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Sommer in Oberbayern

Ludwig Steub: Sommer in Oberbayern - Kapitel 3
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authorLudwig Steub
titleSommer in Oberbayern
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printrun1. Auflage 1.-5. Tausend
year1947
firstpub1947
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Von München nach Bayrischzell

Das längst Befürchtete ist eingetroffen, der Schlag ist gefallen – das bayrische Hochland ist fashionabel geworden! In Schliers gibt es bereits Markgräfler mit Sodawasser und das Pfund Forellen um I fl. Io kr.; in Tegernsee ringen fremde Prinzen, Wiener Equipagen und Pariser Toiletten wetteifernd um die Aufmerksamkeit eines auserlesenen Publikums. An den Table-d'hôten findet sich allenthalben jene vornehme schweigsame Gesellschaft, die immer den Eindruck macht, als könne keines das andere ausstehen, als möchte jeder den Nachbarn wenigstens nach Helgoland oder in die Pyrenäen verwünschen.

Um mich auch an einem Bruchstück dieser Pracht zu laben, ging ich eines Tages zur Eisenbahn und nahm ein Billett nach Miesbach.

Früher konnte ich mich über gar nichts ärgern – jetzt habe ich auch dies gelernt und ärgere mich oft den ganzen Tag. In der Frühe verdroß mich schon, daß die Wagen dritter Klasse des Königreichs Bayern keine Haken besitzen, so daß man bei der hydraulischen Einpfropfung, welcher die Fahrgäste trotz 25° R. unterliegen, Joppen, Ränzel und andere Reisekleinodien unter die Bank werfen muß, wodurch dann auch die Füße geniert sind und die Kleinodien schmutzig werden. Mittag um 12 Uhr 10 Minuten ärgerte mich zu Miesbach, daß sich der Posthalterssohn von ... ins Kabriolett des Omnibus setzte, welches ich selbst aspiriert hatte, in der Meinung, daß die Posthalterssöhne der Gegend in den Bauch des Wagens gehören, weil sie ihre Landschaft täglich vor Augen haben und die bequemen Schauplätze den Fremden überlassen sollen. Mit den höckerigen Sitzen der engen Kalesche versöhnten mich gleichwohl die Blumengirlanden, welche sie heute, als am Tag ihres Hinscheidens, zierten, denn morgen schon wird die Eisenbahn bis Schliers eröffnet. Sonst könnte man sich allerdings mehrfach über bayrische Omnibusse und Stellwagen ärgern, namentlich über jenen, welcher vor zwei Jahren von Wolfratshausen nach München fuhr – vielleicht jetzt noch fährt – und sich, zerrissen und zerflickt wie er war oder ist, geradezu jeder patriotischen Beschreibung entzieht. Indessen die Vorliebe für Unbequemlichkeiten jeder Art, namentlich auch für Bänke, die zu schmal, für Türen, die zu nieder, und für Betten, die zu kurz sind, sie ist bekanntlich eine Stammeseigentümlichkeit der Bajuvaren und muß als solche geachtet werden.

Die Gesellschaft in Schliers scheint heuer sehr fein und sinnig zusammengesetzt, allein meiner Sehnsucht nach Wildnis und Einsamkeit bot sie keinen Ersatz. Es schien mir eine Rettung, bald im Nachen zu sitzen und zwischen den grünen Bergen auf der blauen Flut dahinzuziehen. Dabei schaute ich auf die schwarzen Trümmer von Hohenwaldeck, die weit oben unter den Fichten des Ronberges stehen, und dachte an die alten, darnach benannten Herren, welche einst berühmt und reichsunmittelbar, dann mit den Schlierseern und Miesbachern protestantisch, nachher wieder katholisch und Alchimisten wurden, als welche sie 1734 ausstarben, mit Hinterlassung eines Debitwesens, das erst vor wenigen Jahrzehnten zu Ende ging. Ferner dachte ich an meine alte Gönnerin, die gute Fischerlisel, die brave, ehrliche Wirtin, weiland das Jagdstuck aller Poeten und Maler, welche sie ohn' Unterlaß besangen und bildlich darstellten – die ist jetzt hochbetagt zu ihren Vätern eingegangen, und auf dem Ruhesitz ihres Alters, auf dem seeumflossenen Freudenberg, waltet nunmehr ein junger Sachse, der eine Tochter dieses Tales geehelicht hat.

