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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 99
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Unterdes waren im Schloß die Stunden wie gewöhnlich verlaufen bis gegen Mittag. Der Freiherr ging, von seiner Gemahlin geführt, im Sonnenschein um das Schloß herum; er grollte ein wenig, daß die Maulwurfshügel, an welche sein Fuß stieß, noch immer nicht geebnet waren, und kam zu dem Schluß, daß kein Verlaß auf Beamte und Dienstleute sei und Wohlfart noch vergeßlicher als alle andern. Bei diesem Thema verweilte er mit mürrischem Behagen. Die Baronin versprach ihm nur soviel, als möglich war, ohne seine krankhafte Laune aufzuregen, und so setzte er sich endlich im Freien auf einen Stuhl nieder, den ihm der Bediente nachtrug, und hörte friedlich seiner Tochter zu, welche mit Karl den Plan für eine kleine Baumpflanzung absteckte. Niemand dachte Arges, jeder war mit seiner nächsten Umgebung beschäftigt.

Da flog die schlimme Kunde, daß etwas Schreckliches vorgehe, mit Eulenflügeln über die Erde. Auch zu der Waldinsel des Freiherrn kam sie heran, sie flatterte über die Kiefern und Birnbäume, über Getreidefelder und Anger bis auf das Schloß. Zuerst kam sie undeutlich, wie eine kleine Wolke am sonnigen Himmel, dann wurde sie größer, wie ein ungeheurer Vogel, der die Luft verfinstert, sie schlug mit ihren schwarzen Fittichen die Herzen aller Menschen in Dorf und Schloß, sie machte das Blut in den Adern stocken und trieb heiße Tränen über die Wangen.

Mitten in seiner Arbeit sah Karl plötzlich auf und sagte erschrocken zum Fräulein: «Das war ein Schuß!»

Lenore sah ihn betroffen an, dann lachte sie über ihren eigenen Schreck und erwiderte: «Ich habe nichts gehört; vielleicht war's der Förster.»

«Der Förster ist in der Stadt», entgegnete Karl ernst.

«Dann ist's ein verdammter Wilddieb im Walde», rief der Freiherr ärgerlich.

«Es war ein Kanonenschuß», behauptete der hartnäckige Karl.

«Das ist nicht möglich», sagte der Freiherr, «es steht kein Geschütz auf vielen Meilen in der Runde», aber er selbst lauschte mit gespanntem Gesicht.

In dem Augenblick rief eine Stimme vom Wirtschaftshofe her: «Es brennt in Rosmin.» Karl sah das Fräulein an, warf sein Grabscheit zu Boden und lief nach dem Hof; Lenore folgte. «Wer hat gesagt, daß Feuer in Rosmin ist?» fragte er die Knechte, welche zu ihrer Mittagskost über den Hof gingen. Keiner hatte gerufen, aber alle liefen erschrocken aus dem Hof auf die Landstraße und versuchten, nach Rosmin hinzusehen, obgleich jeder wußte, daß die Stadt über zwei Meilen entfernt war und keine Aussicht dorthin.

«Es sind vorhin Weiber gelaufen auf dem Weg nach Neudorf wie in der Angst», sagte der eine Knecht, und ein anderer rief: «Es muß gefährlich zugehen in Rosmin, denn man sieht den Rauch über dem Walde stehen.» Alle glaubten einen dunkeln Schatten über der Stelle zu sehen, wo die Stadt lag, auch Karl. Immer größer wurde die Aufregung, ohne sichern Grund. Die Dorfleute traten auf der Straße zusammen. Alle sahen nach der Richtung von Rosmin und erzählten von dem Unglück, das über die Stadt gekommen sei. «Die Edelleute sind heut darin», rief der eine, «sie haben die Stadt angezündet», und sein Nachbar hatte von einem Mann auf dem Felde gehört, daß heut ein Tag sei, an den alle Gutsherren denken sollten. Der Mann sah feindlich auf Karl und fügte hinzu: «Noch kann manches kommen bis auf den Abend.» Der Schenkwirt eilte herzu und rief Karl entgegen: «Wenn nur erst der heutige Tag vorbei wäre», und Karl entgegnete in derselben Gemütsstimmung: «Ich wollte das auch.» Keiner wußte recht, weshalb.

