Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Freytag >

Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
Schließen

Navigation:

Der Vogt lenkte in einen Feldweg, der in den Wald zwischen junges Kiefernholz führte. Der Boden war wieder Sand, der Baumwuchs kümmerlich. Über Wurzeln und Steine ging es auf einem Seitenwege tiefer in den Wald hinein; an einem Schlage von fünfzehnjährigem Holz hörte der Fahrweg auf, der Vogt schlang die Zügel um einen Baumstamm und bat die Herren auszusteigen. Auf schmalem Fußpfade schritten sie durch dickes Kieferngebüsch vorwärts, die langen Nadeln streiften an ihre Kleider, die eingeschlossene Luft war mit kräftigem Waldgeruch angefüllt. Hinter dem jungen Holz senkte sich der Boden, der Grund wurde feucht, grünes Moos hatte seine weichen Polster ausgebreitet, und eine Gruppe mächtiger Föhren streckte ihre dunklen Kronen hoch in die Luft. Hier lag das Försterhaus, von den braunen Ästen der Waldbäume überdacht, ein niedriger Holzbau, von einem starken Bretterzaun umgeben, um dessen Außenseite eine dreifache Reihe junger Fichten als Hecke gepflanzt war. Ein kleiner Quell rieselte unter dem Holz des Zauns hervor, von den Wedeln großer Farnkräuter bedeckt, fiel er murmelnd auf einige Steine. Unten das saftige Moosgrün, darüber die Stämme hundertjähriger Bäume, mit bärtigen Flechten bewachsen, und darin das Haus hinter grünendem Zaune versteckt, das war ein Anblick, der zwischen Sand und Heide wohl erfreuen mußte. Nirgends war ein Weg zu sehen, auf dem Moose nicht einmal die Spuren eines Fußtritts, nur das Hundegebell im Hof verkündete, daß nicht Frau Holle oder die sieben kleinen Zwerge in der Hütte wohnten, sondern leibhaftige Menschen.

Die Männer gingen um den Zaun herum, bis sie an eine schmale Tür kamen, die aus starken Bohlen zusammengenagelt und fest verschlossen war.

«Sein Dompfaff sitzt oben am Fenster», sagte der Vogt, «er ist zu Hause.»

«So ruft ihn an», befahl Anton.

«Er weiß längst, daß wir hier sind», erwiderte der Vogt und wies auf eine Reihe kleiner Öffnungen im Zaune. «Sehen Sie die Gucklöcher? Er beobachtet uns schon, aber das ist seine Art so. Ich muß mein Zeichen geben, sonst wird er nicht aufmachen.» Der Vogt steckte zwei Finger in den Mund und pfiff dreimal, aber alles blieb still. «Er ist tückisch», sagte der Vogt bekümmert. Wieder tönte sein gellender Pfiff, bis das Gebell der Hunde in Geheul überging und der Dompfaff am Dachfenster mit den Flügeln um sich schlug.

Endlich erklang eine rauhe Stimme von der andern Seite der Wand: «Wen, zum Henker, bringt Ihr mit Euch?»

«Macht auf, Förster», rief der Vogt, «die neue Herrschaft ist da.»

«Geht zum Teufel mit Eurer Herrschaft», antwortete die Stimme unwillig, «ich habe die Zucht satt.»

Der Vogt sah bestürzt auf Anton. «Öffnen Sie das Tor», befahl dieser, «es wird Ihnen nützlich sein, wenn Sie freiwillig tun, wozu ich Sie zwingen kann.»

«Zwingen?» fragte die Stimme. «Seht zu, ob Ihr mit dem fertig werdet.» Der Lauf der Doppelflinte schob sich durch das Loch in der Tür und bewegte sich gemächlich hin und her.

«Das Gewehr wird Euch nichts helfen», erwiderte Anton, «Wir haben etwas bei uns, was von heut ab in diesem Wald stärker sein soll als die Gewalt, und das ist unser Recht und das Gesetz.»

«So?» fragte die Stimme. «Und wer sind Sie denn?»

