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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Jetzt konnte Eugen lächeln, er griff in seine Tasche: «Hier ist mein Patent.»

«Ah, viel Ehre!» entgegnete Sturm, faßte das Papier behutsam und las bedächtig den Namen, dann sah er auf die Züge, die darunter standen, neigte sein Haupt und gab es mit zwei Fingern in großem Respekt zurück.

«Und hier», fuhr Eugen fort, «habe ich zufällig einen Brief Wohlfarts in der Tasche.»

«Versteht sich», rief Sturm, auf die Adresse blickend, dieses ist seine leibhaftige Hand.

«Und hier seine Unterschrift», sagte Eugen.

«Ihr ergebenster Wohlfart», las der Riese. «Ja, wenn der das schreibt, so können Sie glauben, daß es wahr ist. – So, jetzt ist das Geschäftliche abgemacht», erklärte er und schloß den Kasten auf. «Hier ist Geld. Also neunzehnhundert Taler.» Er hob fünf große Beutel aus dem Kasten, faßte sie gemächlich mit einer Hand und überreichte sie Eugen. – «Hier tausend.»

Eugen versuchte vergebens, die Beutel festzuhalten.

«Ja so», bemerkte der Riese, «ich werde sie Ihnen schon in den Wagen tragen; das andere muß ich Ihnen in Pfandbriefen geben. Diese sind etwas weniger wert als hundert Taler, das wissen Sie natürlich.»

«Es tut nichts», sagte Eugen.

«Nein», antwortete der Riese, «Sie bemerken's in dem Schuldschein. So ist das Geschäft glücklich abgemacht.» Er schloß den Kasten wieder zu und schob ihn unter das Bett.

Eugen trat mit leichtem Herzen in das Zimmer. «Jetzt trage ich ihnen die Säcke nach dem Wagen», erbot sich Sturm.

«Noch den Schuldschein», erinnerte Eugen.

«Richtig», nickte der Riese, «Ordnung muß sein. Sehen Sie zu, ob Sie mit meiner groben Feder schreiben können. Hätte ich gewußt, daß ich einen so feinen Besuch haben würde, so hätte ich mir eine bessere von Herrn Schröter mitgebracht.»

Eugen verfaßte einen Schuldschein, Sturm saß unterdes neben seinem Bierkruge ihm gegenüber und sah ihm in behaglicher Stimmung zu. Dann begleitete er ihn zum Wagen und sagte beim Abschied: «Grüßen Sie mir recht herzlich meinen Kleinen und Herrn Wohlfart. Ich hatte dem Karl versprochen, zu Weihnachten zu ihm zu kommen wegen des Christbaums. Aber es geht nicht mehr recht mit meiner Gesundheit. Neunundvierzig sind vorbei!»

Einige Zeit darauf schrieb Eugen an Anton und zeigte ihm kurz an, daß er von dem Vater Sturm neunzehnhundert Taler gegen einen Schuldschein geliehen habe. «Suchen Sie die Sache zu arrangieren», schloß der Brief, «natürlich darf mein Vater nichts davon erfahren. Ein gutherziger, närrischer Teufel, der alte Sturm; denken Sie auf etwas Hübsches für seinen Sohn, den Husar, das ich ihm mitbringen kann, sobald ich zu Euch komme.»

Empört warf Anton den Brief auf den Tisch. «Es ist ihnen nicht zu helfen, der Prinzipal hatte recht. In goldenen Armbändern für eine feile Tänzerin, mit den Würfeln unter zuchtlosen Kameraden hat er das Geld vergeudet und bezahlt seine Wucherschulden mit dem sauren Verdienst eines ehrlichen Arbeiters.» Er rief Karl in sein Zimmer.

«Es hat mir manchmal leid getan, daß ich dich in diese Unordnung hereingezogen habe, heut fühle ich tief, daß es ein Unrecht war. Ich schäme mich, dir zu sagen, was geschehen ist. Der junge Rothsattel hat die Gutherzigkeit deines Vaters benutzt, ihm neunzehnhundert Taler abzuborgen.»

«Neunzehnhundert Taler von meinem Alten!» rief Karl erstaunt. «Hat mein Goliath so viel Geld zu verleihen? Gegen mich hat er immer getan, als verstände er nicht zu sparen.»