Seitdem kamen immer neue Schreckensbotschaften aus der Welt jenseits des Waldes. «Die Soldaten und Polen liefern einander eine Schlacht», hieß es. «Auch in Kunau brennt's», riefen einige Weiber, die vom Felde heimeilten. Endlich kam die Vogtin vom neuen Vorwerk außer Atem zu Lenore gelaufen: «Mein Mann schickt mich, weil er das Gehöft an diesem Angsttage nicht verlassen will. Er läßt fragen, ob Sie nichts vom Förster wissen, es ist Mord und Totschlag in der Stadt, und die Leute sagen, der Förster schießt mitten darunter.» – «Wer sagt das?» fuhr der Freiherr auf. «Einer, der über das Feld lief, hat es meinem Mann erzählt», rief die entsetzte Frau, «und es muß wahr sein, daß dort alles durcheinander ist, denn als der Förster nach der Stadt ging, hatte er gar keine Flinte bei sich.» Allen kam vor, als ob das Unglück deshalb wahr sein müßte. «Und heut nacht hat es einen feurigen Schein gegeben auf dem Felde», klagte die Frau weiter, «unsere Stube war ganz hell, und mein Mann ist aufgesprungen und hinausgegangen. Da zog ein blaues Licht wie eine Schwefelflamme über den Wald nach Rosmin zu.»

So schlug das Gerücht mit seinen Flügeln auf die Herzen der Menschen. Mit Mühe brachte Karl die Knechte dazu, daß sie mit ihren Gespannen wieder aufs Feld zogen. Lenore stieg mit Karl auf den Turm, um etwas Neues zu erspähen. Ob eine Rauchwolke über der Stadt war, das wollte Karl nicht entscheiden, aber an mehr als einer Stelle sahen sie hinter den Wäldern etwas wie Feuerschein und Rauchwolken. Kaum waren sie herab, so kam der Knecht mit den Pferden zurückgejagt und meldete, daß ihm ein Bauer aus dem andern Kreise, der auf dem Waldweg im Galopp durchgefahren war, gesagt habe, ganz Rosmin sei angefüllt mit Sensenmännern und mit Leuten, welche rote Fahnen in der Hand hielten, und alle Deutschen im Lande würden erschossen. Die Baronin rang die Hände und fing an zu weinen, und ihr Gemahl verlor darüber den letzten Schein von Ruhe, den er mühsam bewahrt hatte. Er schalt heftig auf Wohlfart, der an solchem Tage nicht zu Hause sei, und ließ Karl zu sich rufen, der, nicht weniger erschrocken, sich jetzt um Antons Schicksal ängstigte. Er befahl ihm, alles im Hofe zu verschließen, gleich darauf forderte er ihn wieder und verbot durch ihn dem Schenkwirt, heut den Dorfleuten Branntwein zu verkaufen, und immer wieder fragte er ihm ab, was man gehört hatte. Lenore konnte die schwüle Unruhe im Schloß nicht ertragen, sie ging unaufhörlich zwischen dem Schloß und dem Hof ab und zu und hielt sich in Karls Nähe, in dessen treuherzigem Gesicht noch der meiste Trost zu finden war; dabei sah sie immer wieder auf die Landstraße, ob nicht etwas zu erblicken sei, ein Wagen, ein Bote.

«Er ist ruhig», sagte sie zu Karl, «er wird sich einer so fürchterlichen Gefahr nicht aussetzen»; sie wünschte eine tröstende Antwort.

Karl aber schüttelte den Kopf: «Auf seine Ruhe ist kein Verlaß; wenn's in der Stadt so aussieht, wie die Leute sagen, so ist Herr Anton nicht der letzte, der darunterfährt. Er wird nicht an sich denken.»

«Nein, das tut er nicht!» rief Lenore und rang die Hände.