«Ich bin der Bevollmächtigte des neuen Gutsherrn und befehle Euch, diese Tür zu öffnen.»

«Heißen Sie Moses oder Levi?» rief die Stimme wieder. «Ich will mit keinem Bevollmächtigten der Welt zu tun haben. Wer als Bevollmächtigter zu mir kommt, den halte ich für einen Spitzbuben.»

«I so soll doch das Donnerwetter auf Euren harten Kopf fahren», rief Karl in tiefster Entrüstung. «Wie könnt Ihr Euch unterstehen, von meinem Herrn so despektierlich zu reden, Ihr verrückter Kommißstiefel?»

«Kommißstiefel?» fragte die Stimme. «Das lasse ich mir gefallen, das ist das verständigste Wort, welches ich seit langer Zeit gehört habe.» Der Riegel schob sich zurück, und der Förster trat vor die Tür, die er wieder hinter sich zuzog. Er war ein kleiner breitschultriger Mann mit grauem Haar und einem langen grauen Bart, der ihm bis auf die Brust herabhing; in dem runzligen Gesicht glänzten zwei schlaue Augen wie Kohlen; er trug einen dicken abgeschabten Rock, dem Sonne und Regen jede Farbe ausgesogen hatten, hielt seine Doppelflinte in der Hand und blickte trotzig auf die Fremden. So glich er einem Stück Baumstamm aus dem Walde. Endlich fragte er: «Wer hat hier geschimpft?»

«Ich», antwortete Karl hervortretend, «und Ihr sollt mehr erhalten als schwere Worte, wenn Ihr in Eurer Insubordination fortfahrt.»

«Was tragt Ihr für eine Mütze?» fragte der Alte, Karl aufmerksam betrachtend.

«Seid Ihr ein Pilz geworden in Eurem Walde, daß Ihr die nicht kennt?» versetzte Karl und schwenkte seine Soldatenmütze um den Kopf.

«Husar?» fragte der Alte.

«Invalide», erwiderte Karl.

Der Alte wies auf ein kleines Band an seinem Rocke. «Landwehr», sagte er, «1813 und 1814».

Karl griff an die Mütze und salutierte: «Respekt, Alter; aber ein Grobian seid Ihr doch.»

«Na, Euch hört man's auch nicht an, daß Ihr Invalide seid», sagte der Förster. «Ihr seht toll genug aus, und fluchen könnt Ihr auch. Also Sie sind keine Händler und keine Agenten?» fragte er, zu Anton gewandt.

«So nehmt doch Vernunft an», rief der Vogt. «Dieser Herr hier hat den Auftrag, das ganze Gut zu übernehmen und von jetzt ab zu verwalten, bis die Herrschaft selber kommt. Es wird bessere Zeit werden, Förster, der Herr ist anders, als die in der letzten Zeit hier waren. Ihr stürzt Euch ja ins tiefste Unglück mit Eurem widerhaarigen Wesen.»

