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Sommer in Oberbayern

Ludwig Steub: Sommer in Oberbayern - Kapitel 10
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typenarrative
authorLudwig Steub
titleSommer in Oberbayern
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printrun1. Auflage 1.-5. Tausend
year1947
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Bauerntheater

Im Wirtshaus war es nicht ganz geheuer. Öfter vernahm man unerklärliche Hammerschläge, zuweilen sah man eine seidene Schärpe, einen goldpapierenen Helm, einmal sogar eine hölzerne Hirschkuh vorübertragen. Als man nach dem Grunde dieser seltsamen Erscheinungen fragte, erhielt man die Erläuterung: die Bauern von Seebruck würden am nächsten Abend Theater spielen. Welche Überraschung!

Der erste Anstoß zu diesem Unternehmen scheint von der königlichen Gendarmerie ausgegangen zu sein. Im Nebenhause des Gasthofes ist nämlich ein kleines Lager aufgeschlagen, in welchem drei Gendarmen friedlich beisammen leben. Sie erscheinen in ihren Freistunden auch im Hauptgebäude und wissen sich durch Dienstwilligkeit und kleine Aushilfen in Haus und Hof und Stall sehr beliebt zu machen. Einer davon ist der »Kommandant«, ein gebildeter Krieger, welcher im Königreich schon viel herumgefahren und den Landleuten an Weltkenntnis weit überlegen ist. Dieser zuerst erfaßte, so scheint es, nach unseres Schillers Vorgang den Gedanken, die Bühne als Bildungsanstalt zu benützen und so auf die ästhetische Erziehung der Seebrucker zu wirken. In kurzer Zeit waren auch die nötigen Talente gewonnen und es fehlte bald nichts mehr, als das Stück.

Nun ging aber in der Gegend schon lange ein Gerücht, daß ein solches in dem benachbarten Höselwang zu finden sei, und so machten sich denn etliche von den Seebruckern auf und holten es im Triumph herüber. Aber auch die hohe Obrigkeit mußte dem Vorhaben ihre Weihe geben, und da man den Herrn Landrichter von Trostberg zu Seeon im Bade wußte, so zog eine »Deputation« an diesen Ort und brachte mündlich ihre Bitte vor. Der gemütliche Landrichter hörte sie lächelnd an, fragte nur, was etwa der geistliche Herr, des Dorfes Seelenhirte, dazu sage, und als die angehenden Mimen berichteten, dieser habe das Stück schon durchgelesen und nichts Anstößiges darin gefunden, so sprach der kunstliebende Badegast: »Geht nur hin und spielt; wir werden eurer Vorstellung selbst beiwohnen!«

»Wie?« ruft hier vielleicht ein ergrauter Registrator oder Kanzleidirigent, der an die siebenunddreißig Bände der Döllingerschen Verordnungssammlung denkt, »welches Benehmen in der Stellung eines königlich bayrischen Landrichters! Und alles so mündlich wie in der grauen Urzeit, in den Tagen der Schachtelhalme und der Ichthyosaurier! Wo bleibt da schriftliche Instruktion, Protokoll, abweisender Beschluß und Publikation desselben, Rekurs, Aktenvorlage, Regierungsentschließung, die durch ihre Weisheit imponiert, Eröffnung derselben, Nullitätsbeschwerde und Deservitenabstrich? Wo bleibt die Strafe wegen ungebührlicher Schreibart? Welcher Schlendrian! Ach, wie kahl wird nun die Welt, wie unerquicklich diese Übergangsperiode, bis einmal die Buchstabenschrift wieder in ihre geheiligten Rechte eingesetzt ist! Und wie leiden einstweilen der Dienst und das Amt und die Regierung und der Staat und das ganze königliche Haus!«

