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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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Wieder lag Schnee auf der Erde, und im Sonnenlicht glitzerten Millionen Eiskristalle auf den Bäumen und dem Feld. Karl setzte zwei Schlitten instand, einen alten zweisitzigen und einen Rennschlitten für das Fräulein, den er selbst zusammenschlug und unter dem Beistand Lenorens mit schöner Ölfarbe überzog. Bei der Morgenaudienz sagte Anton der Baronin, daß er heut nachmittag in einer Polizeisache nach Tarow müsse. «Wir kennen die Familie Tarow vom Bade her», erwiderte die Baronin. «Dort haben wir gern mit Frau von Tarow und ihren Töchtern verkehrt. Ich wünsche lebhaft, daß der Freiherr nicht ganz außer Verbindung mit der Nachbarschaft bleibt, vielleicht vermag ich ihn zu bestimmen, daß er heut mit uns seinen Besuch macht. In jedem Falle wollen wir Frauen diese Gelegenheit benutzen und unter Ihrem Schutz einen Ausflug dorthin wagen.»

Anton erinnerte leise an den verschwundenen Bratzky und seinen Verdacht.

«Es ist ja nur ein Verdacht», versetzte die Baronin begütigend, «und unsere Verpflichtung, der Familie einen Besuch zu machen, ist unzweifelhaft. Auch kann ich nicht glauben, daß Herr von Tarow selbst an der Entführung Anteil hat.»

Am Nachmittag fuhren die Schlitten vor, die Baronin setzte sich mit dem Freiherrn in den größeren, Lenore bestand darauf, in ihrem neuen Rennschlitten selbst zu fahren. «Wohlfart setzt sich hinter mich auf die Pritsche», bestimmte sie. Der Freiherr fragte seine Gemahlin leise: «Wohlfart?»

«Ich lasse dich nicht allein fahren», erwiderte die Baronin ruhig. «Sei ohne Sorge. Außerdem ist er in deinem Dienst, die Inkonvenienz ist nicht groß. Und wir fahren ja miteinander vor.»

Die Glöckchen klangen über die Ebene, Lenore saß selig in ihrer Nußschale und trieb ihr Pferd mit kräftigem Zuruf an. Sie wandte sich oft zurück und zeigte ihr lachendes Antlitz, das unter der dunklen Kappe heut so schön war, daß ihr sein ganzes Herz entgegenflog. Ihr grüner Schleier flatterte im Winde und streifte seine Wange, hing sich an sein Gesicht und verbarg ihm die Aussicht. Dann erblickte er die verhüllte Gestalt vor sich in einem grünen Dämmerlicht wie aus weiter Ferne; und gleich darauf berührte wieder der Hauch seines Mundes die Bandschleife, welche an ihrem Nacken flatterte, und er sah, daß nur die seidene Hülle seine Hand von ihrem goldenen Haar und dem weißen Hals trennte. Anton versenkte sich in diese Betrachtung und widerstand kaum noch dem Gelüst, ihr mit seinem Pelzhandschuh leise über die Kapuze zu fahren, als dicht neben ihm ein Hase aus einem Schneeloch aufsprang. Der Hase winkte drohend mit seinen Löffeln und machte einen bedeutsamen Purzelbaum auf Anton zu. Dieser verstand die freundliche Warnung und zog den Pelzhandschuh zurück; der Hase, vergnügt, eine gute Tat vollbracht zu haben, galoppierte über den Schnee. Anton gab seinen Gedanken eine andere Richtung. Der weiße Weg zeigte keine Spur eines Menschen, kein Gleis, keinen Fußtritt, nirgend ist ein anderes Leben zu sehen als der lautlose Schlaf der Natur. «Wir sind Reisende, welche in ein fremdes Land dringen, das noch niemand vor ihnen betreten. Ein Baum ist wie der andere, die Schneefläche ist endlos, rund herum Grabesstille und oben wieder der lachende Sonnenschein. Ich wollte, es ginge den ganzen Tag so fort.»

«Ich bin glücklich, daß ich Sie einmal fahren kann», rief Lenore, beugte sich zu ihm zurück und hielt ihm eine Hand hin. Anton vergaß sofort den Hasen, er konnte sich nicht enthalten, einen Kuß auf den Handschuh zu drücken.

«Es ist dänisches Leder», lachte Lenore, «bemühen Sie sich nicht.»

«Hier ist eine Lücke», sagte Anton, bereit, den Versuch zu wiederholen.

«Sie sind heut so artig», rief Lenore, die Hand langsam zurückziehend, «das steht Ihnen hübsch, Wohlfart.»

