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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Es war Wochenmarkt in der kleinen Kreisstadt Rosmin. Seit uralter Zeit war der Markttag für die Landleute der Umgegend ein Fest von besonderer Bedeutung. Fünf Tage der Woche mußte der Bauer seinen Kohl essen oder dem gestrengen Herrn fronen, am Sonntage war sein Herz geteilt zwischen der Jungfrau Maria, seiner Familie und der Schenke, der Markttag trieb ihn über die Grenze seiner Feldmark hinein in die große Welt. Dann fühlte er sich auch gegenüber den Fremden als ein schlauer Mann, welcher schafft und einkauft, er sah Bekannte wieder, die er sonst niemals getroffen, er erblickte neue Dinge aus der Fremde, er hörte von andern Städten und Ländern und genoß, was andere für ihn erfunden hatten, in vollen Zügen. Und am Abend dieses Tages flogen die Neuigkeiten aus der weiten Welt bis in das entfernte Walddorf, in jede Hütte, in jede einzelne Menschenseele des Kreises. So war es schon damals gewesen, als noch die Slawen allein auf dem Boden saßen, der Bauer leibeigen unter schmutzigem Strohdach, der Edelmann hoffärtig in seinem hölzernen Palast. Damals war ein offenes Feld gewesen, was jetzt Rosmin heißt; vielleicht stand eine Kapelle darauf mit einem gnädigen Bilde oder ein paar mächtige Bäume noch aus der Heidenzeit oder das Haus eines klugen Grundherrn, der weiter sah als seine langbärtigen Genossen. Damals war der deutsche Kaufmann zum Markte über die Grenze gekommen mit seinen Wagen und Dienern, er hatte unter dem Schutz des Kruzifixes oder eines slawischen Säbels seine Truhen geöffnet und die Werke des heimischen Fleißes, Tuche, buntfarbige Kleider, Zwickelstrümpfe, Halsbänder von Glas und teure Korallen, Heiligenbilder und Kirchengerät, aber auch, was den Gaumen erfreut, süße Backwaren, fremden Wein und wohlriechende Zitronen feilgeboten und hatte dagegen eingetauscht, was die Landschaft ihm entgegenbrachte: Wolfsfelle, Hamsterpelze, Honig, Getreide, Vieh und anderes. Nicht lange, so schlug neben dem Kaufmann auch ein Handwerker seine Werkstatt auf, der deutsche Schuster kam und der Knopfmacher, der Blechschmied und der Gürtler, die Zelte und Hütten verwandelten sich allmählich in feste Häuser, die im Viereck um den großen Marktplatz aufstiegen, auf dem viele Hundert beladener Polenwagen Raum haben mußten. Fest schlossen sich die fremden Ansiedler zusammen, sie kauften den Grund, sie kauften ein Stadtrecht von dem slawischen Grundherrn, sie gaben sich ein Statut nach dem Muster deutscher Städte. Die neuen Bürger bauten ihr Rathaus in die Mitte des großen Vierecks und daran ein Dutzend Häuser für Kaufleute und Schenken, und der Marktring war geschlossen. Um die Hofräume, die Hintergebäude und Gassen wurde die Stadtmauer gezogen und über die beiden gewölbten Tore nach dem Brauch der Heimat wohl auch die Wachttürme gesetzt, unten hauste der Zöllner, oben der Wächter. Und mit Verwunderung erzählte man sich draußen in den Wäldern und auf der Heide, wie schnell die Männer mit fremder Sprache gewachsen waren und daß jeder Landmann, der durch ihr Tor fuhr, ihnen ein Kupferstück bezahlen mußte als Brückengeld, ja der Edelmann, der allmächtige, mußte auch bezahlen. Manchen Slawen aus dem Umkreise warf sein Schicksal zu den Bürgern in die Stadt, er wurde heimisch unter ihnen, ein Handwerker, Kaufmann, Bürger wie sie. So war Rosmin entstanden, so viele deutsche Städte auf altem Slawengrund, und sie sind geblieben, was sie im Anfang waren, die Märkte der großen Ebene, die Stätten, wo polnische Ackerfrucht eingetauscht wird gegen die Erfindungen deutschen Gewerbefleißes, die Knoten eines festen Netzes, welches der Deutsche über den Slawen gelegt hat, kunstvolle Knoten, in denen zahllose Fäden zusammenlaufen, durch welche die kleinen Arbeiter des Feldes verbunden werden mit andern Menschen, mit Bildung, mit Freiheit und einem zivilisierten Staat.

