von Kindheit an kannte, sah er gedankenvoll zu, wie drüben ein Blatt von einem Birkenzweige sich loslöste, wie es in langsamem Falle in der Luft umherwirbelte und sich überschlug, wie es dann ruhig herabschwebte und lautlos niedersank ins dürre Gras.

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