So ging es fort bis gegen Abend. Karl hielt die Dienstleute, welche alle vor dem Hofe standen, streng zusammen, er ergriff seinen Karabiner, er wußte selbst nicht, wozu, er ließ sich ein Pferd satteln und band es wieder an die Krippe. Da kam der Wirt mit einem Knecht aus der Brennerei zum Schloß gerannt, der gutmütige Mann schrie schon von weitem dem Fräulein entgegen: «Hier ist eine Nachricht, eine schreckliche Nachricht von Herrn Wohlfart.» Lenore fuhr auf den fremden Knecht zu. Der Mensch machte in polnischer Sprache einen verwirrten Bericht von den Schrecken des Tages in Rosmin. Er hatte gesehen, daß auf dem Markte Polen und Deutsche aufeinander geschossen hatten, daß der Herr Rentmeister an der Spitze der Bauern marschiert war.

«Ich wußte das», rief Karl stolz.

Dann erzählte der Knecht, wie er selbst geflüchtet sei, gerade als alle Polen auf den Herrn gezielt hätten; ob er tot sei oder noch lebe, das könne er nicht genau sagen, denn er sei in großer Angst gewesen; aber er glaube wohl, der Herr müsse tot sein.

Lenore lehnte sich an die Mauer. Karl fuhr voll Verzweiflung mit den Händen nach seinem Haupt. «Satteln Sie den Pony!» sagte Lenore mit klangloser Stimme

«Sie wollen doch nicht selbst bei Nacht durch den Wald, den weiten Weg nach der Stadt?» rief Karl.

Ohne zu antworten, eilte das tapfere Mädchen auf den Stall zu, Karl sprang ihr in den Weg. «Sie dürfen nicht!» schrie er. «Die Frau Baronin wird vor Angst um Sie den Tod haben, und was können Sie unter den wütenden Männern ausrichten?»

Lenore blieb stehen. «So schaffen Sie ihn her», rief sie halb bewußtlos, «bringen Sie ihn zu uns, lebendig oder tot.»

«Soll ich Sie an diesem Tage allein lassen?» rief Karl wieder außer sich.

Lenore riß ihm den Karabiner vom Arm und rief: «Fort, wenn Sie ihn lieben, ich werde an Ihrer Stelle wachen.»

Karl stürzte nach dem Hofe, riß das Pferd heraus und jagte auf der Straße nach Rosmin dahin.

Der Hufschlag des Pferdes verklang, es wurde wieder still. Lenore eilte mit hastigen Schritten vor dem Schlosse auf und ab, ihr Freund war in tödlicher Gefahr, vielleicht war er verloren, und durch ihre Schuld, denn sie hatte ihn hierher getrieben. Sie fühlte eine heiße Sehnsucht nach seinem Anblick, nach dem Ton seiner Stimme. Was er ihr und den Eltern gewesen war, überdachte sie jetzt in ihrer Verzweiflung unaufhörlich. Es schien ihr unmöglich, ohne ihn die Zukunft in dieser Einsamkeit zu ertragen. Die Mutter sandte nach ihr, der Vater rief nach ihr zum Fenster hinaus, sie wies die Aufforderung kurz ab, all ihr Empfinden war aufgegangen in dem Gefühl der reinen und innigen Neigung, welche zwischen ihr und dem Verlorenen erblüht war.

In der Stadt stand Anton mit den Landleuten wohl eine halbe Stunde erwartungsvoll vor dem Roten Hirsch. Immer noch zogen die verscheuchten Marktleute bei ihnen vorüber in die Dörfer, flüchtigen Fußes die meisten, aber mancher blieb stehen und schloß sich ihnen an; oft auch wurde ein polnischer Gruß gehört, und mehrere Polen traten zu Anton und fragten, ob er sie brauchen könne. Endlich kam, nicht auf der Straße, sondern von dem Garten des Wirtshauses her, der Schlosser in seiner grünen Uniform mit Epauletten, gefolgt von einigen Bürgerschützen.

Anton eilte auf ihn zu und rief: «Wie steht's?»