In der Tat wurden diese Dinge in anderen Landgerichten auch viel gründlicher behandelt. Die Audorfer, früher für weltliche Stücke die ersten Histrionen des Hochlandes, sie wissen wohl zu erzählen, wie oft ihnen in den letzten dreißig Jahren ihr »Gspiel« erlaubt und verboten worden, und wieviel Schreiberei darüber ergangen ist, bis endlich der große Brand von 1857 die Bühne mit der kostbaren Garderobe und den Dekorationen und den Spielbüchern in Asche legte. Damals verbrannten nicht allein die Stücke, die sie selbst geschrieben, sondern auch »Johanna von Montfaucon« und »Otto von Wittelsbach«, ja sogar »Hamlet, Prinz von Denemarkt«, und damit die lehrreiche Gelegenheit, zu untersuchen, wie sich der große Brite und sein Meisterwerk in den Köpfen der Inntaler Bauern malte. Die Bewohner von Kiefersfelden, in derselben Nachbarschaft, welche, wie ihr ältliches Schauspielhaus bezeugt, schon vor Jahren die dramatische Muse mit Eifer pflegten, sie kämpfen auch jetzt wieder um die langentzogene Erlaubnis, obschon sie aus ihren Leistungen gar keinen Vorteil ziehen, sondern die Überschüsse aus den Eintrittsgeldern zu einer Stiftung verwenden wollen, auf daß in der nahe gelegenen Ottokapelle alle Jahre für das Seelenheil des ganzen Landgerichts eine heilige Messe gelesen werde! Die dortigen Liebhaber sind meistens Arbeiter im Eisenhammer, und es ist wirklich sehenswert, wie ihre, obwohl rußigen Gesichter zu leuchten beginnen, wenn man mit ihnen vom Theater zu sprechen anfängt und die Hoffnung äußert, es könnte vielleicht doch noch einmal die Zeit kommen, wo es wieder erlaubt würde.

Eine gewisse Bitterkeit erregt es in den Herzen des bayrischen Inntals immerhin, daß im Tirolischen, bei Kufstein, in der Thiersee, in Erl, in Sewi und allenthalben gespielt weiden darf. Die bayrische Obrigkeit, indem sie den Hirten des Hochlands mit ihrem Rosenfinger den theatralischen Mund verschließt, beteuert zwar, es geschehe nur, um sie vor unnützen Ausgaben und den Verführungen der Leichtfertigkeit zu bewahren, allein ihre Maßregeln haben, wie dies mitunter bei jeder guten Regierung vorkommt, gerade die entgegengesetzte Wirkung.

»Daß jetzt wir nicht spielen dürfen«, sagte jüngst ganz grämlich der würdige Vorsteher eines bayrischen Grenzdorfes, »und in Tirol, da schlagen sie überall ihre Theater auf! Da hat man schon die Zeit nicht, solche Sachen zu verbieten. Wenn die Herren in der Stadt etwa hoffen, daß sich ihnen zulieb etwa der Bauer sein schönstes Sonntagspläsier abgewöhnt, da dürfen sie noch lange warten. Jetzt lauft und fahrt an Sonn- und Feiertagen alles ins Tirol hinein, zecht in dem teuren Tirolerwein, lebt in der größten Lustbarkeit und kommt in der finstern Nacht mit leerem Beutel und paarweis wieder heim – alles von derowegen, weil unser Gspiel dahier der Sparsamkeit und den guten Sitten schaden könnte! Hätten wir unser Theater im Dorf, dann blieben die ledigen Leute daheim und wir könnten selber auf sie Obacht geben!«

Der Vorsteher meinte dabei, es sei ohnedem längst ausgemacht, daß die bayrischen Bühnen die bessern Stücke hätten, und erzählte nebenher zum Beispiel, auf einem tirolischen Theater hätten sie eine Art Passionsspiel aufgeführt, und da habe der kohlschwarze Teufel mit dem Judas ein Protokoll auf Stempelbogen aufgenommen, daß er ihm seine Seele verschreibe (scheint eine feine Ironie auf unsere Vielschreiberei), und dann, als der Verräter vom Baum gefallen und ihm der Wanst geborsten, sei ein ganzes Gequirl von schmackhaften Würstchen – sein Eingeweide vorstellend – herausgequollen, welche dann die jungen Teufelchen sofort unter furchtbarem Hallo des hingerissenen Publikums verzehrt.

