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Sommer in Oberbayern

Ludwig Steub: Sommer in Oberbayern - Kapitel 12
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authorLudwig Steub
titleSommer in Oberbayern
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printrun1. Auflage 1.-5. Tausend
year1947
firstpub1947
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Unser Bier

Also schon wieder beim Nationalgetränk! Ja, aber fast nur, um seinen Verfall zu beweinen, welcher unaufhaltsam vorzuschreiten scheint. Wo sind sie hingegangen, die schönen Zeiten, da man, wie einst Wolfgang Menzel schrieb, in jedem bayrischen Wirtsstüblein zwei unvermeidliche Dinge fand, nämlich gutes Bier und schlechte Zeitungen? Unsere Tagesblätter, diese tiefsinnigen Ausleger der laufenden Weltgeschichte, haben seitdem zwar an Genießbarkeit gewonnen, jedoch nicht in dem Maße, daß der Geist, der in ihren Spalten weht, den mangelnden Gehalt auf der anderen Seite ganz ersetzen könnte.

In der Tat will das Naß, das zwischen Holzkirchen und Berchtesgaden aus adeligen und bürgerlichen Pfannen fleußt, selbst von patriotischen Kehlen nicht viel gelobt werden. Die Sachsen und die Preußen aber, die in unserm Gebirge wandern, sie lachen gerade über unsere Schöpfungen und laden uns nach dem Waldschlößchen und nach anderen norddeutschen Quellen ein, wenn wir gutes »bayrisches Bier« trinken wollen. (Welch schmerzlicher Hohn!) Unsere besten Braumeister, heißt es, sind in die Fremde gegangen, wohl über die Elbe und über den Rhein, und nicht bloß nach Stockholm und Christiania, sondern nach Cincinnati und nach St. Louis, wo sie die Schlünde der Republikaner mit derselben Flüssigkeit erquicken, die einst die Unterzeichner der Wasserburger Adresse gelabt. Vielleicht, daß diese Eingeweihten einmal wieder verschrieben und mit blauweißer Schuljugend unter Glockenklang und Vortritt des hochwürdigen Landklerus, der fast am meisten leidet, eingeholt werden. In unseren Gauen scheint sonst kein Heilmittel mehr zu verfangen, wenn auch diesen Sommer ausnahmsweise Berlochners Garten zu Rosenheim und Bücheles Keller zu Traunstein einen würdigen Abendtrunk gewährten. Die trefflichsten Verordnungen, in gediegenes Schweinsleder gebunden, drohen bändeweise von dem landgerichtlichen Bücherbrett herunter, aber die auserlesensten Assessoren und Polizeiverwalter, die bekanntlich in allem übrigen den reichen Brauer wie den armen Söldner zu behandeln wissen, sie zucken die Achseln und sprechen leise:

»Quid leges sinc moribus
Vanae proficiunt?«

Und was helfen Gesetze noch,
wenn die Sitte so krank?

(Horaz, Oden III, 24)

Die Getränke im Chiemgau, zu Reichenhall und am Königssee rühmen sich nämlich, wenn nicht ihrer harmlosen Leere, doch ihrer Taciteischen Bitterkeit. Mit diesem Safte, meinen viele, wäre die Geschichte der Ministerien Wallerstein und Abel, der politischen Untersuchungen, des bayrischen Ultramontanismus, der Zug nach Hessen und anderes Ähnliches zu beschreiben. Was bleibt uns aber, nachdem der edle Born versiegt, der einst unseren Ruhm in alle Welt getragen?

Da wir ohne Auszeichnung doch nicht leben können, so spricht die innere Wahrscheinlichkeit dafür, daß wir uns nunmehr, wenn nicht mit Melchior Meyr auf die »Poesie des Geistes«, doch auf das vaterländische Drama werfen und auf der Höhe des boischen Parnasses jene Bedeutung wieder erringen werden, die uns in der Tiefe der Märzenkeller verwirkt ist. So könnte sich's treffen, daß am Ende der Dramendichter in der allgemeinen Achtung noch über den Braumeister zu stehen käme, was kulturhistorisch sehr merkwürdig wäre und eine neue Ära bezeichnen dürfte. Dann würden wohl auch unsere Buchhändler, die regsamen Männer, bei hohem Adel und sonstigem Publikum nicht bloß mit Gebet- und Kochbüchern, sondern auch mit vaterländischen Artikeln ein bescheidenes Glück zu finden vermögen.

Die früheren bayrischen Kellnerinnen, die schlanken, leichten, neckischen Elfen, haben sich nahezu verloren. Wer denkt bei deren Erwähnung nicht an die Gedichte unseres heiteren, doch tiefsinnigen Melchior Meyr, der als Junggeselle unter anderem schalkhaft singt:

»Soll ein Trank uns wahrhaft letzen
Und erfreuen Herz und Sinn,
Muß ihn auf die Tafel setzen
Eine hübsche Kellnerin ...«

wobei wir jedoch zur Steuer der Wahrheit anmerken müssen, daß seine ernsten Lieder ebenso viel zu denken geben, als seine lustigen zu lachen.

