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Sommer in Oberbayern

Ludwig Steub: Sommer in Oberbayern - Kapitel 17
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authorLudwig Steub
titleSommer in Oberbayern
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printrun1. Auflage 1.-5. Tausend
year1947
firstpub1947
correctorreuters@abc.de
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Politik

Dieses Buch fällt in eine böse Zeit – es ist nichts mehr mit der Weltgeschichte! Wilhelm Tell, Arnold von Winkelried, Seifried Schweppermann zergehen in poetisches Nichts; die schönsten Sprüche, wie » Finis Poloniae«, » La garde meurt, mais elle ne se rend pas« und dergleichen, gehören ins Fabelreich. Wer hält jetzt den König David noch für einen musterhaften Regenten? Seit Mommsen hat selbst die römische Geschichte aufgehört, eine Fundgrube erhabener Männer zu sein. Cato und Cicero sind auch keine größeren Charaktere gewesen als der Herr Bürgermeister Y und der Herr Volksredner Z, die noch unter uns leben. Wenn man vor hundert Jahren noch Hexen verbrannte und die armen Sünder mit glühenden Zangen zwickte, so wankt selbst der Glaube an die »christliche Zivilisation«, von der wir in vergangenen Zeiten so vieles hören und so wenig sehen! Von dem alten Einzug der Juden in Kanaan bis zu dem neuen der Preußen in Nürnberg ist eigentlich jedes große Ereignis ein Unrecht gewesen, aber die Nemesis macht sich meistens schamlos aus dem Staube. Und was das Mittelalter betrifft – was gelten sie jetzt noch, die uns in den Jugendschriften entzückt, die wehenden Banner nämlich, die Drommetenstöße im Wald, die ragenden Burgen, die fahrenden Ritter und Fräulein, die goldenen Rüstungen und die jungen Turnierhelden darin, die herrlichen Hochzeiten und die prächtigen Krönungsfeste? Sie verhüllen die breite Nachtseite jener Jahrhunderte voll Blutdurst, Habsucht und Treulosigkeit ebensowenig, als der frisierte Corydon und die parfümierte Phyllis den wüsten Gestank verdecken, den bei näherer Betastung »die gute alte Zeit« des Rokoko aufsteigen läßt.

Wahlgespräch. Holzschnitt von Carl Kronenberger, 1881

Die Historie des engeren Vaterlandes hat aber auch ihre Bedenken. Nach unseren jetzigen Begriffen von Vaterland ist es begreiflich, daß die Schulkinder diesseits des Inns jene Siegestage bejubeln müssen, welche die Schulkinder auf der anderen Seite als Niederlagen beweinen, während der abstrakte Bajuvare in allen solchen Heldentaten, ob man nun zu München, zu Wien oder zu Innsbruck das Tedeum dafür gesungen, eigentlich doch nichts anderes sehen kann, als Prügeleien im Vaterhaus. Die eigentliche Freiheit mußte und muß doch erst auf deutschem Boden durch Ausdauer, Mut und Geisteskraft errungen werden.

Daß man des Abends im Herrenstübchen, wo sich die Honoratioren des Landes und die Gäste aus der Stadt zusammenfinden, nicht wenig zu politisieren pflegt, versteht sich jetzt von selbst. Das »fluchwürdige« Jahr 1848 hat unter anderem auch die segenswürdige Folge gehabt, daß sich um die öffentlichen Dinge eine Unzahl von Untertanen bekümmert, die ihnen früher nicht das mindeste Augenmerk schenkte.

»Vor dem Jahr achtundvierzig«, sagte der Wirt zu H., »habe ich gar nicht gewußt, daß wir einen Staat haben. Hab' immer gemeint, was wir Bauern zahlen, schiebt der König in seine Truhe und zahlt wieder aus davon, was sein muß. Damals aber haben sie mich in den Prüfungsausschuß für die Steuern genommen, und da hab' ich öfter nachdenken müssen, und der Rentbeamte hat mir auch ein Licht aufgezündet, so daß ich jetzt allmählich durchfinde.«

Daß der italienische »Befreiungskrieg« von diesem Jahr die Gemüter mächtig aufregte, ist bekannt.

»Wenn diese zwei Kaiser«, sagte die Wirtin von S., »etwas miteinander haben, so sollen sie es selbst ausmachen, zu zweien mit dem Schlagring oder mit dem Messer, oder wie sie wollen –, aber daß wir unsere Kinder hergeben sollen und unser Geld, und zuletzt das Gewerb stillsteht und der Bettel zu allen Fenstern hereinschaut, das ist doch ein Unsinn! Haben immer gesagt, die Menschen sind schon gescheiter und schießen nicht mehr aufeinander – aber jetzt sieht ein Blinder, sie sind noch so dumm wie vor und eh'!«

So sprach die Wirtin zu S,, als gute Hausfrau und zärtliche Mutter, ohne zu ahnen, daß gerade der italienische Feldzug die Kriegswissenschaft mit einer Menge nützlicher Erfahrungen bereicherte, welche in sämtlichen deutschen Armeen die großartigsten Verbesserungen nach sich ziehen müssen, und daß wir uns nur freuen dürfen, wenn unseren Taktikern und Strategen, sei es auch mit etlichen Kosten, wieder einige neue Ideen zugeführt werden, die das nächstemal zur Zerstörung des Menschengeschlechts pflichtgemäß verwendet werden können.

Aber nun wieder zurück in das Herrenstübchen. Dort trauerte fast jedermann über den gegenwärtigen Zustand des deutschen Vaterlandes, und daß eigentlich gar niemand wisse, wie ihm ohne »Nationalunglück« zu helfen sei.

»Mit Deutschland«, sagte eine Stimme, »geht es gerade wie mit den Löschanstalten in den deutschen Hauptstädten. So lange es brennt und der Himmel feuerrot ist, lärmt das Publikum wie besessen und schreit: ›Das Ding muß morgen schon besser werden!‹. Sobald aber die Brandstätte zu rauchen aufhört, sprechen die Weisen: ›Seht ihr denn nicht, daß die Wasserkanten leck, daß die Schläuche zerrissen sind, daß die Gewinde nicht ineinander passen und den Spritzen die nötige Triebkraft fehlt? Wer wird jetzt die namenlosen Opfer bringen wollen, um dies alles zurecht zu machen? Warten wir lieber auf ein größeres Unglück – möglich, daß es dann etwas leichter geht. Ihr andern aber, ihr Volksredner, seid nicht so grausam und sprecht nicht öffentlich von Hoffnungen, welche kein vernünftiger Mensch erfüllen kann.‹«

Das ist alles sehr tief gedacht und nur zu befürchten, es könnten, wenn die Vernünftigen nichts vermögen, am Ende gar die Unvernünftigen die Sache in die Hand nehmen.

Ein Landkaplan sprach hier das auffallende Wort: »Wir müssen jetzt mit Preußen gehen!«

»Ja, aber«, versetzte der Wirt, »wenn einer stehen bleibt, kannst ja nicht mit ihm gehen!«

Mühltal. Holzschnitt von H. Wolf, 1876

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