»Das wäre bei uns doch nicht mehr möglich!« sagte der Vorsteher mit einem gewissen bayrischen Geisteshochmut, während wieder andere in jenen Zügen gerade die liebenswürdigen Reste Mittelalterlichen Volkshumors erblickt haben sollen. Woher dieser unüberwindliche Hang zum Schauspiel stamme, wollen wir hier nicht untersuchen, aber uns gleichwohl die Meinung erlauben, daß er, abgesehen von der persönlichen Freiheit, die in konstitutionellen Staaten doch auch ein bißchen Achtung verdient, viel mehr Nutzen als Schaden bringt. Es ist ein Trieb zur Bildung, der gewiß begünstigt werden darf. Für die Welt lernen die Leutchen wenig, für ihr Dörflein, wenn nicht zuviel, doch mehr als sie verwenden und erhalten können. Da tritt nun das Theater helfend ein als lebenslängliche Feiertagsschule; sie üben sich wieder im Lesen und Schreiben, Singen und Dichten, und ihr Geist, der sich doch zur Indolenz hinneigt, bleibt in erfrischender Bewegung.

Nachdem also den Seebruckern ihr Gspiel erlaubt war, so ging die »Heilige Genofeva« am Sonnabend, dem dritten August, auch wirklich über die Bretter. Es sollte zunächst eine Vorstellung für das Dorf und die Badegäste von Seeon sein, denn der Zufluß der weiteren Nachbarschaft wurde erst für den darauffolgenden Sonntag erwartet. Da jedoch ein starkes Gewitter eingefallen war, so blieben die Seeoner aus; der Saal hatte außer den Gästen des Wirtes nur die Dorfleute aufzunehmen und war wenigstens nicht überfüllt.

Der Text der heiligen Genofeva war also in dem nahen Höselwang geholt worden, aber nach dem Verfasser hat man nicht gefragt, und es wußte ihn niemand zu nennen. Wahrscheinlich ist's ein junger Ackersmann, der morgens mit dem Pflug zu Felde geht und nur »des Abends auf den Helikon«; denn die Bacherl kommen bei uns nicht bloß unter den Dorfschullehrern vor, sondern reichen bis unter die Bauernknechte herab. Es ist eine Frage, ob der Dichter auch nur eine wandernde Truppe je spielen gesehen, wie denn selbst von dem Seebrucker Personal nur ein einziger einmal zu Traunstein dieses Glück genossen. Auf jene Frage führt übrigens die sozusagen zyklopische Haltung seines Werkes, welches so viele Unbeholfenheiten und Naivitäten enthält, daß es schon deswegen interessant ist. Im ganzen liegt das Genofevabüchlein des Verfassers der »Ostereier« zugrunde, und wo dasselbe Zwiegespräche oder Monologe enthält, fährt unser Dichter auch ganz sicher und behaglich dahin, obwohl er notwendigerweise vielfache Abkürzungen eintreten ließ. Wenn aber das Büchlein die dramatische Form verläßt, so ist unser Landmann in sichtlicher Verlegenheit und hilft sich bestmöglich ohne Worte durch. So gleich am Anfang. »Siegfried und Genofeva«, heißt es in der Erzählung, »lebten in der seligsten Eintracht. Eines Abends spät nach Tische, da man schon das Licht angezündet hatte, saßen beide vergnügt in dem gewöhnlichen Wohnzimmer. Genofeva sang und spann, und Siegfried begleitete ihren Gesang mit der Laute.« Als Schilderung dieser glücklichen Häuslichkeit sehen wir nun, nachdem der Vorhang aufgerollt, die beiden Gatten im »gewöhnlichen Wohnzimmer« an einem Tischlein sitzen, sie mit dem Spinnrade, ihn mit unterschlagenen Beinen, doch ohne Laute. Es steht eine Flasche Wein zwischen ihnen, nach der Etikette zu schließen: Forster Riesling von Weinwirth J. B. Michel in München. Der Graf füllt die Gläser und sie stoßen, ohne ein Wörtchen zu sagen, an, messen sich aber allerdings mit bedeutsamen Blicken. Nach diesem beginnen sie ein häusliches Duett zu singen, bei dessen Ende schon der Bote hereintritt, der den Grafen zum Kriegszug gegen die Mohren ladet. Dieser hat kaum Abschied genommen und die Wohnstube verlassen, als Golo mit seinen »schändlichen Anträgen« hervorkommt. Das Büchlein gibt weiter keine Worte an die Hand und der Dichter muß daher selber sprechen. Für Golos sündhafte Begierden bringt er auch noch einen ganz anständigen Satz auf, aber Genofeva findet keinen Ausdruck mehr für ihre Tugend. Um nicht reden zu müssen, gibt sie ihm einen stummen Schlag ins Gesicht, er geht mit einer kurzen Drohung ab, und damit ist der Knoten geschürzt. Die Pfalzgräfin entschließt sich nun unverweilt, an ihren Gatten zu schreiben und beginnt: »Lieber Siegfried! Obgleich du mir auf verschiedene Briefe, die ich an dich gerichtet, bisher noch keine Antwort gegeben hast ...« usw. Der Dichter hat nämlich die spätere Bemerkung des Büchleins, daß Golo alle Briefe der Gräfin an den Grafen, und umgekehrt, unterschlagen habe, schon hier verwendet, obschon Siegfried, wenn Genofeva zum Fenster hinaussehen wollte, sich gewiß noch im Burghof befinden müßte. Jene Zeilen soll nun der getreue Drako besorgen, der aber vom hereinstürzenden Golo durchbohrt wird und sie sterbend auf den Boden fallen läßt. Das Schreiben bleibt nun noch sieben Jahre lang auf dem Boden liegen, bis es Siegfried bei seiner Rückkehr gewahrt, aufhebt, und darin einen neuen Beweis der Unschuld seiner Gattin findet.

