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Sommer in Oberbayern

Ludwig Steub: Sommer in Oberbayern - Kapitel 18
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authorLudwig Steub
titleSommer in Oberbayern
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printrun1. Auflage 1.-5. Tausend
year1947
firstpub1947
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Abschied auf der Reismühle

Es war einmal im Lande Bayern ein schöner Sommerabend. An diesem schlenderte zwischen Starnberg und Gauting, an den Gestaden der Würm, welche dem herrlichen See entfließt, ein einsamer Wanderer dahin, ohne sonderliche Eile, ohne andere Begleitung, als das sanfte Rauschen des vollen Baches. Dieses Wasser fließt rasch, doch nicht ungestüm, ist nicht so hell und blau wie ein Alpenbach, vielmehr etwas gebräunt oder so, als wenn sich die Oreaden nach der Jagd in seinen Wellen gebadet hätten. Eine Menge kleiner, mit hohem Gras bewachsener, mit schönen Erlen besetzter Eilande ziert das Bett des Gewässers. Der schattige Wiesengrund an beiden Ufern, von dunklen Wäldern eingesäumt, war ehemals ein Lieblingsgang der hauptstädtischen Dichter, und man kann es wohl begreifen, daß dazumal, wo das Gebirge noch in beschwerlicher Ferne lag, die Münchner Empfindsamkeit in dem stillen Tal gar gerne ihre Selbstgespräche hielt.

Auf einsamer Stelle steht dort eine Mühle an der Würm, ein weißes Haus mit grünen Läden; der große, strohgedeckte Stadel und einige andere Wirtschaftsgebäude niedern Ranges umgeben das Gebäude. Das Ganze bildet ein hübsches Gehöfte in der ruhigen abgelegenen Landschaft – von ferne nur schauen die Türme von Gauting herüber.

Der Wanderer trat in die klappernde Mühle, wo vier Mahlgänge rüstig an der Arbeit waren. Fast noch neu und sehr reinlich gehalten, machte sie einen angenehmen Eindruck. Ein Müllerbursche stand nicht ferne und war wohlgestalt und freundlich.

Der Pilger winkte ihn des Klapperns halber unter die Türe, und als er gefolgt war, fragte jener: »Wißt Ihr wohl, wer da geboren ist?«

»Kaiser Karl der Große«, gab dieser ohne Bedenken zur Antwort. Hier ist nämlich die Reismühle, in welcher nach der alten Überlieferung jener glorreiche Held das Licht der Welt erblickt haben soll.

Wer's nie gewußt oder schon wieder vergessen haben sollte, dem wollen wir nur in Kürze erzählen, daß nach der bayrischen Sage der Frankenkönig Pipin einst zu Weihenstephan bei Freising sein fürstliches Hoflager hielt und des Königs Tochter von Karlingen, Bertha, sich zur Gemahlin erkoren hatte. Der Hofmeister aber, der sie einzuholen ausgesendet war, verstieß sie bei der Reismühle in den finsteren, endlosen Wald und brachte sein eigenes Töchterlein als des Königs Braut nach Weihenstephan. – Etliche Jahre darnach kam aber Pipin von Waidwerks wegen selber in die Gegend an der Würm, verirrte sich, fand Aufnahme in der Reismühle, entdeckte dort die wahre Bertha wieder – am Brautringe hatte er sie erkannt – blieb eine Nacht in der einsamen Mühle, und so wurde die Königstochter von Karlingen die Mutter des großen Karl.

Es war im Jahre 1803, als Christoph von Aretin die alte Sage aus der Handschrift von Weihenstephan seinen Landsleuten wieder vor die Augen legte. Die Aufzeichnung mag aus dem vierzehnten Jahrhundert stammen, der Inhalt aber soll, wie man neuerdings gefunden haben will, auf das noch ältere Karlslied des Strickers zurückzuführen sein. Der Stricker, ein Reimer des dreizehnten Jahrhunderts, erwähnt nun allerdings die Geschichte, aber nur in fünf oder sechs Zeilen, also nur nach den knappsten Umrissen, und zwar so, daß dem König Pipin seine Frau verwechselt ward und daß er dann auf eine Fahrt kam, da er die Teure wieder fand. »Wie aber das Ding alles erging«, die näheren Umstände des Hergangs, das wäre, meint er, zu sagen viel »zu lanch«. Darnach wissen wir denn auch nicht, wohin er den Schauplatz verlegt haben würde, wenn er zur Stillung unserer Wißbegierde auf die Erzählung näher eingegangen wäre. Der Herausgeber der Weihenstephaner Handschrift gab sich übrigens manche Mühe, um darzutun, daß deren Inhalt mit der beglaubigten Geschichte wenigstens in keinem Widerspruche stehe. Seit seinem Schriftchen ist indes auf bayrischem Boden nichts Erhebliches mehr in dieser Sache geschehen. Beachtenswert erscheint es immerhin, daß bei der Reismühle auch der Karlsberg liegt, auf dem in früheren Zeiten eine Burg stand und ein ritterlich Geschlecht, die Karlsberger, blühte. Ja, Aventin meint, der Kaiser sei oben in dieser Burg zur Welt gekommen. Herr Bibliothekar Föringer hat ferner gefunden, daß auch die Insel Wörth im Würmsee früher Karlsburg geheißen. Wenn nun auch das Tal der Würm nicht die Geburtsstätte des Kaisers gewesen, wie nur wenige mehr glauben, so scheint doch zwischen beiden irgend ein nahes oder inniges Verhältnis bestanden zu haben, dessen eigentliche Natur wir allerdings nicht erraten können. Sind ja auch die Pipine bei uns nicht spurlos verschwunden, da noch heutzutage die Dörfer Piping und Pipinsried an sie erinnern. Ein beachtenswertes Zweiglein derselben Sage ist es auch, wenn die Handschrift von Weihenstephan erzählt, der junge Karl habe auf dem Schloß zu Pähl, welches weiter oben nicht fern vom Ammersee liegt, seine Knabenjahre verlebt, dort bei einem guten Ritter das Waffenwerk erlernt und an demselben Orte sein Schwert vergraben, um es dereinsten wieder zu holen, wenn er aus dem Untersberg zur Herstellung des deutschen Reiches ausziehen werde.