«Achtzehn Mann sind gekommen», sagte der Schlosser, «es sind die sichern Leute. Das Volk auf dem Markte verläuft sich, die im Weinhause sind nicht viel stärker geworden. Sie sind jetzt dabei, die Behörden abzusetzen. Unser Hauptmann hat Courage wie ein Teufel. Wenn Sie ihm helfen wollen, so ist er bereit, etwas zu wagen. Wir können von hinten hinein in Löwenbergs Haus, ich habe das Schloß zum Hintertor selber gemacht und weiß Bescheid, vielleicht ist es gar nicht verschlossen. Wenn wir's geschickt machen, können wir die Anführer drin überfallen, wir können sie fassen und ihre Waffen.»

«Wir müssen von vorn und hinten zu gleicher Zeit angreifen», entgegnete Anton, «dann haben wir sie sicher.»

«Ja», sagte der Schlosser ein wenig verblüfft, «wenn Sie mit Ihren Leuten von vorn kommen wollten.»

«Wir haben keine Waffen», rief Anton. «Ich will mit Euch nach vorn, und der Förster auch und vielleicht noch einer oder der andere; aber ein unbewaffneter Trupp gegen die Sensen und ein Dutzend Gewehre, das ist unmöglich.»

«Sehen Sie», versetzte der ehrliche Schlosser, «für uns ist's auch schwer. Wer so gerade im ersten Schreck von Weib und Kind kommt, der ist auch nicht in der Verfassung, sich gleich als Scheibe hinzustellen. Unsere Leute haben ja guten Willen, aber die drüben sind verzweifelte Menschen. Und deswegen lassen Sie uns ruhig hintenherum gehen; wenn wir sie überraschen, gibt's weniger Blutvergießen, und das ist doch auch eine Hauptsache. Gewehre bringe ich nicht, nur einen Säbel für Sie.»

Schweigend setzte sich der Haufe in Bewegung, der Schlosser führte. «Unsere Schützen haben sich im Hause des Hauptmanns versammelt», sagte er, «dorthin können wir durch die Gärten, ohne daß die am Tor uns gewahr werden.» Durch Gemüsegärten zogen sie vorwärts, einige Male mußte der ganze Haufe über niedrige Zäune klettern, dann kreuzten sie schnell den Weg, der um die Stadtmauer herumführte, überschritten auf einigen Brettern den Bach und drangen durch eine Mauerpforte, welche sie in den Hofraum des Gerbers führte.

«Hier warten Sie», riet der Schlosser mit einiger Unruhe. «Der Gerber ist einer von uns Schützen, aus der Haustür tritt man auf dieselbe Hintergasse, in welcher der Eingang zu Löwenbergs Hofraum ist. Ich gehe zum Hauptmann melden, wir holen Sie ab.»

Nur wenige Minuten standen die Landleute unter den Haufen Lohe, als der Förster, der als Wache in der Haustür stand, den Anmarsch der Schützen meldete. Auf der Hintergasse stießen die beiden Haufen zusammen, nur kurze Begrüßungen wurden ausgetauscht. Der Hauptmann, ein wohlbeleibter Fleischer, forderte Anton auf, neben ihm zu gehen und seinen Zug den Schützen anzuschließen. Schweigend rückten sie an das Hintertor von Löwenbergs Haus, das Tor war nicht verschlossen und nicht besetzt, der Schlosser sah durch das Hintergebäude in den leeren Hofraum. Der Trupp hielt einen Augenblick an, der Förster eilte zu den Führern. «Wir sind mehr Leute, als in dem Hause nötig sind», sprach er in fliegender Eile. «Hier daneben ist eine breite Quergasse, die auf den Markt führt. Geben Sie mir den Trommler, einen Zug Schützen und die Hälfte von den Landleuten, wir laufen bis auf den Markt und besetzen mit Geschrei die Öffnung der Quergasse. Die auf dem Markt werden dadurch gestört, sie müssen auf uns sehen, unterdes dringen Sie ein und nehmen die ganze Bande gefangen. Sobald ich trommeln lasse, springt der Herr Hauptmann mit dem Hauptkorps durch den Hof in das Vorderhaus, die Tür halten Sie besetzt.»

«Mir ist's recht», sagte der dicke Hauptmann erhitzt und in der Aufregung, welche vor einem Angriff auch dem beherzten Mann die Brust beengt. «Nur vorwärts, fort!»

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