Der nächste Akt führt diese im Kerker vor. Sie deutet da auch beiläufig an, daß sie »in anderen Umständen« sei. Ein städtischer Dramatiker würde nun wohl die Verwirklichung dieses Winks in den Zwischenakt verlegen, aber der Dichter von Höselwang läßt seine Heldin einfach hinter die Kulisse treten und nach ein paar Sekunden mit einer Windelpuppe, die sie eben geboren, wieder hervorkommen. In unserer Metropole hätte diese Erscheinung wohl ein schallendes Gelächter hervorgerufen, aber die Landleute von Seebruck waren in so getragener Stimmung, daß sie niemandem auffiel. Derlei wunderliche Vorkommnisse wären aber noch mehrere hervorzuheben, doch übergehe ich sie lieber, um nicht zu lange zu werden.

Stehen nun diese Bauernspieler auch in den meisten Dingen hinter den dramatischen Künstlern der Stadt zurück, so sind sie ihnen doch darin voraus, daß sie keines Souffleurs bedürfen, denn ihr Gedächtnis scheint vortrefflich. Sonst werden ihre Leistungen allerdings nur im Licht eines ersten Versuchs zu betrachten sein. Die meisten spielten mit ägyptischer Steifheit; Berta und Schmerzenreich, der ein Lammfell und eine langhaarige, schwarze Perücke trug, sprachen jenen monotonen Diskant, welcher in den Landschulen für das Hersagen der bayrischen Geschichte eingeführt ist; mit Ausdruck und einigem Selbstvertrauen traten eigentlich nur Golo und der eine der Knechte auf, welche Genofeva morden sollen. Diese selbst genügte in den Elendsszenen des Kerkers und der Wildnis, war aber schwach und fast gefühllos gegen das Ende, wo sich die Freude über die Rettung und die Leidenschaft ihrer Liebe zeigen sollte.

Nach der alten Tradition der geistlichen und der weltlichen Volksbühne ließ sich übrigens vor jedem Akt ein Chor vernehmen, der mit spröder Stimme eine Strophe absang, welche den Inhalt des kommenden Aufzugs ankündigte und besprach. Wer diese Vorworte gedichtet, vergaß ich leider zu fragen. Während des Gesangs war aber der Vorhang herabgelassen, so daß sein Schall nur aus dem Verborgenen kam. Die Sänger und Sängerinnen hielten es nämlich, wie sie später erläuterten, für unschicklich, sich mit aufgesperrtem Mund vor's Publikum zu stellen, und dieses in ihren dunkeln Rachen und geheimnisvollen Schlund hinunterschauen zu lassen, eine unerklärliche Diskretion, welche, übel angewendet, fast unsere ganze Oper unmöglich machen würde. Dagegen fehlte die lustige Person, Hanswurst oder Kasperl, welche im Bauernspiel der Tiroler nie vermißt wird, an die aber unser Dichter bei seiner Abneigung, sich selbst vernehmen zu lassen, wohl kaum denken konnte.