Auf der Mainzer Schiffbrücke – sagt Berthold Auerbach in seinen Schriften – kann man nicht allein hinüber, sondern auch herüber gehen; der Schliersee aber ist so eingerichtet, daß man in der Regel nur aufwärts fahren kann, nicht abwärts. In Fischhausen, welches am oberen Ende liegt, wird nämlich kein Fährmann geduldet. Das ist eine uralte, ehrwürdige Gerechtigkeit! »Bin ich nicht«, sagt der Schiffmeister von Schliers, »um acht Uhr morgens und um vier Uhr nachmittags mit meiner Gondel in Fischhausen, um die Harrenden aufzunehmen? Wer diese Stunden, welche die Vorsehung selbst kaum zweckmäßiger bestimmen könnte, nicht einhalten will, der mag wieder hingehen, wo er hergekommen, denn in Fischhausen wird er sich schwerlich halten können, weil da kein Wirtshaus ist.« Ein Fährmann zu Fischhausen wär' aber eine Unbequemlichkeit weniger in unserem Lande, und dieser Verlust könnte leichtlich einer Stammeseigentümlichkeit, ja in weiterer Folge sogar dem Nationalcharakter Eintrag tun. Ist es nicht gefährlich genug, daß nächstens ein Omnibus von Schliers nach Bayrischzell gehen wird, derselbe, den manche Wanderer schon vor fünfzehn Jahren vermißt haben? – Die Sonne des letzten Tages im Juli lag so schwer über dem Bezirksamt Miesbach und machte mich so müde und träge, daß ich nach dem Einspänner zu trachten begann, denn die Entstehung und Jungfernfahrt des neuen Omnibus wollte ich doch nicht abwarten. Ich sprach eine nahegelegene Bäuerin an, welche bereitwillig den Gaul von der Weide holen und das Wägelchen zurechtstellen ließ. Alles schien nach Wunsch zu gehen, als ich unvorsichtigerweise fragte, was es koste bis nach Bayrischzell. Jetzt fiel's der Bäuerin siedheiß ein, daß sie darum eigentlich den »Herrn« fragen müsse.

»Und der Herr?«

»Ist auf der Alm«, sagte die Frau, »da werden S' wohl nicht abwarten mögen, bis ich nauf g'schickt hab.«

Im nächsten Wirtshaus fragte ich wieder. Die Frau Wirtin, welche herausgeholt wurde, ein Wesen von so liebenswürdigen Manieren, daß sie in Knigges »Umgang mit Menschen« als illustriertes Paradigma aufzustellen wäre, schaute mich überzwerch an und fragte mit Fernhaltung aller zeitraubenden Begrüßungsformeln:

»Was wollen S' denn?«

»Einen Einspänner nach Bayrischzell, und was kostet er?«

»Ja, da muß ich zuerst den Herrn fragen«, antwortete die unterwürfige Gattin, drehte sich und kam nicht wieder. Wahrscheinlich war der Herr über Land gegangen.

So zogen wir denn etwas ärgerlich ins grüne Tal der Leizach ein, den wilden Wendelstein vor unsern müden Augen, und sehnten uns fortwährend, nach Bayrischzell zu fahren. Nach einer heißen Stunde kam zu gutem Trost wieder ein Wirtshaus heran. Ein junger Mann, der zu der Anstalt gehörte, ließ sich über den Gegenstand unserer Sehnsucht bald in ein freundliches Gespräch mit uns ein. Trotz seiner sehr schlichten »Montur« zeigte er in feiner Unterhaltung gleichwohl bedeutende Spuren gelehrter Studien, die er in früherer Zeit getrieben. Aber bei uns auf dem Lande braucht man glücklicherweise so wenig zu denken – etliche Priester und Beamte besorgen dies aus Gefälligkeit für alle –, daß man zuletzt selbst die Gewohnheit ablegt. Infolgedessen verlor sich denn auch der Gelehrte von der Leizach zu meinem großen Vergnügen in nachstehende drollige »Discurrirung«. Erstens sei kein Gaul da; zweitens sei zwar einer da, aber dieser jetzt zu müde von der Arbeit. Übrigens seien wir auch zu schwer (ich führte nämlich meine zwei halbgewachsenen Kinder mit mir).

»Was, zu schwer?«

Ja, so ein Rössel ziehe zwar an Sonn- und Feiertagen oft zehn und zwölf Personen vom Wirtshaus heim, aber am Werktag dürfe man ihm so viel nicht zumuten, namentlich wenn es die ganze Woche nichts zu tun gehabt habe. Doch könnten wir immerhin fahren, nur wolle der Knecht nicht einspannen, weil schon Feierabend sei, und er auch nicht, weil er keine Knechtsarbeit tue. Nichtdestoweniger würde er gleich einspannen, aber er wisse nicht, was es koste, denn er sei nicht der Herr im Hause, sondern sein Vater.

»Und der Vater?«

Ist nach München gereist, so daß er ihn nicht einmal fragen könne.

