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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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4

Herr Itzig war als Geschäftsmann etabliert. Wer ihn besuchte, schritt durch ein vielbetretenes Vorderhaus und erstieg in einem Seitenflügel eine nicht ganz saubere Treppe. Neben der Treppe glänzte die weißlackierte Vortür, auf welcher ein großes Messingschild mit abgeschrägten Ecken den Namen ‹V. Itzig› zeigte. Der Vorsaal war verschlossen, ein dicker Porzellangriff war auch vorhanden, alles schöner und idealer, als es bei Ehrenthal gewesen war. Durch die Tür konnte der Besuchende in einen leeren Raum gelangen, in welchem sich den Tag über ein verschmitzter Junge aufhielt, halb Portier, halb Laufbursche, außerdem Spion für die Geschäfte, welche sein Brotherr machte. Der Junge unterschied sich von dem ursprünglichen Herrn Veitel durch ein auffälliges Wesen von schäbiger Vornehmheit. Er trug die letzten Überreste des Kleidergeschäfts auf, glänzende Seidenwesten und einen Frack, der ihm nur wenig zu groß war. Er bewies, daß die neue Firma auch in Sachen der Toilette und Bildung anständiger war als das in vielen Dingen gewöhnliche Geschäft des Ehrenthal. Den Eintretenden empfing Herr Itzig in zwei kleinen Geschäftsstuben, von denen die erste wenig Möbel, aber zwei auffallend schöne Lampen enthielt, eine gelegentlich notwendige Übernahme für nicht gezahlte Zinsen eines Solawechsels. Die zweite war das Schlafzimmer, ein einfaches Bett, ein langes Sofa, ein großer runder Spiegel mit breitem Goldrahmen, dieser ein Erwerb aus dem geheimen Lager des ehrlichen Pinkus. Itzig selbst hatte sich auffallend verändert, er war an trüben Tagen bei dem zweifelhaften Lichte, welches aus dem Hofraum in die Stube gelangte, von weitem betrachtet nur noch wenig von einem eleganten Herrn verschieden. Sein schmales Gesicht war voller geworden, die großen Sommersprossen, welche ihn früher getigert hatten, waren verblichen, und sein Haar hatte durch Pomade und kunstvolle Bürstenstriche eine dunklere Farbe und ein anschmiegendes Wesen erhalten. Noch hatte der neue Geschäftsmann eine Vorliebe für schwarze Kleider, aber sie waren neu und saßen nicht mehr schlottrig über seinen Gliedmaßen. Denn Herr Itzig hatte auch zugenommen an äußerer Behaglichkeit, er gönnte sich jetzt gute Kost, ja auf seinem Arbeitsplatz war zuweilen eine leere Weinflasche zu sehen, auf welcher das Wort ‹Mosel› stand, daneben ein Zuckerbecher und ein silberner Löffel. Wie prächtig aber auch die neuen Räumlichkeiten waren, Itzig benutzte sie doch nur bei Nacht und in seinen Geschäftsstunden. Noch immer trieb ihn sein Herz nach seiner alten Herberge zu Löbel Pinkus. So führte er ein doppeltes Leben, für die große Welt ein feiner Geschäftsmann in den neugestrichenen Stuben unter dem Glanze der Astrallampen, bedient von einem modern gekleideten Gnomen, und ein zweites für sein Gemüt, gerade unter der Karawanserei, ein bescheidenes Leben mit rotbaumwollenen Gardinen und einem viereckigen Kasten als Sofa. Vielleicht machte ihm dieses Asyl am behaglichsten, daß er jetzt eine unbestrittene Herrschaft über den Besitzer des Hauses ausübte. Pinkus war, zu seiner Schande sei es gesagt, herabgesunken zu einem Kommissionär, einem Hilfsarbeiter Veitels. Und Frau Pinkus hing an dem aufstrebenden Geschäftsmann mit einer Verehrung, welche ihren Mann aller Gänsebrüste beraubte, die in dem Hause geschlachtet wurden.

Heut saß Itzig in seinem Geschäftslokal nachlässig auf dem Sofa und rauchte aus einer Bernsteins[*]pitze, er war ganz Gentleman und erwartete vornehmen Besuch. Da hörte man im Vorzimmer schellen, der Diensttuende flog zur Tür, eine scharfe Menschenstimme wurde hörbar. Bald entstand ein Zank im Vorsaale, welcher Veitel bewog, schnell den offenen Kasten seines Schreibpultes zuzuschließen und den Schlüssel in die Tasche zu stecken.