Die Einrichtung der Bühne bot nichts Auffallendes. Das »gewöhnliche Wohnzimmer« war einfach gelb getüncht und durch einen gestreiften Vorhang rückwärts abgeschlossen. Wenn dieser aufgezogen, sah man in den Wald, der durch frische Tannenbusche bezeichnet war. Einmal ging oben auch der Mond über die Bühne, ein ernsthaftes Antlitz aus Ölpapier, durch eine dahinter verborgene Lampe beleuchtet, welches an einem Bindfaden langsam vorübergezogen wurde.

Als das Stück zu Ende war, entfernte sich das ländliche Publikum, ohne zu klatschen und zu jubeln, welches durchaus gegen den Charakter des Volkes wäre, aber doch mit vollkommener Befriedigung. Wenn man die Einzelnen fragte, wie es ihnen gefallen, gaben sie wie mit einer Stimme zur Antwort: »Warum soll es uns nicht gefallen haben? Wir haben nie was solches, nie was Schöneres gesehen!« Ihre innige Anteilnahme hatte auch schon das Schluchzen bezeugt, welches sich bei den rührenden Stellen sehr vernehmlich erhob.

Der darauf folgende Sonntag war also der eigentliche Spieltag, der auch mit unermüdlichem Eifer ausgenutzt wurde. Genofeva hatte des Morgens kaum ihren frommen Gesang auf dem Kirchenchore beendet, als sie auch schon das weiße Gewand der Pfalzgräfin um sich schlug und die anderen zur Eile drängte. Nach flüchtigem Mittagessen begann bereits um elf Uhr die erste Aufführung, die zunächst für die Kinder des Dorfes und der Umgebung bestimmt war. Hierauf folgte des Nachmittags die zweite, welche die Herren und Damen von Seeon mit ihrem Besuch auszeichneten, und abends endlich die dritte, bei welcher hauptsächlich die Landleute der Nachbarschaft vertreten waren. Wir hatten diesen Tag auf einem Ausflug nach Stein verbracht, erfuhren aber, als wir des Abends zurückgekehrt, daß alles wieder ganz gut abgelaufen, und daß die Zuschauer trotz der großen Hitze, die oben im Spielsaal geherrscht, sich doch sehr zufrieden und vergnügt gezeigt. Der ländliche Teil derselben blieb auch noch später beisammen und suchte seine Erquickung in Herrn Isaak Wellkammers großen Gastzimmern, die solchen Andrang kaum fassen konnten. Die Helden und Heldinnen des Spiels hatten sich an einem langen Tisch zusammengesetzt und wurden von den anderen nicht ohne gewisse Aufmerksamkeit betrachtet und behandelt. Sie selbst gaben sich sehr bescheiden, waren zum Teil noch ganz in sich versunken und erwachten erst allmählich für Gespräch und Unterhaltung. Als die Mitteilung lebendiger geworden, fing Golo, der Gemeindevorsteher, mit großem Lobe von den Verdiensten des Kommandanten zu reden an, von seinen Bemühungen, das Theater in Seebruck aufzubringen, und von seinen trefflichen Ratschlägen, welche über manche Verlegenheiten bei der Inszenierung hinweggeholfen hatten. Auch sonst, sprach Golo, indem er aufstand und die Stimme erhob, auch sonst sei er ein wahrer und herzlicher Freund der Gemeinde, der, ohne seiner Pflicht zu fehlen, alle Unannehmlichkeiten und Stänkereien zu vermelden wisse, daher auch die allgemeine Achtung genieße und verdiene. Er schloß mit einem Hoch auf den Gefeierten, welches den lautesten Anklang fand.

Hierauf der Kommandant: Von seinen Bemühungen um das Theater wolle er nicht sprechen, denn sie seien kaum der Rede wert; aber es scheine ihm eine gute Stunde gewesen zu sein, als er nach mancherlei Umzügen in Bayern endlich zu Seebruck einen entsprechenden Wirkungskreis gefunden. Der Beruf des Instituts, dem er anzugehören die Ehre habe, sei zwar ein schwieriger, aber unter so braven und redlichen Leuten, wie seine Seebrucker seien, könne er ein sehr leichter werden und sich sogar, wie der eben vernommene Trinkspruch beweise, Anerkennung und Zuneigung erwerben. Je weniger Aufgaben die Gendarmerie zu lösen habe, desto glücklicher müsse er sich fühlen. Dieses Glück sei aber nach seinen Erlebnissen ihm nirgends so sehr zur Seite gestanden wie in Seebruck, und deswegen erlaube er sich ein dreifaches Hoch auszubringen auf diese biedere und ehrenwerte Gemeinde!