«Ein Teil deines Erbes ist hingegeben gegen einen wertlosen Schuldschein, und die Sache wird noch empörender durch die Gleichgültigkeit, mit welcher der leichtsinnige Borger sie behandelt. Hat dir denn dein Vater gar nichts darüber geschrieben?»

«Der», rief Karl, «das tut er sicher nicht. – Mir ist nur unlieb, daß Sie sich über die Geschichte so sehr ärgern. Ich bitte Sie um alles, machen Sie keinen Lärm. Sie wissen am besten, wieviel Wolken über diesem Hause stehen, vergrößern Sie den Kummer der Eltern nicht um meinetwillen.»

«Hier schweigen», erwiderte Anton, «heißt sich zum Mitschuldigen eines schlechten Streichs machen. Du, schreib deinem Vater auf der Stelle, er soll in Zukunft niemals wieder so gefällig sein; denn der Kavalier ist imstande, bei nächster Gelegenheit wieder zu deinem Vater zu gehn.»

Darauf schrieb Anton an Eugen: ‹Ein Arrangieren Ihrer Schuld ist unmöglich, wenn ich Ihrem Herrn Vater davon nichts mitteilen soll, und selbst in diesem Falle weiß ich wenigstens nicht, wo eine Deckung derselben gefunden werden kann. Ich verschweige Ihnen nicht, daß ich Ihre Anleihe bei dem Vater des Amtmanns Sturm für sehr unrecht halte. Sie und Ihr Herr Vater haben der aufopfernden Tätigkeit des Sohnes ohnedies so viel zu danken, daß das geringe Gehalt, das dieser unter den hiesigen Verhältnissen erhalten kann, nur als eine ungenügende Vergütung erscheint. Deshalb muß ich Sie dringend bitten, dem Auflader Sturm wenigstens so viel Sicherheit zu verschaffen, als ihm gegeben werden kann. Diese Sicherheit liegt in der Anerkennung der Schuld durch Ihren Herrn Vater. Sie werden mit mir einverstanden sein, daß am zweckmäßigsten Sie selbst dem Herrn Freiherrn die nötigen Mitteilungen machen. Ich bitte, dies nicht bis zu Ihrem Besuch hinauszuschieben, weil mir jede Woche, in welcher die Angelegenheit unerledigt bleibt, als Verlängerung einer Täuschung erscheint, welche Ihrer nicht würdig ist.›

Und zu Karl sagte Anton: «Wenn er seinem Vater kein Bekenntnis macht, so werde ich am ersten Tage seines Besuchs den Freiherrn in seiner Gegenwart von dem Schuldschein unterrichten. Sprich nicht dagegen, du bist gerade wie dein Vater.»

Die Folge dieses Briefes war, daß Eugen an Anton gar nicht mehr schrieb und dem nächsten Brief an seinen Vater einige nicht ganz verständliche Sätze zufügte. Wohlfart sei ein Mann, gegen den sie wohl einige Verpflichtungen hätten, das Schlimme sei nur, daß bei solchen Leuten dadurch Dünkel entstehe und ein Hofmeisterton, der unerträglich werden könne. Am besten sei, sich dergleichen Menschen mit gutem Abstand vom Halse zu schaffen. Diese Ansicht war sehr nach dem Herzen des Freiherrn, und er lobte sie höchlich: «Eugen hat immer ein richtiges Urteil», sagte er, «auch ich wünsche sehnlich, daß der Tag redet bald kommt, wo ich selbst wieder imstande bin, die Wirtschaft zu übersehen und unsern Herrn Wohlfart zu entlassen.»

Die Baronin, welche den Brief ihrem Gemahl vorgelesen hatte, entgegnete: «Du würdest Wohlfart doch sehr vermissen, wenn er je von uns scheiden sollte.» Dann legte sie den Brief zusammen und verbarg ihn in der Tasche ihres Kleides.

Lenore aber war außerstande, ihren Unwillen zu beherrschen, sie verließ schweigend das Zimmer und suchte Anton in dem Wirtschaftshofe auf.

«Was haben Sie mit Eugen?» rief sie ihm entgegen.