Die schönen Kellnerinnen kann man, wie vielfache Erfahrungen gezeigt, länger als drei Vierteljahre nicht im Hause behalten, und der ewige Wechsel ist zu lästig. Man wählt jetzt lieber garstige, die über Hoffnung und Furcht hinaus sind und ihren Dienst oft sehr pflichtgetreu verrichten, nur daß die Grazie fehlt. Immerhin ist man noch stets viel wohliger daran, als mit dem vornehmen, windigen Kellnertroß in den großen deutschen Hotels.

Außer Himmel und Erde, Wald und See wird der Reisende aber kaum etwas anderes öfter sehen, als das Bierkrüglein – zumal wenn er im Wirtshaus lebt. Der fröhliche Klang der schnappenden Deckel begrüßt seinen Aufgang und ein milder Schlaftrunk labt ihn freundlich, ehe er sich zur Ruhe legt. Viel weniger ist auch auf dem Lande von der Münchner Kunst, von der neuen bayrischen Wissenschaft die Rede, als von dem biederen Nationalgetränk. Wie das Gerücht von der Witterung oft landsfremde Leute zusammenführt und der Anfang treuer Freundschaft wird, die mitunter für das ganze Leben dauert, so leitet oft die Frage: »Ist's frisch angestochen?« oder: »Lauft's schon lang?« die angenehmsten Verbindungen ein.

Eigentümlich aber, daß wir noch keine Geschichte des bayrischen Bieres besitzen, während wir doch einer Geschichte der bayrischen Patrimonialgerichte und anderer Institute, die sich viel vergänglicher gezeigt, rühmen können. Da Vater Aventin wohl des Weins, ja des istrischen und veltlinischen erwähnt, aber des Bieres kein Gedächtnis tut, so ist es fast, als hätten die Bayern zu seiner Zeit dies Getränke noch gar nicht gekannt; doch zerstreuen solchen Zweifel wieder mancherlei Urkunden, die, vom neunten Jahrhundert anfangend, des freundlichen Saftes erwähnen, wie denn zum Beispiel im Jahre 816 eine carrada de cerevisia vorkömmt, als Abgabe von der Kirche zu Böring. Im Jahre 1293 geschah es ferner, daß die Herzoge Ludwig und Otto geboten, es solle ein ganzes Jahr hindurch in ihrem Lande zu Bayern kein Bier mehr gebraut werden – eine höchst auffallende, noch lange nicht genügend erklärte Verordnung, die jetzt, wenn sie je erneuert weiden sollte, die bösartigsten Erschütterungen, wenn nicht den völligen Untergang des Staates herbeiführen könnte. Eine schöne Zeit für Biertrinker war dagegen das Jahr 1542, wo der Landtag das Sommerbier auf zwei Pfennige und das Winterbier auf drei Heller die Maß festsetzte! Welche tiefsinnige Volkstümlichkeit, welch' unwiderstehliche Gewalt würde unser jetziger Landtag gewinnen, wenn er ein solches Ziel ebenfalls erreichen könnte!

Ein sprechendes Zeichen unserer edlen Einfalt war und ist es, daß wir zu allen Zeiten nur ein Bier brauten – eines, aber einen Löwen. Nicht ohne großes Selbstbewußtsein blickt der Bayer auf die bunte Musterkarte norddeutscher Gebräue mit ihren lächerlichen Titeln, auf den Brausegut am Harz, den Beißdenkerl zu Boitzenburg, den Hund zu Bremen, den Stürzdenkerl zu Dornburg, die Caccabulla zu Duisburg, den Krabbelanderwand zu Eisleben, den Maulesel zu Jena, den Mordundtod zu Köpenick, das Lumpenbier zu Wernigerode, und so viele andere, die sich alle nach seiner Meinung nur insoferne unterscheiden, als sie sämtlich mehr oder weniger ungenießbar sind.