Eine andere Sage, welche gleichwohl der bayerischen, sehr nahe steht, ist in einer alten Chronik der Stadt Bremen aufbewahrt. Nach dieser ist Berthas Vater der König Theodorich von Schwaben, Bayern und Österreich. Die Wildnis aber und die Mühle liegen nicht an der Würm, sondern dort, wo jetzt Karlstadt am Main sein stilles Leben führt. Die älteren Dichtungen und Romane der Franzosen, Italiener und Spanier wissen sämtlich auch davon, daß Bertha in einen Wald verstoßen worden, aber sie verlegen alles in romanische Lande, geben auch der Erzählung einen ganz anderen Gang.

Wer wenn der große Karl nicht auf der Reismühle geboren ist, wie der Müllersknecht behauptete, und nicht zu Karlstadt, und wenn den Sagen, welche sich alle widersprechen, überhaupt nicht zu trauen ist, wo hat er denn eigentlich das Licht der Welt erblickt? Wer so in dem stillen Tal der Würm zwischen Fluren, Wald und Rinderherden als Uneingeweihter dahinpilgert, der ahnt wohl kaum, wieviel über diese Frage schon geschrieben worden ist – nicht zwar im Landgericht Starnberg, nicht in Dachau oder Bruck, wo man die Sache abwarten zu wollen scheint, sondern draußen in der großen Welt, in Franken, Lothringen und Burgund, diesseits und jenseits des Rheins. Und doch ist die Frage noch immer nicht beantwortet, wird auch vielleicht nie eine ganz sichere Lösung erhalten.

Um aber nach diesem Ausflug in den Garten der Sage und der Dichtung wieder in die Reismühle zurückzukehren, so suchte ich zwar an jenem Abend von dem Müllersknecht noch mehreres zu erfahren. Allein er schien sich mit den deutschen Forschungen auch nicht inniger bekanntgemacht zu haben und in der Tat nur soviel zu wissen, als er schon gesagt hatte. Dagegen wies er mich freundlich an seinen Herrn, der vielleicht ein Mehreres mitteilen könne und den ich wahrscheinlich drüben im Wohnhause finden würde.

Ich ging also zur nächsten Türe und trat in die einfache, aber saubere Wohnstube, wo die Müllerin saß, die brave Mutter fünf frischer Kinder, die ihr jüngstes Büblein auf den Knieen fröhlich schaukelte. Nach einigem Hin- und Herreden über die alte Märe fragte ich, ob denn von dem Kaiser gar kein Andenken mehr übrig sei.

»Was soll denn übrig sein?« entgegnete die Müllerin neckend. »Ein paar Kinderschuhe, ein gestrickter Nachtjanker?« Nur ein alter Kalender sei im Hause, in welchem die ganze Geschichte gedruckt zu finden. Sie wollte ihn aus dem Schranke nehmen, besann sich aber eben, daß der Müller den Schlüssel zu sich gesteckt, und dieser sei jetzt mit den Knechten und Dirnen der Ernte halber auf dem Felde.

Den Müller und sein Gesinde bekam ich nicht zu sehen. Die Dirnen hätte ich freilich sehr gerne betrachtet, um zu prüfen, ob nicht vielleicht wieder eine versteckte Bertha darunter wäre, die etwa einem unserer jagenden Prinzen gefallen und dann später auf der Reismühle einen großen Kaiser gebären möchte. Aber wo jede Woche einen neuen Verfassungsentwurf für das deutsche Reich gebiert, ist es nicht ratlich, sich zuviel mit abgelegenen Almhütten, Bergseen und Wasserfällen, mit alten Liederbüchern und märchenhaften Mühlen zu beschäftigen. Es sollte dir, o Leser, aber auch nur zur Ruhe und Erholung dienen, auf daß du in den wilden Stürmen, welche, wie man meint, das teure Vaterland demnächst erschüttern werden, desto frischer und kräftiger dich bewähren mögest. Und sollte das deutsche Volk später wirklich wahrnehmen, daß gerade die Leser dieser Wanderungen sich vor anderen durch ausgeruhten Verstand (der leider täglich seltener wird) und verjüngte Tatkraft hervortun, so könnte der Verfasser immerhin mit einigem Fug behaupten, daß er sie nicht vergebens beschrieben habe.

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