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Soll und Haben

Gustav Freytag: Soll und Haben - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleSoll und Haben
authorGustav Freytag
publisherDroemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.
addressMünchen
titleSoll und Haben
pages3-640
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1855
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2

Wer immer in den gebahnten Wegen des Lebens fortgegangen ist, begrenzt durch das Gesetz, bestimmt durch Ordnung, Sitte und Form, welche in seiner Heimat als tausendjährige Gewohnheit von Geschlecht zu Geschlecht vererbt sind, und wer plötzlich als einzelner unter Fremde geworfen wird, wo das Gesetz seine Rechte nur unvollkommen zu schützen vermag und wo er durch eigene Kraft die Berechtigung zu leben sich alle Tage erkämpfen muß, der erst erkennt den Segen der heiligen Kreise, welche um jeden einzelnen Menschen Tausende der Mitlebenden bilden, die Familie, seine Arbeitsgenossen, sein Volksstamm, sein Staat. Ob er in der Fremde verliere oder gewinne, er wird ein anderer. Ist er ein Schwächling, so wird er die eigene Art den fremden Gewalten opfern, in deren Bannkreis er getreten ist. Hat er Stoff zu einem Manne, jetzt wird er einer. Doppelt teuer werden seiner Seele die Güter, in deren Besitz er aufgewachsen war, vielleicht auch die Vorurteile, die in seinem Leben hingen; und manches, was er sonst gleichgültig angesehen hatte wie Luft und Sonnenschein, das wird jetzt sein höchstes Gut. Erst im Auslande lernt man den Reiz des Heimatdialekts genießen, erst in der Fremde erkennt man, was das Vaterland ist.

Auch Anton sollte erproben, was er besaß und was ihm noch fehlte.

Am nächsten Morgen begann die Besichtigung der Bodenfläche. Die Besitzung bestand aus dem Hauptgut und drei Vorwerken, nur die Hälfte des Bodens stand unter der Pflugschar, ein kleiner Teil lag in Wiesen, fast die Hälfte war Wald und an dem Saume desselben nackter Sand. Schloß und Dorf lagen ungefähr in der Mitte der großen Lichtung, zwei Vorwerke an den entgegengesetzten Enden gegen Morgen und Abend, beide durch Vorsprünge des Waldes versteckt. Das dritte Vorwerk im Süden war durch den Wald ganz von dem Gute getrennt, es lehnte sich an ein anderes polnisches Dorf, hatte einen eigenen Wirtschaftshof und wurde seit alter Zeit als getrenntes Gut bearbeitet. Es umfaßte über den vierten Teil der Bodenfläche, hatte eine Brennerei und war seit einigen Jahren in Pacht des Branntweinbrenners, eines wohlhabenden Mannes. Der Kontrakt des Pächters war durch Ehrenthal auf einige Jahre verlängert worden, der Pachtzins war niedrig und mehr zum Vorteil des Pächters als der Gutsherrschaft festgesetzt. Doch war dies Pachtverhältnis gegenwärtig ein Glück für das Gut, weil es von einem Teil desselben Einkünfte gewährte. Der verwüstete Wald stand unter einem Förster.

Der erste Gang durch die Flur des Hauptgutes war so unerfreulich als möglich; die Felder waren für die Winterfrucht fast ohne Ausnahme nicht bestellt, und wo ein kleiner Teil die Spuren der Pflugschar zeigte, da war sie durch die Bewohner des Dorfes hingetragen worden, welche das herrenlose Gut als ihre Beute betrachteten und die fremden Ansiedler mürrisch und mit verhaltenem Grimme anstarrten. Seit Jahren hatten sie keine Hand- und Spanndienste geleistet, und der Schulz, den Anton herbeirufen ließ, erklärte trotzig, die Gemeinde werde sich nicht gefallen lassen, daß die alte Zeit wiederkehre. Er gab vor, kein Wort Deutsch zu verstehen, auch Karls Beredsamkeit vermochte nur unbehilfliche Reden aus ihm herauszubringen. Der Ackerboden selbst, vernachlässigt und durch Unkräuter entstellt, war in vielen Feldstücken besser, als Anton erwartet hatte, und der Schenkwirt rühmte seine Erträge; nur in der Nähe des Waldes erwies er sich als dürftig, auf manchen Stücken gar nicht für Fruchtbau geeignet.

«Das wird ein ernster Tag», sagte Anton, seine Brieftasche einsteckend. «Laß die Britschka anspannen, wir fahren zu den Kühen.»