«Nicht zu Hause ist er? Er ist aber hier, du erbärmlicher, grünhaariger Dummkopf», schrie eine scharfe Stimme den Wache haltenden Jüngling an. Man hörte einen widerstehenden Körper beiseite schieben, Veitel beugte seinen Kopf tief in ein altes Hypothekeninstrument, die Tür wurde geöffnet, und Herr Hippus erschien mit gerötetem Antlitz, schäbig, mit zerrauften Federn, an der Tür. Nie hatte er einem alten Raben ähnlicher gesehen.

«Du läßt dich verleugnen? Du befiehlst dem Wurme dort draußen, alte Freunde abzuweisen? Natürlich, du bist vornehm geworden, du Narr! Hat man je eine solche Unverschämtheit gesehen! Weil der Bengel sich in zwei neue Stuben hineingeschwindelt hat, sind ihm seine alten Freunde nicht mehr gut genug. Du bist aber bei mir an den Unrechten gekommen, mein Söhnchen, ich lasse mich nicht so abspeisen.»

Veitel betrachtete den kleinen Herrn, welcher zornig vor ihm stand, mit Blicken, die nichts weniger als freundschaftlich waren. «Was macht Ihr mit dem jungen Menschen für einen Lärm», sagte er kalt, «er hat nur seine Schuldigkeit getan. Ich erwarte einen Geschäftsbesuch und habe ihm befohlen, alle Fremden abzuweisen. Wie konnte ich wissen, daß Ihr hierherkommen würdet? Haben wir nicht ausgemacht, daß Ihr mich nur des Abends besuchen sollt? Was kommt Ihr in meinen Geschäftsstunden?»

«Deinen Geschäftsstunden! Du junger Wiedehopf, der seine Eierschalen noch am Steiße herumschleppt», rief Hippus, immer noch erzürnt, und setzte sich auf das Sofa. «Deine Geschäftsstunden -», fuhr er mit unendlicher Verachtung fort, «für deine Geschäfte ist jede Stunde gut genug.»

«Ihr seid wieder betrunken, Hippus», antwortete Veitel in aufrichtigem Ärger. «Wie oft habe ich gesagt, daß ich mit Euch nichts zu tun haben will, wenn Ihr aus der Branntweinstube kommt.»

«So», rief Herr Hippus, «du Sohn einer Trödelhexe, mein Besuch ist für dich zu allen Zeiten eine Ehre. Ich wäre betrunken?» fuhr er schluckend fort. «Wovon denn, du Hanswurst? Womit soll man sich betrinken», schrie er, «wenn man kein Geld hat, ein Glas zu bezahlen?»

«Ich wußte, daß er wieder kein Geld hatte», sagte Veitel mit tiefer Entrüstung. «Erst neulich habe ich Euch zehn Taler gegeben, aber Ihr seid wie ein Schwamm, es ist schade um jeden Groschen, den man auf Euch wendet.»

«Du wirst mir aber heut zeigen, daß es nicht schade ist», antwortete der Alte höhnisch, «du wirst mir wieder zehn Taler geben, und auf der Stelle.»

«Das werde ich nicht», rief Veitel. «Ich habe satt, Euch zu füttern. Ihr wißt, was wir abgemacht haben; Geld bekommt Ihr nur, wenn Ihr mir dafür etwas tut. Und jetzt seid Ihr nicht in der Verfassung, etwas Ordentliches zu lesen oder zu schreiben.»

«Für dich und deinesgleichen bin ich immer noch gut genug, und wenn ich zehnmal besser gefrühstückt hätte als heut», sagte der Alte ruhiger. «Gib her, was du für mich zu arbeiten hast. Du bist ein geiziger Filz geworden, aber ich will dir's nicht nachtragen. Ich will dir auch verzeihen, daß du mich abweisen wolltest, ich will dir auch verzeihen, daß du ein hochmütiger Esel geworden bist und dich mit einer solchen Lampe breitmachst, die für bessere Leute als dich gut genug wäre; und ich will dir meinen Rat nicht entziehen, vorausgesetzt, daß du mich honorierst. Und so wollen wir Frieden machen, mein Sohn. Jetzt rede, welche Teufelei hast du wieder vor?»