Noch immer ist der Markttag von Rosmin der große Tag für die Umgegend. Vom frühen Morgen an ziehen Hunderte von Korbwagen mit Ackerfrüchten nach der Stadt, und hoch auf den Säcken sitzen der breitschultrige Bauer und die Bäuerin; aber nicht mehr peitscht der Leibeigene die abgetriebenen Gäule seines Gebieters, ein freigeborenes Slawenkind lenkt die stattlichen Pferde, deren Vater sogar ein Hengst des Königs ist. Und wenn der Federwagen eines Edelmanns vorbeifährt, dann treibt auch der Bursch sein Pferd zu schnellerem Lauf, und wenn er artig ist, rückt er nur ein wenig an seinem Hut. Auf allen Straßen und Feldwegen zieht es der Stadt zu, die kleinen Leute fahren ihre Gänse auf der Radber, und die Frau trägt im Korbe die Butter ihrer Kuh, Beeren und Pilze und ganz unten auf dem Boden vielleicht einen heimlichen Hasen, den ihr Mann durch einen Wurf seines Stockes getötet hat. Vor allen Gasthäusern der Vorstadt stehen Haufen abgespannter Wagen, an jeder Schenktür drängen sich die ein und aus gehenden Leute. Auf dem Markt sind die Getreidewagen dicht nebeneinander aufgefahren, der große Platz ist bedeckt mit runden Säcken und Gespannen, und Pferde von jeder Größe und in allen Farben stehen nebeneinander, an den guten Plätzen am Rande auch die Hoffuhren der Edelleute. Und in dem Viereck der hundert Wagen, zwischen den Knechten, Pferdeköpfen und Heubündeln windet sich aalgleich der jüdische Faktor hindurch, Getreideproben in jeder Tasche, in zwei Sprachen fragend und antwortend. Neben dem weißen Kittel und blauen Schnurrocke der Slawen und ihrem Hut mit der Pfauenfeder zeigt sich das einförmige Dunkelblau des deutschen Kolonisten. Dazwischen Soldaten aus der nächsten Garnison, Stadtbewohner, Wirtschaftsbeamte und feine Herren vom Landadel. An der Ecke des Marktes hält auf seinem großen Pferde hoch und erhaben der Gendarm, auch er ist heut im Eifer, und seine Stimme klingt herrisch über das Gewirr der Wagen, welche die Einfahrt zur Straße verstopft haben.