Das Vorwerk, auf welchem das Rindvieh einquartiert war, lag gegen Abend, eine halbe Stunde vom Schlosse entfernt. Ein erbärmlicher Stall, daran die Wohnung eines Knechtes, das war alles. Die Rinderherde und zwei Paar Zugochsen waren dem Großknecht übergeben, er hauste dort mit seiner Frau und einem schwachsinnigen Hirten. Die Leute verstanden nur wenig Deutsch und flößten kein Zutrauen ein; die Frau war eine unsaubere Dame ohne Schuhe und Strümpfe, deren Milchschüsseln die reinigende Macht des Wassers wohl selten erfahren hatten. Der Knecht und zuweilen der Hirt pflügten mit den Ochsen, wo ihnen gerade gut schien, die Herde weidete auf den unbebauten Äckern um das Vorwerk. «Hier ist Arbeit für dich», sagte Anton, «untersuche die Herde und was du etwa von Winterfutter findest. Ich notiere die Gebäude und das Gerät.» Karl berichtete: «Vierundzwanzig Milchkühe, halb soviel Jungvieh und ein alter Stier; höchstens ein Dutzend Kühe sind brauchbar, die andern unnütze Grasfresser. Das Ganze ist schlechte Rasse; es sind früher einmal fremde Kühe, wahrscheinlich Schweizer, hierhergeschafft worden und ein Zuchtstier, der für den hiesigen Schlag viel zu groß war, so sind häßliche Mischlinge entstanden. Die besten Stücke sind offenbar ausgetauscht, denn einiges elende Landvieh läuft in der Herde, das sich getrennt hält, es kann noch nicht lange bei den andern sein. Von Futter ist etwas Heu für den Winter und einige Schock Haferstroh da, Streu fehlt ganz.»

«Die Gebäude sind trostlos», rief Anton. «Fahr, Kutscher, nach der Brennerei. – Ich habe den Pachtvertrag genau durchgesehen und bin dort noch am besten unterrichtet.»

Der Wagen rollte auf einer schlechten Brücke über den Bach, dann über Äcker und über eine kahle Sandfläche, spärlich mit Wolfsmilch und Sandgras bewachsen, in deren Wurzeln zuweilen das Samenkorn einer Kiefer gekeimt hatte und als krummer Stab seine Äste über den Sand legte. Darauf kam der Wald, Büsche und Stangenholz mit weiten Zwischenräumen, zwischen denen der nackte Sand zutage lag, überall Wurzelstöcke der geschlagenen Bäume, mit Flechten und Büscheln Heidekraut umwachsen. Schritt um Schritt wateten die Pferde durch den lockern Sand, keiner der beiden Gefährten sprach, ungeduldig haftete ihr Blick auf jedem Baum, den ein günstiger Zufall höher und breiter geformt hatte als die dürftigen Nachbarn.

Endlich erweiterte sich die Aussicht, noch ein Dutzend Kieferbäume am Wege, und wieder lag eine Ebene vor den Reisenden, ebenso einförmig, ebenso mit Wald eingefaßt wie die Ackerinsel, aus welcher sie kamen. Vor ihnen stand ein Kirchdorf, sie fuhren bei einem hölzernen Kruzifix vorüber und hielten auf dem Hofe des Vorwerks. Der Pächter hatte wohl schon von ihrer Ankunft gehört, wahrscheinlich war er mit den Verhältnissen des Freiherrn besser bekannt, als Anton lieb war; denn er empfing seinen Besuch mit einer Gönnermiene und steifem Nacken. Kaum daß er sie in ein leeres Zimmer führte. Und eine seiner ersten Fragen war: «Glauben Sie denn, daß der Rothsattel das Gut wird behaupten können? Es ist viel daran zu tun, und wie ich höre, ist der Mann nicht imstande, Kapitalien hineinzustecken.»

Die anmaßende Kälte erbitterte Anton, aber er antwortete mit der zähen Ruhe, welche der Handelsverkehr dem Eingeweihten gibt: «Wenn Sie mich fragen, ob der Freiherr von Rothsattel die Herrschaft behaupten wird, so erwidere ich Ihnen, daß er dies um so eher imstande sein wird, je gewissenhafter seine Pächter und Zinsleute ihren Verpflichtungen gegen ihn nachkommen. Gegenwärtig bin ich hier, um nachzusehen, ob Sie selbst diese Pflichten erfüllt haben. Ich bin bevollmächtigt, Ihr Inventarium auf Grund Ihres Pachtvertrags durchzusehen. Und wenn Ihnen an dem guten Willen des Freiherrn jetzt und in der Zukunft gelegen sein sollte, so gebe ich Ihnen den wohlmeinenden Rat, höflicher gegen seinen Stellvertreter zu sein.»

«Der gute Wille des Barons ist mir ganz gleichgültig», erwiderte der aufgeblasene Pächter. «Aber da Sie von Ihrer Vollmacht reden, so zeigen Sie mir doch das Papier.»