Veitel schob ihm ein dickes Hypothekeninstrument hin und sagte: «Zuerst sollt Ihr mir das durchsehen und einen Auszug daraus schreiben, wie ich ihn brauche, und sagen, wie es damit steht. Es ist mir angeboten worden zum Kauf. Jetzt aber erwarte ich jemand. Ihr müßt in die andere Stube gehen, dort setzt Euch an den Tisch und macht die Arbeit. Wenn Ihr fertig seid, dann reden wir über das Geld.»

Herr Hippus schob sich das schwere Aktenstück unter den Arm und steuerte nach der zweiten Stubentür. «Heut tue ich dir noch einmal deinen Willen, weil du's bist», sagte er gemütlich und erhob seine Hand, um Veitel auf die Backe zu klopfen.

Veitel ließ sich diese Liebkosung leidend gefallen und wollte die Tür zumachen, als der betrunkene Alte sich noch einmal herandrängte und mit schlauem Blick fragte: «Also du erwartest jemanden, mein Söhnchen? Wen erwartest du, kleiner Itzig? Ist's ein Männlein oder ein Fräulein?»

«Es ist ein Geldgeschäft», entgegnete Veitel, die Achseln zuckend.

«Ein Geldgeschäft?» wiederholte der trunkene Herr, mit einer zärtlichen Bewunderung seinen Bundesgenossen betrachtend. «Ja, darin bist du groß. Groß als Mensch und als Schwindler! Wahrhaftig, wer von dir Geld haben will, der ist verloren. Es wäre ihm besser, er spränge ins Wasser, obgleich Wasser auch verächtlich ist. Du kleiner Sackermentsschwindler, du!» Dabei erhob er den Kopf und stierte aus seinen schwimmenden Augen liebevoll auf Veitel.

«Seid Ihr doch selbst gekommen, um Geld von mir zu holen», antwortete ihm Veitel mit gezwungenem Lächeln.

«Ja, ich bin fest», lallte Hippus, «ich bin nicht von Fleisch und Blut, ich bin Hippus, ich bin der Tod.» Dabei versuchte er, geistreich zu lachen.

Draußen ertönte die Schelle, Veitel rief: «Verhaltet Euch ruhig!», schloß die Tür, setzte sich auf das Sofa, faßte die Bernsteinspitze und erwartete seinen Besuch.

In dem Vorzimmer klirrte ein Säbel, ein Husarenoffizier trat ein. Eugen Rothsattel war in dem letzten Winter ein wenig älter geworden, sein feines Gesicht war hagerer, und um den untern Teil seiner Augen zog sich ein bläulicher Ring. Er trat mit einem Schein von Gleichgültigkeit ein, der Herrn Itzig keinen Augenblick zu täuschen vermochte, denn hinter dieser Maske erkannte sein erfahrener Blick deutlich das Fieber, welches bedrängten Schuldnern eigentümlich ist.

«Herr Itzig?» fragte der Offizier von oben herunter.

«So heiße ich», versetzte Veitel und stand nachlässig vom Sofa auf.

Unruhig sah Eugen in das Gesicht des Geldmanns. Der jetzt seine Anrede erwartete, war derselbe, vor dem schon sein Vater gewarnt war, und jetzt trieb das Schicksal auch ihn in dasselbe Netz. «Ich habe in diesen Tagen eine Schuld an hiesige Agenten zu zahlen», begann der Leutnant, «an Herren Ihrer Bekanntschaft. Als ich deshalb Rücksprache mit ihnen nehmen wollte, ist mir von beiden mitgeteilt worden, daß sie ihre Forderungen an Sie verkauft haben.»

«Ich habe sie ungern gekauft», erwiderte Veitel, «ich habe nicht gern zu tun mit den Herren Offizieren. Es sind zwei Schuldscheine über elfhundert und achthundert, zusammen neunzehnhundert Taler.» Er griff in eine Mappe und holte die Dokumente heraus. «Erkennen Sie diese Unterschrift als die Ihrige», fragte er kalt, «und erkennen Sie diese neunzehnhundert Taler als die Summe an, welche Ihnen geliehen ist?»

«Es mag wohl soviel darin stehen», antwortete der Leutnant unwillig.