Der Pelzhandschuh streckte sich aus, um die zurückweichende Hand zu verfolgen. Darüber gerieten zwei Krähen auf den Bäumen in starken Zank, sie schrien um die Wette, flogen auf und schwebten schimpfend über Antons Kopf. Geht zum Teufel, ihr Gesindel, dachte der leidenschaftliche Anton, ihr sollt mich nicht mehr stören. Aber Lenore sah ihn treuherzig an. «Ich weiß doch nicht, ob Ihnen gut steht, so artig gegen mich zu sein», fuhr sie ernster fort. «Sie dürfen mir die Hand nicht küssen, denn ich habe keine Lust, Ihnen dasselbe zu tun, und was dem einen recht ist, soll dem andern billig sein. Hussa, mein Pferd, vorwärts!»

«Ich bin neugierig, wie uns die Polen empfangen werden», begann Anton wieder die regelmäßige Unterhaltung.

«Sie können nicht anders als freundlich sein», sprach Lenore zurück. «Wir haben mit Frau von Tarowska wochenlang in einem Haus gewohnt und alle Partien gemeinschaftlich gemacht. Sie war die eleganteste Dame des ganzen Bades, sie und die Töchter machten Aufsehen durch ihr distinguiertes Wesen; sie sind sehr liebenswürdig und haben beste Manieren.»

«Er aber hat zwei Augen gerade wie der Fuchs des Försters», sprach Anton, «ich traue ihm nicht über den Weg.»

«Ich habe mich heut sehr schön gemacht», lachte Lenore, sich wieder umwendend, «denn die Mädchen dort sind reizend, und die Polen sollen nicht sagen, daß wir uns schlecht neben ihnen präsentieren. Wie gefällt Ihnen mein Kleid, Wohlfart?» Sie streifte einen Zipfel ihres Pelzes zurück.

«Sie werden sich darin nicht ganz schlecht ausnehmen», sagte Anton mit weiser Miene, «es ist etwas Braun dabei, folglich ist es wunderhübsch.»

«Sie treuer Herr Wohlfart!» rief Lenore und reichte ihm wieder die Hand über den Schlittenrand. Ach, jetzt waren die kleinen warnenden Tiere zu schwach, um den Zauber abzuleiten, welcher den Pelzhandschuh zu dem Dänen hinzog; etwas Größeres mußte geschehen. Als Anton zum drittenmal die Hand ausstreckte, bemerkte er, daß seine eigene Hand sich wider seinen Willen immer höher hob und in der Luft einen Kreis beschrieb, während er selbst sich senkte, bis er die Länge nach im Schnee lag. Erstaunt hob er seinen Kopf und sah Lenore einige Schritte weiter neben dem umgestürzten Schlitten sitzen, das Pferd stand ruhig auf dem Wege und lachte in seiner Art laut vor sich hin. Lenore hatte zuviel nach ihrem Gefährten und zuwenig auf den Weg gesehen, so hatten sie umgeworfen. Fröhlich erhoben sich beide, schüttelten den Schnee ab, Anton richtete den Schlitten auf, und im Galopp ging es wieder vorwärts. Aber das Schlittenmärchen war zu Ende, Lenore sah mehr auf den Weg, und Anton stäubte sich den Schnee aus den Ärmeln.

Die Schlitten fuhren in einen weiten Hofraum. Ein langes einstöckiges Lehmhaus, mit Kalk beworfen und mit Schindeln gedeckt, schaute mit seinen blinden Fenstern vertraulich auf die hölzernen Ställe nebenan. Anton sprang ab und fragte einen Mann in Livree nach der Wohnung des gnädigen Herrn. «Hier ist der Palast», erklärte der polnische Diener mit tiefer Verbeugung und half der Herrschaft aus dem Schlitten. Erstaunt sahen Lenore und die Baronin einander an. Sie traten in einen unsauberen Hausflur, mehrere schnurrbärtige Geister eilten herzu, rissen diensteifrig die Winterhüllen der Gäste ab und eine niedrige Tür auf. In dem großen Wohnzimmer war zahlreiche Gesellschaft versammelt. Eine hohe Gestalt in schwarzer Seide trat den Gästen entgegen und begrüßte sie in der besten Haltung von der Welt. Die Töchter eilten herzu, schlanke Damen mit Augen und Anstand der Mutter. Mehrere Namen der jungen Herren wurden genannt, Herr von, Graf von, alle elegante Männer im Salonkleide. Zuletzt kam auch der Hausherr. Sein schlaues Gesicht strahlte von herziger Freude, und die Fuchsaugen leuchteten von Harmlosigkeit. Der Empfang war tadellos, von allen Seiten die wohltuende Leichtigkeit eines sicheren Selbstgefühls. Der Freiherr und die Frauen wurden als werte Bekannte begrüßt, auch Anton erhielt seinen Teil Zuvorkommenheit. Sein Geschäft war nach wenigen Worten abgemacht, und Herr von Tarow erinnerte ihn lächelnd daran, daß er ihn schon einmal flüchtig gesehen. «Der Schlingel von Inspektor ist Ihnen entsprungen», sagte er bedauernd, «seien Sie ohne Sorge, er wird seinem Schicksal nicht entgehen.» «Ich hoffe», erwiderte Anton, «er und seine Helfer.» Die Augen des Herrn von Tarow bemühten sich, Taubenaugen gleich zu werden, als er fortfuhr: «Der Kerl liegt irgendwo versteckt.» «Wahrscheinlich in der Nähe», sagte Anton und warf einen argwöhnischen Seitenblick auf die schlechten Gebäude des Hofes.