«Hat er mich bei Ihnen verklagt?» fragte Anton.

«Bei mir nicht», versetzte Lenore, «aber er sprich[*]t in seinem Briefe an die Eltern nicht in der Weise von ihnen, die ihm sonst so gut stand.»

«Vielleicht ist's Zufall», erwiderte Anton, «oder eine Verstimmung, die sich wohl geben wird.»

«Nein, es ist mehr, und ich will es wissen.»

«Wenn es mehr ist, so können Sie es nur von ihm selbst erfahren.»

«Dann, Wohlfart», rief Lenore, «hat Eugen etwas Unrechtes getan, und Sie wissen davon.»

«Was es auch sein mag», entgegnete Anton ernst, «es ist nicht mein Geheimnis, sonst würde ich es Ihnen nicht verschweigen. Ich bitte Sie zu glauben, daß ich gegen Ihren Bruder ehrlich gehandelt habe.»

«Was ich glaube, kann Ihnen nichts nützen», rief Lenore. «Ich soll von nichts wissen, ich verstehe nichts, ich kann in dieser angstvollen Zeit nichts tun, als mich ärgern, wenn man ungerecht gegen Sie ist.»

«Oft», fuhr Anton fort, «fühle ich die Verantwortlichkeit, welche mir durch die Krankheit Ihres Herrn Vaters aufgelegt wird, als eine gefährliche Last; seine Verstimmung richtet sich natürlich auch manchmal gegen mich, der ich ihm Unwillkommenes mitteilen muß. Das ist nicht zu vermeiden. Ich habe den Mut, auch peinliche Stunden durchzumachen, solange Sie und die Frau Baronin sich die Überzeugung nicht erschüttern lassen, daß ich immer in Ihrem Interesse handle, so gut ich es verstehe.»

«Meine Mutter weiß, was Sie uns sind», sagte Lenore. «Niemals spricht sie zu mir von Ihnen, aber ich sehe es an ihrem Blick, wenn sie über den Tisch auf Ihr Gesicht sieht. Sie hat immer zu verbergen gewußt, was sie dachte, ihren Schmerz und ihre Sorgen, jetzt verhüllt sie sich noch mehr als sonst. Auch vor mir. Wie hinter einem weißen Schleier sehe ich ihr reines Bild; ihr Körper ist so schwach geworden, daß mir manchmal die Tränen in die Augen steigen, wenn ich sie ansehe. Sie spricht immer das Gute und Verständige, aber sie scheint teilnahmslos für vieles, und wenn sie bei meinen Reden lächelt, so ist mir, als mache auch die Heiterkeit ihr innern Schmerz.»

«Ja, so ist sie», rief Anton traurig.

«Sie lebt nur noch für die Pflege des Vaters; was sie innerlich leidet, das erfährt niemand, auch ihre Tochter nicht. Sie ist wie ein Engel, Wohlfart, der nur noch ungern auf dieser Erde verweilt. Ich kann ihr nur wenig sein, und ich fühle das; ich bin so unbehilflich, und mir fehlt alles, was meine Mutter so schön macht, die Selbstbeherrschung, ihre ruhige Haltung, die reizende Form. – Die Krankheit des Vaters, der leichte Sinn des Bruders, und meine Mutter bei aller Liebe verschlossen gegen mich: Wohlfart, ich bin recht allein.» Sie lehnte sich auf den Brunnenrand und weinte.

«Vielleicht mußte es so kommen zu Ihrem Besten», tröstete Anton mit warmem Mitgefühl von der andern Seite des Brunnens. «Sie sind eine kräftige Natur, und ich glaube, Sie können sehr leidenschaftlich empfinden.»

«Ich kann sehr böse sein», sagte Lenore, unter Tränen beistimmend, «und wieder sehr ausgelassen.»

«Sie waren aufgewachsen, sorglos, in glücklichen Verhältnissen, und Ihr Leben war leicht wie ein Spiel.»

«Das Lernen ist mir schwer genug geworden», schaltete Lenore ein.

«Ich denke mir, daß Sie in Gefahr waren, bei Ihrem Wesen ein wenig wild und übermütig zu werden.»

«Ich fürchte, ich war's», rief Lenore.