Überall in der Stadt sind die Kaufläden weit geöffnet, und vor den Häusern stellen die kleinen Händler auf Tischen und Tonnen ihre Ware aus. Bedächtig schreitet das Bäuerlein, gefolgt von den Weibern seiner Hütte, die Reihen der Schautische entlang, mit kurzem Befehl hält er die Frauen zusammen, welche begehrlich stehenbleiben und die Köpfe zusammenstecken, wo bunter Kattun, Tücher oder Halsbänder aufgehängt sind, bis auch sein künstlicher Gleichmut von einem Ausruf der Bewunderung durchbrochen wird, wenn er bei einem Tisch voll Stahlwaren ankommt oder bei einem Pferdegeschirr oder einem großen Schinken im Fleischladen. Lange wird geprüft, bevor der Einkauf geschieht, wohl fünf Minuten biegt er das gestählte Blatt der Säge hin und her, bis der Kaufmann ihm gelangweilt das Stück aus der Hand nimmt, dann erst entschließt er sich zum Kauf; fast ebensolange klopft sein Weib an den irdenen Töpfen herum, ob nicht an einer Stelle ein schnurrender Mißton den Sprung verrät. Der Genuß des Kaufens wird hier viel stärker empfunden als da, wo Tausende mit einem Wort weggegeben werden. Immer wieder stillgehalten, wenn ein bekannter Mann oder ein Blutsfreund aus einem andern Dorf den Kaufenden entgegenkommt. Dann entsteht ein langes Begrüßen, die Frauen drängen sich heran, die Neuigkeiten fliegen aus einem Mund in den andern, bis der ganze Trupp zuletzt gemeinsam seine Warenschau fortsetzt. Endlich halten die Ermüdeten vor dem Tische, wo durchgeschnittene Würste durch ihr marmoriertes Füllsel anmutig locken, wo Semmelberge stehen und wo der ewig wünschenswerte Hering in der Tonne liegt. Hier wird der letzte Einkauf gemacht und dann in ein Wirtshaus gezogen, die weiße Flasche gefüllt, und da kein Platz auf den Bänken zu finden ist, wird in einer Ecke des Hauses niedergesetzt und ein langsames Mahl gehalten. Die Flasche geht im Kreise, die Wangen werden röter, die Gebärden lebendiger, die Gespräche lauter, die Männer fangen an sich zu küssen, alte Feinde suchen sich auf, miteinander zu zanken. Weithin auf die Straße tönt aus jeder Schenkstube das Gesumme und Geschrei. Unterdes, wer andere Gänge hat, besorgt diese, wer eine Klage anzubringen hat, heut läuft er aufs Gericht, wer Steuern abzuliefern hat, heut pflegt er sie zu zahlen; alle Behörden sind heute in großer Tätigkeit, alle Schreiber dehnen heut ihre Finger, um die Feder schnell über das Papier zu führen, alle Schulzen erscheinen heut in den Ämtern, um zu melden und zu hören. Auch die Weinstuben sind gefüllt, und der Weinkaufmann Löwenberg macht heut die besten Geschäfte, er hat neben seinem Wein auch einen großen Handel mit Getreide und Wolle, er verleiht Gelder und ist der Vertraute vieler Gutsherren. In seiner großen Vorderstube sitzen die Gäste einzeln, deutsche Oberamtleute, ältere polnische Gutsbesitzer, vielleicht ein reicher deutscher Bauer, der einen guten Viehhandel gemacht hat. In dem Hinterzimmer aber geht's höher zu, dort sind die Edelleute des Kreises versammelt, manches wüste Gesicht mit stumpfen Zügen, aber auch der edle Schnitt des polnischen Herrenantlitzes, kräftige Männer von adligem Wesen. Dort springt der Kork des Champagners zur Decke, und neben den Geschäften der Woche wird noch manches andere verhandelt, was fremde Ohren nicht hören dürfen. Ist's nicht Politik, so rollen vielleicht die Würfel auf den Tisch, oder ein Spiel Karten fliegt aus einer Tasche unter die Weingläser; schnell fährt dann an der Ecke des Tisches eine Gruppe zusammen, es wird still in der Stube, und nur kurze Ausrufe in französischer Sprache werden gehört. So vergeht der Markttag als ein unaufhörliches Anrufen und Handeln, Erwerben und Genießen, unter Wagengerassel und Pferdelenken, bis der Abend seine graue Decke über den Marktplatz breitet: dann zieht die Bauernfrau ihren Mann am Rocke, sie denkt an die irdenen Töpfe, welche so leicht zerschlagen sind, und an die kleinen Kinder, die jetzt nach der Mutter rufen. Dann fahren die Wagen wieder auf allen Straßen auseinander, der Bauernbursch trägt einen Strauß von Flittern auf seinem Hut, er klatscht unaufhörlich mit der neugekauften Peitsche, und in trunkenem Mut treibt er seine Pferde zum rasenden Wettlauf mit andern Gespannen. Auf allen Feldwegen ziehen die kleinen Leute in ihre Dörfer, die Frau hat die Töpfe auf den Rücken gebunden, ein schönes rotes Tuch und ein Stück Pfefferkuchen für die Kinder liegen darin und neue Kochlöffel und Quirle ragen daraus hervor, und neben ihr schreitet der Mann unsicher und schwer, die stählerne Säge auf der Schulter, vergeblich bemüht, die Würde eines Hausherrn vor den Fremden zu bewahren. Viel später fahren auch die Wagen der Herren vor das Weinhaus, die Kutscher müssen lange auf den Aufbruch warten, denn auch den Herren wird die Trennung schwer von dem Tisch der Trinkstube. Es wird stiller in der müden Stadt, der Kaufmann öffnet seine Schublade, zählt und sortiert mit seiner Frau das eingenommene Geld und schlägt die falschen Silberstücke zornig mit einem Nagel vorn auf die Ladentafel, zur eindringlichen Warnung für alle unsichern Zahler. Jetzt führt auch der Gendarm sein Pferd in den Stall, überzählt die Landstreicher, die Marktdiebstähle, die Händel, die er heut angezeigt, und hofft auf einen gnädigen Blick. Endlich macht der Nachtwächter seine Runde, er achtet sorglich auf die Schenkstuben, in denen noch immer einzelne Schreier sitzen, und sieht beim trüben Laternenlicht erstaunt auf den unsaubern Marktplatz, den sein Besen morgen von allem Schmutz befreien soll.