«So?» sagte der Förster. «Um mein Unglück kümmert Euch nicht, ich werde schon allein damit fertig. Also Sie sind ein Bevollmächtigter? In den letzten Jahren ist alle Augenblicke ein anderer gekommen mit einer Vollmacht. Und das will ich Ihnen sagen», fuhr er zornig fort und trat einige Schritte vor: «Bücher und Rechnungen finden Sie nicht bei mir. Meine Sache steht so: seit fünf Jahren habe ich als Förster, der über diesen Wald gesetzt ist, mich mit den Vollmachten herumgezankt, jede Vollmacht hat Klaftern geschlagen in ihre Tasche, und zuletzt sind die Bauern gekommen aus allen Dörfern und haben sich Holz geholt, soviel sie wollten, und wenn ich ihnen mein Eisen unter die Nase hielt, so hielten sie mir einen Spitzbubenzettel von einem Bevollmächtigten unter die Nase, der ihnen alles erlaubte. Ich hab' nichts mehr zu sagen gehabt und habe hier für mich gelebt. Wild gibt's wenig; was ich geschossen habe, habe ich aufgegessen und Haut und Balg verkauft, denn der Mensch muß leben. Seit fünf Jahren habe ich keinen Pfennig Salär erhalten, ich habe mir's selbst genommen. Alle Jahre fünfzehn Stämme von diesen hier. So weit Sie dort die Lichtung sehen, stand neunzigjähriges Holz, fünfmal fünfzehn Stämme habe ich für mich niedergeschlagen, noch drei Winter reichen die Stämme, die hier stehen, auf solange geht meine Rechnung. Wenn der letzte niedergeschlagen war, dann wollte ich meine Hunde totschießen und mir einen stillen Platz im Walde aussuchen.» Er sah finster auf seine Flinte. «Dreißig Jahre habe ich hier gelebt, ich habe mein Weib und meine Kinder auf dem deutschen Kirchhofe begraben; was jetzt mit mir geschieht, bekümmert mich nicht. So weit um dieses Haus herum der Blaff meiner Hunde reicht und meine Kugel trägt, ist der Wald in Stand, das andere hat den Bevollmächtigten gehört. Das ist meine Rechnung, und jetzt machen Sie mit mir, was Sie wollen.» Er stampfte in großer Aufregung den Kolben auf die Erde.

«Auf das, was Sie mir gesagt haben», erwiderte Anton, «werde ich Ihnen antworten in der Försterei und in der Stube, welche von jetzt ab Ihrem Brotherrn, dem Freiherrn von Rothsattel, gehört.» Er schritt zu der Tür und legte die Hand an den hölzernen Riegel: «So ergreife ich Besitz von dem Eigentum des neuen Brotherrn.» Er öffnete die Tür und winkte dem Förster: «Halten Sie Ihre Hunde zurück und führen Sie uns in Ihre Zimmer, wie es sich schickt.»

Der Förster widersprach nicht, er ging langsam voran, rief die Hunde ab und öffnete die Klinke seiner Haustür.

Anton trat mit seinen Begleitern in die Stube. «Jetzt, Förster», sagte er, «da Sie uns dies Haus geöffnet haben, will ich Ihnen zur Stelle Bescheid sagen. Was bis zu diesem Tage an dem Walde von Ihnen geschehen ist, das ist nicht zu ändern, und darüber soll fortan keine Rede sein. Von heut ab erhalten Sie wieder festes Gehalt und Ihr Deputat, und wir werden deshalb untereinander einen neuen Vertrag machen. Und von heute stelle ich den Wald des Gutes und alles, was zur Wald- und Jagdgerechtigkeit gehört, unter Ihre Aufsicht. Ihre Pflicht ist, als braver Förster dem Gutsherrn zu stehen für sein Recht, und von dieser Stunde an mache ich Sie dafür verantwortlich. Ich werde Sie schützen bei jedem gesetzlichen Tun; wo ich selbst dies nicht vermag, werde ich die Hilfe des Gesetzes für uns fordern. Gegen jedes Unrecht, das an dem Walde verübt wird, werden wir strenge sein, damit die Unordnung aufhöre. Eine bessere Zucht soll auf diesen verwilderten Gütern eingeführt werden, und der neue Herr erwartet von Ihnen, daß Sie als gehorsamer und getreuer Mann ihm dabei helfen. Auch das wilde Leben im Busch, das Sie in den letzten Jahren geführt, soll aufhören; wir sind Landsleute, Sie werden regelmäßig auf das Schloß kommen und über den Wald Rapport bringen, und wir werden dafür sorgen, daß Sie sich in Ihren alten Tagen nicht verlassen fühlen. Wollen Sie ehrlich alles tun, was ich von Ihnen verlange, so reichen Sie mir Ihre Hand.»

Der Förster hatte verdutzt mit abgezogener Mütze die Rede Antons gehört, jetzt schlug er in die dargebotene Hand und sagte: «Ich will.»

«Mit diesem Handschlag», fuhr Anton fort, «nehme ich Sie in Pflicht und Dienst im Namen des Gutsherrn.»

 << Kapitel 86  Kapitel 88 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.