Daß sich Mann und Frau, Vater und Sohn im Leizachtal über den Preis eines Einspänners nach Bayrischzell ein für allemal verständigen und denselben das ganze Jahr im Gedächtnis behalten, scheint eine geistige Unternehmung, die für dieses einfache und unverdorbene Volk noch zu schwierig ist und zu ihrem Gelingen wahrscheinlich viel vorgeschrittenere Zustände erheischt. »Hier kann nur ein Schulgesetz helfen!« ruft vielleicht ein Fortschrittler aus. »Ach, laßt uns unsere Einfalt und unsern Glauben!« sagt der Patriot; mag es auch eine kleine Unbequemlichkeit für den müden Wanderer sein, wenn er bei großer Hitze an drei fertigen Einspännern vorübergehen muß, weil niemand weiß, was sie kosten sollen, so liegt doch so viel Unschuld und Uneigennützigkeit darin, wie ihr sie anderswo vergeblich suchen werdet. Wollt ihr auch diese Unbequemlichkeit, wollt ihr denn alles verwischen, was unseren Nationalcharakter und uns selbst im Wellengang der Geschichte aufrecht erhalten kann?

Ich ärgerte mich aber schon wieder und sprach in gereiztem Tone:

»Erwägen Sie alles und tun Sie, was Ihnen das beste dünkt. Wir gehen jetzt unserer Wege, um auf ihre Erwägungen nicht durch unsere Gegenwart zu drücken. Wenn sie uns nachfahren, so steigen wir ein; wo nicht, so werden wir die Zell auch zu Fuß noch erreichen.«

Wir waren aber kaum die Hälfte des Wegs, nämlich eine Stunde, gegangen, als der Einspänner lustig daherfuhr und uns aufnahm. Immer noch ärgerlich sagte ich hiebei:

»Diese Stunde, die wir jetzt gegangen sind, hätten Sie uns wohl ersparen können. Es ist nicht auszuhalten mit euch. Ihr müßt entschiedener, rascher, prompter werden!«

»Ja natürlich!« entgegnete der Philosoph von der Leizach kopfschüttelnd, »die Promptheit hat schon manchen auf die Gant gebracht.«

Im großen, stillen Alpenwinkel zu Bayrischzell aber kamen wir glücklich an, und bald nach uns fand sich der Herr Inspektor ein, der durch seine anziehenden, beredten Mitteilungen den Abend fühlbar erheiterte. Auch die Wirtsleute sind bieder und freundlich, obgleich sie in der Woche nur zweimal eine Postverbindung genießen, und ich hatte fast nichts mehr, um mich zu ärgern, als die Erinnerung, daß in Schliers die neuen Kartoffeln eben ausgegangen und in Bayrischzell dieselben noch nicht angekommen waren; daß man in letzterem Ort, nach der Härte des Weißbrots zu urteilen, nur alle drei Monate zu backen scheint; daß das Nationalgetränk allenthalben, wo es versucht wurde, matt und lau war – was vollkommene Unkenntnis der kühlenden Kräfte unseres vaterländischen Eises verriet; daß man sich hin und wieder nicht entblödet, einem neuen Gast ein altes Tischtuch vorzubreiten, und daß die unendliche Reihe oder die feste Kette von Kalbsschnitzeln, die den Reisenden wochenlang umgürtet, nur selten durch eine Forelle oder ein Huhn gesprengt werden kann, da ihr Preis für mich und andere am Werktag zu hoch ist. Drum habe ich schon öfter gesagt: Wer im bayrischen Gebirge angenehm leben will, muß eigentlich nach Tirol gehen. Und so sehne ich mich auch jetzt, nach diesen vaterländischen Reisebegebenheiten, wieder ziemlich stark nach dem teuren Lande der Glaubenseinheit. Dort findet der harmlose Wanderer nicht allein Litaneien, Rosenkränze und Andachten, sondern statt schlechter Biere gute Weine, statt der unaufhörlichen Kalbsschnitzeln einen unerschöpflichen Schatz von Forellen, Hühnern, Spiel- und Auerhähnen, Gemsen, Rehböcken und feisten Schöpsen – alles noch zu billigen Preisen – sowie eine Freundlichkeit und Aufmerksamkeit des Empfangs und der Pflege, über welcher er selbst die Wirtin zu ... mit dem Einspänner und den angenehmen Manieren vergessen könnte.

Doch erwäge, Schriftsteller, was du schreibst! Es ist vielleicht schon zu viel gesagt – zu viel für die guten alten Bayerherzen, die nichts Schöneres kennen als eine »gefüllte Brust« zu Starnberg am See, mit all dem feinen Reiz der Höflichkeit, der dort die Bedienung verklärt.

Der Wendelstein. Holzschnitt von A. von Ramberg, 1874

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