Ich gestehe, daß mir das Verhältnis zwischen Gendarmerie und Volk nie in schönerer Wirklichkeit vor Augen getreten ist als hier. Übrigens, sagte ich mir selbst, kann man sich in der Tat nicht mehr über mangelnden Fortschritt im Bauernstand beklagen, wenn jetzt die Gemeindevorsteher schon frisch und keck Toaste auf die Gendarmeriekommandanten ausbringen, während doch selbst höhere Staatsbeamte ihre Festreden noch abzulesen pflegen. Goethe gibt im Wilhelm Meister bekanntlich den Rat, daß jeder Mensch, um sich über dem Gemeinen zu erhalten, wenn es möglich zu machen, alle Tage wenigstens einige vernünftige Worte sprechen soll, und dieses Hausmittelchen schienen mir jedenfalls die beiden Redner im Dorfe Seebruck besser angewendet zu haben, als es vielleicht an manchem größeren Art und Landgerichtssitz zu geschehen pflegt.

Nachdem ich nun aber bemerkt, daß da jedermann spreche, ergriff ich auch das Wort und hob hervor, wie sehr wir landliebenden Stadtleute überrascht gewesen, hier ein so ernstes Streben zu finden, einen so festen Vorsatz, dem deutschen Drama eine Stätte am schönen Chiemsee zu gründen. Ihr harmonisches Zusammenspiel habe uns überzeugt, daß ihnen die Worte des Dichters der Genofeva keine unverständlichen Laute geblieben. Das Theater sei übrigens, wie schon unser Lieblingsdichter dargetan, nicht ein leerer Zeitvertreib, sondern eine Stiftung, das Herz des Menschen zu bilden und daher wohl berufen, Hand in Hand mit der Kirche zu gehen. Andererseits sei es auch eine Fortsetzung der Schule, indem es die Kenntnisse, die sie dort errungen, zu erhalten und auszubilden allen Anlaß gebe, so daß sie fortschreitend allmählich mit dem besten und schönsten, was unsere Literatur erzeugt, sich bekannt machen würden. Einem solchen Beginnen müsse jeder Freund des Vaterlandes zustimmen, und zum Wahrzeichen unserer Zustimmung sei hiemit ein Hoch gebracht auf die Schaubühne von Seebruck!

Nicht ohne gehörigen Beifall ließ ich mich wieder nieder, jedoch fast verzweifelnd, ob ich der Goetheschen Anforderung wohl eben so gut wie meine Vorredner entsprochen haben möchte. Nur dessen war ich sicher, daß ich meinen Spruch in einem ganz angenehmen, nach den besten Elementarbüchern orthoepisch gebauten Hochdeutsch abgehalten, und nicht etwa, wie der sonst für die bayrische Muse sehr eingenommene Unbekannte neulich in einem Wiener Blatt andeuten wollte, in den ungezähmten Lauten des Isarwinkels oder der Holledau. Hat uns – nämlich einen gelehrten Allgäuer, der sich selbst verteidigen mag, und mich –, hat uns der sonderbare Verehrer weiter nicht erschreckt, indem er jenem eine »rauhe oberschwäbische Mundart« und mir gar ein »mastiges bojoarisches Idiom« beilegte, während ich doch wegen meiner feinen Sprechweise im Zillertal schon vor achtzehn Jahren für einen Mecklenburger gehalten worden bin! Abgesehen davon, hat man sich seit Einführung der Trinkberedsamkeit durch die beständig wiederholten Toaste bald auf »das einige Deutschland«, bald »auf Deutschlands Zukunft« gerade in den schmelzenden Tonarten der Muttersprache dermaßen eingeübt, daß man von Buxtehude bis an den Meraner Küechelberg bei volkstümlichen Zweckessen und anderen günstigen Gelegenheiten, wenn keine besseren Sprecher vorhanden sind, allenthalben als Not- und Hilfsredner auftreten könnte, ohne durch jenen bedauerlichen Makel sich und dem engeren Vaterland einen Schimpf zuzuziehen.