Nur einen Gesellen und siegreichen Wettkämpfer brachten die rollenden Jahrhunderte, nämlich den Bock – doch ist es dasselbe Getränk, nur feiner und edler –, das Bier in seiner Verklärung. Ihn zu keltern war früher ein eifersüchtig gehütetes Vorrecht der kurfürstlichen, dann königlichen Hofbrauerei, aber seit mehreren Jahren ist die Befugnis allen Sudherren freigegeben. Diese Freiheit veranlaßte bereits eine anmutige Erscheinung, welche den alten Ruhm unserer Brauerei bis in die weitesten Fernen zu tragen wohl geeignet ist. Herr Georg Pschorr, der jüngere, erfand nämlich im vorletzten Winter eine neue Spielart des beliebten Edelbieres, einen Bock für beide Hemisphären. Er wird zwar auf unserer rauhen Hochebene, jedoch mit steter Rücksicht auf die Anforderungen der tropischen Zonen, eingesotten. Diese Flüssigkeit schmeckt ernst, mild und geistreich, nicht ohne einen leisen Zug von Bitterkeit, wie es eben auch unsere Art ist. Um vor Verfälschung sicher zu sein, wird sie, wie deutscher Volksgeist, in Flaschen gefaßt, die, mit dem Silberhelm des Champagners bewehrt, mit schmucker dreisprachiger Etikette geziert und allerwege weitläufig hergerichtet sind. Bereits ist sie mit Ehren auf hohen Tafeln kredenzt worden. Viele tausend Flaschen gingen schon über das Weltmeer nach Rio de Janeiro. Andere Straßen werden sich wohl auch noch finden. Und sollte dem Kulturhistoriker nicht ein erfreuliches Bild entstehen, wenn er sich ausmalt, wie unter anderen Steinen, im äußersten Thule, an der Grenze der Kaffern und zu Adelaide, am Mississippi und zu San Franzisko beim Genuß dieses geistigen Erzeugnisses der Deutsche unter exotischem Laubdach der süßen Heimat, der kühlen Felsenkeller und der warmen Herzen, der deutschen Lieder und vor allem der deutschen Freiheit gedenkt!

Vieles, ja viel Ungerechtes und Verletzendes ist den Altbayern nachgerufen und nachgeschrieben worden wegen dieses ihres Lieblingsgetränks. Besonders die Schnapsländer haben sich stets am meisten mokiert über diese Stammeseigentümlichkeit, obgleich sie selber, wenn sie einmal über Donau und Lech hereingebrochen, an diesem flüssigen Lotos ein tiefes Gefallen zu finden beginnen und selbst zur Polizeistunde oft nur mit sanfter Gewalt aus den Wirtshäusern hinauszuschaffen sind. In der Tat ist es auch, mäßig genossen, ein lieblicher Trank, gesellig und friedlich, weil es viel langsamer als der Wein zur Berauschung, zu Lärm und Streit verführt, billig und vor allem republikanisch, da es der Fürst, der König nicht anders hält als der Bettler. Wenn die Altbayern auf der Leipziger Messe weniger literarische Kleinodien auslegen als die meisten anderen Deutschen, so ist dies, wenn nicht ihrer Bescheidenheit, so sicher auch nicht ihrem Nationaltrank zuzuschreiben, sondern eher ihrer Vorliebe für Ackerbau und Viehzucht, wie ja auch die Arkadier im alten Griechenland keinen Homer und keine Tragiker erzeugten, und auch heute noch die Pommern, die Märker, die Mecklenburger dasselbe tun oder vielmehr unterlassen. Daß man manchen Schoppen Bier zu trinken und dabei doch geistreich zu sein vermag, hat unter anderem Jean Paul nachahmungswürdig dargelegt.

Mit besonderer Freude begrüßte ich aber bei Gelegenheit der vorjährigen Schillerfeier eine anziehende Notiz in Gustav Schwabs beredtem Leben des Dichters, daß nämlich derselbe wenigstens in jenen Tagen, als er mit Don Carlos umging, und schon vorher viel lieber Bier als Wein getrunken habe. Wenn nun schon das Mannheimer Bier der ihm einwohnenden Muse so gedeihlich war, was würde er erst gedichtet haben, wenn er mit unserem Münchner Nektar vertraut geworden wäre? Er selbst schreibt doch nicht ohne Stolz im Hornung 1783 von Mannheim nach Bauerbach: »Jetzt bleib' ich – durch meine Aufnahme in die gelehrte Gesellschaft, deren Protector der Kurfürst ist, bin ich nationalisirt und pfalz-bayerischer Unterthan!« Das Hochgefühl, das aus diesen Worten spricht, hat den Edlen gewiß auch getröstet über den Ehrensold von fünfhundert Gulden, den ihm der kunstliebende Kurfürst, der gegen seine Schätzchen so freigebig war, gewährte. Überdies hatte er noch den anderen Trost, ein Berufener zu sein, was in Bayern immer zu den ersten Lebensgenüssen gehört. Und vielleicht fand er eine weitere Beruhigung gerade wieder in jener braunen Aganippe, wo sie ja auch schon Samuel Johnson in ähnlicher Lage gefunden haben dürfte, wenn er anders den Rat befolgte, den sein alter Einsiedler in folgender Ballade zu geben wußte:

»Hermit old, in mossey cell
Wearing out life's evening gray,
Strike thy pensive breast, and tell:
Where is bliss, and which the way?

Thus I spake, and frequent sigh'd,
Scarce repress'd the falling tear,
When the hoary sage replied:
›Come, my lad, and take some beer.‹«

»Einsiedel alt, in moos'ger Zell,
Lebst du den ganzen Lebensabend hin,
Schlag an die Denkerbrust und sag:
Wo ist das Glück, wie führt der Weg zu ihm?

Ich sprach's und seufzt' und seufzt',
Und wußte kaum der fall'nden Trän' zu wehren.
Doch der ergraute Weise kurz erwidert:
Geh zua, mei lieber Bua, kaaf Dir a Maß!«

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