«Hier ist sie», sagte Anton, ruhig das Dokument aus der Tasche ziehend.

Der Pächter sah die Schrift sorgfältig durch oder gab sich wenigstens den Anschein, endlich reichte er die Blätter nachlässig zurück und sagte grob: «Ich weiß gar nicht, ob Sie das Recht haben, jetzt durch meine Wirtschaft zu gehen. Indes habe ich nichts dagegen. Gehen Sie und sehen Sie an, was Sie wollen.» Dabei setzte er seine Mütze auf und wandte sich ab, um nach der Nebenstube zu gehen.

Karl faßte in seinem Zorn einen Stuhl und stieß ihn auf den Boden, Anton aber vertrat mit schnellem Schritt dem Pächter den Weg und sagte ihm in ruhigem Geschäftston: «Ich lasse Ihnen die Wahl, ob Sie uns auf der Stelle selbst durch die Wirtschaft führen wollen oder ob ich eine Inventur durch das Gericht veranlassen soll. Das letztere wird Ihnen Kosten verursachen, die ich für unnütz halte. Ihre Anwesenheit ist notwendig, den Bestand des Inventariums festzustellen, und deshalb sind Sie verpflichtet, Sie selbst, uns zu begleiten. Außerdem will ich Ihnen noch andeuten, daß jedem Pächter der gute Wille des Eigentümers notwendig ist, wenn er eine Verlängerung seiner Pacht beabsichtigt; und die Ihre geht in zwei Jahren zu Ende. Auch mir ist es keine Freude, in Ihrer Gesellschaft die nächsten Stunden zuzubringen; wenn Sie aber die Pflichten des Kontrakts und der Höflichkeit gegen mich nicht erfüllen, so wird der Eigentümer Ihres Vorwerks jede kontraktwidrige Nachlässigkeit, welche sich hier findet, dazu benutzen, durch die Gerichte sein Verhältnis zu Ihnen aufzulösen. Jetzt haben Sie die Wahl.»

Der Pächter sah einige Augenblicke verdutzt in das entschlossene Gesicht Antons und sagte endlich. «Wenn Sie durchaus darauf bestehen – es war nicht so böse gemeint.» Unwillkürlich rückte er an der Mütze und ging voran in den Hof. Anton folgte und zog wieder seine Schreibtafel heraus. Die Besichtigung begann. Nr. 1 Wohnhaus, das Dach defekt. – Nr. 2 Kuhstall, ein Fach der Lehmwand ausgefallen usw. – So ging es lange fort in unerquicklichem Betrachten und Hadern. Das geschäftsmäßige Wesen Antons und Begleiters übten zuletzt ihre Wirkung auf den Pächter, er wurde kleinlauter und murmelte sogar einige Entschuldigungen.

Als Anton den Wagen heranwinkte, sagte er dem Mann: «Ich gebe Ihnen vier Wochen Zeit, die bemerkten Übelstände zu beseitigen. Nach dieser Frist komme ich wieder.» Und vom Wagen aus rief Karl dem plumpen Manne zu: «Wollten Sie vielleicht die Güte haben, jetzt Ihre Mütze abzunehmen, wie ich es tue, dies ist der passende Augenblick. – So ist's recht, mit der Zeit werden Sie das Ding schon lernen. Vorwärts, Kutscher! – Wenn Sie wiederkommen», sagte er zu Anton, «wird der Mann sein wie ein Ohrwurm, der aus einer Pflaume kriecht. Er ist dick geworden auf dem Vorwerk.»

«Und das Hauptgut ist schlechter geworden durch ihn», sagte Anton. – «Nach dem neuen Vorwerk!»

Ein dürftiges Wohnhaus, auf der einen Seite der lange Schafstall, auf der andern der Pferdestall und die Scheuer.

«Es ist merkwürdig», sagte Karl, aus der Ferne auf die Gebäude sehend, «dieses Dach hat keine Löcher; dort in der Ecke ist ein Viereck von neuem Stroh eingesetzt. Bei Gott, das Dach ist ausgebessert.»

«Hier ist die letzte Hoffnung», erwiderte Anton.

Als der Wagen vorfuhr, zeigte sich der Kopf einer jungen Frau am Fenster, neben ihr ein blondhaariger Kinderkopf, beide fuhren schnell zurück.

«Dies Vorwerk ist das Juwel des Gutes», rief Karl und sprang über den Rand der Britschka herunter. «Hier sind deutliche Spuren einer Düngerstätte. Dort läuft ein Hahn und die Hennen hinterdrein, alle Wetter, ein regulärer Hahn mit einem Sichelschwanz. Und hier steht ein Myrtenstock am Fenster. Hurra, hier ist eine Hausfrau, hier ist Vaterland, hier sind Deutsche.»

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