«Jetzt haben Sie schwere Leiden ertragen müssen, und die Gegenwart sieht hier recht ernsthaft aus. Und wenn ich Ihnen das sagen darf, liebes Fräulein, ich meine, Sie werden hier gerade das finden, was die Frau Baronin in der großen Welt gewonnen hat, Haltung und Innerlichkeit. Mir kommt manchmal vor, als hätten Sie sich schon verändert.»

«Ich war wohl früher ein recht unausstehlicher Wildfang», fragte Lenore, unter Tränen lachend, und sah Anton trotz ihrer Ehrlichkeit mit mädchenhafter Schelmerei an. Anton mußte an sich halten, ihr nicht zu sagen, wie liebenswürdig sie in diesem Augenblick war. Aber der gute Junge bezwang sich tapfer und sagte so kühl als möglich: «Es war nicht so arg, liebes Fräulein.»

«Und wissen Sie, was Sie sind?» fragte Lenore scherzend. «Sie sind, wie Eugen schreibt, ein kleiner Schulmeister.»

«Also das hat er geschrieben», rief Anton erleichtert.

Lenore wurde plötzlich ernst. «Sprechen wir nicht von ihm. Als ich seinen Brief hörte, kam ich her, um Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen vertraue wie niemandem sonst auf Erden, wenn es nicht meine gute Mutter ist, daß ich Ihnen immer vertrauen werde, solange ich lebe, daß nichts meinen Glauben an Sie erschüttern kann, daß ich überzeugt bin, Sie sind der einzige Freund, den wir in unserer Not haben, und daß ich Ihnen auf den Knien abbitten möchte, wenn jemand Sie in der Stille mit Worten kränkt oder auch nur durch seine Gesinnung.»

«Lenore, liebes Fräulein», unterbrach Anton glücklich, «sprechen Sie nicht weiter.»

«Und doch wollte ich sagen», fuhr Lenore fort, «wie ich Sie bewundere, daß Sie so sicher unter uns ihren Weg gehen und mit allen Leuten fertig werden, ohne sich etwas zu vergeben, und wie Sie allein es sind, der auf diesen Gütern Ordnung einführt und einen bessern Zustand. Das lag mir auf der Seele, und jetzt wissen Sie's, Wohlfart.»

«Ich danke ihnen, Fräulein», versetzte Anton, «Sie machen mir durch Ihre Worte einen frohen Tag. Aber ich bin nicht so sicher und stark, als Sie glauben. Und wenn ich dies Gut ansehe, und was darauf geschehen muß, so fühle ich alle Tage mehr, daß ich's nicht bin, der hier gründlich helfen kann. Wenn ich jemals wünschen könnte, daß Sie nicht die Tochter des Freiherrn wären, sondern ein Mann, so ist es, wenn ich über die Äcker dieses Gutes gehe.»

«Ja, sehen Sie», sagte Lenore, «das ist mein alter Kummer, unser früherer Amtmann hat mir das auch schon gesagt. Wenn ich über meinem Stickmuster sitze und Sie mit Herrn Sturm auf das Feld gehen sehe, dann wird mir glühend heiß, und ich werfe meinen unnützen Kram beiseite. Ich kann nichts als Brot essen und verstehe nichts als Geld für Spitzen auszugeben, und auch das verstehe ich noch nicht einmal, wie Mama sagt. Sie aber müssen sich schon die ungeschickte Lenore gefallen lassen als Ihre gute Freundin.» Dabei sah sie ihm treuherzig in die Augen.

«Seit vielen Jahren habe ich Ihre Freundschaft in meiner Seele gefühlt als ein großes Glück», rief Anton bewegt. «Immer, bis zu dieser Stunde, ist es meines Herzens Freude gewesen, mich in der Stille als Ihren treuen Freund zu betrachten.»

«Und so soll es immer zwischen uns beiden bleiben», sagte Lenore. «Jetzt bin ich wieder ruhig. Und jetzt ärgern Sie sich nicht mehr über Eugens dumme Streiche; ich tue es auch nicht.»

So trennten sich die beiden wie unschuldige Kinder, die ein süßes Behagen darin finden, einander das zu erzählen, was die Leidenschaft zu verbergen sucht.

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