Nachgerade fingen die Landleute auch zu singen an. Was singt der Bauer heutzutag am Chiemsee oder überhaupt in Oberbayern? Auf diese Frage werden die Kulturhistoriker viel weniger Antwort geben können, als man meint. Die Schnaderhüpfl gelten uns allen so sehr als alleiniger Ausdruck der Volkspoesie, daß sich eigentlich niemand um ihre anderweitigen Lieder und Gesänge viel gekümmert hat. Auch Lipowsky, in seinem gekrönten Schriftchen über das Landgericht Moosburg, erwähnt nur die erste Gattung. Es ist aber auch nicht so leicht, diesen Dichtungen beizukommen, denn wenn des Sonntags die wilden Bauernweisen durch die Wirtshausfenster schallen, wagen es zartere Gemüter selten, die rauhen Sänger zu stören, des Werktags aber sind die Nachtigallen in Feld und Wiese beschäftigt, deswegen schwer aufzufinden und nicht immer geneigt, ihre Gesänge anzugeben. Daher ist es höheren Orts nicht einmal bekannt, daß sich ein kleines Lied vorfindet, zwar nicht hochpoetisch, aber doch beliebt, welches die Auswanderung nach Amerika besingt. Es lautet:

Jetzt ist die harte Stunde da.
Jetzt reisen wir ins Nordamerika.
Unsre Wagen stehen vor der Tür;
Mit Weib und Kindern ziehen wir.
All' unsre Freunde weinen sehr;
Sie sehen uns ewig nimmermehr.
Jetzt steigen wir in das Schiff hinab;
Vielleicht ist das schon unser Grab.

Soll unser Tod im Meere sein,
So geben wir uns willig drein.
Wir scheuen keinen Wasserschwall
Und glauben, Gott ist überall.
Jetzt sind wir dort an jenem Ort;
Jetzt heben wir die Händ' empor
Und rufen aus: Vivat, vivat!
Jetzt sind wir in Amerika!

Die Seebrucker sangen es noch um Anfang des Augusts, obwohl schon damals die Ereignisse herankamen, welche unseren Ideologen die oft empfohlene Lehre: Nil admirari! wiederholt einprägen konnten. Ferner sangen sie ein Eisenbahnlied und ein Telegraphenlied, die beide sicherlich in der Gegend, und zwar zur Zeit, als Eisenbahn und Telegraph im Bau waren, entstanden sind. Es geht ein satyrischer Zug durch beide, doch sind sie in Sinn und Reim so vernachlässigt, daß wir sie als Bereicherung unseres Liederschatzes nicht ansehen können. Später griffen die Sänger noch auf einige ältere, echte Bauernlieder zurück, die mir, wenn nicht das Beste, so jedenfalls das Eigentümlichste des Repertoires zu sein schienen. Namentlich eines, ein vielstrophiges, in folgendem Stil:

Was braucht man auf ein Bauerndorf?
Was braucht man auf ein Dorf?
Ein' Hund, der wacker billt.
Ein' Müller, der nicht stiehlt,
Ein' Kellnerin, die nit z'gscherzig ist,
Ein' Gockelhahn auf jedem Mist –
Das braucht man auf ein Bauerndorf,
Das braucht man auf ein Dorf.

Aber wie sehen denn die Leute, von denen du so plauderst, eigentlich aus? Sehr gut, sag' ich, denn es ist ja bekannt, daß der altbayrische Bauer noch etwas auf seine Volks- und Standestracht hält, und daß Männlein und Weiblein für ihr »Feiertaggewand« nicht leicht etwas zu schön und zu teuer finden. Ferner ist der Stamm der Chiemgauer gut gebaut und kräftig, auch groß gewachsen, und es schadet ihm nicht, daß er fast ohne Ausnahme die Nase ziemlich lang trägt – eine Entdeckung, welche schon anderswo verzeichnet ist und vielleicht von bleibendem Wert sein dürfte. Übrigens sind die Männer sozusagen fast schöner als ihr Gegenpart.

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