Vergebens suchte Anton unter den anwesenden Männern jenen Fremden, den er bereits zweimal gesehen hatte und dem er den Wunsch zutraute, vor deutschen Augen unbekannt zu bleiben. Dagegen war ein anderer Herr von entschiedenem Wesen anwesend, der von den übrigen mit hoher Achtung behandelt wurde. Sie kommen und verschwinden, dachte Anton, sie reiten zusammen und wieder auseinander, wie der Schenkwirt sagt; es sind hier nicht einzelne, mit denen man zu tun hat, sondern eine ganze Gattung. In dem Augenblick trat der Fremde an ihn heran und begann ein artiges Gespräch. So unbefangen er aber auch redete, so merkte Anton doch, daß er bemüht war, das Gespräch zu leiten und ihn, den Deutschen, über Gesinnung und Sympathie auszuholen. Er hielt deswegen vorsichtig zurück, und als der Pole das wahrnahm, verlor er plötzlich das Interesse an dem Gast und wandte sich zu den Damen.

Jetzt hatte Anton Muße, sich im Zimmer umzusehen. Unter den rohen Möbeln des Dorftischlers stand ein Wiener Flügel, die Fensterscheiben waren geflickt, auf dem schwarzen Fußboden lag in der Nähe des Sofas ein zerrissener Teppich. Die Damen saßen auf Samtsesseln um einen abgenutzten Tisch. Die Frau vom Hause und ihre erwachsenen Töchter waren in eleganter Pariser Toilette, aber als sich eine Seitentür öffnete, sah Anton in dem grauen Nebenzimmer einige Kinder mit so mangelhafter Garderobe umherlaufen, daß sie ihn bei der Winterkälte herzlich dauerten. Sie selbst machten sich jedenfalls nicht viel daraus, denn sie balgten sich und lärmten wie Unholde.

Über den wankenden Tisch wurde eine feine Damastdecke gelegt und ein silberner Teekessel aufgesetzt. Die Unterhaltung floß vortrefflich. Leichte französische Bonmots und lebhafte Ausrufe in melodischem Polnisch fuhren durcheinander, dazwischen klang die eintönige deutsche Phrase. An dem schnellen Lachen, den Mienen der Sprechenden und dem Feuer der Unterhaltung merkte Anton, daß er unter Fremden war. Schnell flogen die Worte, in den Augen und auf den Wangen glänzte das flüchtige Feuer der heiteren Erregung. Es war ein bewegliches Volk, elastischer, schwunghafter, leichter ergriffen. Erstaunt sah Anton, wie behaglich Lenore in der Unterhaltung schwamm. Auch ihr Antlitz glänzte in höherem Rot, sie lachte und gebärdete sich wie die andern, und dreist blickten ihre Augen in die verbindlichen Gesichter der anwesenden Herren. Dasselbe Lachen, die herzliche Unbefangenheit, die ihn im Schlitten entzückt hatte, verschwendete sie jetzt an Fremde, die in der Nacht auf der Landstraße zum Schaden ihres Vaters gearbeitet hatten. Das mißfiel ihm höchlich. Dazu das Zimmer so wunderlich ausgeputzt, die Tapeten schmutzig und zerrissen, die Kinder in der Nebenstube barfüßig, und der Hausherr der stille Beschützer eines Schuftes und wahrscheinlich noch etwas Schlimmeres! So begnügte er sich, mit kalter Zurückhaltung die Gesellschaft zu betrachten und nur das Notwendige auf die freundlichen Worte des Hausherrn und seiner Gäste zu erwidern.