«Ich frage, ob Sie anerkennen, daß Sie mir zu zahlen haben diese Summe auf diese zwei Verschreibungen?» fragte Veitel wieder.

«In Teufels Namen, ja», rief der Leutnant, «ich erkenne die Schuld an, obgleich ich nicht die Hälfte in Geld erhalten habe.»

Veitel schloß den Solawechsel in sein Pult und sagte, indem er die Achseln zuckte, spöttisch: «Ich habe doch die volle Summe bezahlt bei den Leuten. Ich werde mir also holen bei Ihnen morgen oder übermorgen mein Geld.»

Der Offizier schwieg eine Weile, langsam röteten sich seine eingefallenen Wangen. Endlich nach einem harten Kampfe begann er: «Ich bitte Sie, Herr Itzig, mir noch Frist zu geben.»

Veitel ergriff seine Bernsteinspitze und drehte behaglich daran, als er antwortete: «Ich gebe Ihnen keinen Kredit weiter.»

«Seien Sie verständig, Itzig», sagte der Offizier mit erzwungener Vertraulichkeit. «Ich bin vielleicht in kurzem in der Lage, Ihnen zu zahlen.»

«Sie werden in einigen Wochen so wenig Geld haben als jetzt», entgegnete Veitel grob.

«Ich bin bereit, Ihnen eine größere Summe zu verschreiben, wenn Sie sich gedulden.»

«Ich mache niemals solche Geschäfte», log Veitel.

«Ich schaffe Ihnen eine Anerkennung der Schuld durch meinen Vater.»

«Der Herr von Rothsattel hat geradesoviel Kredit bei mir wie Sie selber.»

Der Leutnant stieß zornig seinen Säbel auf den Boden. «Und wenn ich nicht zahle?» brach er los. «Sie wissen, daß ich gesetzlich dazu nicht verpflichtet bin.»

«Ich weiß», versetzte Veitel ruhig. «Werden Sie zahlen morgen oder übermorgen?»

«Ich kann nicht», rief Eugen in aufrichtiger Verzweiflung.

«Dann tragen Sie Sorge für den Rock, den Sie anhaben», sagte Veitel, sich abwendend.

«Wohlfart hatte recht, mich vor Ihnen zu warnen», rief Eugen außer sich. «Sie sind ein hartgekochter -», er drängte das letzte Wort zurück.

«Sprechen Sie ruhig aus», sagte Itzig, «es hört Sie niemand. Was Sie reden, ist wie das Feuer im Ofen, es knistert, in einer Stunde ist's Kohle. Was Sie mir hier wollten sagen unter vier Augen, das werden von Ihnen in drei Tagen die Leute auf der Straße sagen, wenn Sie nicht zahlen.»

Eugen wandte sich mit einem Fluche ab, an der Tür blieb er noch einen Augenblick stehen, dann stürzte er zornig hinaus.

Veitel sah im triumphierend nach. «Der Sohn wie der Vater, er sitzt darin, wie er sitzen muß», sagte er vor sich hin. «Er kann nicht schaffen das Geld. Es geht zu Ende mit den Rothsatteln, und der Wohlfart wird sie nicht halten. – Wenn ich verheiratet bin mit der Rosalie, so sind mein auch Ehrenthals Hypotheken. Dann können die Scheine, die bei dem Schwiegervater verschwunden sind, sich unter seinen Papieren wiederfinden. Dann habe ich den Baron in Händen, und das Gut ist mein.»

Nach diesem Selbstgespräch öffnete er die Tür, welche Herrn Hippus und den vornehmen Besuch, den Versunkenen und den Sinkenden getrennt hatte, und fand den kleinen Advokaten eingeschlafen, den Kopf auf den Händen, die Hände über den Akten. Mit herzlicher Verachtung sah Itzig auf das schwärzliche Bündel und sagte: «Er wird mir lästig. Er sagte, er wäre der Tod, ich wollte, er wäre tot, und ich wäre von ihm frei.» Unsanft rüttelte er den alten Mann auf und schrie ihn an: «Ihr seid zu nichts gut als zum Schlafen, was mußtet Ihr hierherkommen, um zu schnarchen? Geht nach Hause, ich werde Euch die Akten geben, wenn Ihr in besserer Verfassung seid.»

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