So war der Jahrmarkt von Rosmin immer gewesen. In dem letzten Winter war der Marktverkehr nicht geringer als sonst, aber es war eine Unruhe sichtbar in vielen Köpfen, am meisten bei den Herren. Beim Weinkaufmann sah man fremde Männer von kriegerischem Aussehen in die Hinterstube eintreten, dann wurde das Zimmer verschlossen. Auf den Straßen schritten junge Burschen in auffallender Tracht mit roten viereckigen Mützen durch das Gedränge, sie schlugen zuweilen einen Landsmann auf die Schulter, riefen andere beim Namen und zogen sie aus dem Gedränge in eine Ecke. Wo sich ein Soldat sehen ließ in seiner Uniform, sahen die Leute auf ihn wie auf einen verkleideten Mann, manche wichen ihm aus, viele waren doppelt freundlich gegen ihn, Deutsche wie Polen. In den Schenken saßen die von den deutschen Dörfern gesondert und mischten sich nicht mit den andern, und die Polnischen von den Gütern des Herrn von Tarow tranken viel und fingen noch mehr Händel an als sonst. Der Vogt vom neuen Vorwerk hatte am letzten Markte in der ganzen Stadt keine neue Sense finden können, und der Förster beklagte sich gegen Anton, daß er neulich in keinem Kaufladen mehr Pulver gefunden hatte, als ihm auf eine Woche reiche. Es schwebte etwas in der Luft, niemand wollte sagen, was es war.

Heut war wieder Markttag zu Rosmin, und Anton fuhr mit einem Knecht nach der Stadt. Es war einer der ersten Frühlingstage, die Sonne schien warm auf den Boden, der noch im winterlichen Schlummer dalag. Anton dachte daran, daß jetzt die ersten Gartenblumen blühen müßten und daß er und die Frauen im Schloß in diesem Jahre keine sehen würden als etwa auf dem Vorwerk im Winkel hinter der Scheuer. Es war auch keine Zeit, sich an Blumen zu freuen, überall waren die Herzen aufgeregt, und alles, was durch so viele Jahre fest gewesen war, schien zu wanken. Über große Länderstrecken zog der politische Sturmwind, die Zeitungen erzählten alle Tage Unerwartetes und Furchtbares, ein großer Krieg schien im Anzuge, aller Besitz, alle Bildung schien in Gefahr. Er dachte an die Verhältnisse des Freiherrn, und welches Unglück für diesen entstehen mußte, wenn das Geld teuer wurde und der Grundbesitz spottwohlfeil. Er dachte auch an die Firma in der Hauptstadt, an seinen Platz im Kontor, den er in der Stille noch immer als sein Eigentum betrachtete, und an den sorgenvollen Brief, den ihm Herr Baumann geschrieben, wie finster der Prinzipal sei und wie zänkisch die Kollegen am Teetisch in Herrn Baumanns Stube.

Aus solchen kummervollen Gedanken weckte ihn ein Geräusch auf der Straße. Eine Reihe von Herrenwagen fuhr vorbei, in dem ersten saß Herr von Tarow, der artig zu Anton herübergrüßte. Anton sah erstaunt, daß er seinen Jäger auf dem Bedientensitz hatte, als zöge er zur Jagd. Noch drei Wagen rollten vorüber, alle mit Herren bis auf das Trittbrett beladen, und hinter dem Wagen jagte ein ganzer Trupp Reiter, der deutsche Inspektor von Tarow mit darunter.

«Jasch», rief Anton dem Kutscher zu, «was war das, was die im zweiten Wagen zudeckten, als sie vorbeifuhren?»

«Flinten», antwortete der Kutscher kopfschüttelnd.

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