Endlich schlug ein junger Herr einige Akkorde auf dem Flügel an, alles sprang auf und wollte tanzen. Die gnädige Frau klingelte, vier wilde Männer stürzten in das Zimmer, ergriffen den großen Flügel und trugen ihn rücksichtslos hinaus. Die Gesellschaft drängte nach über den Hausflur in den gegenüberliegenden Saal. Als Anton eintrat, kam er in Versuchung, sich die Augen zu reiben. Es war ein leerer Raum mit rohem Kalkanstrich, Bänke an den Wänden und in der Ecke ein abscheulicher Ofen. Mitten im Saal hing Wäsche auf Leinen; Anton begriff nicht, wie man hier tanzen wollte. Aber im Hui wurde die Wäsche durch die Fäuste der Diener herabgerissen, einer lief zum Ofen und blies das Feuer an, nach wenigen Augenblicken waren sechs Paare zur Quadrille angetreten. Da der Damen zu wenig waren, band ein junger Graf mit einem schwarzen Samtbärtchen und zwei wunderschönen blauen Augen sein Batisttuch um den Arm und erklärte sich mit einem graziösen Knicks für eine Dame. Sogleich wurde er von einem andern Herrn ritterlich zum Tanze geführt. Selig drehte sich das Völkchen im Takt. Durch die Nachlässigkeit, welche die Mode von den Tänzern des gebildeten Europas verlangt, flatterte zuweilen das Feuer ihres Stammes auf. Lenore trieb mitten darunter. Auch die Baronin war in heiterer Unterhaltung mit dem Hausherrn, und Frau von Tarow machte sich zur Aufgabe, den blinden Freiherrn zu beschäftigen. Das war wieder die vornehme Form, der leichte Genuß des Augenblicks, welchen Anton so oft bewundert hatte; aber heut verzog sich sein Mund zu einem kalten Lächeln. Es schien ihm nicht männlich und nicht würdig, daß die deutsche Familie sich so hingebend unter Gegnern bewegte, welche wahrscheinlich in diesem Augenblicke Feindliches gegen sie und gegen ihr Volk im Sinne hatten. Als Lenore nach dem ersten Tanz bei Anton vorbeiging und ihn leise fragte: «Warum tanzen Sie nicht mit mir?», erwiderte er: «Ich erwarte jeden Augenblick, das Gesicht des Herrn Bratzky in einem Winkel des Saales zu sehen.»

«Wer wird jetzt daran denken», rief Lenore und wandte sich gekränkt ab.

Tanz folgte auf Tanz, die Köpfe der jungen Herrschaften glühten, die Locken litten in der großen Hitze. Schnurrbärtige Diener drangen wieder in das Zimmer und boten Champagner in Eis. Stehend, auf dem Sprunge schlürften die Tänzer den kalten Trank, und gleich darauf stürmte von allen Ecken der Ruf nach einem polnischen Nationaltanz zu dem Hauslehrer, welcher am Flügel saß. Jetzt flatterten die Gewänder, die Tänzer schnellten sich wie auf Sprungfedern durch das Zimmer, wie Bälle flogen die Mädchen aus einem Arm in den andern. Ach, und Lenore immer mitten darunter! Anton stand neben dem ansehnlichen Polen in mattem Gespräch und hörte kühl das Lob an, welches dieser der deutschen Tänzerin freigebig erteilte. Was den polnischen Mädchen natürlich stand, die schnellen Bewegungen, die starke Erregung, das machte Lenoren wild und, wie Anton sich mit Mißfallen sagte, unweiblich. Und von ihr weg irrte sein Blick an den rohen Wänden umher auf den bestäubten Ofen, in dem ein großes Scheit Holz loderte, bis zu der Decke, von welcher lange graue Spinnweben herunterhingen.

Es war spät, als die Baronin zum Aufbruch trieb; die Pelze wurden in den Saal gebracht, die Gäste wickelten sich ein, die Schelle läutete, und das Glöckchen klang wieder über die Schneefläche. Aber Anton war es wohl zufrieden, daß jetzt die Tochter mit dem Vater fuhr und daß er selbst hinter der Baronin die Zügel führte. Schweigsam lenkte er den Schlitten, und immer wieder dachte er daran, daß eine andere, die er kannte, sich unter den Spinnweben im Hause der Feinde niemals in der Masurka geschwenkt hätte. – Auch Lenore trug ihm heut den Stahlhelm auf dem weißen Nacken.

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